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Interview | Beitrag vom 21.02.2017

Hirnforscher Gerald HütherNur gemeinsam sind wir stark

Gerald Hüther im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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( imago/IPON)
Der Hirnforscher Gerald Hüther ( imago/IPON)

Der Mensch kann seine Potenziale nur in Gemeinschaft mit anderen entfalten, meint der Hirnforscher Gerald Hüther. Dafür müssten sich diese aber als Subjekte begegnen. Und das sei nur in nicht-hierarchischen Strukturen möglich.

Jeder gegen jeden, gnadenloser Wettbewerb: in solchermaßen organisierten Gemeinschaften kann der Mensch sein Potenzial nicht entfalten, meint der Hirn- und Lernforscher Gerald Hüther.

"Denn am Anfang unseres Lebens, als wir klein waren, waren wir ja Subjekte", sagte Hüther im Deutschlandradio Kultur. 

"Wenn Sie sich an Zeiten erinnern, wo Sie noch kleiner waren, also zum Beispiel als kleiner Junge, da haben Sie doch nicht einen mittelmäßigen Turm mit den Bauklötzen bauen wollen, sondern Sie wollten einen richtig hohen Turm bauen, und nicht, um den höher zu bauen als andere, sondern für sich selbst."

Die intrinsische Motivation geht verloren

Der Mensch sei also auf Höchstleistungen organisiert, um sich selbst zu beweisen, was er könne: "Und diese intrinsische Motivation geht kaputt, sobald man Menschen zwingt, Türme auf eine bestimmte Weise zu bauen, oder ihnen dauernd zeigt, dass der Papa noch einen größeren Turm bauen kann."

Die kindliche Grunderfahrung, ein Subjekt und ein Gestalter zu sein, könne aber, so der Hirnforscher, bis eine hohe Alter noch einmal neu erlebt werden. Dazu braucht es aber eine neue Art von Gemeinschaft, denn die bisherigen seien ungünstig für die Entfaltung von Potenzialen:

"Das sind Angst-, Weck-, Not-, Besitzstandswahrungsgemeinschaften, und die entscheidende Frage, vor der wir jetzt stehen im 21. Jahrhundert, ist, ob wir es auch schaffen, Gemeinschaften zu bilden, in denen Menschen aneinander und miteinander wachsen." (uko)

Ganz ohne Hierarchie geht es nicht, wendet der Kommunikations- und Managementberater Winfried Neun ein. Dennoch: "Hierarchie heißt eben nicht, diktatorisch Dinge vorzugeben. Und da müssen einige Führungskräfte in der deutschen Wirtschaft noch lernen."

Hier das ganze Gespräch mit Winfried Neun zum Nachhören:


Das Interview mit Gerald Hüther im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Wann kommt eigentlich das Beste aus uns heraus? Wie klappt es, dass Menschen ihre Potenziale nutzen? Das sind Fragen, die uns alle immer wieder beschäftigen, sei es im Beruf, sei es bei der Erziehung, sei es beim Blick auf uns selbst, und die sich am Ende immer darauf zuspitzen, ob das Prinzip Wettbewerb gilt – also verkürzt gesagt, ich, der besser sein will als die anderen –, oder das Prinzip Gemeinschaft. Es gibt seit zwei Jahren eine Akademie, die sich mit diesen Fragen beschäftigt, gegründet von Gerald Hüther, einem der bekanntesten Lern- und Hirnforscher in Deutschland, die Akademie für Potenzialentfaltung. Herr Hüther, guten Morgen!

Gerald Hüther: Schönen guten Morgen, Herr Frenzel!

Frenzel: Warum haben Sie diese Akademie gegründet?

Hüther: Ich bin ja Hirnforscher, und da ist es nicht übersehbar, dass das menschliche Hirn sich eigentlich nur dann entfalten kann und diese wunderbaren Potenziale entfalten kann, wenn wir in Gemeinschaften sind, das heißt, wir brauchen andere. Wir sind in Wirklichkeit gar keine Einzelwesen, sondern den Menschen gibt es nur vergesellschaftet.

Gemeinschaften, in denen Menschen miteinander wachsen können

Frenzel: Und Sie haben also eine erste Gemeinschaft mit dieser Akademie gegründet. Und in dieser Frage, die ich anfangs skizziert habe, haben Sie ja die klare Tendenz: Kreatives Potenzial kommt nur in Gemeinschaften voll zur Geltung. Was sind denn die Gründe dafür?

Hüther: Wir sagen mal noch einen Satz zuvor, und der heißt, die bisherigen Gemeinschaften, die wir gegründet haben, sind für die Entfaltung von Potenzialen nicht so günstig. Das sind Angst-, Weck-, Not-, Besitzstandswahrungsgemeinschaften, und die entscheidende Frage, vor der wir jetzt stehen im 21. Jahrhundert, ist, ob wir es auch schaffen, Gemeinschaften zu bilden, in denen Menschen aneinander und miteinander wachsen. Und das ist eine neue Dimension, und das versuchen wir mit der Akademie rauszufinden, auch an Beispielen zu zeigen.

Frenzel: Diese Gemeinschaften, Angst- und Bewahrungsgemeinschaften, können Sie das mal konkret machen? Meinen Sie damit so etwas wie Familien zum Beispiel?

Hüther: Nein. Aber meistens waren ja Menschen bedroht in der Vergangenheit, also äußere Feinde. Dann sind sie halt zusammengerückt und dachten, das sei eine Gemeinschaft. Not, Hunger, Elend – heutzutage rottet man sich zusammen, damit man nicht von anderen überfallen wird oder dass einem keiner was wegnimmt. Oder es gibt Interessensgemeinschaften, die ihre Besitzstände wahren wollen. Familien sind eigentlich das einzige Element, in dem sich immer mal wieder solche Potenzialentfaltungsgemeinschaften herausgebildet haben, aber auch nicht alle.

Objekte können kein Potenzial entfalten

Da gibt es auch durchaus Familien, in denen jeder seine eigenen Interessen verfolgt und versucht, sich auf Kosten von anderen irgendwie durchzusetzen. Das ist das Grundprinzip unserer gegenwärtigen Welt. Das hängt damit zusammen, dass wir alles sehr hierarchisch organisiert haben, und jetzt wird es interessant: Im 21. Jahrhundert können wir mit diesen hierarchischen Strukturen nicht mehr so sehr viel anfangen, weil sie die Menschen, die in solchen Gemeinschaften, in solchen hierarchisch geordneten Gemeinschaften sind, zu Objekten macht. Und da kann man nun einfach keine Potenziale entfalten. Hat schon wirklich sehr viel mit dem Hirn zu tun.

Frenzel: Dann drehen wir es mal um. Wie schaffen wir denn die positiven Gemeinschaften in diesem Sinne?

Hüther: Das ist einfach, als ob man einen kleinen Hebel umlegt, indem man kein Mitglied der Gemeinschaft, also jetzt zum Beispiel in Ihrem Team, oder aber in der Familie oder in der Schule oder wo immer sie sind, indem keiner den anderen länger zum Objekt seiner – und jetzt kommt es – seiner Bewertungen, seiner Erwartungen, seiner Maßnahmen, seiner Belehrungen und so weiter macht. In dem Augenblick, wo man das tut, kommt es im Hirn desjenigen, der sich da so erlebt, dass er so zum Objekt gemacht wird, zu einer Aktivierung von genau denselben Bereichen, die auch dann aktiviert werden, wenn der körperliche Schmerzen hat.

Das heißt, man tut ihm im Grunde genommen weh damit. Und das haben wir alle als Kinder und vor allen Dingen in der Schule durchlebt, haben uns zum Teil dran gewöhnt, haben unsere Strategien gefunden, um uns dagegen zu wehren oder das einigermaßen auszugleichen. Und das ist alles sehr energieaufwendig und bringt uns in Wirklichkeit nicht wirklich vorwärts. Entstanden sind dann eben solche Gesellschaften, in denen einer den anderen sagt, wo es lang geht, wo einer sich auf Kosten von anderen bereichert.

Wir müssen nur einen kleinen Schalter umlegen

Frenzel: Herr Hüther, Sie haben gerade gesagt, da müssen wir nur einen kleinen Schalter umlegen. Für mich klingt das nach einem ziemlich großen Schalter, nämlich letztendlich dem Schalter, der vielleicht auch gegen die Wesensnatur des Menschen geht.

Hüther: Nein, das ist gerade verkehrt herum. Also, der Schalter heißt, wir müssen einander versuchen, als Subjekte, die wir ja auch wirklich sind, zu begegnen. Und das ist kein Riesenschalter, den man umlegen muss. Denn am Anfang unseres Lebens, als wir klein waren, waren wir ja Subjekte. Es ist ja dann später durch die Erfahrungen, die wir in den Gemeinschaften machen mussten, also diese ungünstigen Erfahrungen, dass wir dann immer rumkommandiert worden sind und uns andere gesagt haben, was wir zu machen haben, ist das ja erst nachträglich im Hirn überlagert worden.

Diese Grunderfahrung heißt, ich bin ein Subjekt, ich bin ein Gestalter, ich werde von anderen gesehen, und ich kann mit anderen sozusagen in eine Begegnung kommen. Und das muss man dann – das kann man bis ins hohe Alter – und das ist jetzt die frohe Botschaft – auch noch mal neu erleben, aber dazu brauchen Menschen ein bisschen Mut. Und die Akademie ist dazu da, zu zeigen, dass es geht, und Menschen Mut zu machen, es mit diesen anderen Gemeinschaften mal zu versuchen.

Einen hohen Turm bauen - einfach nur für sich

Frenzel: Jetzt komme ich Ihnen noch mal mit Jahrzehnten Systemauseinandersetzungen, die wir ja erlebt haben und die ja irgendwie so in der Grundtendenz eine Art Sieger hatten, nämlich – ich mache es mal groß – den Sieg des Kapitalismus über den Sozialismus, den Sieg des Wettbewerbs, der Konkurrenz, wenn Sie so wollen. Die Idee, ohne Egoismus keine Innovation, weil der Antrieb letztlich fehlt. Ist das eine falsche Annahme?

Hüther: Ich weiß gar nicht, ob der Wettbewerb – also dieser Ostblock war das gleiche System im Grunde genommen. Die haben auch die Menschen zu Objekten gemacht, nur eben diesmal von der Partei. Und wir sind jetzt hier im Westen Objekte einer Werbe- und Konsumindustrie und der Medien. Das ist jetzt im Grunde genommen nicht so ein Riesenunterschied. Tatsache ist, dass wir immer Objekte gewesen sind.

Frenzel: Aber diese Frage, Herr Hüther, was uns antreibt, die Frage letztendlich des Gesehen-Werdens, der Anerkennung dessen, dass Leute sagen, schau her, das habe ich geschafft. Und umgedreht auch das, was Sie gesagt haben am Anfang, was eben nicht gut ist, diese Bewertung anderer. Sind das nicht grundmenschliche Tugenden? Oder Untugenden?

Hüther: Auch da müsste man noch mal nachdenken. Wenn Sie sich an Zeiten erinnern, wo Sie noch kleiner waren, also zum Beispiel als kleiner Junge, da haben sie doch nicht einen mittelmäßigen Turm mit den Bauklötzen bauen wollen, sondern Sie wollten einen richtig hohen Turm bauen, und nicht, um den höher zu bauen als andere, sondern für sich selbst. Das heißt, der Mensch ist auf Höchstleistungen organisiert. Der möchte das sich selbst beweisen, was er alles kann und was er alles fertigbringt. Und diese intrinsische Motivation geht kaputt, sobald man Menschen zwingt, Türme auf eine bestimmte Weise zu bauen, oder ihnen dauernd zeigt, dass der Papa noch einen größeren Turm bauen kann.

"Wenn man außen drückt, kommt innen nichts mehr raus"

Das heißt, wir gewöhnen uns daran, diese intrinsische Motivation aufzugeben oder sie zu unterdrücken, weil wir in eine Welt hineinwachsen, in der wir zunehmend von außen gedrückt werden. Das ist ein Grundgesetz in der ganzen Psychologie, und da haben auch die Hirnforscher ihren Teil mit dazu beigetragen, dass das langsam klar wird. Wenn man außen drückt, kommt innen nichts mehr raus. Und jetzt stimmt Ihre Theorie. Wenn man nun immer nur außen gedrückt hat, dann kommt auch nichts mehr raus, wenn man nicht mehr drückt. Deshalb müssen Sie jetzt weiter Druck machen, müssen Wettbewerb machen, müssen Sie den Menschen Belohnungen versprechen oder mit Bestrafung drohen, sonst strengen die sich nicht an. Aber von Natur aus hätten sie sich schon angestrengt.

Frenzel: Herr Hüther, ich glaube, wir könnten diesen Turm mit sehr viel Klötzen sehr viel schöner und noch weiter bauen. Wir müssen an dieser Stelle aber Schluss machen. Vielen Dank auf jeden Fall schon mal für diese Ideen, vielen Dank für das Gespräch!

Hüther: Ich danke Ihnen. Schönen Tag noch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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