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Profil / Archiv | Beitrag vom 03.08.2010

Hip-Hop als Lebensretter

Der kubanische Rapper Kumar fühlt sich als Anwalt des Volkes

Von Katrin Wilke

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Das "Viertel" ist oft sein Thema. (Stock.XCHNG / Craig Jewell)
Das "Viertel" ist oft sein Thema. (Stock.XCHNG / Craig Jewell)

Der mittlerweile in Spanien lebende Musiker Kumar ist in Europa eine lautstarke Stimme im Latin-Hip-Hop. Auf seinem Debütalbum "Película del Barrio" ("Film des Viertels") findet sich ein urbaner Soundtrack, der zwischen Barcelona und Havanna entstand.

"Wir stehen nicht nur für Hinternwackeln, nicht nur für Salsa, Tabak, Nutten, Revolution, Fidel."

"Wir sind Menschen, die auch um den Zustand der Welt besorgt sind, die sich mit Poesie beschäftigen und mit Musik. Das sind die Dinge, die mich interessieren! Ganz egal, ob ich in einem kleinen Laden oder morgen im allerschicksten Club sonstwo auf der Welt auftrete."

Jazz, Funk, Rock, Afro-Traditionen – in seiner Musik verschmilzt der kubanische Rapper Kumar verschiedenste Stile. Und natürlich finden auch die Klänge seiner Heimat ihren Platz. Schließlich kann er von der auch hier nicht lassen, in Barcelona, wo er heute lebt. Seine Kindheit in Havanna, wo Kumar im sozial brenzligen Stadtteil Mantilla aufgewachsen ist, ist für ihn identitätsstiftend.

"Von meinen Altersgenossen im Viertel, meinen Freunden, hab ich vielleicht vier bis fünf verloren - durch Gewalt auf der Straße: Jugendliche, die hart drauf waren und bei Messerstechereien endeten oder im Gefängnis. Einige sind weggegangen, andere hocken dort noch immer an der Straßenecke. Ich könnte gut einer von ihnen sein. Wenn der Hip-Hop nicht in mein Leben gekommen wäre, wäre aus mir sonstwas geworden."

Das "Viertel" ist oft Thema, wenn Kumar in seinen schnellen, abgehackten und doch gewählten Worten erzählt. Auch sein Debütalbum, ein urbaner Soundtrack entstanden zwischen seiner Wahlheimat Barcelona und Havanna, nannte er so: "Película del Barrio" - "Film des Viertels". Hier erblickt er als Dasary Kumar Mora Medina 1983 das Licht der Welt.

"Meine Eltern sind Übersetzer für Englisch und Französisch. Und ich? Spreche nix außer Kubanisch (lacht). Da leide ich schon dran, wenn man diese Bildung zu Hause bekommt und dann Rapper wird, noch dazu mit Protesthaltung ... Aber ich sage mir: Wer mit mir reden will, muss meine Sprache sprechen."

Der Stolz ist unüberhörbar bei dem zierlichen, energiegeladenen Mann mit den imposanten Dreadlocks: Der Stolz darauf, seinen Traum, die Musik, zu leben. Seine Eltern, beide Regierungsfunktionäre, hatten eigentlich eine andere Zukunft für ihren Schützling vorgesehen. Aber als Kumar 13 ist, tritt der Hip-Hop in sein Leben. In Form einer Musikkassette eines Freundes. Zwei Jahre später gründet Kumar seine erste Band "Duros como Acero".

"Am Anfang verstanden meine Eltern das nicht, dachten, der Hip-Hop wäre für mich wie all diese typischen Kinderflausen: Eine Phase. Wie das Fahrrad, die Fische, die Tauben ... Sie erhofften sich wohl ein strebsames Kind. Sie sind ja selber viel gereist, haben studiert. Und so dachten sie, dass ich auch in diese Richtung gehe - Übersetzer oder Anwalt. Nun, am Ende bin ich so was wie Anwalt des Volkes."

Anfangs covert Kumar noch seine Hip-Hop-Helden, rappt aber bald seine eigenen Geschichten. Egal, ob es um Rebellisches oder Romantisches geht - seine raue Stimme klingt stets vehement. Ein Track wie "Sublevao" – zu Deutsch "Aufständisch" – verdient allerdings auch diesen kämpferischen Tonfall. Er erzählt von einem Cimarrón, einem geflohenen, überaus mutigen Sklaven, der versteckt ein gefährliches Dasein fristet.

"Ich arbeite gerne mit Metaphern. Für mich ist Hip-Hop vor allem Poesie. Diese simple Nachrichtensprache im modernen Hip-Hop gefällt mir nicht: Es gibt Bomben, Tote da und dort ... Das scheint mir doch ziemlich flach. Ich bin nun mal aus Kuba, wo sehr darauf geachtet wird, wie man sich ausdrückt."

Etliche Songs seiner späteren CD "Película del Barrio" hat Kumar schon halbfertig im Gepäck, als er 2007 dank der Zusammenarbeit mit einer spanischen Band in Barcelona landet. Den Ortswechsel begründet er selbst – für seine Verhältnisse diplomatisch – mit dem Wunsch, seine musikalische Perspektive zu erweitern. Weniger mit der Unzufriedenheit über die Situation zu Hause.

In Kuba hatte der Rapper schon allerhand Lorbeeren eingeheimst. In der spanischen Diaspora nagt der Habanero anfangs am Hungertuch, schläft – weil ohne Bleibe – im Musikstudio. Zu den guten Erfahrungen gehört, dass seine sprachlich ausgefeilten Alltagschroniken fernab von Kuba ebenfalls funktionieren.

Inzwischen lebt er in einer Wohngemeinschaft. Gleich um die Ecke das Meer. Genau wie in Havanna. Eine wichtige Zuflucht - wie der spirituelle Insulaner sagt – ohne die er womöglich gar nicht in dieser Stadt bliebe.

"Wenn mich wer fragt: Was machst du überhaupt hier, wenn du immer nur von dort sprichst? - sage ich: Genau deswegen bin ich da – um darüber zu sprechen. Damit du begreifst, wie wir leben, wie wir denken, was wir sind."

Service:

In Deutschland hatte Kumar gerade ein paar Termine. Bevor er unsere Breiten sicher bald wieder beehrt – dann womöglich schon mit den Songs seiner kommenden, neuen Platte - kann ihn im August live erleben, wer zum Beispiel in Norwegen, Belgien oder Spanien Sommerurlaub macht oder gar dort lebt:
13. August: Oslo Worldmusic Festival
14. August: Afro Carribean Festival Bredene, Ostende
20. August: Festival de Jazz Mas y Mas, Barcelona

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