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Vollbild | Beitrag vom 15.07.2017

Helena Hufnagel über "Einmal bitte alles"Eine Coming-of-Age-Late-Geschichte

Helena Hufnagel im Gespräch mit Susanne Burg

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Madeleine Fricke, Helena Hufnagel und Sina Flammang bei der Premiere des Kinofilms "Einmal Bitte Alles" im Kino am Sendlinger Tor (imago/Future Image)
Madeleine Fricke, Helena Hufnagel und Sina Flammang bei der Premiere des Kinofilms "Einmal Bitte Alles" im Kino am Sendlinger Tor (imago/Future Image)

Helena Hufnagel hat mit "Einmal bitte alles" eine "Coming-of-Age-Late-Geschichte" verfilmt, die Geschichte einer Ende-20-Jährigen, die am Leben verzweifelt. Sie habe sich ihrer Hauptfigur sehr nah gefühlt, sagt Hufnagel. Und ihrer Wahlheimat München gern ein Denkmal gesetzt.

Susanne Burg: "Einmal bitte alles", so heißt ein Debütkinofilm, der im Januar beim Max-Ophüls-Filmpreis Premiere hatte und jetzt am Donnerstag in die Kinos kommt. Darin geht es um zwei Freundinnen Ende 20, die irgendwo dazwischen sind: fertig mit der Uni, aber irgendwie noch nicht ganz im Leben angekommen.

Filmausschnitt:

"Meine Mama, die war mit 27 schon verheiratet und hatte zwei Kinder, ich hänge den ganzen Tag mit Youtube rum, schau mir irgendwelche Scheißvideos an und surfe auf irgendwelchen bescheuerten Jobseiten! Weißt du, ich denke, wir sind ja eigentlich immer noch jung, oder?"
"Ja, sind wir!"
"Ich meine, wir haben das ganze Leben vor uns, theoretisch!"
"Klar!"

Burg: Im Laufe des Films bewegt sich das Leben der beiden Freundinnen immer weiter auseinander. Lotte verliebt sich, Isi muss aus der gemeinsamen WG ausziehen und ist alleine mit ihren Zukunftsängsten. So weit grob die Handlung. In Bilder und Dialoge gegossen hat die Handlung die Regisseurin Helena Hufnagel, und sie ist jetzt in einem Studio in München. Guten Tag!

Helena Hufnagel: Hallo, schönen guten Tag!

Burg: "Einmal bitte alles", so heißt ja der Film. Ist das auch so ein bisschen die Erwartungshaltung, mit der Isi und vielleicht auch andere Ende-20-Jährige ans Leben herangehen und die sie dann mit der Realität abgleichen müssen?

Hufnagel: Ja, also, bei Isi ist es so, sie hat ja einen Traum, den sie verfolgt, und sie hat eine Freundschaft, eine beste Freundin, Lotte, mit der sie zusammenlebt, und eigentlich würde sie ganz gerne alles haben, und zwar sofort, für ihr Leben. Und sie ist ... Ich beschreibe das immer so ein bisschen bei ihr, es ist wie so ein Gefühl von einem Sommer, wo man nicht will ... so ein ganz geiler Sommer, der nie zu Ende geht, und man aber der Letzte ist, der irgendwann checkt, dass schon November ist. Und so ist es auch ein bisschen bei Isi. Sie will eigentlich alles haben und dass aber auch alles so bleibt und dass es sofort auch weitergeht, und dieses Dazwischen, was Sie eben beschrieben haben, am liebsten überspringen.

Burg: Ist das eigentlich nur Isis Geschichte? Also, die amerikanische Populärpsychologie hat dafür auch einen Begriff gefunden: Quaterlife Crisis. Trifft es das oder ist es einfach nur normales Erwachsenwerden?

Hufnagel: Ich bezeichne es selber auch als Quaterlife Crisis, weil man selber ja dann doch Ende 20 sich fragt, in welche Richtung das Leben geht und ob man seine eigenen Träume noch realisiert bekommt, bevor es peinlich wird. Und ich habe das Ganze auch selber noch mal umgetauft in Coming-of-Age-Late-Geschichte. Es gibt ja den schönen Begriff Coming-of-Age-Geschichte und damit ist ganz oft das Erwachsenwerden mit 16 gemeint, als Teenager.

Und ich meine damit aber das Erwachsenwerden Ende 20, was für mich ... Irgendwie hat sich das verlagert, also von 16 auf 20, und vor allem ist es auch so, dass der Rechtfertigungsdruck viel größer wird. Als Teenager hat man ja immer die Rechtfertigung, okay, man ist Teenager, man sucht noch seinen Platz im Leben. Aber mit Ende 20 hat man den irgendwann nicht mehr und dann erwartet eigentlich jeder von einem, dass man doch mal jetzt bitte hat erwachsen zu werden. Aber ob das jemals eintrifft, weiß ich auch nicht.

"Eine Leidensgenossin schaffen, wo man denkt: Genauso ist es!"

Burg: Das klingt jetzt ein bisschen so, als hätten Sie da durchaus auch eigene Erfahrungen in der Hinsicht gemacht.

Hufnagel: Absolut. Also, als wir den Film geschrieben haben oder uns ausgedacht haben, zusammen mit meinen beiden Autorinnen Sina Flammang und Madeleine Fricke, haben wir uns oder ich mich zumindest sehr den Zielen und Träumen, die Isi jetzt im Film hat, sehr nahe gefühlt. Also, ich hatte selber das Gefühl, dass man selber Filme machen will, und alle dürfen Filme machen, und man würde halt auch so gerne dazugehören und auch zeigen, was man kann, und eine Chance bekommen, das zu zeigen. Und das sagt Isi ja dann auch im Film, sie sagt auch, dass sie so gerne die Chance hätte zu zeigen, was sie kann. Und die haben wir jetzt bekommen und darum bin ich natürlich total unendlich dankbar!

Burg: Genau! Das Ganze, muss man dazu sagen, ist als Komödie erzählt. War das eigentlich Ihnen immer klar, dass das eine Komödie werden sollte?

Hufnagel: Was mir immer klar war, ich mag es total gerne, wenn der Humor im Film durch Melancholie getrieben ist. Und das habe ich jetzt auch versucht zu erzählen. Weil, es ist jetzt keine reine, klassische Komödie, ich nenne es immer eher Tragikomödie, und man schaut Isi wahnsinnig gerne zu bei dem, was sie durchlebt, und man entdeckt sich auch gerne selber. Also, ich wollte eine Leidensgenossin schaffen, wo man denkt: Genau so ist es! Und das quasi aber auch wieder komödiantisch brechen, und dass man sich dadurch die Komödie erzeugt, indem man sich selbst ertappt. Das war sehr anders daran.

Burg: Man kommt nicht ganz umhin, auch an "Frances Ha" zu denken von Noah Baumbach. Greta Gerwig ist ja so eine Drifter-Ikone geworden. Inwieweit haben Sie sich auch daran abgearbeitet?

Hufnagel: Ich finde Greta Gerwig ja ganz, ganz toll, ich liebe auch "Frances Ha" tatsächlich. Aber ich finde, dass es große Unterschiede gibt zu unserer Isi-Figur. Ich finde, dass Isi also für mich in keiner Weise in sich jemals diese Opferrolle annimmt, die man manchmal ja an manchen Stellen bei "Frances Ha" das Gefühl bekommt, obwohl ich den Film sehr, sehr gerne mag.

Und das war mir auch total wichtig, dass man sie verstehen kann und dass man ihr nahekommt und dass man nicht das Gefühl hat: Jetzt krieg mal deinen Arsch hoch und das Leben ist gar nicht so schlimm! Und ich hoffe, das kommt in dem Film auch rüber, dass man mit Isi mitgeht in ihrem Weg und ihren Zielen und in ihrem Erwachsenwerden und im Finden im Platz im Leben.

Parallelen zu Fitzgeralds "Die Schönen und Verdammten"?

Burg: Gespiegelt wird das Ganze ja auch noch mit einem Hörbuch, das Isi hört, und sie will dazu einen Grafic Novel zeichnen, nämlich F. Scott Fitzgeralds "Die Schönen und die Verdammten", ein Buch von 1922, das eben auch häufig gesehen wird so als Zeitporträt des Jazz Age. Gibt es da wirklich auch so Parallelen zwischen Isis Lebensentwurf und dem, was Fitzgerald porträtiert?

Hufnagel: Ja, das war total witzig. Also, Isi ist ja Illustratorin in dem Film und wir wollten die Innenwelt von Isi darstellen. Und ich hatte irgendwie das Problem, dass die Innenwelt für mich wahnsinnig unvisuell ist und wir jetzt auch keine klassische Off-Stimme gesucht haben. Und dann haben wir einen Weg versucht zu finden, das mit den Zeichnungen und ihrem Wunsch, Illustratorin zu werden, zu kombinieren. Und dann ist Sina Flammang, die Autorin, auf das Buch von Scott Fitzgerald gekommen und wir haben das gelesen - das ist aus dem Jahr 1922, fast 100 Jahre alt -, und die Zitate, die gibt es dann eben auch im Film und die passen eins zu eins eigentlich auf unsere Generation heute.

Und ich habe gelesen und gelesen und unterstrichen und unterstrichen und irgendwann fast das ganze Buch unterstrichen, und so kam es eben auch, dass wir dann die Stellen rausgesucht haben, die Isis Innenleben spiegeln und dem Ganzen eine visuelle und filmische Erzählweise geben. Und genau, wir haben die Hauptfigur geändert. Bei Scott Fitzgerald ist das eigentlich ein Mann und bei uns ist das quasi eine weibliche Protagonistin.

Burg: Und diese Protagonistin wohnt in München, einer Stadt, die Sie jenseits des schicken, malerischen, historischen Münchens zeigen, das man sonst so häufig sieht. Was für ein München-Bild wollten Sie schaffen?

Hufnagel: Also, ich komme ja eigentlich aus dem Rheinland, wohne jetzt aber schon zwölf Jahre in München und habe versucht, dieses Gefühl, was ich von München hatte, als man jetzt hierhin gezogen ist, und wie man die Stadt wahrgenommen hat, zu zeigen, und ich war selber total ... Also, ich hatte wirklich die klassischen Klischees von München, als ich hierhin gezogen bin, um dann festzustellen, dass das teilweise gar nicht so ist, und dann irgendwann festzustellen, dass es gar nicht so ist. Also, es gibt bestimmt auch diese Ecken, aber in denen halte ich mich jetzt nicht unbedingt auf. Und deswegen habe ich versucht, das München zu zeigen, was für mich München ausmacht.

"Total wichtig, dass der Film in München spielt"

Und der Film ist auch total wichtig, dass er in München spielt oder eben nicht in Berlin. Also, in München habe ich so wahrgenommen, dass ganz viele von meinen Freunden auch andere Jobs haben. Also, man hat seine ... ich nenne es jetzt mal Künstlerfreunde, Kommilitonen an der HFF, und viele Leute, die gar nichts mit Kunst zu tun haben. Und in Berlin ist es oft so, dass man in so einer Blase ist von Leuten, die ganz viel mit Kunst machen, und dass man da auch in so einer Spätzünderblase ist, da fällt es irgendwie gar nicht auf, dass andere einen anderen Job haben und morgens um acht zur Arbeit gehen und abends um fünf wiederkommen.

Und hier in München war es tatsächlich so, dass man dieses Gefühl jedes Mal zwischen Berlin und München, oder wenn man in unterschiedlichen Städten ist oder in beiden Städten ist ... merkt man halt total, dass das doch was ganz anderes ist, auch diese Spätzünderblase eine andere ist oder man die anders wahrnimmt. Und deswegen haben wir den Film extra in München spielen lassen, nicht nur weil wir die Stadt gut kennen, sondern auch, weil ich die Geschichte hier für Isi einfach viel glaubhafter und authentischer fand.

Burg: Sie haben ja schon einige Kurzfilme gemacht, der Film lief auch bei Festivals. Wie fühlt es sich jetzt eigentlich an, einen Kinostart zu haben?

Hufnagel: Ganz, ganz großartig. Es ist unfassbar toll, dass wir jetzt ins Kino kommen, weil wir jetzt so lange an dem Film gearbeitet haben. Und man sitzt dann immer im kleinen Kämmerchen, nenne ich es jetzt mal, oder mit demjenigen, mit dem man gerade an dem Film arbeitet, nach dem Dreh, und ganz lange ist man irgendwie weggesperrt und hat Angst, wie der Film ankommt, und verliert dann irgendwann auch das Gefühl dafür, dass man jetzt wirklich gerade einen Kinofilm macht. Und jetzt hatten wir Premiere und das war ein ganz tolles Gefühl, dass der Film jetzt endlich auf der Leinwand ist und dass Leute darauf reagieren, sich wiedersehen, ganz viel darüber lachen können. Und dass er jetzt auch deutschlandweit ins Kino kommt, ist natürlich total toll.

Burg: Und das tut er am Donnerstag, da kommt er in die Kinos. "Einmal bitte alles", so heißt der Film und ist ein Kinodebüt von Helena Hufnagel. Vielen Dank fürs Gespräch!

Hufnagel: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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