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Sonntag, 19.11.2017

Interview | Beitrag vom 17.10.2017

Frauen und Armut"Man versucht, nichts mehr auszugeben"

Erika Biehn im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Nahaufnahme der Hand einer alten Frau, die ein paar Münzen zählt.  (imago stock&people)
Hartz IV-Empfängern bleiben selten mehr als ein paar Euro am Tag für Lebensmittel. (imago stock&people)

Das Armutsproblem ist weiblich - aus handfesten strukturellen Gründen: Denn meist leisten Frauen die nötige Familien-Arbeit und verdienen daher weniger Geld. Sozialarbeiterin Erika Biehn fordert daher unter anderem eine bessere Kinderbetreuung für Alleinerziehende.

Liane von Billerbeck: In den Medien tauchen die Abgehängten und Armen meist dann auf, wenn sie falsch wählen, also eher populistische Parteien. In den Parlamenten werden ihre Interessen viel weniger durchgesetzt als die Interessen der Reichen. Heute ist der Internationale Tag für die Beseitigung der Armut, und es heißt nicht grundlos die Armut, denn Armut ist überwiegend weiblich.

Erika Biehn ist Vorsitzende des Verbands alleinerziehender Mütter und Väter und Sozialarbeiterin in Rente. Sie hat drei Kinder meist allein großgezogen, und sie kennt Armut auch – aus langer eigener Erfahrung. Warum sind die, die arm leben müssen, nicht wütend und schreien ihre Wut hinaus? Das will ich auch von ihr wissen. Frau Biehn, ich grüße Sie!

Erika Biehn: Schönen guten Tag!

von Billerbeck: Was heißt das eigentlich, wenn wir es ganz konkret machen, wenn Menschen von Hartz IV leben, vom Sozialhilfesatz, wie viel Geld pro Tag für Essen und Trinken hat man dann?

Vier Euro für Einkäufe

Biehn: Es sind in etwa vier Euro, bisschen mehr, aber das ist nicht gerade viel. 409 Euro ist insgesamt die Regelleistung, die man als erwachsene Person, als sogenannter Haushaltsvorstand bekommt. Davon muss man aber alles Mögliche andere auch noch bestreiten, wie Rücklagen bilden für neue Bekleidung, Rücklagen bilden für Haushaltsgeräte, für die alltäglichen Dinge, die man braucht, um eine Wohnung sauber zu machen, also für alles das, was im Alltag benötigt wird, und dazu gehört eben auch das Essen, und das sind dann ungefähr vier Euro am Tag.

von Billerbeck: Das weiß man schon, wenn man ein normales, jetzt nicht spektakuläres Einkommen hat, dass das alles viel Geld kostet. Wie soll man das bezahlen von so wenig Geld?

Biehn: Das ist genau die Frage, die sich auch diese Menschen stellen müssen, weil, es gibt in der Regel nicht mehr. Man kann gelegentlich Darlehen beantragen, aber das Geld, diese Darlehen werden dann von der Regelleistung wieder abgezogen. Das macht es natürlich sehr kompliziert, und solche Darlehen beantragt man auch nur, wenn es keinen anderen Ausweg gibt. Und für Kinder wird es ja noch mal abgestuft, das heißt, für ein Kleinkind sind das nicht mehr als drei Euro pro Tag.

von Billerbeck: Aber wenn wir Kinder in der Pubertät nehmen, von denen jeder weiß, dass die besonders viel essen, ist das nicht besonders schwierig?

Biehn: Ja, besonders schwierig, wobei die nicht mehr als diese etwa vier Euro auch bekommen. Ich hab nun zwei Jungens, bei denen hatte ich manchmal im Jugendlichenalter das Gefühl, es ist jetzt übertrieben, aber es gibt dieses Sprichwort: Die fressen einem die Haare vom Kopf. Und genauso hab ich mich auch zeitweise gefühlt, und die aßen mehr als ich.

von Billerbeck: Nun haben Sie so beiläufig gesagt, von diesen vier Euro muss man auch Rücklagen bilden, das kann man sich überhaupt nicht vorstellen. Wie spart man denn für so was, was "außergewöhnlich", in Anführungsstrichen, ist, wie ein Weihnachtsgeschenk zum Beispiel?

Eine Mitarbeiterin verteilt Obst an Bedürftige in der Lebensmittelausgabe "Laib und Seele" der Berliner Tafeln am 24.4.2014 in der Evangelischen Advents-Zachäus-Kirchengemeinde in Berlin. (dpa / picture alliance / Stefan Schaubitzer)Verbilligte oder kostenlose Lebensmittel sind für verarmte Alleinerziehende oft der einzige Weg, um alle satt zu bekommen. (dpa / picture alliance / Stefan Schaubitzer)

Biehn: Also es sind nicht von diesen vier Euro, sondern von den 409 Euro, dieser Gesamtregelleistung – die meisten können es nicht sparen. Ich selber kann das auch nur bestätigen, man versucht, bei sich selber zu sparen, damit man den Kindern tatsächlich ein Weihnachtsgeschenk machen kann.

"Rücklagen sind verdammt schwierig"

Man versucht, möglichst nicht mehr auszugehen, also sich mit Freunden treffen fällt dann viel stärker flach, als es vielleicht in anderen Zeiten ist. Rücklagen sind verdammt schwierig, deswegen gibt es auch so viele Darlehen, die bei den Jobcentern auflaufen, vor allem dann, wenn zum Beispiel die Stromnachzahlung kommt, wird oft ein Darlehen beantragt, oder Heizkostennachzahlung.

von Billerbeck: Aber das ist ja eine Kette ohne Ende, man kommt ja aus diesem Teufelskreis gar nicht mehr raus.

Biehn: Nein, nur ganz, ganz schwer, indem man zum Beispiel bei den Heizkosten deutlich spart. Wenn dann aber ein Guthaben wiederum entsteht, muss man dieses Guthaben wieder ans Jobcenter abtreten. Das heißt, es ist wirklich ein Rattenschwanz, der da hinterherfolgt. Wenn die Waschmaschine kaputt geht und man hatte eine, auch dann wird man in der Regel ein Darlehen beantragen, und ich habe eine junge Frau, die ist ohne Kinder, und die hat tatsächlich das Problem gehabt, dass sie gleichzeitig Strom nachzahlen musste und sich einen neuen Kühlschrank kaufen musste, weil der alte kaputt ist.

von Billerbeck: Was hätten Sie gerne gemacht im Leben, was Sie aufgrund dieser Situation, dieses Armseins nicht machen konnten?

Biehn: Ich bin eigentlich fast nie in Urlaub gefahren, weder alleine noch mit Kindern, weil, das war einfach nicht drin. Wie gesagt, wenn man immer gucken muss, wie kann man das Geld zusammensparen kann, damit die Kinder zumindest das haben, was sie tatsächlich nicht nur zum Leben brauchen, sondern auch diese kleinen Freuden, die man den Kindern macht, die sind einem dann immer wichtiger, als da große Rücklagen zu bilden. Natürlich tut es einem als Mutter weh, nicht gemeinsam mit den Kindern in Urlaub fahren zu können.

von Billerbeck: Interessant ist, dass Sie nur von Frauen sprechen. Sie beraten ja armutsgefährdete Alleinerziehende, und ich habe gleich am Anfang gesagt, dass Armut größtenteils weiblich ist. Das heißt, Sie haben fast nur mit Frauen zu tun, die dieses Problem haben?

Biehn: Ja, überwiegend.

von Billerbeck: Sind die nicht wütend über ihre Lage, dass es sie trifft und dass sie überhaupt nicht rauskommen aus dieser Situation?

"Ich hatte familiäre Unterstützung"

Biehn: Die haben gar keine Möglichkeit, wütend zu sein, gar keine Zeit, weil, wenn Sie überlegen: Sie haben den Haushalt, sie haben den Stress, überhaupt an dieses Geld heranzukommen. Dann sind sie so erledigt, dass sie nicht mal mehr die Kraft dafür haben, wirklich richtig wütend zu sein. Bei mir ist es etwas anders, ich hatte die Möglichkeit, weil ich familiäre Unterstützung hatte, nicht in finanzieller Hinsicht, aber eine seelisch-moralische Unterstützung, und ich konnte meine Kinder immer wieder mal bei meiner Mutter lassen oder auch bei einer Schwester, die dann meine Kinder versorgt haben, sodass ich mir auch dieses Ehrenamt, was ich nun seit sehr langer Zeit mache, tatsächlich leisten konnte.

von Billerbeck: Morgen, also am Mittwoch, da beginnen ja Sondierungen, also das erste Abtasten zu den Koalitionsverhandlungen. Was fordern Sie denn von den Politikern der neuen Regierung für Ihre Frauen, für Ihre Abgehängten, für Ihre Armen, für die, um die Sie sich kümmern?

Biehn: Was wir auf jeden Fall fordern, ist nicht in erster Linie nur Geld, weil klar ist, der Regelsatz dürfte durchaus höher sein, aber das ist gar nicht mal das Wichtigste, sondern zum Beispiel für Frauen, dass sie tatsächlich die Möglichkeit haben, ihrem Beruf nachzugehen. Das funktioniert nicht immer, weil die Kinderbetreuungszeiten oft von den Arbeitszeiten der Frauen abweichen, sodass sie nur deshalb von SGB II, also Hartz IV, leben müssen, weil sie eben keinen adäquaten Kinderbetreuungsplatz haben, ganztags.

von Billerbeck: Ich erinnere gern an Kindergartenöffnungszeiten in Niedersachsen von neun bis zwöf und der Spätdienst von acht bis 13 Uhr.

Biehn: Genau, solche Dinge. Da ist zwar insgesamt schon über den Rechtsanspruch manches passiert, aber das reicht noch lange nicht aus. Denken Sie an die Verkäuferinnen, die abends bis zehn Uhr arbeiten müssen, da ist kein Hort geöffnet, kein Kindergarten geöffnet. Da gibt es Modellprojekte, die wir auch gerade durchgeführt haben, die auch beweisen, dass von solchen ungewöhnlichen Arbeitszeiten die Betreuung oft abhängt.

Ein menschenwürdiges Leben ermöglichen

Und von daher ist das ein Aspekt, der da eine große Rolle spielt, natürlich auch die Würde des Menschen zu beachten, auch in den Jobcentern. Die Klagen, die ich landauf, landab höre, unabhängig ob männlich oder weiblich, sind so massiv, dass sie sagen, ich muss viele Unterlagen nicht nur einmal, sondern fünfmal beibringen – was auch Geld kostet, weil in den Jobcentern teilweise nicht fotokopiert wird –, ich werde so behandelt, als ob ich der letzte Dreck bin, so empfinden es manche Menschen. Und das ist etwas, wo die Politik in ihrer Haltung durchaus Einfluss hat auch auf Mitarbeiter in den Behörden.

von Billerbeck: Das ist ja alles nichts Neues, ich hoffe, es kommt bei den entsprechenden Stellen an.

Biehn: Ich hoffe auch!

von Billerbeck: Erika Biehn war das, ehrenamtliche Vorsitzende des Verbandes der alleinerziehenden Mütter und Väter, und wir haben über die dramatischen Folgen von Armut in diesem reichen Land gesprochen. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Biehn: Ich danke auch!

von Billerbeck: Und dieses Interview mit Erika Biehn, das haben wir aus Termingründen vor der Sendung aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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