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Studio 9 | Beitrag vom 15.05.2018

Früheres KönigsbergIn Kaliningrad wird über das deutsche Erbe gestritten

Von Gesine Dornblüth

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Blick auf den Königsberger Dom aus dem 14. Jahrhundert und dahinter das für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 gebaute Stadion im russischen Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg. (imago/ITAR-TASS)
Blick auf den Königsberger Dom aus dem 14. Jahrhundert und das für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 gebaute Stadion im russischen Kaliningrad, dem ehemaligen Königsberg. (imago/ITAR-TASS)

Kaliningrad ist Austragungsort der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland. Die Stadt, die bis 1945 Königsberg hieß, stellt für die Besucher ihre deutsche Vergangenheit heraus. Auch jenseits der WM ist das Interesse daran groß. Doch das stößt auch auf heftige Gegenwehr.

Vierstöckige Bürgerhäuser, Erkerfenster, breite Bürgersteige, Vorgärten, Kopfsteinpflaster. Die Uliza Krasnaja, die Rote Straße, in Kaliningrad ist die am besten erhaltene Straße aus der Königsberger Zeit. Hier befindet sich das "Alte Haus". Das kleine Privatmuseum zeigt den Alltag einer deutschen Kaufmannsfamilie Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts.

An den Wänden hängen Hirschgeweihe. Der Kaffeetisch ist gedeckt, das Klavier geöffnet. Überall Antiquitäten. Eigentümer Alexander Bytschenko nimmt eine Porzellanfigur aus dem Regal: Ein Mädchen mit Schultüte. Im Hauptberuf ist er ein erfolgreicher Unternehmer.

"Russen kennen das nicht. Dass Kinder zur Einschulung beschenkt werden, ist hierzulande nicht üblich. Bei uns bekommen die Lehrerinnen große Blumensträuße. Wir erzählen unseren Besuchern von dieser schönen Tradition, die wohl immer noch in Deutschland existiert."

In der Sowjetzeit war so etwas undenkbar. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die deutsche Vergangenheit Kaliningrads zunächst totgeschwiegen. Erst mit dem Ende der Sowjetunion öffnete sich die Region. Danach wurden einige historische Gebäude restauriert, allen voran der Königsberger Dom, auch mit Geldern aus Deutschland.

Interesse an Heimatkunde wächst

Seit einigen Jahren nun gibt es eine neue Entwicklung. In Russland wächst das Interesse an Heimatkunde. Die Kaliningrader, die bereits dort geboren wurden, entwickeln eine regionale Identität. Und sie entdecken dabei scheinbar Vergessenes. Anna Karpenko zum Beispiel, Kulturmanagerin in Kaliningrad. Sie fährt durch das Stadtzentrum und redet über Hannah Arendt:

"Hier gleich links ist das Gymnasium, das sie besuchte. Ihre Eltern und Großeltern haben in der Nähe des Zoos gewohnt. Sie ist zu Fuß zur Schule gegangen."

Die Philosophin hat ihre Kindheit in Königsberg verbracht.

Luftbild von Kaliningrad und Umgebung (picture alliance/ dpa/ RIA Nowosti)Luftbild von Kaliningrad und Umgebung (picture alliance/ dpa/ RIA Nowosti)

"Hannah Arendt war Weltbürgerin, aber ich finde es wichtig, dass sie auch mit dieser Stadt verbunden war. Und anhand ihrer Person kann man auch etwas über die Rolle der jüdischen Gemeinde in Königsberg erzählen. Wir könnten einen Hannah-Arendt-Spaziergang anlegen."

Vorerst trägt ein Affenweibchen im Kaliningrader Zoo den Namen Hannah, ihr Gefährte heißt Martin – nach Arendts Geliebtem, Martin Heidegger.

Wettern gegen "Germanisatoren"

Die Begeisterung für das deutsche Erbe gefällt nicht jedem. Nikolaj Dolgatschow leitet das Büro des staatlichen russischen Fernsehsenders VGTRK in Kaliningrad: "Viele Leute hier schreiben das Wort Königsberg auf ihr Nummernschild. Ich finde das befremdlich. Alles hat seine Grenzen. Russen müssen russisch bleiben. Einige Russen hier in Kaliningrad haben ein Problem, sich als russische Kulturmenschen zu identifizieren."

Dolgatschow hat eine regelrechte Kampagne losgetreten. In Filmbeiträgen und in sozialen Netzwerken wetterte er gegen sogenannte Germanisatoren. Sie würden die russische Kultur vernachlässigen und mitunter sogar deutsche Nazis verherrlichen. Vor zwei Wochen nahm sich der Staatssender das Kaliningrader Fußballstadion vor. Der heimische Fußballverein hatte eine Tafel angebracht mit allen Namen, die das Stadion in seiner 126-jährigen Geschichte trug. Fünf Stück an der Zahl. Darunter auch der Name des Gauleiters Erich Koch, der hunderttausende Menschen deportieren und ermorden ließ. Für das russische Staatsfernsehen schraubte ein Vereinsfunktionär die Tafel ab, die Reporterin warf es in einen Mülleimer. Im April drohte die staatliche Fluglinie Aeroflot, eine Stewardess zu entlassen. Sie hatte beim Anflug auf Kaliningrad von Königsberg gesprochen. Ein Fluggast hatte sich daraufhin beschwert. Alexander Bytschenko vom "Alten Haus" kann all das nicht verstehen.

"Es gibt hier keine deutsche oder russische Geschichte. Es ist die Geschichte dieses Fleckchens Erde. Unser Museum will Geschichte insgesamt populär machen."

Im Übrigen plant Bytschenko bereits ein zweites Museum: Über den Alltag im sowjetischen Kaliningrad.

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