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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 09.06.2010

Go East

Warum Ost-Unis attraktiver für Studenten werden müssen

Von Günther Lachmann

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Portal der Universität Viadrina Frankfurt (O.) (Heide Fest)
Portal der Universität Viadrina Frankfurt (O.) (Heide Fest)

Diese Chance bekommt Ostdeutschland nur einmal: Im Sommer drängen voraussichtlich rund 400.000 Studenten an die deutschen Hochschulen – so viele wie noch nie. Und Ostdeutschland sollte sich bemühen, möglichst viele davon für sich zu gewinnen. Nimmt man Berlin mit hinzu, studiert derzeit nur knapp ein Fünftel aller Studenten an ostdeutschen Hochschulen. Das ist, weiß Gott, nicht viel. Und ohne Berlin sind es noch deutlich weniger, nämlich gerade mal 300.000 von insgesamt 2,1 Millionen Studenten.

Warum sind Studenten für die ostdeutschen Länder so wichtig? Weil ihnen sonst auf lange Sicht der Niedergang ihrer traditionsreichen Hochschullandschaft und damit ein weiterer schwerer Rückschlag für die wirtschaftliche und demografische Entwicklung droht.

Und warum zieht der Osten so wenige Studenten an? Ganz entscheidend hat die Abwanderung von Millionen Bürgern nach der Wende dazu beigetragen. Diese Menschen waren in der Regel gut ausgebildet und stammten aus den Babyboomer-Jahrgängen zwischen 1955 und 1965. Mit ihnen haben die Länder nicht nur ihre geburtenstärkste Generation verloren, sondern auch deren Kinder. Die dürften vermutlich bald an westdeutschen Universitäten studieren. Denn Studienanfänger im Westen sind seit eh und je sehr heimattreu. Der Niedersachse studiert in Hannover, der Nordrhein-Westfale in Köln und der Bayer in München.

Nur im Osten ist das seit der Wende nicht mehr so. Der Thüringer entscheidet sich nicht zwangsläufig für Erfurt, der Sachse nicht unbedingt für Dresden. Ein Fünftel der Ost-Abiturienten zieht es weiterhin jedes Jahr zum Studieren an eine westdeutsche Hochschule. Damit schwächen sie nicht nur die ostdeutschen Hochschulstandorte. Weitaus gravierender für die die Entwicklung der Regionen ist, dass die rein zahlenmäßige Entvölkerung der ostdeutschen Länder anhält. Und es gehen nach wie vor auch die klügsten Köpfe.

Dabei sind die ostdeutschen Hochschulen besser als ihr Ruf. Nach der Wende litten sie teils zu Recht unter ihrem DDR-Plattenbau-Image. Da wollte keiner freiwillig hin. Inzwischen aber wurden sie für viel Geld ausgebaut und zählen zu den modernsten Europas. Die westdeutschen Hochschulen werden in den kommenden Jahren restlos überlaufen. Zigtausende Studienbewerber müssen sich neu orientieren. Viele werden bereits jetzt mit dem Gedanken spielen, in die Benelux-Länder oder nach Österreich auszuweichen. Genau das aber darf der Osten nicht zulassen. Und er muss die wirtschaftlichen Chancen nutzen, die sich aus vitalen Studienstandorten ergeben.

Wenn man es richtig anstellt, dann wirken Hochschulen wie Magneten auf mittelständische Unternehmen. Es entstehen Arbeitsplätze für Akademiker und für einfache Berufe, und es wächst ein familienfreundliches Umfeld für junge Leute. Die Hochschulen könnten so die Quelle für die dringend notwendige Revitalisierung der ostdeutschen Regionen werden. Sie sollten diese Chance nutzen.

Günther Lachmann, Jahrgang 1961, ist Journalist und Buchautor. Er verantwortet die politische Berichterstattung auf WELT ONLINE. Zuvor war er viele Jahre politischer Korrespondent der "Welt am Sonntag" und der Tageszeitung "Die Welt". Im Piper-Verlag erschienen von ihm die Bücher "Tödliche Toleranz – Die Muslime und unsere offene Gesellschaft" sowie "Von Not nach Elend – Eine Reise durch deutsche Landschaften und Geisterstädte von morgen".

Politisches Feuilleton

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