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Freitag, 24.11.2017

Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 09.12.2011

Fröhlicher Spott

Die wohl umfangreichste Sammlung zum jüdischen Humor ist jetzt auch im Internet verfügbar

Von Dieter Wulf

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"Wer Witze erzählt, fühlt sich besser", meint der Berliner Archivar Jürgen Gottschalk.  (Stock.XCHNG / Javiera de Aguirre)
"Wer Witze erzählt, fühlt sich besser", meint der Berliner Archivar Jürgen Gottschalk. (Stock.XCHNG / Javiera de Aguirre)

Sie nennen sich "Brennesseln", "Zündnadeln", "Börsinana" oder einfach nur "Jüdische Witze" - Bücher und Buchtitel, die der Berliner Archivar und Museologe Jürgen Gottschalk gesammelt hat. Mittlerweile umfasst seine Sammlung weit über tausend Titel. Das ist vermutlich die umfangreichste Sammlung zum Thema jüdischen Humors überhaupt. Seit kurzem präsentiert er seine einmalige Sammlung nun im Internet.

Jürgen Gottschalk sitzt in seiner Wohnung und spielt Akkordeon. Eine lustige, eine heitere Melodie. Humor und Judentum, meint er, dass habe eben eine ganz lange Tradition.

"Es kam natürlich häufig vor, dass der Wunderrabbi, der Rebbe, zum Ziel eines fröhlichen Spottes gemacht wurde und seine Witzigkeit, seine Schlagfertigkeit, seine Weißheit ja auch in anekdotenhaften Überlieferungen wie auch in Witzen bis auf die heutige Zeit fortgeschrieben wird."

Klezmer, jiddische Musik hatte ihn schon immer interessiert. Vor zwanzig Jahren begann Jürgen Gottschalk dann Bücher, Drucke, Programme und Noten zu sammeln, alles was jüdischen Humor dokumentiert.

"Ich habe einfach Stück für Stück gemerkt, dass mir das Glück hold war bei dem Aufbau der Noten, wie auch Humorsammlung und je mehr ich bekommen habe und das auch studiert habe, desto neugieriger wurde ich."

Jahrhundertelang durften Juden wenn überhaupt nur religiöse Texte veröffentlichen. Das änderte sich erst im 19. Jahrhundert. Erst dadurch konnte sich eine eigene jüdische Literatur entwickeln, erklärt Jürgen Gottschalk.

"Dort wurden in vielen europäischen Staaten auch gesetzliche Grundlagen geschaffen, die es den jüdischen Verfassern und Verlegern ermöglichte ohne eine große Zensur auch weltliche Texte zu verfassen und zu publizieren."

Besonders in Osteuropa erschienen immer mehr kleine Bücher und Hefte, meist auf jiddisch, wo Juden sich meist über ihresgleichen lustig machten. Humor als Lebenshilfe. Immer aber auch ein Spiegelbild jüdischer Realität. Wie hier, wo die Familie laut über einen der Ihren klagt.

"Ein Jude wollte sich taufen lassen, da gab es denn ein großes Geschrei, die Verwandten konnten sich gar nicht fassen sie liefen zusammen und schrieen auwei, was ist der Hirsch aus der Art geschlagen, was tut er solch ein Leid uns an."

In Reimform wird eine Weile geseufzt, gezetert und geschimpft. Der Vater würde sich im Grab umdrehen heißt es, wenn er wüsste dass der Sohn sich vom Judentum abwende. Das aber sei doch ein Glück antwortet der Beschimpfte.

"Onkel lasst mich laufen, wenn der Pate sich umdreht so ist das ein Glück. Über acht Tage lässt sich mein Bruder taufen, dann kommt er wieder in die alte Stellage zurück."

Und es ist kein Zufall, dass Ende des 19. Jahrhunderts besonders viele Juden Karriere als Kabarettisten und Humoristen machten. Immer noch waren ihnen viele Karrierewege im Beamtentum oder beim Militär verbaut. Was blieb waren die selbstständigen Berufe, wie Ärzte, Rechtsanwälte oder eben Unterhaltungskünstler.

Anfang des 20. Jahrhunderts, die goldenen 20er Jahre, das war ihre Hochzeit. Überall in Wien, Berlin, Prag, Budapest und anderswo feierten sie Erfolge mit witzigen und wunderbaren Programmen, wie die Materialen zeigen, die Jürgen Gottschalk zusammen trägt. Aber natürlich nutzten immer auch die Antisemiten den Humor für ihre Sache. Auch diese Facette zeigt seine Sammlung.

"Der antisemitische Witz war natürlich an Stammtischen erzählt worden und ich habe auch in keiner Bibliothek der Welt nachweisbares antisemitisches Witzbuch eines antisemitischen deutschen Wirtes aus dem jüdischen Scheunenviertel um 1900, kennt kein Mensch, wo also die übelsten Gedichte, Verse und Judenwitze drin sind."

Gerade aber wegen dieser Geschichte, sei es umso wichtiger diesen wunderbaren jüdischen Humor nicht zu vergessen, meint Jürgen Gottschalk.

"Wir sind ja auf der Erde um eigentlich Freude zu haben und wer musiziert, wer singt oder selbst Witze erzählt, der fühlt sich besser."


Mehr Infos im Web:

Website des Berliner Archivars und Museologen Jürgen Gottschalk

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