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Tonart | Beitrag vom 09.05.2017

Immer wieder das GleicheGehen uns die Pop-Melodien aus?

Nate Sloan im Gespräch mit Martin Böttcher

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Sänger Ed Sheeran mit einer Gitarre und Mikrofon in der Hand während eines Konzertes (imago/CordonPress)
In der Pop-Welt häufen sich die Plagiatsvorwürfe - auch der britische Sänger Ed Sheeran ist betroffen. (imago/CordonPress)

Die Anzahl eingängiger Melodien ist endlich. Pessimisten behauptet deswegen, alle Pop-Melodien seien bereits gefunden – das Genre am Ende. Musikexperte Nate Sloan ist sich sicher: Es gibt noch genug Melodie-Futter. Aber warum hört sich trotzdem vieles gleich an?

Die Beatles hatten es gut: Als sie ihre Songs schrieben, gab es die Popmusik noch nicht sonderlich lange. Und so war die Wahrscheinlichkeit, wegen Plagiatsvorwürfen, wegen geistigen Diebstahls angezeigt zu werden, nicht sonderlich hoch. 

Da hat es Ed Sheeran, der gerade die Popmusik dominiert, schon schwerer: In mindestens drei verschiedenen Fällen wurden Vorwürfe laut, er beziehungsweise seine Songschreiber hätten sich da an anderen Songs bedient. Sheeran ist nicht der einzige – in letzter Zeit häufen sich Plagiatsvorwürfe: Mark Ronson, Robin Thicke, Led Zeppelin – sie alle mussten sich damit auseinandersetzen.

Aber woran liegt es? Wird wirklich dreister geklaut? Ist das Klagen leichter geworden oder lohnt es sich vielleicht mehr, weil es um Millionen geht? Oder – und mit dieser Frage wollen wir uns jetzt beschäftigen – ist die Popmusik vielleicht auserzählt?

Es gibt nämlich Musikauskenner, die glauben, es würde nur eine bestimmte Anzahl von eingängigen Melodien und Rhythmen gebe – und die sind nach 70 Jahren Popgeschichte vielleicht alle gefunden worden. 

Martin Böttcher spricht mit dem US-amerikanischen Musikwissenschaftler Nate Sloan, der den Podcast "Switched on Pop" betreibt und das Ganze differenzierter betrachtet. 


Das Interview im Wortlaut:

Martin Böttcher: Hallo, Mister Sloan. Wie sehen Sie das? Ist die Popmusik auserzählt, wie der englische "Guardian" gerade schrieb? 

Nate Sloan: Ich glaube nicht, dass wir einen Mangel an neuem Material für Popsongs haben. Mathematisch gesehen gibt es noch unzählige Möglichkeiten, wie Töne für Melodien und Songs arrangiert werden können. Aber nie war es so einfach wie heute, Songs auf Gemeinsamkeiten zu überprüfen – das führt zu mehr Urheberrechtsprozessen. Schuld ist aber auch die angespannte finanzielle Lage im Musikbusiness, auch deshalb gibt es mehr juristische Auseinandersetzungen.

Böttcher: Aber wie kommt es, dass nicht nur jede Menge Plagiatsprozesse geführt werden, sondern sich auch so viele aktuelle Songs gleich anhören? Wie erklären Sie sich das? 

Sloan: Ich habe da auch keine Erklärung, aber würde historisch an die Frage herangehen: Jeder musikalische Stil, der in einer bestimmten Epoche gepflegt wurde, hat zu unglaublichen Übereinstimmungen von Rhythmen, Melodien, Tonhöhen und Aufbau geführt. Es ist also kein Zeichen unserer Zeit, dass sich all diese Songs gleich anhören, sondern das hat es schon immer gegeben, von frühen Gesangstücken der Renaissance bis hin zu heutigen Popsongs.

Böttcher: Es scheint so zu sein: Wer eine bestimmte Art von Pop macht – ich sage mal: von Olly Murs über Justin Timberlake, Katy Perry, One Direction bis hin zu Ed Sheeran – muss gewisse Soundkonventionen erfüllen. Ist das vielleicht auch das Problem: Man könnte jede Melodie der Welt schreiben, aber nur bestimmte haben die Chance, erfolgreich zu werden? Und darum geht es ja im Popbusiness. 

Schon im 15. Jahrhundert glichen sich Melodien

Sloan: Auch da würde ich historisch antworten: Die Musik hat schon immer Konventionen gebraucht, sie sorgen dafür, dass Klänge nicht völlig unbekannt wirken. Für Musiker sind Konventionen also aus künstlerischen und ökonomischen Gründen wichtig. 

Nehmen wir nur mal die Gesangsstücke aus Europa im 15. Jahrhundert: Da wurden die immer gleichen Melodien benutzt, mit nur ganz subtilen Variationen. Es hat dann bis zur Romantik gedauert, bis mehr Wert auf Originalität gelegt wurde – auch dank Beethoven.

Interessanterweise benutzt aber zum Beispiel Beethoven in seiner "Eroica" die gleiche Melodie wie der junge Mozart in einer seiner Opern. Von daher: Konventionen sind kein Fehler im System, sondern absolut notwendig, um Musik so schreiben zu können, dass sie verstanden wird.

Böttcher: Vielleicht sind diese Musiker auch nicht mehr mutig und experimentierfreudig genug? 

"Pop muss eingängig, massentauglich und leicht zu verstehen sein"

Sloan: Ja, so kann man das natürlich sehen, aber ich finde, wenn man Popsongs auf diese Art bewertet, dann verschleiert man die eigentliche Funktion von Pop. Pop muss eingängig, massentauglich und leicht zu verstehen sein. In einem System, das Wert auf Originalität, Innovation und Neuartigkeit legt, fallen herkömmliche Popsongs durch, aber abseits davon erreichen sie eigentlich genau das, was sie erreichen wollen: Sie erregen die Aufmerksamkeit der Menschen, gehen sofort ins Ohr – sie sind also erfolgreich!

Sloan: Es fällt mir schwer, dem zuzustimmen. Ich halte das für einen nostalgischen Zug, die Musik der Vergangenheit für experimentierfreudiger und avantgardistischer zu halten. Wenn man genauer hinhört, dann findet man sie doch, die innovativen und sehr künstlerischen Songs, die nicht selten ganz oben in den Charts landen. Nehmen wir nur mal Hozier und sein "Take Me To Church". Was ist das für ein mutiger Text! Ein finanzieller Erfolg und gleichzeitig auf der künstlerischen Ebene voll überzeugend.

Böttcher: Wenn wir mal davon ausgehen, dass die Kombination von Noten und Rhythmen praktisch unendlich viele Songs zulässt, es also rein mathematisch nicht möglich ist, dass die Popmusik jemals auserzählt wird, wie erklären Sie sich denn dann die wachsende Zahl an Plagiatsprozessen?

Popmusik nach Rezept

Sloan: Auch auf die Gefahr hin, wie eine kaputte Platte zu klingen, muss ich mich wiederholen. Pop ist nicht von den Produktionsmitteln zu trennen, die zu seiner Entstehung geführt haben. Pop ist eine  Massenkultur, Popmusik wurde von Anfang an wie am Fließband hergestellt und konsumiert.  

Nehmen wir zum Beispiel die sogenannten "Broadsides", die im späten 18. Jahrhundert sehr populär waren: immer neue, gedruckte Liedtexte, die man zu altbekannten Melodien sang, man musste also nicht einmal Noten lesen können und konnte sich trotzdem an neuen Liedern versuchen.

Oder gehen wir ins frühe 20. Jahrhundert: Irving Berlin, einer der erfolgreichsten Songschreiber seiner Zeit, verfasste Gebrauchsanweisungen, wie man einen Hit schreibt. Da standen solche Sachen drin wie "Bleib mit der Melodie innerhalb einer Oktave", "Spring innerhalb deiner Melodie nicht hin und her", "wähle eine eingängige Textzeile als Songtitel". Popmusik wurde also schon immer sehr pragmatisch geschrieben, das ist also nichts Neues.

Böttcher: Auch ein geklauter Song kann ein toller Song sein – "Blurred Lines" zum Beispiel fand ich, vom Video abgesehen, super. Aber würden Sie einen Unterschied sehen zwischen Liedern, die sich inspirieren lassen von anderen – und solchen, die Melodien stehlen? Wann ist ein Song das eine, wann das andere? 

Sloan: Philosophisch gesehen gibt es für mich so etwas wie "einen Song stehlen" nicht. In meiner optimistisch rosarot gefärbten Welt liebäugele ich mit der Vorstellung, dass Musik allen beziehungsweise keinem gehört. In der TV-Serie "The Wire" sagt einer der Gangster, dass man Geld nicht besitzen könne, sondern nur ausgeben. So sollte es auch mit Musik sein: keine Besitzer, nur Interpreten und Performer.

Aber ökonomisch gesehen ist es natürlich völlig verständlich, dass es so etwas wie Urheberrechte gibt, vor allem in unserer Zeit, wo es schwerer und schwerer wird, von der Musik zu leben. Das bringt uns zum dritten Punkt, zu der ethischen Seite von Musik und Besitz: Ich sympathisiere da vor allem mit den kleinen, unbekannten Musikern. Wenn deren Melodien und Songs von bekannten Musikern ausgebeutet werden, dann sollte das Urhebergesetz greifen.

"Wir müssten ethisch involvierte Hörer sein"

Ganz ehrlich, wenn Marvin Gaye beziehungsweise seine Nachkommen, wenn Tom Petty oder die Rolling Stones klagen, dann denke ich mir: Die brauchen nun wirklich nicht noch mehr Tantiemen – im Gegensatz zu den mittellosen, unbekannten Musikern.

Böttcher: Kann man denn etwas tun? Können wir als Musikjournalisten, als Blogger, als Konsumenten etwas tun, um die Musikvielfalt zu fördern? 

Sloan: Wow, großartige Frage! Ja, ich denke schon. Egal, was die Musik-Streamingdienste für Fehler haben, sie geben uns die Möglichkeit, ganz unterschiedliche Musik zu hören. Wenn man also unbekannte, aufstrebende Musiker unterstützen will, dann können wir das da tun. 

Oder auch direkt: Man kann zu den Konzerten gehen, direkt bei den Bands Musik kaufen, sie anderweitig unterstützen. Verkürzt gesagt: Wir müssten aktivere, engagiertere, ethisch involvierte Hörer sein. 

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