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Mittwoch, 17.01.2018

Länderreport | Beitrag vom 14.12.2017

Heinrich Böll und seine Geburtsstadt"Köln liegt da, wo ich die Unbekannten kenne"

Von Matthias Kußmann

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Der Schriftsteller Heinrich Böll in seiner Bibliothek, aufgenommen am 07.12.1970. (dpa)
Der Schriftsteller Heinrich Böll in seiner Bibliothek, aufgenommen am 07.12.1970. (dpa)

Vor 100 Jahren wurde Heinrich Böll in Köln geboren. Für den Schriftsteller war sie die Stadt der alten Gesichter. An der Seite seines Sohnes René Böll erkunden wir die Heimat des Literaturnobelpreisträgers.

"Meine Erinnerung an die Straßen meiner Kindheit, Teutoburger Straße, wo ich gebo­ren bin, und Karo­linger­ring, Ubierring, dieses Südstadt-Viertel, wird immer kälter. Wenn ich zufällig dort hingerate, empfinde ich fast gar nichts …"

… sagte Heinrich Böll in den 70er-Jahren in einem Interview.

"Das Verhältnis zu Köln war ambivalent ..."

… erklärt sein Sohn René Böll. Wir treffen uns in Köln und begeben uns auf die Spuren seines Vaters.

"Einerseits fühlte er sich hier sehr zu Hause. Aber er hat ja mal gesagt, es gebe für ihn vier Köln. Das erste war das Vorkriegs-Köln, seine Kindheit und Jugend. Dann das Köln der Nazizeit, das zerstörte Köln und das wieder aufgebaute. Und ich glaube, das letzte war ihm doch sehr fremd. Es ist ja auch ne sehr hässlich aufgebaute Stadt, muss man leider sagen. Und es ist ja noch sehr viel in den 70er-, 80er-Jahren ab­gerissen worden, zusätzlich, zu der Zer­störung."

Wir beginnen unsere Tour mitten in der Stadt, am Dom. Den mochte der Katholik Böll nicht, viel zu protzig. Ihm ge­fielen die be­schei­denen romanischen Kirchen. Auch der Rummel und Lärm auf dem Domplatz wäre ihm wohl auf die Nerven gegangen.

Mit dem Zug nach Moskau

"Wir stehen jetzt vor dem Kölner Dom, mit Blick auf den Bahnhof, der ja im Leben meines Vaters eine sehr große Rolle gespielt hat. Von hier haben ja die vielen Reisen angefangen. Wir sind damals wenig geflogen, meistens mit dem Zug gefahren. Sogar nach Moskau mit dem Zug gefahren, von Köln direkt, da gab´s ne Direktverbindung. Die Reise nach Irland ist hier ge­startet. Und die ganzen Lesereisen, die mein Vater gemacht hat. Er hat ja, ich glaube, über 250 Lesungen gemacht in den 50er-Jahren, 60er-Jahren. Es war damals für die Autoren eigentlich die beste Möglich­keit, Geld zu verdienen und bekannt zu werden. Und da ist er immer vom Kölner Bahnhof, der auch in vielen Erzählungen und Romanen eine Rolle spielt, von hier abgefahren."

Und heute ist direkt gegenüber Kiepenheuer und Witsch, der Verlag von Heinrich Böll.

"Der war ja früher in der Marienburg, erst am Hansaring, dann in der Marienburg, ein Kölner Vor­ort. Und jetzt seit 12, 15 Jahren hier direkt am Dom, weil das andere Haus wurde zu klein."

"Der Rhein war für meinen Vater sehr wichtig. Auch zum Spazierengehen, als Ort der Ruhe. Auch als Grenze. Mein Großvater hat immer gesagt, drüben fängt Sibirien an, auf der anderen Rheinseite. Das war so´n bisschen Kölsche Arroganz auch. Dieses Bewusstsein der Grenze war doch immer stark. Hier war der römische Teil, drüben war der germanische Teil. Nicht Berge – Flachland, niederländi­sche weite Landschaft. Weit sehen können, Spazieren­gehen am Rhein. Schiffe beobachten. Wir haben in der Kindheit ja auch nahe am Rhein gewohnt, da sind wir sehr viel am Rhein auch spazieren gegan­gen immer."

Heinrich Böll, aufgenommen am 29. September 1983. (dpa)Heinrich Böll, aufgenommen am 29. September 1983. (dpa)

Der Rhein - ein sehr, sehr schmutziger Fluss

Er hat auch von der "Melancholie des Rheins" gesprochen. Das war für ihn kein heiterer Fluss.

"Ist kein heiterer Fluss, nein. Er war in den 60er-Jahren sehr, sehr schmutzig auch, er roch wirklich nach Chemie. Man hat behauptet, man hätte damals Fotos im Rhein entwickeln können. Das ist vielleicht übertrieben, aber so in die Richtung ging es schon."

Wir fahren vom Rhein in die Kölner Südstadt. Dort wurde Heinrich Böll am 21. Dezember 1917 geboren. In der Teutoburger Straße 28, einem großen Eck­haus aus der Zeit um 1900.

"Wir stehen jetzt vor dem Geburtshaus meines Va­ters. Hier hat er ja nur relativ wenige Jahre gewohnt, sie sind ja dann in den Kölner Vorort Raderthal gezogen, in ein Haus, was er sehr gern gehabt hat, mit großem Park, mit Garten."

Das Haus steht heute nicht mehr.

"Dieses Haus musste mein Großvater dann verkaufen, weil er für eine Bank gebürgt hat, die pleite gegangen ist, eine Handwerkerbank. Da hat er eben das Haus ver­loren und dann sind sie wieder in die Stadt zurück­gezogen."

… in die Kölner Südstadt.

"Ja, Südstadt war schon sehr wichtig, da hat er doch den größten Teil seiner Jugend verbracht. Er hat ja auch seine Erinnerungen darüber geschrie­ben, "Was soll aus dem Jungen bloß werden?", über seine Schul­zeit in der Nazizeit, das spielt ja alles in der Süd­­stadt. Das sind alles diese Straßen hier, in denen das spielt."

"Der gute Mensch von Köln"

Die Tür des Geburtshauses besteht heute aus massivem Glas.

"Auf der Eingangstür ist das Porträt meines Vaters graviert, nach einem Foto von mir gemacht. Und ein Zitat von Lew Kopelew: ‚Der gute Mensch von Köln‘. Mein Vater hat so was nicht so gern gehört, obwohl er sich immer sehr um andere Menschen gekümmert hat, grade für Lew Kopelew sich sehr eingesetzt hat."

… den verfolgten sowjetischen Schriftsteller …

"… und überhaupt für viele Leute im Osten viel getan hat. Meistens ohne das groß publik zu machen, weil man den Leuten damit eher geschadet hätte."

In Heinrich Bölls Kindheit lebten viele Arbeiter und Handwerker in der Südstadt. Sein Vater war Kunst­schreiner. Später hat Böll in seinen Büchern oft über sogenannte "kleine Leute" ge­schrie­ben. Wie hat sich die Südstadt im Lauf der Zeit ver­ändert?

"Der Stadtteil ist heute sehr beliebt geworden. Ich hab hier studiert in den 60er-, 70er-Jahren. Da waren hier viele Studenten, viele heruntergekommene Wohnun­gen. Heute ist alles sehr schick renoviert, sehr teuer geworden und für Familien fast nicht mehr bezahlbar. Leider, so ne Gentrifizierung findet auch hier statt."

Als Böll 1946 aus amerikanischer Kriegsgefangen­schaft zurück­kam, zog er in die Schiller­straße 99 im Stadtteil Bayenthal. Dort ent­standen erste Romane und Er­zäh­lungen, die ihn bald be­kannt mach­­ten. Sie erzählen von den Wun­den, die der Krieg in den Seelen der Men­schen hinterlassen hat. - René Böll wurde in der Schil­ler­straße 99 geboren und ist dort aufgewachsen. Jetzt erkennt er das Haus kaum wieder, er war lange nicht da.

"Die Seite oben ist leider ganz umgebaut worden. Das war seine Mansarde hier. Die ist gar nicht mehr da. Ich glaub, man hat das Haus total entkernt und ganz verändert, es ist ein ganz andres Haus gewesen."

Aus dem Arbeitszimmer ist eine geräumige Küche geworden

Wir drücken auf gut Glück die Klingeln an der Haus­tür. Vielleicht lässt uns jemand rein und wir können schauen, ob im Haus noch etwas an damals erinnert.

Wir können in die Wohnung im Dachgeschoss – die Etage mit der Mansarde, in der Böll schrieb. Ob es das Zimmer noch gibt? Ein elf-, zwölf-jähriger Junge lässt uns herein. Er weiß, dass einen Stock tiefer "mal einer gewohnt hat", wie er sagt, und zeigt uns die Woh­nung. Tatsächlich: Wir werden fündig.

"Heute ist eine Küche hier eingebaut. Das muss damals das Arbeitszimmer meines Vaters gewesen sein. Es war natürlich viel kleiner als die Küche jetzt ist, es war wenige Quadratmeter groß. In die­sem Raum hat er einen großen Teil vor allem seiner Erzählungen geschrieben. Die frühen Erzählungen sind fast alle hier entstanden, in diesem Raum."

Heinrich Böll bei einer Dichterlesung im Jahr 1973 (dpa)Heinrich Böll bei einer Dichterlesung im Jahr 1973 (dpa)

Wie sein Vater trägt auch René Böll seine Gefühle kaum nach außen. Doch es scheint ihn zu bewegen, nach vielen Jahren wieder in seinem Geburts­haus zu sein – und das alte Schreib­zimmer des Va­ters zu finden, wenn auch verändert. Unsere nächste Station ist die Hülch­rather Straße 7 im Agnes-Viertel. 

Dort lebte Heinrich Böll ab 1969. In dem Jugend­stil­bau be­wohnte er mit seiner Familie eine weit­läufige Etage.

"Arbeitszimmer war hinten raus. Hier vorne war Büro, Bibliothek und dann kamen die Zimmer der Kinder und Schlafzimmer meiner Eltern und Arbeitszimmer. Das war die letzte innerstädtische Wohnung bis 82 oder 83, dann sind meine Eltern zu uns aufs Land gezogen, zu meiner Frau und mir, nach Bornheim, zwischen Köln und Bonn. Weil die Wohnung zu groß war und es war zu beschwerlich für meinen Vater, die Treppen zu steigen. Er konnte nicht mehr so gut laufen und so waren wir auch näher zusammen."

Nur eine halbe Ehrung

1972 erhielt Böll den Lite­ratur­nobel­preis, der auch den kritischen Zeitgenossen würdigte, der sich öffent­lich zu sozialen und politischen Problemen äußerte. Doch als er in einem Essay schrieb, dass eine Terroristin wie Ulrike Meinhof nicht gleich die ganze Bundesrepublik gefährde, wurde der Pazifist Böll von Politikern als "geistiger Urheber" der RAF ge­schmäht.

"Andererseits muss man sagen, dass die Stadt Köln sich immer sehr solidarisch verhalten hat. In der schlimmsten Zeit, 77, als die Hausdurchsuchungen bei uns waren, als mein Vater und wir, die ganze Familie in der Presse ungeheuer diffamiert wurden, hat die Stadt Köln einen Empfang für ihn ausgerich­tet zum 60. Geburtstag. Das war keine Selbstver­ständ­lich­keit, das hätten viele Städte nicht gemacht. Das hat mein Vater der Stadt auch hoch angerech­net."

Heinrich Böll starb am 16. Juli 1985. Er wurde in Merten, in der Nähe von Köln beerdigt. Zwei Jahre vor seinem Tod wurde er Kölner Ehrenbürger. Die CDU im Stadtrat war zuerst da­gegen, wegen der kritischen Essays.

"Sie wollte den Literaten, den Novellisten und Ro­mancier ehren, aber nicht den Essayisten oder Redner. Und da hat er gesagt: Ne halbe Ehrung ist auch ne halbe Diffa­mierung, das kann er natürlich nicht annehmen. Dann hat man sich auf Kölsche Weise auf so ne Kompro­miss geeinigt. Ein bisschen abgemildert war die Ehrung für den Essayisten, die aber schon noch vorkam. Ich hab die Formulierung jetzt nicht im Kopf, aber das war dann akzeptabel und hat ihn auch gefreut."

Heinrich Böll: "Jeder täuscht sich, der eine Ehrung einem Autor zuteil lassen möchte, der ganz und allen passt, einem ‚ausgewogenen‘. Dann ist er kein Autor mehr, den sie ehren möchten, nur noch ein Langweiler."

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