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Donnerstag, 14.12.2017

Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 20.05.2017

Gemeinsames LernenFür und wider Inklusion

Moderation: Matthias Hanselmann

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Inklusion (picture alliance/dpa/Foto: Uwe Anspach)
Inklusion in einer Mannheimer Schule (picture alliance/dpa/Foto: Uwe Anspach)

Seit 2009 gilt in Deutschland die UN-Konvention, die die Vertragsstaaten verpflichtet, ein inklusives Schulsystem auf allen Ebenen zu schaffen: Kinder mit und ohne Behinderung sollen gemeinsam lernen. Seit dem wird darüber gestritten. Am heutigen Samstag auch bei uns.

Sie ist eines der Streitthemen in der Bildungsdebatte: Die Inklusion. Seit 2009 gilt in Deutschland die UN-Konvention, die die Vertragsstaaten verpflichtet, ein inklusives Schulsystem auf allen Ebenen zu schaffen – also, dass behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam lernen. Und dass kein Kind gegen den Willen der Eltern auf eine Förderschule überwiesen werden darf.

Bisher erhalten in Deutschland jedoch nur etwa 25 Prozent aller Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf die Möglichkeit eines gemeinsamen Unterrichts in einer allgemeinen Schule. Andere Länder, wie z.B. Italien oder auch die nordeuropäischen Länder sind da viel weiter. Zuletzt war das Thema eines der Wahlthemen in Nordrhein-Westfalen. Und auch außerhalb von NRW wird über die Chancen und Grenzen des gemeinsamen Lernens diskutiert.

Warum hinkt Deutschland in Sachen Inklusion so hinterher?
Wo liegen die größten Hürden und Herausforderungen?
Was muss passieren, damit die Inklusion an Schulen gelingen kann?
Und ist sie wirklich für jedes Kind geeignet?

Behinderte nicht während der Schulzeit absondern

"Wenn wir wollen, dass Behinderte in der Mitte der Gesellschaft aufwachsen, können wir sie nicht während der Schulzeit absondern", sagt Prof. Dr. Jutta Schöler.

Die emeritierte Erziehungswissenschaftlerin von der TU Berlin setzt sich seit fast vier Jahrzehnten für ein gemeinsames Aufwachsen, Lernen und Leben von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen ein – und für eine Abschaffung der Förderschulen. Sie hat mehrere Bücher zum Thema verfasst und ist in der Lehrerbildung aktiv. Sie berät Eltern und Schulen, schreibt Expertisen zur Inklusion – und ist Initiatorin des Jakob-Muth-Schulpreises für herausragende Inklusionsprojekte.

Für ihr Engagement erhielt sie 2013 das Bundesverdienstkreuz. Ihre Erfahrung: "Die größte Herausforderung ist, dass die Lehrer lernen müssen, zu kooperieren."

Sie rate Schulleitern daher, ihr Kollegium rechtzeitig vorzubereiten und fortzubilden, für die verlässliche Begleitung durch Sonderpädagogen zu sorgen und auch die Eltern hinreichend zu informieren. Voraussetzung für eine gelingende Inklusion seien zudem kleinere Klassen, damit sich die Lehrenden um die Bedürfnisse aller Kinder kümmern können.

Ihre Überzeugung: "Eine gute Schule für alle Kinder ist auch die gute Schule für Kinder mit Behinderung. Oder: In einer guten Schule sind Kinder mit Behinderung nicht störend! Im Gegenteil: Sie sind eine Bereicherung!"

Derzeitige Inklusion führe in eine Sackgasse

"Nicht eine Schule für alle, sondern für jedes Kind die beste", fordert dagegen Michael Felten.

Der Gymnasiallehrer aus Köln ist ein Kritiker der Inklusion. Die Inklusion, wie sie derzeit betrieben werde, sei "eine flächendeckende Billigversion der Integration" und führe in eine bildungspolitische Sackgasse. Sie sei überhastet eingeführt, die Schulen schlecht ausgestattet und größtenteils konzeptionslos umgesetzt. Die Folgen:

"Behinderte Kinder, die man nur noch ruhigstellt; engagierte Lehrer, die sich vorzeitig pensionieren lassen; eine Heterogenität in den Klassen, die nicht mehr zu bewältigen ist."

Er plädiert daher für den Erhalt der Förderschulen. Seine Gegenargumente hat er in dem Buch "Die Inklusionsfalle" zusammengefasst. Er betreibt zudem das Internetportal "Inklusion als Problem". 

Sein Appell: "Wir müssen offener darüber reden, was an Inklusion sinnvoll ist und was nicht."

Streitfall Inklusion in der Schule

Darüber spricht Matthias Hanselmann am 20. Mai von 9 Uhr 05 bis 11 Uhr mit Jutta Schöler und Michael Felten. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800 2254 2254, per E-Mail unter der Telefonnummer 00800 2254 2254, per E-Mail unter gespraech@deutschlandradiokultur.de – sowie auf Facebook und Twitter.

 

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