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Buchkritik | Beitrag vom 09.05.2017

Jennifer Haigh: "Licht und Glut"Die seelischen Einkerkerungen Amerikas

Von Gabriele von Arnim

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Fracking in Pennsylvania (Droemer / imago stock&people / Combo: Deutschlandradio)
Fracking in Pennsylvania (Droemer / imago stock&people / Combo: Deutschlandradio)

Erst gab es Öl, dann Kohle, dann nichts mehr. Jetzt verspricht ein windiger Geschäftsmann den verarmten Bauern Pennsylvanias eine herrliche Zukunft - dank Fracking. Und das Unglück nimmt seinen Lauf. Jennifer Haighs glänzend recherchierter Roman blickt ins Amerika der Abgehängten.

Erst entdeckten sie Öl und ließen es sprudeln, dann bauten sie Kohle ab in der kleinen Stadt Bakerton im ländlichen Pennsylvania. Es waren gute Zeiten. Die Menschen hatten Jobs, und die Kneipen waren voll. Man lebte im Kohlestaub und nahm es hin. Das war halt so. Doch dann waren die Minen erschöpft, es verschwanden Jobs und Geld. Das Städtchen dämmerte in ärmlicher Trostlosigkeit.

Verlockende Zukunft

Bis Bobby Frame auftaucht. Ein smarter junge Mann in einem nagelneu glänzenden Pick up und mit präzis kartographierten Aufzeichnungen der Landbesitzer von Bakerton im Gepäck. Alsbald klopft er an jede Haustür von kleinen Farmern und Landeigentümern, sitzt in Wohnzimmern, die mit nichts als einer Couch und einem riesigen Fernsehapparat ausgestattet sind, und malt herrliche Zukunftsbilder.

Seine Gesellschaft wolle nach Gas bohren. Und alle würden profitieren davon. Sie müssten nur den Pachtvertrag für ihr Land unterschreiben, und das Geld würde auf ihre Konten fließen. Fracking heißt die Chose, die kaum einer so richtig versteht. Und vor lauter Freude ob der großartigen Aussichten haben sie auch die Verträge, die sie willig unterschreiben, nicht so genau gelesen.

Rich Devlin, Gefängniswärter und Familienvater, ist einer von ihnen. Er braucht Geld. Er will Farmer werden, wie sein Vater es war. Will Kühe kaufen und teure Melkmaschinen. Da kommt ein Mann wie Bobby Frame wie gerufen. Rich Devlin unterschreibt - und das Unheil nimmt seinen Gang.

Die Abgehängten des modernen Amerikas

Jennifer Haigh, 1968 in Pennsylvania geboren, ist eine preisgekrönte Schriftstellerin, die das moderne Amerika in seinen seelischen Einkerkerungen und gesellschaftlichen Verhängnissen ergründet. In ihrem neuen Roman – man möge sich von dem banalen Titel nicht abschrecken lassen - beschreibt sie die verheerenden Auswirkungen des unersättlichen Energiehungers ihres Landes.

Erzählt aus den Leben der sogenannten Abgehängten, der vergessenen kleinen Leute, die sich am Rande der Gesellschaft durchschlagen. Manipuliert und ausgebeutet von der eigenen Gier und jener der skrupellosen Unternehmen – die natürlich mit verwirrend vielen und undurchschaubar verzweigten Geschäftsbeteiligungen und Subunternehmen daherkommen. Zu spät merken die Landverpächter, wie ihre Landschaft zerstört, ihr Trinkwasser kontaminiert, ihr Leben ruiniert wird.

Die Trugbilder der Wünsche und Ängste

Haigh kommt nicht ganz aus ohne die üblichen Klischees von den Bösen und den Guten, aber sie schreibt kein simples Schurken-versus-Opfer-Drama. Immer wieder zeichnet sie Menschen in ihren widersprüchlichen Facetten, zeigt ihre Verstrickungen in die eigene Geschichte, in die eigenen Trugbilder ihrer Wünsche und Ängste. Manchmal gleitet sie ab in zu viele Nebengleise. Doch das zum Teil ja selbstverschuldete Elend der kleinen Stadt leuchtet düster.

Der Roman ist kein literarisches Meisterwerk. Aber er ist offenbar glänzend recherchiert, und es gelingt Haigh ein fast liebevolles Gesellschaftsbild genau jenes Amerika zu zeichnen, über das wir seit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten so viel wissen möchten.

Jennifer Haigh: Licht und Glut
Aus dem Amerikanischen von Juliane Gräbener-Müller
Droemer Verlag, 2017
480 Seiten, 22,99 Euro

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