Seit 11:05 Uhr Tonart
 

Donnerstag, 23.11.2017

Essigs Essenzen (Archiv) / Archiv | Beitrag vom 19.12.2008

Freunde in der Not gehen 1000 auf ein Lot …

Kuriose Geschichten zu Redewendungen und Sprichwörtern

Von Rolf-Bernhard Essig

Rolf-Bernhard Essig (Essig)
Rolf-Bernhard Essig (Essig)

Freunde in der Not gehen 1000 auf ein Lot, Sich nicht lumpen lassen, Die Beine in die Hand nehmen, Eselsohren machen, In die Binsen gehen u.a.

Freunde in der Not gehen 1000 auf ein Lot

Wer weiß heute noch, was ein Lot ist, das nicht als Senkblei dient – in dem Sinne "alles ist im Lot" oder "die Lotrechte" –, sondern als Gewichtseinheit? Die machte etwa ein Dreißigstel Pfund aus und hat übrigens mit dem englischen "lead" ("Blei") eine Beziehung, da man früher solche Gewichte aus Blei herstellte. Das Sprichwort bedeutet, dass in einer Notlage Freunde sehr leichtgewichtig sind, denn jeder einzelne wiegt ja nur ein Tausendstel eines dreißigstel Pfundes. Man kann sich in der Not also auf Freunde nicht verlassen.

Sich nicht lumpen lassen

Die Redensart kommt daher, dass man sich nicht als Lump bezeichnen, beschimpfen lassen möchte. Der Lump wäre geizig, unanständig und verachtenswert. Also zeigt man sich als ein großzügiger, feiner Kerl und zieht sich die Spendierhosen an, wenn man sich nicht lumpen lässt.

Die Beine in die Hand nehmen

Ein lustiger Volksmundausdruck ist das, der leicht übertreibend beschreibt, wie ein schnell Rennender die Beine hochhebt, so hoch, dass sie schon an die Hand reichen. Im Französischen heißt ein ähnlicher Ausdruck "die Beine um den Hals legen". Da geht es also noch höher.
Gleichzeitig bedeutet "etwas in die Hand nehmen" auch "etwas anpacken". Nimmt man die Beine in die Hand, dann packt man das Geschäft des schnellen Gehens an.

Eselsohren machen

Als Leser stößt man manchmal auf sie. doch warum heißen die Knicke in der Seite "Eselsohren"? Man könnte an die zuweilen eingeknickten Ohren der "Herren mit den langen Ohren" denken.
Schon im Mittelhochdeutschen dient der Begriff "Eselsohr" allerdings dazu, jemanden als dumm oder als Narren zu kennzeichnen. Im Frühneuhochdeutschen hieß es: "dardurch si worden sint zu thoren, / darumb si tragent esels oren, / gauches federn und narren kappen." Der Gauch ist übrigens der Kuckuck, ein Teufels- und Betrügervogel.
So war der Begriff schon lange eingeführt als Zeichen für Dumme. Das Einknicken einer Seite als Merkzeichen unter der Bezeichnung "Eselsohr" ist ebenfalls schon fürs 16. Jahrhundert waren. Nur dumme Menschen mit schlechtem Gedächtnis brauchten so ein grobes Merkzeichen und nur unkultivierte, also wiederum eselshafte Menschen misshandelten ein Buch auf diese Weise. Dabei ist noch daran zu denken, dass Bücher bis weit ins 18. Jahrhundert hinein vergleichsweise teure Luxusgüter waren. Wer also so etwas machte, zeigte damit seine Eselsohren und Dummheit / Unkultiviertheit.
Ein äußerer Zusammenhang mit den echten langen Eselsohren bleibt dennoch zusätzlich möglich.

In die Binsen gehen

In der Antike gab es die Redensart "Knoten an der Binse suchen". Die Binse hat allerdings nicht wie die meisten Grasarten Knoten genannte Verdickungen am Stengel. Das konnte man leicht erkennen. Es war offensichtlich. Wer dennoch danach suchte, war höchst misstrauisch oder verkannte das Offenbare. In der Renaissance konnte sich daraus die "Binsenweisheit" als Bezeichnung für das Selbstverständlich, jedem Bekannte entwickeln. Die Redensart "in die Binsen gehen" führte man im Hohen Mittelalter darauf zurück, dass die Binsen immer am Wasser wachsen. Ging etwas in die Binsen, so fiel es gleichsam ins Wasser. Später führte man die Redewendung jedoch auf die Jagd nach Wasservögeln zurück. Floh eine Ente zum Beispiel in die dichtwachsenden Binsen, fand sie dort ein gutes Versteck und war für den Jäger verloren.

Sich grün und blau ärgern

Bekannt ist "jemanden grün und blau schlagen", was von den Hämatomen kommt, die dabei entstehen. Diese Blutergüsse nehmen im Lauf der Zeit unterschiedliche Farben an, was in allen europäischen Sprachen zu farbenfrohen Spottsprüchen führte.
Offensichtlich handelt es sich im Fall des "sich grün und blau Ärgerns" um eine Vermischung zweier Redensarten. Einerseits "jemanden grün und blau schlagen", andererseits "sich schwarz ärgern". Das "schwarz" muss in diesem Zusammenhang als Euphemismus für den Tod interpretiert werden, denn Leichen verfärben sich öfters dunkel und die Pest war als "der Schwarze Tod" bekannt, so dass man die Redewendung übersetzen könnte mit "sich zu Tode ärgern".

Es ist alles Essig

Gar zu schnell kippt ein Wein, der grad noch so gut gemundet hat, um. Häufiger noch geschieht das bei der Weinherstellung. Die falschen Bakterien lassen das Getränk zu Essig werden. Und von diesem unerwünschten Weinwandel, der wegen der weniger hygienischen Produktionsmethoden alter Zeit häufig vorkam, stammt die Redensart her.

Türmen

Hier gibt es zwei Erklärungen. Die eine geht von der alten, sehr verbreiteten Redewendung aus "jemanden in den Turm werfen". "Turm" war das Kurzwort für "Turmgefängnis", doch auch sonst dienten die schwerbefestigten Stadttürme oft einfach als Gefängnis. Gegen eine gewisse Summe konnte man die Wärter bestechen und dem Turm entfliehen, woraus das gaunersprachliche Wort "türmen" entstand.
Eine zweite Erklärung möchte das hebräische Wort "tharam", das "entfernen" heißt, als Ursprung sehen, doch scheint es mir etwas weit entfernt vom Fliehen.

In den Sack hauen

In der Gaunersprache heißt das soviel wie "die Arbeit im Stich lassen", später dann "aufhören", "abhauen". Arbeitswerkzeuge wurden im Sack mit sich getragen. Sie wurden oft beim Arbeitgeber in Verwahrung gegeben. Ging man in Ehren, bekam man den Sack. "Den Sack bekommen" ist bei Seeleuten auch noch gebräuchlich für "die Stelle verlieren". So konnte der Sack für die Arbeit stehen. Das "hauen" könnte als scherzhafter Abschiedspuff gedeutet werden.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur