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Studio 9 | Beitrag vom 14.06.2017

Frust bei Air-Berlin-Mitarbeitern"Die Stimmung ist sehr zerrissen"

Von Philip Banse

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Der Schriftzug airberlin.com an einer Rolltreppe (picture alliance / dpa - Jannis Mattar)
Nichts geht mehr bei Air Berlin, das ist zumindest der Eindruck vieler Fluggäste. (picture alliance / dpa - Jannis Mattar)

Air Berlin ist ständig in den Negativ-Schlagzeilen: unpünktliche Flüge, hohe Schulden, unsichere Zukunft. Das Chaos setzt sich nach innen fort. Ein langjähriger Pilot und ein Mitarbeiter aus dem Flugbetrieb berichten von schlecht erreichbaren Koordinatoren und einer unsichtbaren Geschäftsführung.

Der Mann, nennen wir ihn Ralf Tröger, möchte nicht erkannt werden. Gerade habe er wieder im Intranet gelesen, dass niemand mit Journalisten sprechen darf. Deswegen nur so viel: Er ist ein langjähriger Mitarbeiter aus dem Flugbetrieb von AirBerlin und hat täglich Kontakt zu Kollegen:

"Die Stimmung ist sehr zerrissen, weil wir nicht wissen, ob es denn wirklich in Richtung Insolvenz geht."

Von Angst wolle er nicht sprechen, sagt ein Kollege, langjähriger Pilot, der ebenfalls anonym bleiben will. Aber natürlich säßen Kollegen zuhause und fragten sich, ob sie im November noch einen Job haben und wie sie dann ihr Haus abzahlen sollen. Der Mann aus dem Flugbetrieb bestätigt das:

"Der Großteil der Kollegen hat keinen guten Plan B. Denn viele haben sich verschuldet, haben Häuser gekauft."

Es gebe aber eine Fluchtbewegung, sagt der langjährige Pilot. Denn Piloten-Jobs seien in Deutschland rar und im Ausland seien Gehälter, Arbeitsbelastung und Absicherung oft schlechter als bei AirBerlin. Allerdings, sagt der Pilot: Innerlich hätten viele Kollegen "längst gekündigt". Der Kontakt zwischen Management und Piloten sei "abgerissen". Sein Kollege aus dem Flugbetrieb erinnert sich an AirBerlins Expansions-Zeit nach dem Börsengang vor zehn Jahren:

"Die Zeit damals war nicht besser, aber man hat wenigstens Kontakt gehabt mit denjenigen, die entscheiden. Das ist heute komplett weg. Man kann sagen, dass ich meinen eigenen Flugbetriebsleiter nicht kenne, ich habe den noch nie gesehen."

Koordinationsstelle "Crew Contact" schlecht erreichbar?

Zu groß sei die Fluktuation der Geschäftsführung. Anweisungen des Managements quittierten Mitarbeiter oft "nur noch mit einem Gähnen", sagt der Pilot. Sein Kollege aus dem Flugbetrieb leidet unter dem Personalmangel:

"Frustration trifft es eigentlich ganz gut. Denn man versucht, seinen Job professionell zu machen und dazu gehört eben auch, dass man, wenn man frühzeitig erkennt, dass man nicht pünktlich fliegen kann, dass man darauf reagiert. Und diese Reaktion wird dadurch unterbunden, dass man halt telefonisch niemand erreicht. Gerade im 'Crew Contact' beispielsweise."

Der "Crew Contact" ist jene Stelle, bei der sich Piloten und Crew-Mitglieder bei Problemen melden, etwa wenn sie krank sind. Doch der "Crew Contact" von Air Berlin sei so unterbesetzt, dass eigentlich nie jemand ans Telefon gehe, sagen beide AirBerlin-Mitarbeiter. Ein AirBerlin-Sprecher sagte, das könne aufgrund der massiven Flugausfälle und der daher hohen Nachfrage vorgekommen sein, jetzt sei die Erreichbarkeit der Crew-Betreuung wieder "normal". Dennoch sei es vorgekommen, erzählt der Pilot, dass eine Crew an Bord gegangen sei und feststellt habe, dass der Copilot fehlt. Dieser haben sich kurzfristig krankmelden wollen, aber weil im "Crew Kontakt" niemand an Telefon gegangen sei, habe auch niemand einen Ersatz-Piloten besorgt. Der AirBerlin-Sprecher sagte, ihm sei kein solcher Fall bekannt. Für die derzeit massiven Verspätungen und Flugausfällen sei jedoch die miserable Boden-Abfertigung der Firma Aeroground in Berlin Tegel verantwortlich, sagt der Mitarbeiter des Flugbetriebs:

"In München funktioniert die Firma sehr gut. In Berlin ist es aber so, dass sie deutlich zu wenig Personal haben und leider führt das dazu, dass wir massive Verspätungen haben, auch schon am ersten Flug des Tages. Und weil wir in Berlin Drehkreuz haben, führt das dazu, dass das Drehkreuz gesprengt wird. Das funktioniert alles nicht. Am Ende kann man sich nur entschuldigen, aber man weiß nicht, ob das eine kurzfristige Phase ist, weil das ein Zustand ist, der ja schon seit März andauert."

Mitarbeiter immer noch wütend auf Joachim Hunold

Informationen über ihr Schicksal erhalte er nur aus den Medien:

"Von der Geschäftsführung werden wir praktisch nicht informiert. Das ist tatsächlich ein frustrierendes Ding, weil man nicht weiß, was ist das große Ganze? Wohin soll denn Richtung gehen?"

Der AirBerlin-Sprecher entgegnet, die Belegschaft werde "fast wöchentlich" von der Geschäftsführung im informiert. Die Wut der Mitarbeiter richte sich denn im Kern auf ihren alten Chef, sagt der Mitarbeiter aus dem Flugbetrieb: "Also, das ist Achim Hunold."

Joachim Hunold war bis vor sechs Jahren Chef von AirBerlin, hatte das Unternehmen an die Börse und auf Expansionskurs gebracht - aber jahrelang fast nur Verluste eingeflogen. Unter den Mitarbeitern würden zwei Szenarien diskutiert, sagt der langjährige Pilot. In Variante 1 kommt ein potenter Investor, legt ein bis zwei Milliarden auf den Tisch und dazu ein Konzept, wie er aus der hochverschuldeten AirBerlin wieder eine profitable Fluggesellschaft machen will. Nicht sehr wahrscheinlich, nachdem die arabische Airline Etihad erfolglos Milliarden in AirBerlin versenkt hat und nun nach Medienberichten aussteigen will. Vielversprechender sei jedoch Variante 2, sagt auch der Mann aus dem Flugbetrieb:

"Die meisten Kollegen hoffen darauf, dass Lufthansa ein großes Interesse daran hat, dass RyanAir keinen Fuß in den deutschen Markt bekommen soll."

Sprich: Damit sich der irische Billigflieger im Falle einer Insolvenz von AirBerlin nicht deren rare Start- und Landerechte auf deutschen Flughäfen schnappen kann, soll die Lufthansa AirBerlin übernehmen. Deutschlands Nummer 1 übernimmt Deutschlands Nummer 2? Nicht nur die Kartellwächter dürften dafür sorgen, dass das Schicksal von AirBerlin weiter ungewiss bleibt. AirBerlin hat die schriftliche Bitte um Stellungnahme zu den Aussagen seiner Mitarbeiter nicht beantwortet.

Mehr zum Thema

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(Deutschlandfunk, Wirtschaft am Mittag, 09.06.2017)

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