Seit 05:05 Uhr Studio 9
 

Freitag, 19.01.2018

Fazit / Archiv | Beitrag vom 05.03.2017

Karl Ballmer: "Kopf und Herz" in Hamburg Malen gegen alle Stilrichtungen

Karsten Müller im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

Podcast abonnieren
(imago stock&people)
Das Ernst Barlach Haus (imago stock&people)

Es ist auch eine Art Rehabilitation: Das Hamburger Ernst Barlach Haus erinnert an die Kunst Karl Ballmers, der von den Nationalsozialisten mit Malverbot belegt wurde. Dessen Markenzeichen sei eine sehr "eigenwillige Art von Abstraktion", meint Kurator Karsten Müller.

"In der Ausstellung "Kopf und Herz" sind 40 Werke zu sehen: von Mitte der 20er- bis Mitte der 50er-Jahre. Karsten Müller, Leiter des Museums, hat die Schau kuratiert. Er beschreibt im Deutschlandradio Kultur die besondere Stilrichtung Ballmers:

"Man hat bei diesen 40 Bildern oft genug den Eindruck, dass es fast schon eine Nachkriegsmalerei ist. Es ist eine sehr eigenwillige Art von Abstraktion, die sich so gar nicht um Schubladen und Stilrichtungen kümmert. Die offenbar aus einem sehr eigenen Bedürfnis, aktiv zu werden und sozusagen Geistiges zu visualisieren, entstanden ist."

"Initialbegegnung" mit Rudolf Steiner im Jahr 1918

Ballmer war auch ein philosophierender Schriftsteller und hat sich intensiv mit der anthroposophischen Lehre Rudolf Steiners beschäftigt. Ihn habe er auch immer wieder porträtiert, sagt Müller:

"Es gab diese Initialbegegnung 1918, von der Ballmer rückblickend sagte: 'Das war für mich wirklich eine Frage von Leben und Tod, diesem Mann persönlich zu begegnen.' Und das trägt dann auch intellektuell und philosophisch Früchte über die nächsten Jahrzehnte hinweg. Also das ist wirklich eine Figur, an der er sich auch als Porträtist intensiv abarbeitet."

Der Schriftsteller Samuel Beckett im Jahr 1976 (imago / United Archives International)Der Schriftsteller Samuel Beckett im Jahr 1976 (imago / United Archives International)

Für Samuel Beckett war Karl Ballmer ein "Geistesverwandter"

Es gab noch eine andere, für den Künstler ebenfalls sehr wichtige Begegnung, nämlich die mit Samuel Beckett. Ihn lernte Ballmer während dessen Aufenthalt in Hamburg kennen. Über diese Kontakte und Gespräche habe Beckett in seinen "German Diaries" berichtet, so Müller:

"Sie zeigen, wie intensiv Beckett in seinen Hamburger Wochen nicht nur die Kunsthalle besucht hat, sondern auch intensiv Anschluss zur Hamburger Kunstszene gesucht hat. Und er fand in Ballmer offenbar einen Geistesverwandten, der ihm besonders nahe ging. Es gibt interessante Äußerungen von ihm, dass er diese teils sinnlich-konkrete, teils auch sehr abstrakte und denkerische Malerei hoch faszinierend fand. Und er hat sie auch in Beziehung zu seinen eigenen Werken gesetzt."  

16 Jahre verbrachte der Schweizer Maler, Graphiker und Literat Karl Ballmer in Hamburg. Er war Mitglied der Hamburger Sezession, die sich 1933 auflöste. Die Nationalsozialisten ließen die Ausstellungen der Sezession schließen und verlangten den Ausschluss jüdischer Mitglieder. Die Sezession weigerte sich und löste sich aus Protest freiwillig auf. Karl Ballmers Kunst wurde 1937 als entartet diffamiert, dann folgte das Malverbot. 1938 musste er in Schweiz zurückkehren, wo er 1958 starb und allmählich in Vergessenheit geriet.

Karl Ballmer: "Kopf und Herz"
Ernst Barlach Haus Hamburg
5. März bis 18. Juni 2017

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Fazit

Mode und Design für blinde MenschenKleidung, die man hören kann
Reiner Delgado (picture alliance/dpa/Foto: Bernd von Jutrczenka)

Das Projekt "Beyond Seeing" befasst sich mit der Frage, wie Kleidung jenseits des Sehsinns wahrgenommen werden kann. Die Ergebnisse werden in einer Ausstellung im WIP Villette in Paris anlässlich der Fashion Week präsentiert. Valentin Mogg, Absolvent der Mode-Hochschule Esmod, war daran beteiligt.Mehr

Aus den FeuilletonsWas Marx als Faselei brandmarkte
Der deutsche Philosoph, Schriftsteller und Politiker Karl Marx in einer Aquatinta-Radierung von Werner Ruhner "Karl Marx in seinem Arbeitszimmer in London". Marx verfasste 1848 zusammen mit Friedrich Engels das "Kommunistische Manifest". Er ist der Begründer des modernen dialektisch-materialistischen Sozialismus, des Marxismus, aus dem heraus sich die Sozialdemokratie und der Kommunismus entwickelt haben. Marx wurde am 5. Main 1818 in Trier geboren und starb am 14. März 1883 in London. (picture alliance / dpa)

Der Niedergang des Wortes "alternativ" beschäftigt die Feuilletons: Warum nur ist das harmlose kleine Wort schon wieder Bestandteil eine "Unwortes des Jahres" geworden? Ebenso werfen die Zeitungen einen Blick auf Karl Marx' Formulierkunst und sein Verhältnis zu den Sozialdemokraten. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur