Seit 00:05 Uhr Freispiel
 

Montag, 18.12.2017

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 18.08.2015

"Gegenreden" von Uwe KolbeLeben in einer weichgespülten Welt

Von Michael Opitz

Podcast abonnieren
Der Dichter Uwe Kolbe zu Gast bei Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Filigran ist Uwe Kolbes Sprachkunst des Gegenredens (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Ist der Welt eher mit knallharten und politisch aufgeladenen Texten beizukommen oder mit dem sprachlichen Weichspüler? Bei der Liebe setzt Uwe Kolbe in seinem Gedichtband "Gegenreden" jedenfalls auf Radikalität.

Durch eine bemerkenswerte Gelassenheit zeichnen sich die neuen Gedichte des 1957 in Berlin geborenen Uwe Kolbe aus, die er in dem jüngst erschienenen Band "Gegenreden" vorlegt. Diese Haltung will auf den ersten Blick nicht zum Titel passen. Bräuchte es Widerspruch, Gegenrede, wenn wir in der besten aller möglichen Welten leben würden? Und wie müsste eine Gegenrede ausfallen, wenn das Mögliche längst noch nicht erreicht ist? Wir leben in einer "weichgespülten Welt" hat Uwe Kolbe jüngst in einem Interview festgestellt. Ist der eher mit knallharten und politisch aufgeladenen Texten beizukommen oder mit dem sprachlichen Weichspüler?

Uwe Kolbe, der 1980 mit dem Band "Hineingeboren" debütierte, greift als geübter Widersprecher für seine Gegenrede auf den Gesang zurück. "Ich rufe nicht / Ich folge nicht / Protest ist keines meiner Worte", heißt es in dem Gedicht "Daß ich so bin" aus dem Band "Hineingeboren"; ein Gedichtband, in dem Kolbe das beklemmende und lähmende Lebensgefühl einer Generation beschrieb, die in den 1950er-Jahren in der DDR geboren wurde. Inzwischen hat Uwe Kolbe das nervöse Berlin, in dem er damals lebte, verlassen. Nun wohnt er in Hamburg, seiner ersten Station nach seiner Ausreise in die Bundesrepublik 1988. 35 Jahre sind seit dem Erscheinen seines ersten Gedichtbandes vergangen. Das lyrische Repertoire von Kolbes Kunst des Gegenredens ist filigraner geworden, was sein neuer Gedichtband belegt.

Aus dem Reich der Liebe

Das schließt allerdings nicht aus, dass es gelegentlich auch scharfer Schnittwerkzeuge bedarf, um das erwartete Ergebnis herbeizuführen. "Gnadenlos" heißt das Gedicht, mit dem sein in sechs Kapitel gegliederter Lyrikband eröffnet wird. Bis auf den Strunk muss der in diesem Gedicht agierende Gärtner die Rosen zurückschneiden. Ein gnadenloses Vorgehen, der Anblick, kaum auszuhalten. Aber belohnt wird er für seine Radikalität, wenn die Pflanze wieder und noch dazu sehr viel schöner blüht. In der Eingangsstrophe aber legt das Gedicht eine weitere Spur, die nicht ins Gartenreich, sondern ins Reich der Liebe führt: "Oft bot sich mir die Liebe gnadenlos, / oft prallte ich darauf, trank bitteren Trunk". Liebesleid, als Einspruch gegen die Liebe, wird hier als eine Voraussetzung für späteres, noch vollendeter sich zeigendes Liebesglück angesehen.

Es sind in erster Linie die Liebesgedichte dieses Bandes, die eine Aussage über die Form möglicher Gegenrede treffen. Gelingende Zweisamkeit setzt Kolbe den Wirrnissen einer Welt entgegen, die er abstraft, indem er ihr weitgehend den Zugang zu seinen Gedichten verweigert. Gestutzt werden aber muss zuweilen auch die Liebe und beginnen sollte man damit beizeiten, so der Rat in einem der schönsten Gedichtes des Bandes. "Wenn die Liebe groß ist, mach sie wieder klein. / Wenn sie sich ein Haus baut, reiß es wieder ein", heißt es in "Kleinen Mannes Lied von der großen Liebe". Es endet mit den Zeilen: "Lass der Liebe niemals ihres, sonst wird sie zu gierig, / geht es hoch, will sie das Höchste, halt sie niedrig."

Uwe Kolbe: Gegenreden, Gedichte
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015
163 Seiten, 18,99 Euro

Mehr zum Thema:

DDR-Roman - Leben in einem Kokon des Ungesagten
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 27.02.2014)

Kunst und Diktatur - "Das Buch tritt hoffentlich einer Menge Leute auf die Füße"
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 25.02.2014)

Der Schriftsteller Uwe Kolbe
(Deutschlandfunk, Zwischentöne, 18.08.2013)

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Schriftsteller und ihre PseudonymeDie Lizenz zur Lüge
Tippen auf einer alten Schreibmaschine (imago / Busse )

"Pseudonyme sind wie kleine Menschen. Es ist gefährlich, Namen zu erfinden – ein Name lebt", schrieb Kurt Tucholsky, der unter anderem als Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel Texte veröffentlichte. Wozu dieses Versteckspiel vieler Autoren hinter Pseudonymen?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur