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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 29.05.2007

Gerade wir als Deutsche ...

Die Israel-Debatte (1)

Von Henryk M. Broder

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Der israelische Verteidigungsminister Amir Peretz begrüßt Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier in Jerusalem. (AP)
Der israelische Verteidigungsminister Amir Peretz begrüßt Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier in Jerusalem. (AP)

Der Boden der deutschen Geschichte reicht nicht nur bis nach Königsberg in Ostpreußen, Hermannstadt in Siebenbürgen und Strasbourg im Elsass, er reicht weiter: bis nach Israel, einen Teil des früheren Palästinas.

Das hat gleich mehrere Gründe: Erstens gab es schon seit 1870 Templer-Kolonien im Heiligen Land, später sogar Ortsgruppen der NSDAP, zweitens träumte der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II, von einem deutschen Protektorat "Palästina" mit ihm als Schutzherr der Heiligen Stätten, drittens hat der Holocaust wesentlich zur Gründung des Staates Israel beigetragen. Man kann sich darüber streiten, ob es heute einen "Judenstaat" im Nahen Osten geben würde, wenn es den deutschen Versuch der Endlösung der Judenfrage in Europa nicht gegeben hätte, aber das ist weitgehend eine akademische Frage. Es spricht mehr dagegen als dafür.

Sowohl die Bundesrepublik wie Israel sind nationale Produkte des Zweiten Weltkrieges. Israel, 1948 gegründet, ist sogar ein Jahr älter. Beide Staaten teilen sich ein Stück Geschichte, in der die Deutschen den aktiven und die Juden eher den passiven Part spielten. So gesehen ist es verständlich, wenn sowohl in Deutschland wie in Israel immer wieder von den "besonderen Beziehungen" und der "historischen Verantwortung Deutschlands für Israel" gesprochen wird. Aber im Laufe der Zeit sind diese Sätze zur Phrase verkommen, die mit obskurem Inhalt gefüllt wird.

Die besonderen Beziehungen und die historische Verantwortung haben sich von ihren Ursachen losgelöst und verlagert. Es geht nicht mehr um die Opfer der deutschen Geschichte, sondern um die Opfer der zionistischen Politik, nicht die Juden beziehungsweise die Israelis, sondern die Palästinenser, die so genannten "Opfer der Opfer". Dass die Israelis die Palästinenser heute so behandeln, wie die Nazis seinerzeit die Juden behandelt haben, ist ein Gemeinplatz, der sich fest im allgemeinen Bewusstsein etabliert hat, obwohl er so falsch ist, dass man ihn nicht einmal dementieren kann, wenn man sich nicht im Ton vergreifen will. Zum Beispiel durch den Hinweis darauf, dass die Palästinenser zu den privilegiertesten "Opfern" der Geschichte zählen, die sich des Mitgefühls der ganzen Welt sicher sein können, während die Opfer anderer Konflikte es viel schwerer haben, auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen.

Es gibt überall in Europa Palästina-Komitees und pro-palästinensische Aktionsgruppen, aber nirgendwo treibt die Palästina-Begeisterung so seltsame Blüten wie in Deutschland. Schriftsteller, Intellektuelle und andere Müßiggänger schreiben Appelle und Offene Briefe, in denen sie detailliert darlegen, wie der Nahostkonflikt gelöst werden sollte; Politologen verfassen Manifeste, wie das Verhältnis der Bundesrepublik zu Israel "normalisiert" werden könnte; emeritierte Historiker entwerfen Pläne und skizzieren Landkarten, um das historische Palästina neu aufzuteilen, diesmal nicht entlang einer Nord-Süd sondern einer Ost-West-Achse, was größere Umsiedlungsaktionen zur Folge hätte. In den Fußgängerzonen der Städte finden Mahnwachen gegen "die Mauer" statt, Mahnwachen, die es nie gegeben hat, so lange Berlin durch eine Mauer geteilt war. Alle diese Aktivitäten tragen obsessive Züge an der Grenze zur Hysterie. Besonders beliebt und gefragt sind Unterschriftenaktionen, die von "kritischen Juden" initiiert werden -die sind entweder zum Judentum konvertiert, um es von innen heraus aufzumischen, oder sie haben wenigstens eine jüdische Oma beziehungsweise einen jüdischen Opa, was - ganz im Sinne der Nürnberger Gesetze - schon reicht, um als Jude mitmachen zu dürfen.

Was alle diese Appelle, Aufrufe, Manifeste und Offenen Briefe gemeinsam haben, ist die Zauberformel "Gerade wir als Deutsche", mit der sie entweder anfangen oder enden. Gemeint ist eine besondere historische Kompetenz, die sich aus der deutschen Geschichte ergibt: Wir Deutsche haben aus der Geschichte gelernt, deswegen sind wir dazu berufen, aufzupassen, dass andere unsere Fehler nicht wiederholen, denn wir wissen, wie so was endet: in der Katastrophe. Es ist, als ob resozialisierte Gewalttäter es sich zur Aufgabe gemacht hätten, ihren ehemaligen Opfern als Bewährungshelfer beizustehen.

Was wie eine noble Geste aussieht, ist nur ein Ausdruck von Arroganz und Ignoranz. Wer Israel Ratschläge erteilt, sollte vorher überlegen, wie er sich verhalten würde, wenn jede Busfahrt, jeder Besuch in einem Cafe ein unkalkulierbares Risiko bedeuten würde. Und wer von Israel Konzessionen fordert, aber keinen Blick in die politischen Programme von Hamas und Hizbollah wagt, der muss sich sagen lassen: Wenn die militanten Palästinenser die Waffen niederlegen, gibt es Frieden. Wenn Israel die Waffen niederlegt, gibt es kein Israel mehr.

Henryk M. Broder wurde 1946 in Katowice/Polen geboren, 1958 kam er mit den Eltern in die Bundesrepublik, wo er Jura und Volkswirtschaft studierte. Er lebt heute in Berlin und Jerusalem. Broder machte sich als freier Schriftsteller und kritischer Journalist einen Namen. Er schrieb für renommierte Zeitungen und für das Fernsehen, derzeit arbeitet er als Reporter für den "SPIEGEL". Zu seinen bekanntesten Büchern zählen "Der ewige Antisemit", "Erbarmen mit den Deutschen" und "Volk und Wahn".

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