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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.05.2010

Hip-Hop in Havanna

Ein Dokumentarfilm über zwei kubanische Rapper

Von Titus Kramer

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Junge Kubaner wehren sich gegen das Castro-System. (AP)
Junge Kubaner wehren sich gegen das Castro-System. (AP)

Der Film "Revolution" porträtiert eine Band, deren Songs offen von den Missständen in Kuba sprechen, von Korruption, Prostitution und Bespitzelung. Trotzdem wurde der Film auf einem offiziellen Filmfestival gezeigt - und gewann fünf Preise.

Mit Paukenschlägen und Fidels Stimme im Hintergrund beginnt der knapp einstündige Dokumentarfilm, der für kubanische Ohren einen provokanten Titel trägt: "Revolution". Seine Premiere hatte er beim kürzlich in Havanna zu Ende gegangenen 9. Festival der Jungen Filmemacher, das vom staatlichen Filminstitut ausgerichtet wird. Dass der Film überhaupt gezeigt wurde, ist erstaunlich, dass er dann auch noch fünf Preise gewann ist mehr als verwunderlich.

Denn der Film porträtiert eine Band, deren Songs fast alle offen von den Missständen in Kuba sprechen, von Korruption, Prostitution und Bespitzelung, von Ungleichheit, Ungerechtigkeit und fehlender Meinungsfreiheit im castristischen System. "Revolution" ist das kunstvolle Porträt zweier kubanischer Rapper namens "Los Aldeanos", was so viel bedeutet wie: die Dorfbewohner.

Seit über sieben Jahren machen die beiden Musiker aus Havanna Hip-Hop und sind schon länger die wohl bekanntesten Rapper auf der Insel, obwohl oder vielleicht gerade weil sie sich mit ihrem Schaffen an der staatlichen Zensur vorbeischlängeln müssen. Um die 20 Alben haben die Aldeanos mittlerweile herausgebracht.

Die beiden Aldeanos, Bian, genannt El B, und Aldo, verweigerten die Mitgliedschaft in der "Agencia Cubana de Rap". Denn die staatliche "Rap-Agentur" war der Versuch, die schon vor Jahrzehnten entstandene Rap- und Hip-Hop-Kultur in Kuba aus ihrem Untergrund-Dasein herauszuholen, institutionell einzugliedern und sie damit wohl auch ruhig zu stellen. Im Film sagt El B:

"Es gibt Leute, die behaupten wir seien Konterrevolutionäre, wegen der Sachen, die wir sagen. Denn die Leute denken, dass Revolution das ist, was uns im Fernsehen gezeigt wird, dass Revolution der Sinn für den historischen Moment ist. Und das stimmt: Revolution heißt, all das zu verändern, was verändert werden muss, aber hat sich etwa irgendwas geändert?

Wer ist also der Konterrevolutionär? Derjenige, der für einen Wandel plädiert, damit wir vorwärts kommen, oder derjenige, der dich seit 50 Jahren in der Zeit gefangen hält?"

Der Philosophieprofessor und Drehbuchautor Boris Gonzales Arenas weist auf das zentrale Kriterium für die Einordnung von Kunst und Kultur durch den kubanischen Staat hin:

"Vom politischen Diskurs hängt es ab, ob ein Kulturprodukt in Kuba seine Verbreitung findet oder eben nicht. Die Aldeanos hört man heute in ganz Kuba, die Leute tauschen die Songs ständig untereinander aus. Als der Film 'Revolution' auf dem Kinofestival gezeigt wurde, war der Saal brechend voll, und dennoch bleiben die Aldeanos aus dem Fernsehen verbannt."

Mayckell Pedrero Mariol heißt der Regisseur des Dokumentarfilms über die Aldeanos. Er ist 34 Jahre alt, war drei Jahre Lehrer und hat dann Film an der staatlichen Kunsthochschule studiert. "Revolution" ist sein Erstlingswerk nach dem Studium, es entstand ohne Drehgenehmigung und ohne Förderung, mit vier von Nachbarn und Freunden geliehenen Kameras. Dass der Film schließlich bei dem auch außerhalb Havannas beachteten Festival des Jungen Films lief, schreibt der Regisseur dem Einsatz des Jury-Vorsitzenden zu, Fernando Pérez, einer internationalen Größe des kubanischen Kinos.

"Bei der Premiere auf dem Festival hat das Publikum während der Vorführung gleich 23-mal applaudiert. Es war, als würden sich die Leute auf einen Film stützen, weil sie in ihm endlich das ausgedrückt sahen, was sie selbst einmal sagen wollten. Uns war daher bewusst, dass dies eine Bombe sein könnte und dass es große Probleme mit sich bringen würde, dieses Material zu zeigen."

Auf die Frage, ob die öffentliche Vorführung und Auszeichnung des Films dennoch als Zeichen der kulturellen Öffnung und einer zunehmenden Meinungspluralität in Kuba gewertet werden kann, äußerten sich Kulturschaffende und Intellektuelle in Havanna hinter vorgehaltener Hand eher skeptisch. Gleich mehrfach wird dabei dasselbe Bild benutzt: Es sei vielmehr so, dass man sich Kuba wie einen Dampfkochtopf vorstellen müsse, der kurz vor dem Zerbersten stehe. Wenn nun ein Film wie "Revolution" einem überschaubaren Publikum einmalig gezeigt werde, so sei das wie ein kurzes Öffnen des Ventils, um dann gleich wieder alle Dichtungen zu schließen.

Und diese Praxis hat Methode: Selbst international preisgekrönte Filme aus Kuba werden dem heimischen Publikum lediglich in wenigen Kinos der Hauptstadt gezeigt und verschwinden dann von der kubanischen Bildfläche. So wurde beispielsweise der Oscar-nominierte Spielfilm "Erdbeer und Schokolade" von Tomás Gutiérrez Alea erst 13 Jahre nach Erscheinen im staatlichen Fernsehen gezeigt.

Der Drehbuchautor Boris Gonzales Arenas:

"Es gab eine Zeit, in der die kubanische Kulturpolitik als verlängerter Arm eines allmächtigen Staates einen Künstler einfach auszuschalten vermochte. Aber heutzutage funktioniert das nicht mehr."

Denn per USB-Stick, MP3-Player, CD oder DVD kursieren die Songs, Videos und Texte der Aldeanos umso intensiver, vor allem auf dem Schwarzmarkt. Wer die "Aldeanos" im Internet sucht, stößt auf unzählige Seiten. Ihre komplette Musik, genauso wie der Film "Revolution" sind längst im Netz zu finden. El B muss darüber lachen, dass außerhalb Kubas mit der Musik der Aldeanos richtig Geld gemacht wird, wovon das Duo noch nie einen Cent gesehen hat, und dass er selbst noch nie im Leben im Internet gewesen ist. Denn das ist in Kuba kaum jemandem zugänglich.

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