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Weltzeit | Beitrag vom 08.02.2017

Gekaufte Republik MexikoBürger gegen Drogenhändler und Polizei

Von Michael Castritius

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Bewaffnete Zivilisten halten Wache in der Stadt Chilapa im Süden von Mexiko. (dpa / picture alliance / EFE / Jose Luis De La Cruz)
Bewaffnete Zivilisten halten Wache in der Stadt Chilapa im Süden von Mexiko. (dpa / picture alliance / EFE / Jose Luis De La Cruz)

Etwa 200.000 Getötete und 28.000 Verschwundene in einem Jahrzehnt – das ist die Realität in Mexiko. Die organisierte Kriminalität hat das Land fest im Griff, und in der Not greift mancher brave Bürger zur Waffe.

Diese typische Schießerei hat ein Soldat 2015 per Handy mitgeschnitten, als seine Einheit ins Kreuzfeuer von Söldnern eines Kartells geraten war. Etwa 200.000 Menschen sind in den letzten zehn Jahren im mexikanischen Drogenkrieg getötet worden: Bandenmitglieder, Soldaten, Polizisten und immer wieder Unbeteiligte. Ganze Regionen, ganze Bundesstaaten, seien außerhalb staatlicher Kontrolle, klagt der Politologe Jorge Chabat:

"Die Narcos, die Drogenhändler, sind so blutrünstig wie immer, und ganz klar herrscht in Mexiko weitgehend Straffreiheit. Der Staat scheint überhaupt nicht zu existieren. Obwohl er alle Mittel einsetzt - auch die Armee - ist er unfähig, der Gewalt Herr zu werden. Wir fühlen uns total ohnmächtig. Mittelfristig müssten wir Anbau und Konsum von Drogen legalisieren. Aber da machen die USA natürlich nicht mit. Also können wir nur Polizei und Rechtssystem verbessern - und uns der Heiligen Jungfrau anvertrauen."

Zwar melden Nachrichten-Agenturen immer mal wieder naiv einen "Schlag gegen die Drogenmafia", wenn ein lang gesuchter Gangsterboss festgenommen worden ist: Aber das sind Erfolge derer, die auf Wespennester einschlagen. Einzelne Getroffene werden inhaftiert oder sterben, aber die Überlebenden schwärmen aggressiv aus. Bedrängte Kartelle zersplittern, immer neue Banden entstehen, verteilen sich in der gesamten Republik. Ihre Geschäftsfelder haben sie längst ausgedehnt: Entführungen, Erpressungen, Markenpiraterie, Zwangsprostitution, Schutzgelderpressung und Auftragsmorde.

Um Nachwuchs brauchen sich die mörderischen Banden nicht zu sorgen. Der Narco genießt unter vielen Jugendlichen hohes Ansehen. Er fährt die dicksten Autos, wohnt in Palästen, trinkt teuerste Alkoholika und schläft mit den schönsten Mädchen. Lieber kurz mit Geld im Drogenrausch leben, als lange im Elend. Das ist "la vida loca", das verrückte Leben. Armut produziert Verbrecher. Und die Menschen?

Sie leiden unter der unermesslichen Gewalt, 200.000 Ermordete in einem Jahrzehnt. Sie trauern und suchen, 28.000 Verschwundene. Sie fliehen vor Armut und Brutalität: 280.000 Vertriebene.

So viel Leid, so viele Tränen

In dieser Atmosphäre ziehen Mütter ihre Kinder groß. Mütter wie Rita Cruz Vargas. Ihre Heimat Michoacán wird seit Jahren terrorisiert vom organisierten Verbrechen, von mit ihnen verbandelten Politikern und von korrupten Sicherheitskräften:

"In unseren Familien gibt es so viel Leid. Mütter, die alleine sind, weil ihre Männer entführt und wahrscheinlich umgebracht worden sind. Manche mit acht, neun Kindern, bitterarm. Anderen Müttern wurden ihre Söhne genommen. So viele Tränen. Diese Frauen sind in ihrem Schmerz eingeschlossen. Sie brauchen vor allem Hoffnung, damit es in ihrem Leben weitergeht."

Rita Cruz Vargas hofft auf den Teil der katholischen Kirche, der aus den Bischofspalästen hinausgeht zu den leidenden Menschen. Ihr Kardinal Alberto Suárez Inda gehört dazu.

"Die Migration hat viele Familien zerstört, auseinandergerissen. Großen Nachholbedarf haben wir beispielsweise bei der Bildung. Da brauchen wir mehr Fürsorge und Engagement, damit künftige Generationen besser gewappnet sind. Wir brauchen Menschen, die Fähigkeiten, Wissen und Chancen haben, ihr eigenes Leben und die Gesellschaft zu verbessern."

Der "Wilde Westen" von Mexiko

Am späten Nachmittag macht der Platz im Zentrum der 26.000 Einwohner zählenden Gemeinde Tancítaro einen gemütlichen Eindruck. Volkstümliche Musik aus Lautsprechern, Kinder jagen Tauben über die Fläche, an Verkaufsständen riecht es, je nach dem, nach Fett oder nach Süßem.

Tancítaro liegt im Zentrum von Michoacán, einem der gefährlichsten Bundesstaaten. "Mexikos Wilder Westen" wird er genannt. Vom Pazifikhafen Lázaro Cárdenas gehen Drogenrouten aus, Mohn und Marihuana werden angebaut. Vom Platz aus ist der erloschene Vulkan Pico Tancítaro zu sehen, der der Umgebung nährstoffreiche Lava-Böden beschert hat. Darauf gedeiht das "grüne Gold" von Michoacán, die lukrative Avocado.

Die Frucht ist so wertvoll, dass ihr in der Mitte eines Kreisverkehrs ein großes Denkmal errichtet wurde. Deren Produzenten aber zahlen hohe Schutzgelder, rund 30 Prozent ihres Gewinns. Einnahmequellen, um die das organisierte Verbrechen kämpft. Auch in Tancítaro, zumindest bis 2013. José Alfredo Estrada Montero musste den Terror damals ertragen.

"Ich habe zwei meiner Brüder verloren, wir wissen nicht, was mit ihnen passiert ist. Die Verbrecher haben gedroht, uns zu zerstückeln, mit Motorsägen. Da wäre es doch besser, durch eine Kugel zu sterben."

Und dann die Hilflosigkeit, die Ohnmacht, das Allein-Gelassen-Werden, erinnert sich der 52-Jährige mit dem dichten Schnauzer. Einfache Bürger wie er haben sich bewaffnet, weil sie dem Staat nicht trauen. Der verspricht zwar Sicherheit, schafft aber immer mehr Unsicherheit.

"Der Regierung gefällt dasselbe wie den Vampiren: Vampire mögen auch die Dunkelheit. Wir haben überhaupt kein Vertrauen in die Politiker. Wie sollen wir auch, wenn die Täter in offiziellen Autos vorfahren und Uniformen tragen? Ich will eigentlich keine Waffe tragen, aber es geht um unser Leben. Die zersägen doch die Leute oder hängen sie auf."

Bürgerwehr hält korrupte Polizisten fern

José Alfredo Estrada Montero gehörte zu den Bewohnern von Tancítaro, die im November 2013 genug hatten. Sie ergriffen die Initiative, ergriffen die Waffen. Ihre Bürgerwehr hält seitdem das organisierte Verbrechen und korrupte Polizisten fern. Am Ortsrand zeugen eine zerstörte Pack-Station für Avocados und davor - wie Mahnmale - zwei ausgebrannte Lkw von den Kämpfen. Nein, ein Waffennarr sei er nicht, sagt Estrada Montero. Das AK47-Gewehr trage er nur während der Schicht - auf nächtlichen Patrouillen im Pick-up oder in einem der Betonbunker, die sie an den Ortseinfahrten gebaut haben.

Dicke Wände, Schießscharten, Sandsäcke davor. Hier kontrollieren sie, wer nach Tancítaro hinein will. Selbstverteidigung in einem Bundesstaat, in dem Polizisten, Staatsanwälte und Politiker bis hinauf zum Sohn des Gouverneurs im Sold des lokalen Drogenkartells, der "Tempelritter" gestanden haben und stehen. Das Geld der Mafia hat so manchen Wahlkampf finanziert. Oft stellen die Bandenbosse die einfache Machtfrage, und zwar jedem einzelnen Polizisten, Soldaten, Politiker: "Plata o plomo". Knete oder Kugel? Lass dich von uns kaufen, oder wir verpassen dir Blei. Auch so wurden Politik und Justiz Teil des Problems, nicht der Lösung.

Aber es gibt Hoffnungsschimmer. Mit der Betonung auf Schimmer, schwach glimmende Ansätze. Zivilgesellschaftliche Aktivitäten etwa, vor allem in den sozialen Netzwerken, aber auch im Alltag. Wie in Acapulco zum Beispiel.

Musik, Respekt und Liebe

Im armen Stadtteil Renacimiento üben mehr als 250 Kinder und Jugendliche auf klassischen Instrumenten. Auch ihr Orchester heißt "Renacimiento", Wiedergeburt. In Acapulco, der Stadt mit der dritthöchsten Mordrate der Welt, seien die Kinder an tägliche Gewalt gewöhnt. Schießereien und Leichen, aber auch Grobheiten und Aggressionen in der Schule sowie häufig auch zu Hause müssen sie erdulden. Dem will der Projektgründer, Dirigent Amílcar Montero, etwas entgegensetzen:

"Wir zeigen ihnen nicht nur Musik, wir zeigen ihnen Werte wie Respekt und viel Liebe. Zu diesem Orchester zu gehören, gibt ihnen Identität. Ich sehe, wie stolz sie plötzlich sind, wenn sie ihre Instrumente in den Händen halten. Sie verändern sich richtig, wenn sie auf die Bühne gehen und ihre Eltern im Publikum sehen."

Die 14-jährige Dafne kommt nach der Schule zur Probe. "Tausche Waffe gegen Instrument" – vor drei Jahren animierte sie diese programmatische Aufforderung des Orchesters. Durch die Musik, sagt Dafne, habe für sie und die anderen Kinder ein völlig neues Leben begonnen.

"Als wir damals anfingen, kamen viele, die Alkohol- und Drogenprobleme hatten. Nach und nach haben sie die Finger davon gelassen. Je mehr sie sich in die Musik vertieft haben, desto leidenschaftlicher wurden sie."

Drogen sind nur eines der vielen Probleme in Dafnes Viertel, das weit entfernt ist von der attraktiven Bucht Acapulcos. Was auch Vorteile habe, sagt Dafnes Mutter Liz, denn sie macht sich große Sorgen um ihre hübsche Tochter mit der langen, schwarzen Lockenpracht:

"Ich bin immer an ihrer Seite. Viele Mädchen prostituieren sich, weil sie darin die einzige Möglichkeit sehen, an Geld zu kommen. Oder sie verkaufen Drogen und nehmen selbst welche."

Dafne aber hat ein Ziel: Sie will Sängerin werden. Das Orchester-Projekt "Renacimiento" ist so erfolgreich, dass die staatliche Unterstützung vorerst gesichert ist. Ein Hoffnungsschimmer eben.

Die 43 verschwundenen Studenten

Beethoven in Acapulco, Guerrero. Das ist der Bundesstaat, in dem sich auf schockierende, aber auch entlarvende Weise, gezeigt hat, wie eng uniformierte Staatsdiener und das organisierte Verbrechen zusammenarbeiten. In einer Septembernacht 2014 wurde eine Gruppe von Lehramtsanwärtern aus Ayotzinapa von Polizisten aufgehalten. Seitdem sind 43 von ihnen verschwunden.

Mitglieder von Amnesty International protestieren in Berlin gegen Folter und zeigen Bilder von 43 verschwundenen Studenten. (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)Mitglieder von Amnesty International protestieren in Berlin gegen Folter und zeigen Bilder von 43 verschwundenen Studenten. (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)

Die offizielle Version der Staatsanwaltschaft: Die Polizei übergab sie einer Bande, die Verbrecher hätten sie dann ermordet und verbrannt. Allerdings wurde die Asche nie gefunden. Aufgeklärt ist im Kern bis heute nichts. Die 43 Studenten zählen somit zu den offiziell 28.000 Menschen in Mexiko, die verschwunden sind, erläutert Federico Mastrogiovanni, der ein viel beachtetes Buch über das Verschwinden-Lassen geschrieben hat:

"Man hat sehr viele, geheime Massengräber gefunden, voll mit Körpern und Skeletten. Aber keinerlei Überreste der 43 Studenten. Das provoziert viele Fragen: Wer sind die verscharrten Toten? Wer hat ihre Gräber geschaufelt? Mit wessen Erlaubnis? Gerade das konfliktreiche Guerrero ist seit 40 Jahren stark militarisiert. So viele Leichen, so viele Gräber, und weder Militär noch Polizei wollen etwas gemerkt haben? Das ist zumindest verdächtig."

"Ni vivos - ni muertos", heißt Mastrogiovannis Buch: "Nicht lebendig - nicht tot." Denn Verschwundene sind für die Angehörigen nicht gestorben, obwohl der Verstand sagt, "die sind tot", bleibt im Herzen doch ein Fünkchen Hoffnung.

"Wahrscheinlich sind die 43 tot, aber es nicht sicher. Das terrorisiert die Familien und lässt sie in einer Unsicherheit zurück, die nie aufhört."

Amnesty International geht sogar von mindestens 60.000 Verschwundenen aus. Darüber berichten darf man in Mexiko, es gibt Pressefreiheit. In der Theorie jedenfalls, praktisch wird sie durch die Besitzverhältnisse in der Medienbranche eingeschränkt. Denn die meisten Zeitungen und Hörfunksender gehören Unternehmern, die allzu viel Kritik verhindern. Unabhängige Medien sind auf Werbung angewiesen, und die kommt zu einem bedeutenden Teil vom Staat. Im Radio laufen permanent Spots von Ministerien, Behörden, Regierungen.

Die Risiken der Journalisten

Gefährlich wird es, wenn Journalisten investigativ arbeiten, gar Ross und Reiter nennen, wenn es um die Verbandelung von Politik, Wirtschaft und organisiertem Verbrechen geht. Seit der Jahrtausendwende wurden 114 Medienmitarbeiter ermordet, 20 weitere sind verschwunden, zählt die nationale Menschenrechtskommission. Die Journalistin und Autorin Ana Lilia Pérez lässt sich davon nicht abschrecken, geht aber mit ihren persönlichen Daten vorsichtig um. Sie erzählt nicht, wo sie wohnt, wie sie sich schützt:

"Wenn du als Journalistin immer wieder Risiken eingegangen bist, Todesdrohungen und Gewalt ausgesetzt warst, die dich sogar ins Exil trieben, dann überlegst du dir schon, ob es das wert ist. Zweifel sind täglich da, aber bis heute waren die Liebe und der Respekt zu meinem Beruf stärker. Und ich glaube, dass ich auf dem richtigen Weg bin."

Zwei Jahre lebte Ana Lilia Pérez im deutschen Exil. Das habe ihr das Leben gerettet. In dieser Zeit schrieb sie das Buch "Kokainmeere", das auf Deutsch erschienen ist. In den Konsumentenländern, klagt die Autorin, gebe es einfach kein Bewusstsein dafür, dass das weiße Pulver eigentlich blutrot sei. Mexiko bezahlt den Preis für das schmutzige Geschäft: mit Mord, Terror, Verschwinden-Lassen, Unterwanderung des Staates, Korruption.

Ana Lilia Perez ist mehrfach mit dem Tod bedroht worden - genauso wie der Karikaturist Rafael Pineda. Der floh deshalb aus dem östlichen Bundesstaat Veracruz nach Mexiko-Stadt. In der Anonymität des Molochs hofft er zu überleben:

"Das ist Zensur durch Gewalt, Zensur durch organisiertes Verbrechen, durch Amtsträger, durch Abgeordnete. In Bundesstaaten wie Veracruz werden außerdem Journalisten gekauft. Das Geschäft läuft so: Nicht die Wahrheit sagen, sondern das, was der hören will, der dich bezahlt."

Perverser Reichtum einer kleinen Schicht

Hoffnung für sein Land hat der politische Zeichner nicht. Mit der Wahl von Enrique Peña Nieto 2012 sei das alte System wiedergewählt worden. Die verkrusteten Strukturen und Seilschaften der früheren Staatspartei PRI, die 71 Jahre an der Macht war und nur zwischen 2000 und 2012 für zwei Legislaturperioden Präsidenten aus anderen Parteien erdulden musste.

Dabei hatte die Amtszeit von Peña Nieto auf Hochglanz angefangen. Wie ein Märchenprinz erschien er in der bunten Presse und bei Televisa, dem unangefochtenen TV-Marktführer, der ihn unterstützte. Für Televisa arbeitete auch seine zweite Gattin, Angélica Rivera, eine populäre Seifenopern-Darstellerin.

Heute aber ist er der Präsident mit den niedrigsten Popularitätswerten der jüngeren Geschichte seines Landes. Dazu beigetragen hat der preiswerte Bau seiner protzigen Villa, den ihm derselbe Baukonzern ermöglichte, der einen milliardenschweren öffentlichen Auftrag erhalten hatte.

Mit dem Trugbild eines reformfreudigen Präsidenten ist auch das Image Mexikos als aufstrebendes Schwellenland aus der Weltöffentlichkeit verschwunden. Mexiko ächzt unter Extremen. Über 50 Prozent der 120  Millionen Einwohner leben chancenlos in bitterster Armut. Eine kleine Schicht prasst daneben mit perversem Reichtum, bunkert sich in ummauerten Ghettos ein, verweigert soziale Verantwortung.

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