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Sein und Streit | Beitrag vom 08.10.2017

Imperativ des BesonderenParadiesvogel um jeden Preis?

Andreas Reckwitz im Gespräch mit Simone Miller

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Ein Geschäftsmann mit aufblasbarem Flamingo (Imago Stock & People)
Paradiesvogel um jeden Preis? Das Streben nach dem Besonderen prägt uns heutzutage sehr stark. (Imago Stock & People)

Die Menschen heute scheinen alle gleich zu sein, nämlich individuell. Einst galt die Vorherrschaft des Allgemeinen. Was der Verlust dessen mit uns macht, erklärt der Soziologe Andreas Reckwitz.

In unserer spätmodernen Gesellschaft regiert der Imperativ des Besonderen, diese These entwickelt der Berliner Soziologe Andreas Reckwitz in seinem neuen Buch "Die Gesellschaft der Singularitäten".

Die klassische Moderne, die Industriegesellschaft sei noch von der Herrschaft des Allgemeinen geprägt gewesen. Wichtige Gesellschaftsbereiche wurden rationalisiert, einem Prozess der Formatisierung und Standardisierung unterworfen. Auch auf der Ebene der Lebensstile wurde Konformismus erwartet. Es habe sich so eine Massenkultur entwickelt.

Die Spätmoderne hingegen habe diese Vorherrschaft des Allgemeinen transformiert in einen Imperativ des Besonderen. Zentrale gesellschaftlicher Bereiche richteten sich heute am Originellen, Unverwechselbaren und Einzigartigen aus. Das beträfe sowohl die Privatsphäre, als auch die Berufssphäre, aber auch die Welt der Dinge, Ereignisse und Orte.

Der Siegeszug der Affekte in der Spätmoderne

Was uns als besonders gelte, sei dabei nicht gegeben, sondern stark umkämpft. Die Spätmoderne zeichne sich durch ihre Valorisierungsmechanismen und Bewertungskonflikte aus.

"Das sehen wir zum Beispiel im Internet: Also, was wird wie bewertet – welche Bücher, Filme, Musikstücke gelten als besonders und welche gelten als bloße Massenware? Da toben Valorisierungs- also Bewertungskonflikte."

In diesem Zusammenhang sei die Bedeutung der Gefühle nicht zu unterschätzen: Das Besondere zeichne sich dadurch aus, dass es uns anzieht und berührt. In diesem Sinne könne man von einem "affective turn", einem starken Bedeutungsgewinn der Affekte in der Spätmoderne sprechen. Zu verstehen sei das auch als Reaktion auf den Affektmangel in der Massengesellschaft der klassischen Moderne.

Ermöglicht worden sei dieser Strukturwandel hin zur Gesellschaft der Singularitäten vor allem durch eine starke Kulturalisierung und Globalisierung der Ökonomie und einen Innovationsschub bei der digitalen Technologie.

Starke Polarisierung der gesellschaftlichen Klassen

Die Orientierung am Besonderen werde allerdings für die Einzelnen auch zum Zwang. Durch die Abwertung des Mittelmäßigen und Konformen, sei ein großer Profilierungsdruck entstanden, der alle Lebensbereiche erfassen könne. Die Schere zwischen erfolgreichen Menschen und erfolglosen werde immer größer. Das habe auch damit zu tun, dass erbrachte Leistungen Erfolg heute nicht mehr garantierten.

Um als besonders gelten zu können, müsse man über großes "kulturelles Kapital" verfügen: Man müsse ein Gespür und Wissen darüber entwickelt haben, was als attraktiv und besonders gelten kann. Deshalb sei insbesondere die ‚Neue Mittelklasse‘ die Trägerin der Kultur des Besonderen. Die anderen Gesellschaftsteile – die ‚Neue Unterklasse‘ aber auch die alte Mittelschicht – verfüge über dieses kulturelle Kapital viel weniger oder gar nicht, weshalb ihre Erfolgschancen in der creative economy tatsächlich wesentlich schlechter seien.

Rechtspopulismus als Schließung gegen doppelten Liberalismus

Es sei deshalb nicht verwunderlich, dass sich der Kulturkapitalismus auch auf der Ebene der Politik in eine zunehmende Polarisierung übersetze. Die neue Mittelklasse sei stark geprägt von einem doppelgesichtigen Liberalismus. Zum einen habe der Wirtschaftsliberalismus zu einer Öffnung und Deregulierung der Märkte geführt. Zum anderen habe die Neue Mittelklasse sich aber auch kulturell und politisch geöffnet, sich einem linksliberal geprägten Kulturkosmopolitismus zugewandt. Im Gegenzug werde das Provinzielle stark abgewertet.

Auf diese doppelte Öffnung gebe es nun verstärkte Gegentendenzen. Reckwitz sieht hier ein Erstarken des "Kulturessenzialismus". Rechtspopulistische, nationalistische, religiös-fundamentalistische , teilweise auch ethnische Gruppen würden kollektive Identitäten wieder stark machen. Sie setzten auf das Eigene, das Heimische und eine in sich homogene wie abgeschlossene Gemeinschaft. Diese Reaktionen würden vor allem getragen von der Neuen Unterklasse und der alten Mittelschicht.

Aber auch andere Kollektive formierten sich und könnten unter den Begriff der ‚Neogemeinschaften‘ gebracht werden, so Andreas Reckwitz. Was postmigrantische, regionale aber auch nationalistische Kollektive verbinde, sei die starke Profilierung einer eigenen, besonderen Identität.

Die Arbeit am Allgemeinen als Zukunftsaufgabe

Das Verbindende habe demgegenüber an Bedeutung verloren:

"Das Allgemeine hat immer weniger einen Ort innerhalb der Spätmoderne, auch die Frage nach dem, was Menschen gemeinsam haben, die Frage nach dem Allgemeinwohl, die Frage nach dem Universalen ist in diesem ständigen Wettbewerb um Einzigartigkeit, oder auch in dieser ständigen Profilierung von Gruppen besonders in den Hintergrund geraten. Wir müssen uns fragen, wo wir wieder Orte des Allgemeinen, auch der Frage des Allgemeinen schaffen können."

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