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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.04.2009

Frisch gesprüht

Graffiti-Künstler erneuern ihre Bilder an der Berliner East Side Gallery

Von Philip Banse

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Fußgänger spazieren an der East Side Gallery in Berlin vorbei. (AP)
Fußgänger spazieren an der East Side Gallery in Berlin vorbei. (AP)

Die Sanierung ist radikal: Alle gut Hundert Bilder werden mit 80 Grad heißem Wasserdampf von der Mauer entfernt. Sie wird neu verputzt und weiß gestrichen. Nun malen die ersten Künstler ihre Bilder von einst noch einmal auf die Mauer. Am 7. November – genau 20 Jahre nach dem Mauerfall - soll alles fertig sein.

Rosemarie Schinzler steht mit Pinsel und Farbeimer auf einer Alu-Leiter an der East Side Gallery und malt ihr Bild noch einmal wie vor 20 Jahren. Nach dem Mauerfall waren diese 1300 Meter Mauer zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke eine Leinwand aus Beton. Organisiert von einer Galeristin malten 118 internationale Künstler damals Bilder auf die Mauer, die zu naiven Ikonen der Wende wurden. Rosemarie Schinzler malte damals zwei Friedenstauben, die das Brandenburger Tor tragen:

"Das Taubenbild ist aus dem Moment heraus entstanden, das zeigt die Freude, die Euphorie der Leute damals, genau diese Stimmung, die damals geherrscht hat: Nur Freude, Leichtigkeit."

Die East Side Gallery wurde 1991 unter Denkmalschutz gestellt. Seit langem dringt Wasser in den Beton, das Eisenskelett rostet, Touristen klopfen sich Souvenir-Brocken heraus.

"Der Zustand ist natürlich erbärmlich."

Thierry Noir, französischer Künstler in Berlin, blickt auf sein überkritzeltes, rissiges Mauerbild: gut 38 Meter lang, flächige, bunte Männchen, große Augen, große Nase, großer Mund: "Die Enkel von Rotkäppchen".

"Gut ist natürlich regelmäßig zu renovieren, aber man darf das nicht, das ist das Problem. Das ist Denkmalschutz! Ich kann nicht einfach mein Bild renovieren, darf ich nicht. Kommt sofort Polizei und fragt: Was machen Sie hier?"

Ungemach droht der historischen Freiluft-Galerie auch von anderer Seite: Investoren wollen das Spreeufer bebauen, die East Side Gallery steht dem Projekt Mediaspree im Weg. Auch deshalb wird er sein Mauerbild erneut malen, sagt der Künstler Thierry Noir:

"Nur durch Kunst ist die Mauer wertvoll. Und deswegen machen wir das auch, denn wir wissen, wenn es so kaputt bleibt, wie es teilweise noch ist, hat es keine Chance. Dann wird es irgendwann verschwinden."

Die Sanierung ist radikal: Alle 105 Bilder werden mit 80 Grad heißem Wasserdampf von der Mauer entfernt, poröser Beton wird abgehämmert. Die Eisenträger in den Mauersegmenten werden mit Rostschutz bestrichen. Die Mauer wird neu verputzt und weiß gestrichen. Seit gestern malen die ersten Künstler ihre Bilder von einst noch einmal auf die Mauer – mit Fotovorlage und Papp-Schablone.

"Ich kann hinter beiden Bildern noch stehen, auch wenn ich sie neu male. Ich habe gemerkt, sie haben für mich immer noch diese Bedeutung, die sie auch damals hatten."

Die Friedenstauben und ein Beton-Ei, aus dem eine Pflanze sprießt. Mehr Reproduktion als Restauration. Egal, sagt Rosemarie Schinzler aus Freiburg.

"Ich freue mich so total, dass das Projekt jetzt wirklich zustande kommt. Ich finde halt die Mauer als Mahnmal sehr, sehr wichtig. Das ist ja das einzige so große Stück, das in Berlin noch erhalten ist. Vor allem die Kinder, die können sich das ja gar nicht mehr vorstellen so eine geteilte Stadt. Ich kriege jedes Mal eine Gänsehaut, wenn ich da entlanglaufe, die Höhe von 3,45 Meter."

500 Meter sind bereits verputzt und gestrichen und warten auf Künstler. Die insgesamt 1300 Meter sollen am 7. November präsentiert werden – genau 20 Jahre nach dem Mauerfall.

Organisiert hat die Sanierung die Künstlerinitiative East Side Gallery. Vereinsvorsitzender Kani Alavi sagt, die Sanierung koste insgesamt 2,5 Millionen Euro. Geld kommt vom Land Berlin, von Bund und EU sowie aus der Lottostiftung. Von den gut 100 Künstlern hat Alavi 86 für das Projekt gewonnen. Die Übrigen sind entweder nicht auffindbar, tot oder verlangen mehr Geld. 3000 Euro bekommt jeder Künstler für Anreise, Unterkunft, Malen und Farbe. Mehr ist nicht drin, sagt Kani Alavi. Einige Mauermaler von einst halten die Sanierung ihrer Werke aber auch grundsätzlich für falsch. Der deutsche Cheap-Art-Künstler Jim Avingon hatte sein Bild nach einer ersten Sanierung vor acht Jahren aus Protest übermalt mit "Money Machine". Heute schreibt er in einer Mail aus New York:

"Ich halte die East Side Gallery als Kunstwerk für völlig überflüssig. Am besten fände ich es, man würde die Mauer jedes Jahr neu an junge Künstler vergeben, aber diese stark verkitschten Arbeiten noch mal renovieren - lieber nicht."

Doch ob Avignon will oder nicht – sein Bild wird weggedampft und neu gemalt, sagt Organisator Alavi:

"Wenn einer nicht interessiert ist, dann wird entschieden, ob ein Restaurator beauftragt oder einfach von der Künstlerinitiative einer ausgesucht wird, dass er für ihre Kollegen sozusagen das Bild aufträgt. Wir müssen ja an die gesamte East Side Gallery denken. Wenn jetzt ein paar Bilder frei sind, werden natürlich genau diese Flächen von Fremden einfach bemalt, und das wollen wir nicht. Wir wollen die Authentizität aufbewahren. "

Das hat mittlerweile auch Dimitri Vrubel verstanden. Der Moskauer Maler war empört, dass sein Bruderkuss entfernt worden war. Der Bruderkuss zwischen Erich Honecker und Leonid Breschnew - das Wahrzeichen der East Side Gallery. Jetzt sei der Streit mit Dimitri Vrubel beigelegt, sagt Kani Alavi, der Bruderkuss kommt zurück:

" "Mittlerweile ist es so, dass er verstanden hat, sagt, dass er einfach nach Berlin kommt und sein Bild malt."

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