Seit 20:03 Uhr Konzert
 

Mittwoch, 22.11.2017

Tonart | Beitrag vom 07.09.2017

Jan Josef Liefers und seine Band Radio Doria"Musik ist viel persönlicher als Schauspielerei"

Jan Josef Liefers im Gespräch mit Olga Hochweis

Beitrag hören
Der Schauspieler und Sänger Jan Josef Liefers (picture alliance / Paul Zinken/dpa)
Für Liefers ist Singen schöner als Schauspielern. (picture alliance / Paul Zinken/dpa)

Bekannt geworden ist Jan Josef Liefers vor allem durch seine Rolle als Münsteraner Tatort-Professor. Im Gespräch verrät er, warum ihm die Musik wichtiger ist als die Schauspielerei - und warum er nicht mit seinem Kollegen Axel Prahl singen will.

Olga Hochweis: Kopf und Stimme der Band "Radio Doria" aus Berlin ist Jan Josef Liefers und der ist nun zu Gast im Deutschlandfunk Kultur. Herzlich willkommen!

Jan Josef Liefers: Danke schön und hallo!

Hochweis: Jan Josef Liefers, bevor wir gleich genauer zum neuen Album kommen, liegt es natürlich nahe bei so einem Titel – "2 Seiten" –, die zwei und drei und mehr Seiten Ihrer künstlerischen Arbeit anzureißen zumindest. Sie sind Musiker, Sie sind Schauspieler, Buchautor, Sie führen Regie, machen Hörbücher und sehr viel mehr. Bei was von all dem schlägt denn das Herz bei Ihnen am lautesten?

Liefers: Na ja, am lautesten schlägt es beim Musikmachen. Weil, natürlich kommt alles auf eine Art in Bewegung bei mir, wenn ich mit meiner Band unterwegs bin und auf der Bühne stehe, was so ein bisschen den professionellen, von mir lange Zeit ausgeübten und ja auch gut gekannten Rahmen der Schauspielerei verlässt.

Deswegen mache ich es auch so gerne. Musik ist was viel, viel Persönlicheres als Schauspielerei, ich habe kein Kostüm an, ich sage keine fremden Texte auf, ich muss mir nicht vorstellen, dass ich ein geschiedener Lehrer bin, der drogenabhängig geworden ist, das brauche ich alles nicht, sondern ich kann einfach … kann und muss einfach ich selber sein. Und das gibt es sonst nicht in meinem Beruf, oder nur sehr selten.

Und das bringt mir die Musik. Und auf eine Art und Weise so persönlich sein zu können – ohne jetzt eine Nabelschau daraus zu machen – wie mit meiner Band, das habe ich sonst nicht.

Lust auf die "dritte Dimension"

Hochweis: Heißt das damit auch, dass in den Songtexten besonders viel von Ihnen persönlich drinsteckt?

Liefers: Genau. Wenn die nicht persönlich wären, wenn die ihren Ursprung nicht irgendwo in mir drin haben würden, und zwar nicht in irgendeiner Figur, die ich spiele, sondern in mir drin, dann würde ich nicht verstehen, warum ich sie schreiben sollte.

Also, Musik funktioniert auf zwei Ebenen für mich: zunächst mal über die Musik selbst, das ist im Grunde genommen eine wortlose Sprache, die man überall auf der Welt gut verstehen kann; und dann kommen eben, weil wir ja eine Band sind und weil wir Songs schreiben, die Texte dazu. Aber mein Erstkontakt mit einem Song ist immer über die Musik. Und wenn die mich schon mal hat, dann höre ich auch gerne zu. Und ich will gerne, dass Leute, die unsere Songs hören, erst mal Spaß haben. Klar, es ist Popmusik.

Und dann, wenn sie sagen, was singt der da eigentlich, worum geht es da jetzt wirklich und so, dass sie dann eben noch … dass die Reise noch mal weitergeht und vielleicht noch mal eine Tür aufgeht. So eine dritte Dimension zu schaffen … Du hast so einen Vektor, der zeigt nach oben, dann hast du einen, der zeigt nach links. Und ich hätte eben gerne, falls jemand sich dafür interessiert und das will, dass es auch noch einen gibt, der so ein bisschen in die Tiefe geht.

Hochweis: Wenn ich das richtig verstehe, einerseits eine Leichtigkeit, vielleicht eine rhythmische, eine musikalische, und andererseits doch ein gewisser Anspruch an die Texte. In was für einer Zeit sind die denn entstanden, also bei Ihnen persönlich? Was hat Sie denn da bewegt, als Sie diese Songs geschrieben haben?

Liefers: Das Album, was jetzt gerade erschienen ist, "2 Seiten", haben wir vor ungefähr einem Jahr angefangen zu schreiben. Vor einem Jahr fiel mir es nicht leicht, über Popmusik überhaupt nachzudenken, weil so viele andere Dinge in der Welt passierten, und ganz speziell auch in Deutschland, die mich auf so eine Art beschäftigt und auch fast gelähmt haben. Der Terrorismus kam nach Europa, die Flüchtlinge kamen nach Deutschland, das Land ist fast auseinandergerissen in der Mitte und die Fronten verhärteten sich in unglaublich schneller Zeit.

Es wurde viel gebrüllt, kaum noch geredet, der Ton wurde scharf, im Internet extrem, entweder … Es gab überhaupt nichts mehr, es gab nur noch entweder Nazis oder bekloppte Gutmenschen. Das hat mich überrascht, weil ich dachte, dass unsere in den Jahren gewachsene Kultur, auch die Gesprächskultur und so weiter, so ein bisschen mehr aushält als das, was da passiert ist. Und man fühlte sich sofort aufgefordert, sich auf irgendeine Seite zu stellen und eine Position zu beziehen, und wenn man das gemacht hatte, dann war man natürlich im zweiten Schritt aufgefordert, gegen die anderen zu schießen und so. Da hatte ich gar keinen Bock drauf, auf so einen, ich sage jetzt mal: mit Worten ausgetragenen Bürgerkrieg.

Da schreib mal unterhaltsame, fröhliche Musik! Und dabei fand ich, dass gerade in dieser Zeit das am meisten fehlte, etwas, wo alle mal kurz runterkommen und alle mal sagen können: Okay, also, bevor wir uns jetzt weiter die Birne einhauen, hören wir uns jetzt erst mal das an. Und das wollte ich schreiben.

Musizieren mit einem syrischen Flüchtling

Hochweis: Und das kommt dann zum Beispiel auch in einem Song wie dem eben gehörten zusammen mit einem Musiker aus Syrien zustande, mit dem Musiker Anas Maghrebi von der Band Khebez Dawle, die aus Damaskus fliehen konnte. Wie kamen Sie auf die Idee, ihn zu diesem Titel miteinzuladen?

Liefers: Das ist eigentlich gar nicht so sehr meine Idee, das war seine. Das hat sich ein bisschen entwickelt aus der Art, wie wir uns kennenlernten, Journalisten haben mich auf ihn aufmerksam gemacht, auf ihn und seine Band, und haben gesagt: Hier kommt eine syrische Band, die fast vollständig ist, die sind nämlich deswegen geflohen, aus Damaskus und aus Syrien, weil ihr Schlagzeuger erschossen vor dem Proberaum lag.

Und sie dachten: Hier können wir jetzt nicht bleiben. Und dann sind die auf demselben Weg hierhergekommen wie viele andere auch, also … Und dann wäre es so gewesen, dass die Band wahrscheinlich verstreut worden wäre über ganz Deutschland, das ist ja keine Familie. Und da konnte ich so ein bisschen helfen zu der Zeit, dass wir gesagt haben: Wir haben hier im Grunde genommen eine spielbereite Band aus Damaskus, das sind alles ganz tolle Jungs, sehr, sehr schlau, sprechen alle Englisch, tolle Musiker, alle Radohead-Fans, also, es gibt keinen Grund, dort misstrauisch zu sein in irgendeiner Form. Klar, ich meine, aus meinem – in Anführungszeichen – Künstlerherzen raus haben diese Leuten natürlich auch meine Sympathie.

Und dann kamen sie hierher und das hat alles gut funktioniert und sie leben heute in Berlin und machen Auftritte und spielen und schreiben neue Musik, und dann meinte er eben … Er wollte mir sagen, dass er dafür sehr dankbar ist, für die Hilfe, die ich da angeboten hatte und die sie dann auch bekommen haben, und … Wir sind im Kontakt geblieben und er meinte … hörte sich das an, dieses Lied und hat einfach dazu angefangen zu singen.

Hochweis: Sie hatten gerade Radiohead genannt als Einfluss für diesen syrischen Musiker. Wenn wir jetzt mal zu Ihren musikalischen Einflüssen kommen, zu Ihrer Sozialisation, da gibt es ja diese schöne Autobiografie von Ihnen, "Soundtrack meiner Kindheit", 2009 erschienen, da geht es ja viel um die Songs Ihrer Kindheit, Ihrer Jugend in der DDR. Welche Rolle spielt denn diese Musik zum Beispiel, wenn Sie heute Songs schreiben?

Liefers: Jetzt, heute? Keine. Also, keine, die ich greifen könnte. Das Einzige könnte sein, dass vielleicht der Wunsch, im Text ein bisschen mehr zu sagen als "schubidu, schubida, ich bin hier und du bist da" oder so, das könnte noch so eine Prägung sein.

Hochweis: Das bringt einen dann gleich zu Silly, wo ja Ihre Frau singt, Anna Loos, die den Platz von Tamara Danz eingenommen hat. Da gibt es aber auch keine Schnittmenge, oder? Zwischen Silly und Radio Doria?

Liefers: Nein. Also, wir kennen uns, wir mögen uns, natürlich ist eine Freundschaft entstanden, auch durch Anna, aber … Wir haben wohl auch mal beim Konzert was zusammen gespielt, aber das ist so wie … keine Ahnung, wie tausende andere Musiker das auch machen. Nö.

Singen mit Axel Prahl?

Hochweis: Dasselbe gilt vermutlich dann auch für den Kollegen beim "Tatort" Axel Prahl, der ja auch sehr erfolgreich als Musiker unterwegs ist. Gab es da eigentlich jemals die Idee, Sie beide dann in Münster plötzlich Musik machend loslaufen zu lassen?

Liefers: Also, alle, die Marketing studiert haben, haben diese Idee dreimal am Tag, ist klar. Das ist natürlich immer die erste Marketing-Idee schlechthin: Machen Sie was mit Ihrer Frau, machen Sie was mit Axel Prahl, das wollen die Leute! Ich habe weder gegen Anna Ressentiments, was die Musik angeht, noch gegen Axel, im Gegenteil, ich finde das toll, ich nehme auch Anteil. Es ist jetzt nicht so, dass wir uns das voreinander verschweigen, was wir machen.

Ich kenne Axels neue Demos, manchmal singt der mir was vor, manchmal ist es umgekehrt, ich spiele ihm einen neuen Song vor oder spiele ihm eine Idee vor, frage, wie er die findet. Und so ist es genau mit Anna. Aber das heißt noch lange nicht, dass man jetzt auf Biegen und Brechen heiraten muss und auf der Bühne dann alles so zusammen machen muss, bloß weil jemand denkt, das verkauft sich gut, das haut nicht hin.

Also, Axels Musik ist ganz anders als unsere, Silly ist vielleicht nicht ganz so ganz anders, aber es ist trotzdem auch was anderes. Und es sind verschiedene Welten und das macht ja auch die Arbeit interessant, wenn man nicht alles in einen Topf schmeißt, sondern nach seinen eigenen Möglichkeiten guckt und sich unterscheidet auch von den anderen.

Hochweis: Ein Titel hat mich ja wirklich überrascht, auch wegen der Zusammenarbeit, und zwar der mit Reinhard Mey.

Liefers: Ich kenne Reinhard seit einigen Jahren, gefühlt jetzt schon ewig. Ich weiß nicht mehr genau, wann wir uns das erste Mal begegnet sind, jedenfalls war es in einem Flugzeug, wir saßen nebeneinander und haben angefangen zu quatschen. Und dann habe ich als Regisseur einen Film gemacht und in diesem Film gab es eine Rolle, das war ein Flugzeugmechaniker. Und irgendwie habe ich sofort an Reinhard Mey gedacht, weil er mir so viel von seiner Leidenschaft fürs Fliegen erzählt hat.

Dann habe ich gedacht: Er ist jetzt zwar kein Schauspieler in dem Sinne, aber er hat Ahnung vom Fliegen. Und er wird ein Werkzeug so in der Hand haben, dass man ihm glaubt, dass er das auch benutzen kann. Und genau so war es dann auch. Ich habe ihn gefragt, ob er das spielen will, und ich habe mit einem Nein gerechnet, aber er hat Ja gesagt, hat gesagt: Ja, warum nicht, probier ich aus, mache ich mit dir. Und dieses Vertrauen, was da so drinsteckte, das ist scheinbar nie gewichen.

Denn viele Jahre später, also jetzt, als wir diesen Song geschrieben haben und zum ersten Mal so aufgenommen … Es gibt eine Aufnahme mit mir alleine, wo ich es alleine singe, habe ich immer im Hinterkopf gedacht: Im Grunde genommen ist es ein Lied über eine Beziehung, aber nicht eben zu einer Liebesbeziehung, wie man sie vielleicht als Mann zu einer Frau hat oder wenn man homosexuell ist zu einem anderen Mann oder eine Frau zu einer anderen Frau, also nicht diese Art von Beziehung, sondern eine Art von Zwischenmenschlichkeit und eine Art von Freundschaft.

Da lag bei mir immer so diese Idee in meinem Kopf: Warum das nicht eigentlich mit jemandem zusammen machen? Aber mit wem? Und dann kam ich mit der Idee Reinhard Mey, und dann haben alle abgewunken und haben gesagt: Macht der nicht! Und dann habe ich gesagt: Ich probier’s! Und dann habe ich ihm eine E-Mail geschrieben und den Song geschickt und dann kriegte ich eine Antwort von seiner Frau, die sagte, der Reinhard ist gerade joggen, der macht gerade Sport. Und dann kam ein Foto, das war die nächste E-Mail, eine Viertelstunde später, wo Reinhard Mey in einem Trainingsanzug, noch völlig verschwitzt, mit einem Handtuch um den Hals dasteht und Knöpfe im Ohr hat und sich das offenbar gerade anhört.

Und die dritte E-Mail kam von ihm selbst und er sagte: Ein ganz großartiges Lied, ich finde es ganz toll, ich bin dabei, danke dass du mich gefragt hast! Ich fühle mich irre geehrt davon. Und dann ist er wirklich gekommen und wir haben es bei mir zu Hause eingesungen. Dass der Reinhard das jetzt singt, der im selben Alter ist, wie mein Vater gewesen wäre, wenn er noch leben würde, gibt dem Lied eine Tiefe, die es vorher mit mir alleine nicht hatte.

Hochweis: Dann wollen wir diesen Titel hören! Vielen Dank, Jan Josef Liefers!

Liefers: Ja, gern!

Hochweis: Und das neue Album, das wir besprochen haben, heißt "2 Seiten", und hier ist Radio Doria mit "Nie egal"!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

Mehr zum Thema

Neue Filme - Schwere Zeiten: Krieg, Karriereende, Pubertät
(Deutschlandfunk, Corso, 05.07.2017)

Neu im Kino: "Vier gegen die Bank" - Mäßig lustige Komödie
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 21.12.2016)

Schauspieler-Honorare - Tatort-Kommissare fordern mehr Gerechtigkeit
(Deutschlandfunk, Markt und Medien, 01.10.2016)

Tonart

Zum 50. von Boris BeckerTennis in der Popmusik
Boris Becker 1985 in Wimbledon: Sein Tunier-Sieg als jüngster Spieler machte ihn zu einem Superstar. (dpa / picture alliance / Rüdiger Schrader)

Tennis ist ein Sport, den die Popmusik gerne als Inspiration nimmt. Zum 50. Geburtstag von Boris Becker – irgendwie ja selbst schon Teil der Popkultur – fragt Christoph Möller: Wie klingt Tennis in der Popmusik?Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur