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Montag, 20.11.2017

Interview | Beitrag vom 24.07.2017

Journalistin Emilia Smechowski "Warum tue ich so, als sei ich Bio-Deutsche?"

Emilia Smechowski im Gespräch mit Christine Watty

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(Linda Rosa Saal)
Die Journalistin und Buchautorin Emilia Smechowski. (Linda Rosa Saal)

Auf der Straße durfte Emilia Smechowski als Kind kein Polnisch mehr sprechen - ihre Muttersprache. Assimilation in Deutschland um jeden Preis war die Devise ihrer Kindheit. Wie dies bis heute auf ihr Leben wirkt, schildert die Autorin in ihrem Buch "Wir Strebermigranten".

Emilia  Smechowski war noch Emilka, als ihre Eltern mit ihr losfuhren – raus aus dem grauen Polen, nach Westberlin! Das war 1988. Nur ein Jahr später hatte sie einen neuen Namen, ein neues Land, einen neuen Pass, eine neue Sprache: Sie war jetzt Deutsche, alles Polnische war unerwünscht, auf der Straße durfte sie kein Polnisch mehr sprechen.

Wenn die neuen Kollegen der Eltern zum Essen kamen, gab es nicht etwa Piroggen, sondern Mozzarella und Tomate. Und als Emilia ein Deutsch-Diktat mit zwei Fehlern nach Hause brachte, war ihre Mutter entsetzt: Was war schiefgelaufen?

Scham und Aufstiegswille

Ergreifend erzählt Emilia Smechowski in "Wir Strebermigranten" die persönliche Geschichte einer kollektiven Erfahrung: eine Geschichte von Scham und verbissenem Aufstiegswillen, von Befreiung und Selbstbehauptung.

Über ihr Erwachsenenleben sagt Smechowski:

"Für mich endete es tatsächlich in einer Identitätskrise, weil ich schon das Gefühl hatte - immer mehr und natürlich auch sehr unbewusst -, dass ich immer mehr so tue als ob. Also, so ein bisschen schauspielere und mich tatsächlich als Deutsche sehe und auch so aufführe, das aber de facto gar nicht bin."

2343010533_CoverSmechowski72dpi.jpg (Hanser Berlin)"Wir Strebermigranten" von Emilia Smechowski (Hanser Berlin)

Was ihr in all den Jahren immer wieder bewusst geworden sei: Anders als Kollegen oder Bekannte mit türkischem oder arabischem Hintergrund, deren Familien in einer große Gemeinde lebten, habe es vergleichbar nie eine polnische Community gegeben – nach Deutschland eingewanderte Polen seien eher Einzelkämpfer gewesen, die um keinen Preis hätten auffallen wollen.

Das Polnische sollte verschwinden

Journalisten-Kollegen mit türkischen oder kroatischen Wurzeln, die selbstbewusst, fast aggressiv, alles daran gesetzt hätten, dass man sie mitsamt ihrem kulturellen Hintergrund wahrnehme, hätten ihr immer imponiert. Sie hätte sich gefragt: "Warum tue ich eigentlich so, als sei ich Bio-Deutsche?"

Auch mit ihren Eltern habe sie darüber gesprochen, die heute selbst bereuten, dass sie damals alles Polnische verschwinden lassen wollten.

Auch mit Blick auf Flüchtlinge in Deutschland heute, sagt Smechowski, das größte Problem des Integrationsthemas sei:

"Diese Losung, die von oben gegeben wird. Ich glaube, dass das nicht funktioniert. Es ist ja immer eine Identitätsfrage. Und ich finde, Identität ist so etwas Persönliches."

Ihr Buch wolle sie nicht als politische Forderung verstehen – es gehe nicht darum, zu sagen, man dürfe sich nicht assimilieren. Es gehe vielmehr darum, zu zeigen, dass wie problematisch es sei, mit Begriffen wie Leitkultur von oben etwas zu verordnen.

Emilia Smechowski: "Wir Strebermigranten"
Hanser Verlag, Berlin 2017
224 Seiten, 22 Euro


Das Interview im Wortlaut:

Christine Watty: Im Buch "Wir Strebermigranten" schildert die Autorin Emilia Smechowski, Jahrgang '83, den fantastischen Werdegang ihrer aus Polen stammenden Familie in Deutschland. Die Eltern arbeiten als Ärzte, fahren teure Autos, die Kinder lernen Latein und Altgriechisch. Den Menschen, die dazu wohlwollend nicken und ein leises "na, geht doch" auf den Lippen haben, pfeffert sich gleich in der Einleitung ins Gesicht, Zitat:

"Wir sind die Wirklichkeit gewordene Fantasie eines rechtskonservativen Politikers, demzufolge Einwanderer sich der neuen Gesellschaft anpassen müssen, die ihrerseits aber bleibt wie zuvor."

Das Buch "Wir Strebermigranten" erscheint heute, und ich habe Emilia Smechowski gefragt, wieso ihr Ton bei der Schilderung der eigenen Familiengeschichte einigermaßen bitter klingt und was denn falsch sei an diesem paradebeispielhaften Ankommen in Deutschland.

Emilia Smechowski: Also falsch weiß ich nicht, aber für mich persönlich endete das tatsächlich in einer kleinen Identitätskrise, weil ich schon das Gefühl hatte, immer mehr und natürlich auch sehr unbewusst zuerst, dass ich eigentlich so ein bisschen tue als ob, also so ein bisschen schauspielere und mich tatsächlich als Deutsche irgendwie sehe und auch so aufführe, es aber de facto gar nicht bin.

Für mich persönlich – ich kann das jetzt nicht auf alle Menschen übertragen, die sich assimiliert haben in Deutschland und ihre Herkunft sozusagen aufgegeben haben, aber für mich persönlich hat sich das ganz komisch angefühlt irgendwann.

Watty: Sie sind im Alter von fünf Jahren nach Deutschland gekommen …

Smechowski: Genau.

Watty: … und sie benutzend das Wort Assimilation und nicht Integration an dieser Stelle. Wer hat das denn von Ihnen verlangt, dass Sie so tun müssen, als ob. Kam es aus dem familiären Background oder aus der polnischen Community oder aus sich selbst heraus?

"Es war eine sehr stille Zeit"

Smechowski: Also aus der polnischen Community gar nicht, denn meiner Meinung nach gibt es nicht wirklich eine. Es ist auch im Vergleich zu den türkischen Einwanderern oder den aus den arabischen Staaten – es gibt keine Gruppe, es gibt keine Orte, wo sich auch die Polen versammelt haben so richtig. Das ist echt ein Riesenunterschied. Ich hatte immer das Gefühl, die polnischen Einwanderer in Deutschland sind totale Einzelgänger, Individualisten, jeder kämpft so ein bisschen für sich.

Ja, wer das verlangt hat: In erster Linie habe ich natürlich als Kind wahrgenommen, dass es meine Eltern verlangt haben, insofern, als dass sie zum Beispiel gesagt haben, wir sollen auf den Straßen in Deutschland kein Polnisch mehr sprechen, ziemlich schnell. Was dazu geführt hat, dass unsere erste Zeit in Deutschland sehr stumm verlief, weil wir natürlich die Sprache Deutsch noch nicht konnten und Polnisch nicht sprechen sollten. Es war eine sehr stille Zeit.

Es gab sehr viel, was meine Eltern auch aus Angst und auch aus einem Druck, den sie sich selber natürlich auch gemacht haben, gefordert haben, dann später auch in der Schule immer gute Noten bringen, möglichst nicht auffallen, möglichst alles perfekt machen. Und ich glaube aber im Nachhinein betrachtet – wir sind ja als Aussiedler gekommen, das ist ja ein ganz, ganz besonderer Status gewesen.

Das ist zwar natürlich einerseits großartig, wenn man auch irgendwie die Situation mit den Geflüchteten heute vergleicht, die wahnsinnig lange brauchen, um überhaupt hier anzukommen und auch von der Bürokratie sehr viele Hürden bekommen, ist das natürlich irgendwie ein Luxus, eine Luxussituation, sofort den deutschen Pass, einen super Sprachkurs im Goethe-Institut und so weiter, aber es schafft auch Druck und es entspricht einfach nicht den Tatsachen.

Also wir wurden quasi Deutsche, bevor wir die deutsche Sprache überhaupt richtig konnten, bevor wir wirklich Deutsche waren. Und das ist eine ganz, ganz komische Situation, weil man plötzlich diesem Papier irgendwie entsprechen will, es aber de facto noch nicht tut.

Polnische Zuwanderer blieben unsichtbar

Watty: Sie sagen, als Migranten sind die polnischen Zuwanderer unsichtbar gewesen und dann auch noch heute, und Sie blicken fast neidisch, hab ich so das Gefühl gehabt, auf die türkische Community, die selbst so einen Filmemacher wie Fatih Akin hat, einen Vertreter in der Kulturwelt und der auch immer das Leben mit dem türkischen Background quasi präsentiert und in Szene setzt und den Leuten zeigt, wie das sich eben so anfühlt.

Gibt es tatsächlich so eine Art – Neid ist vielleicht ein komisches Wort an dieser Stelle, aber vielleicht doch, wenn Sie sich angucken, wie andere Menschen in Deutschland ankommen und wie das viel, viel mehr thematisiert wird.

Smechowski: Ja, es war schon Neid. Also Neid – ich hab einfach es ein bisschen auch mit Verwunderung betrachtet, auch gerade, als ich dann anfing, als Journalistin zu arbeiten und andere Kollegen traf, eben zum Beispiel mit türkischem oder kroatischem Background oder wie auch immer, die wahnsinnig selbstbewusst und fast aggressiv, auf so eine gute aggressive Art sich sichtbar gemacht haben und das auch eingefordert haben, dass man sie sieht. Das hat mir total imponiert, sagen wir so.

Ich war nicht neidisch, aber es hat mir sehr imponiert und ich hab mich dadurch natürlich noch mehr gefragt, warum ich eigentlich so tue, als sei ich biodeutsch. Das auf jeden Fall, aber natürlich spreche ich sozusagen aus meiner Position.

Watty: Was sagen Ihre Eltern zu dieser Haltung, die Sie da vertreten. also gerade weil die ja noch mal ein Stück mehr ihre Identität aufgegeben haben, weil Sie sind fünf Jahre alt gewesen, die Eltern aber natürlich dementsprechend älter, als sie hierhergekommen sind und ihr Leben einfach komplett verändert haben. Verstehen die, was Sie meinen?

Smechowski: Ja, die verstehen das. Sie haben jetzt natürlich auch eine andere Position und auch eine andere Ruhe, sich das anzuschauen. Sie verstehen, glaube ich, bis heute nicht so richtig, warum sie das so gemacht haben, warum sie diesen Druck auch ausgeübt haben, oder vielmehr, sie verstehen nicht, warum sie dieses Polnische so weg haben wollten. Das auf jeden Fall. Was ich schon auch betonen will, ist, ich bin ja die zweite Generation, ich bin quasi mit fünf gekommen.

Es ist nicht so – dafür kritisiere ich meine Eltern, für die Art, wie sie sich integriert haben. Ich sehe das zwar kritisch, aber ich stelle mich jetzt nicht hin und sage, ich hätte das besser oder anders gemacht, das kann ich überhaupt nicht beurteilen. Ich bin ja nicht mit zwei kleinen Kindern in ein anderes Land gekommen, auch mit dem Gedanken, nie wieder zurückzukehren in die Heimat. Das ist etwas, was meine Eltern durchgemacht haben, und sie haben es nun mal gemacht, wie sie es gemacht haben, sicher auch, weil sie nicht wussten, wie es anders gehen könnte.

Das ist schon etwas, wo ich sage, das ist auch so ein bisschen ein Privileg der zweiten Generationen. Ist ja auch typisch, nicht umsonst gibt es so viele Bücher auch von Migranten eben der zweiten Generation.

Watty: Was Ihre Geschichte enttarnt und auch das Zitat, das ich am Anfang aufgeworfen habe aus Ihrem Buch, ist natürlich, dass wir weiterhin gemeinhin glauben – also dieses "wir" gilt jetzt für die Gesellschaft, in der Menschen ankommen, in diesem Fall die deutsche Gesellschaft –, dass die Zutaten für eine gelungene Integration sind Arbeit, Arbeit, Arbeit und dann irgendwie noch Bildung. Und wenn das klappt, dann möchte man gern diese Geschichten erzählen und sagen, Mensch guck mal, hat doch super funktioniert, so könnten es doch eigentlich alle machen, die hier ankommen.

Können Sie konkret sagen, was Sie der Gesellschaft vorwerfen, der deutschen Gesellschaft, was sie denn hätte anders machen können und was eben zu diesem ganzen Integrationsthema denn dazugehört, dass man am Ende nicht nur aufzählen kann, dass jemand beruflich erfolgreich ist und damit doch die Integration sehr gut verlaufen ist?

Keine politische Forderung

Smechowski: Ich glaube, was bei diesem Integrationsthema sehr schwierig ist, ist diese Losung, die von oben gegeben wird. Ich glaube, dass das nicht funktioniert. Es ist ja immer eine Identitätsfrage, Integration, und ich finde, Identität ist so etwas Persönliches, es ist auch egal, ob jemand Migrant ist oder ob's um sexuelle Identität geht, worum auch immer, es ist ein totales privates Ding und das muss jeder mit sich selber auch ein bisschen aushandeln.

Ich will auch überhaupt nicht mein Buch verstanden wissen als irgendwie verknüpft mit einer politischen Forderung oder so. Es ist meine Geschichte, natürlich flankiert mit Gedanken, die ein bisschen allgemeiner formuliert sind, aber ich will jetzt auch nicht sagen, Assimilation darf auf keinen Fall keiner machen, wer sich entschließt, quasi seine Vergangenheit abzuschließen und neu anzufangen. Das geht ja auch ohne Migrationshintergrund, wenn ich vom Dorf in die Stadt, whatever … Das soll jeder tun, wie er möchte.

Ich glaube nur, was schwierig ist, ist, wenn das von oben beschlossen wird und dann quasi mit so Begriffen wie "Leitkultur" und so weiter operiert wird, die für mich so wahnsinnig schwammig und auch abstrus sind 2017. Das halte ich für einen Fehler.

Watty: Sagt Emilia Smechowski. Ich danke für das Gespräch. Ihr Buch "Wir Strebermigranten" ist jetzt bei Hanser erschienen und kostet 22 Euro.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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