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Religionen | Beitrag vom 10.06.2018

Imam-Mangel in ÖsterreichLeichenwaschen lernt man nicht an der Universität

Von Alexander Musik

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Ulvi Karagedik ist Universitätsassistent am Institut für Islamisch-theologische Studien in Wien (Deutschlandradio / Alexander Musik)
Ulvi Karagedik ist Universitätsassistent am Institut für Islamisch-theologische Studien in Wien (Deutschlandradio / Alexander Musik)

Auch in Österreich kamen bislang viele Imame aus dem Ausland, oft ohne ausreichende Deutschkenntnisse. An der Universität Wien gibt es nun ein Bachelor-Studium für islamisch-theologische Studien. Ob die Absolventen als Imame eingestellt werden, bleibt aber fraglich.

Acht Studierende – Frauen und Männer – haben sich zur Vorlesung "Koranexegese" in dem viel zu großen Hörsaal im Institut für Islamisch-theologische Studien eingefunden. Das neu geschaffene Institut hat einen Palais in der Wiener Innenstadt bezogen, einen Steinwurf vom Burgtheater entfernt.

Professor Abdullah Takim spricht an diesem Tag über die verschiedenen Dialekte des Korans. Er ist einer von zwei Professoren am Institut; sechs sollen es einmal werden. 30 Studierende haben sich für den neuen Bachelor-Studiengang "Islamisch-theologische Studien" eingeschrieben. Eine gute Zahl, meint der Professor, der aus Herne stammt – aber er hätte sich mehr gewünscht. 

"Für die Imam-Ausbildung - das wird immer heiß diskutiert - bietet unser Studiengang eine Grundlage. Das heißt: Wir bilden nicht direkt Imame aus, sondern wir bieten die Grundlagen für eine Imam-Ausbildung, und die Religionsgemeinschaften selbst sollten unsere Absolventen auch weiterbilden, so wird das ja auch in den anderen Theologien gemacht."

Ulvi Karagedik ist Universitätsassistent am Institut. Er begann 2007 in Frankfurt Islamische Theologie zu studieren, das war damals ein Pilotprojekt. 2014 bekam er das Angebot in Wien zu forschen. Das ließ er sich aber erst mal gründlich durch den Kopf gehen. Denn nicht nur deutschsprachige Imame sind in Wien knapp, sondern auch kompetentes islamwissenschaftliches Personal. Und es fehlt an Lehrmaterial und Fachliteratur, sagt der junge Wissenschaftler. Die Islamische Theologie stecke noch in den Kinderschuhen. Neben der Koranexegese, islamischer Jurisprudenz, der Ethik, Philosophie und Mystik des Islam gehören zum Bachelor-Studiengang auch weniger klassische Schwerpunkte, so Karagedik. 

"Beispielsweise die islamische Geschichte und Lebenswelten von Muslimen in Europa. Dann darüber hinaus auch das islamische Denken in seiner Vielfalt. Das heißt, wir versuchen insbesondere nicht nur einen bestimmten Zugang zu vermitteln, sondern die Diversität innerhalb der islamischen Denktradition hervorzuheben."

Es ist nicht klar, wie viele der 30 Studierenden tatsächlich vorhaben, Imam in einer österreichischen Moschee zu werden. Noch weniger klar ist, ob sie mit ihrem Diplom dann überhaupt von einem Moscheeverein akzeptiert werden.

Zusätzliche Imam-Ausbildung

Besuch bei der Islamischen Glaubensgemeinschaft IGGÖ, die sich als Vertretung aller Muslime Österreichs versteht. Im Erdgeschoss des schmucklosen Wohnhauses im 7. Wiener Gemeindebezirk ist der Gebetsraum. Im Hof erinnert ein orientalisch anmutender Brunnen an den Gründer der IGGÖ. Daneben sind Autos geparkt. Präsident Ibrahim Olgun empfängt im ersten Stock. Er findet, ein Imam müsse mehr können, als er im Bachelor-Studium lernen kann. 

"Eine theologische Ausbildung an einer Universität ist keine Imam-Ausbildung! Es kann nur die Basis einer Imam-Ausbildung geben. Deshalb müssen wir als Glaubensgemeinschaft für die Absolventen dieses Studiums - oder von welcher Universität auch immer - eine zusätzliche Imam-Ausbildung anbieten. Wir würden uns sehr freuen, wenn die staatlichen Behörden uns dabei unterstützen würden, wenn die Universitäten uns dabei fördern würden. Da sind wir nicht dagegen. Aber laut unseren Überprüfungen ist es so, dass wir als Glaubensgemeinschaft das alleine organisieren müssen."

Ibrahim Olgun würde das gerne tun. Drei oder vier Dozenten anstellen, um – wie es die Katholiken im Priesterseminar tun – Imame auf den Dienst in der Moschee vorzubereiten. Er selbst hat in Ankara eine islamisch-theologische Fakultät besucht und weiß, wie lange es dauert, bis man den Koran auswendig kann und korrekt und möglichst klangvoll vorträgt. Doch die IGGÖ hat kein Geld für das gewünschte Imam-Seminar. Die Moscheevereine im Land seien finanziell besser aufgestellt als die IGGÖ, klagt Olgun. Er will eine Reform und eine Steuer, die alle Muslime im Land zahlen müssen, damit endlich Schluss sei mit der Bettel-Situation der IGGÖ.

"Das ist nicht leicht, das kann man nicht von heute auf morgen durchziehen, aufbauen. Die evangelische Kirche hat eine 200-jährige Erfahrung, und wir sind erst seit 39 Jahren als Glaubensgemeinschaft hier in Österreich. Und deshalb bitten wir um Verständnis, dass es nicht von heute auf morgen geht. Aber wir werden das innerhalb kürzester Zeit organisieren."

Vorlesung in Koranexegese im Bachelor-Studiengang "Islamisch-theologische Studien" in Wien (Deutschlandradio / Alexander Musik)Vorlesung in Koranexegese im Bachelor-Studiengang "Islamisch-theologische Studien" in Wien (Deutschlandradio / Alexander Musik)

Die IGGÖ begrüße das neue Bachelor-Studium, doch als Islam-Vertretung fühle man sich von der Universität Wien nicht ernst genug genommen, sagt der Präsident. Dem Institutsleiter an der Uni Wien, Professor Ednan Aslan, hat Olgun gar das Vertrauen entzogen; der Kontakt zu ihm ist eingestellt.

"Die muslimische sunnitische Community beträgt hier in Österreich über 90 Prozent der Muslime. Eigentlich hätten wir mehr als zwei Professurstellen bekommen sollen. Das ist die Schwierigkeit, die wir im Moment haben."

Die Kritik der IGGÖ geht fehl, sagt Abdullah Takim, der Stellvertreter des von der Glaubensgemeinschaft ungeliebten Institutsleiters Aslan. Denn der Bachelor-Studiengang untersuche a l l e  islamischen Glaubensrichtungen wissenschaftlich möglichst objektiv.

"Das, was wir untersuchen, ist die gesamte islamische Tradition, ohne zu unterscheiden, was in Richtung sunnitisch oder schiitisch geht usw. Wir betrachten das als die islamische Geisteskultur, die islamische Tradition."

Leichen waschen im Praxisseminar

Zum neuen Studiengang gehören auch Praxisseminare. Wer schon weiß, dass er Imam werden will, kann sich um ein Praktikum in einer Moschee bemühen. Und lernen, was von einem guten Imam erwartet wird. Universitätsassistent Ulvi Karagedik:

"Dazu gehört eine gewisse Rhetorik, sich an eine Gemeinde wenden zu können. Ein gewisses Sprachgeschick. Eine gewisse Eloquenz kann man sagen. Dazu gehört aber auch, dass man anständig beten kann, dass man auch eine Freitagspredigt abhalten kann, dass er Leichen waschen kann, diese ganze Beerdigungsprozedur leiten kann."

Frauen können nach Ansicht von IGGÖ-Präsident Ibrahim Olgun übrigens keine Imame werden, auch wenn in der Moschee viel zu tun sei für sie.

"Viele Aufgaben werden von unseren Frauen in den Moscheen gemacht. Die müssen wir noch sichtbarer machen." 

Der Arbeitsmarkt für Imame ist aber da, das vorbereitende Studium auch, doch die Hürden bleiben. Nicht zuletzt die finanziellen.

"99 Prozent aller unsrer Gefängnis- und Krankenhaus-Seelsorger machen ihren Job ehrenamtlich. Viele unserer Imame verdienen sehr wenig. Ich glaube, zuerst müssen wir diesen Absolventen diese Tätigkeiten schmackhaft machen. Es wird wenig Interesse geben von den Absolventen, wenn wir sagen, sie werden in einer Moschee nur 1100, 1200 Euro netto verdienen."

Institutsprofessor Abdullah Takim hat da eine Idee: Teilzeit-Imame. Die Absolventen machen nach dem Bachelor ihren Master in Islamischer Religionspädagogik und werden Lehrer an einer österreichischen Schule. Dann stimmt das Gehalt, und sie könnten sich verpflichten, darüber hinaus regelmäßig in der Moschee Dienst zu tun. Das wäre für Österreich vielleicht eine Option, sagt Abdullah Takim.

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