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Buchkritik | Beitrag vom 08.06.2018

Jutta Wilke: "Stechmückensommer"Er will zum Nordkap, und das zieht er auch durch

Von Sylvia Schwab

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"Stechmückensommer" von Jutta Wilke (Knesebeck Verlag/picture alliance/dpa/Foto: Johannes Hennemuth)
Cover "Stechmückensommer" von Jutta Wilke (Knesebeck Verlag/picture alliance/dpa/Foto: Johannes Hennemuth)

Die 13-jährige Madeleine hat es zuhause nicht einfach und wird von ihren Eltern nach Schweden geschickt. Auf dem Weg dorthin trifft sie den punkigen Außenseiter Juli ... "Stechmückensommer" von Jutta Wilke ist genau das Richtige für die Sommerferien.

"Eine Made ist weiß. Langweilig. Und dick. Und sie nennen mich Made." Die 13-jährige Madeleine wird von ihren Eltern nach Schweden in ein Sommercamp geschickt, und hier, zwischen den gutaussehenden, flirtenden, älteren Jugendlichen fühlt sich das übergewichtige Mädchen fehl am Platz. Fast so als sei sie unsichtbar. Erst als der Kleinbus, auf dessen Rückbank Madeleine eingeschlafen ist, von einem 15-jährigen geklaut wird, ändert sich die Situation. Auch Juli ist ein Außenseiter: Punkig, mit grün-roten-Haaren, beim geliebten Großvater aufgewachsen und Analphabet. Er will zum Nordkap, das hat er seinem toten Großvater versprochen und das zieht er auch durch. Koste es, was es wolle.

Der einsame Junge und das unsichere Mädchen freunden sich an. Sie erfahren, wie es sich anfühlt, frei zu sein, akzeptiert und gemocht zu werden – und sind glücklich! Aber nur für kurze Zeit. Autorin Jutta Wilke entscheidet sich gegen ein Happyend dieser Nordkap-Fahrt. Erst fehlen Geld und Benzin, dann bleibt der Bus im Sumpf stecken und schließlich gesellt sich noch ein 16-Jähriger zu den beiden Ausreißern. Auch er ein Außenseiter: Vincent ist ein Junge mit Down-Syndrom.

Madeleine muss sich entscheiden

Wie schon in ihrem Vorgängerroman "Roofer" stellt Jutta Wilke sich erneut einem handfesten Jugend-Thema und bürstet ihre Road-Novel kräftig gegen den Strich. Ernste Probleme grundieren auch jetzt die Geschichte, Leichtigkeit und Freude kommen nur kurz auf, die Freiheit von alltäglichen Belastungen bleibt ein kurzer Traum. Als es zum Konflikt kommt, muss Madeleine sich entscheiden, ob sie bei Juli bleibt oder sich um Vincent kümmert.

Nicht umsonst ist "Tschick" Madeleines Lieblingsbuch und klingt immer wieder durch, wie ja auch Außenseiter beliebte Roman-Helden sind, weil sie Distanz zum Geschehen haben und einen eigenen Standpunkt. Und so erzählt auch Madeleine – und mit ihr die Autorin -

ihre Geschichte – lakonisch, pragmatisch und feinfühlig. Die Charakterisierungen der Jugendlichen sind locker, aber nicht flapsig; sie findet schöne Bilder für die unberührte Landschaft, durch die sie fahren und lacht oft über sich selbst. Letztendlich ist Madeleine eine ganz normale Teenagerin, auf der Suche nach sich selbst, skeptisch und bedürftig nach Zuneigung. Aber das – und wie! – sie sich ihren Lesern öffnet, während sie sich ihrer Umwelt verschließt, das macht diesen Roman so eindrucksvoll. Für junge wie für alte Leserinnen und Leser. Prädikat: besonders wertvoll!   

Jutta Wilke: "Stechmückensommer"
Knesebeck Verlag, München 2018
207 Seiten, 15,00 Euro, ab 10 Jahren

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