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Kompressor | Beitrag vom 06.10.2014

Frankfurter Größenwahn-VerlagBücher aus Joschkas Stammkneipe

Seit fünf Jahren ist der Größenwahn-Verlag eine feste Adresse für europäische Literatur

Von Dirk Fuhrig

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Mittlerweile ist der Größenwahn-Verlag auf der Buchmesse vertreten.  (picture alliance / Friedel Gierth)
Mittlerweile ist der Größenwahn-Verlag auf der Buchmesse vertreten. (picture alliance / Friedel Gierth)

Der Frankfurter Größenwahn-Verlag ist ein kleiner, unabhängiger Verlag für Literatur von Migranten, Schwulen, Lesben oder Griechen. Gegründet hat ihn Sewastos Sampsounis, Miteigentümer des gleichnamigen "Café Größenwahn", in dem einst die Frankfurter 68er-Szene zechte. Mittlerweile hat er einen Stand auf der Buchmesse und einen überraschenden Verkaufsschlager.

"Die Risottos sowieso, viele vegetarische Gerichte haben wir. Und hier: Frankfurter Grüne Soße, mit Spargel jetzt hier das Rezept. Wir sind also schon berühmt für unsere Grüne Soße, nur Naturprodukte, keine Mayonnaise drin und so."

Wovon der Verleger Sewastos Sampsounis schwärmt, das sind die Highlights aus der Speisekarte eines Restaurants. Nicht irgendeines Restaurants - Café Größenwahn heißt der legendäre Laden:

"Das ist eine Institution für Frankfurt. Schwul, lesbisch, queer, etwas grün, etwas links, etwas anders sein, etwas genießen. Künstler, Sozialarbeiter, Juristen, also querbeet."

Das Frankfurter Nordend, in dessen Zentrum die Kneipe liegt, war die Keimzelle der westdeutschen Studentenbewegung. Im Café Größenwahn zechten Frankfurter Alt-Achtundsechziger, als sie noch jung waren. Joschka Fischer schwadronierte am Tresen, Jutta Ditfurth wohnt heute noch um die Ecke, die "rote Heidi" Wieczorek-Zeul labt sich gern am Zitronenhuhn. Viele weitere grüne und sozialdemokratische hessische Politiker waren und sind Stammgäste.

Marsch durch die Institutionen - bis in die Küche

Sewastos Sampsounis gehört zwar nicht zu den Ur-Vätern des linksalternativen Speise-Kollektivs, die sich in der "Roten Zelle Jura" der linksbewegten Frankfurter Universität zusammengefunden hatten – und auf ihrem Marsch durch die Institutionen irgendwann bei der Kulinarik gelandet sind. Dafür hat der 48-Jährige den libertär-anarchischen Größenwahn-Geist von der Küche in die Literatur erweitert:

"Das Größenwahn hatte 30-Jahr-Feier. Wir haben überlegt, was können wir machen? Einen Gedichtwettbewerb. Und innerhalb von kurzer Zeit sind fast 100 Gedichte rausgekommen. Und damit die nicht verloren gehen, wollten wir ein Buch machen."

JAHRZEHNTE GESOFFEN, GEHURT UND GEPRAHLT,
MIT LUST MENETEKEL AN WÄNDE GEMALT.
DAS WIRD NICHT VERGEBEN, DAS IST MIR SCHON KLAR;
DA WIRD AUCH DEM BÜSSER KEIN HIMMEL MEHR WAHR.
DOCH LACHEND WILL ICH GEN HÖLLE FAHR'N;
WOHL WISSEND, DORT WARTET MEIN GRÖSSENWAHN.

"Und weil wir eben größenwahnsinnig sind, haben wir uns entschlossen, einen eigenen Verlag zu gründen."

Vor fünf Jahren war das mit dem Gedichtwettbewerb. Mittlerweile hat der Verlag sieben Mitarbeiter und einen Stand auf der Buchmesse.

"Migration und Integration sind eben die Hauptthemen unseres Verlags. Weil in der Idee von dem Café Größenwahn – schwul-lesbisch, etwas anders sein, etwas queer sein – da gehört es zu der heutigen Zeit, dass man Migrationshintergrund hat. Dass man von irgendwo anders kommt und versucht, sich in einer anderen Stadt, in einem anderen Land zu integrieren."

Viel Literatur aus Südosteuropa im Programm

Sampsounis, den alle nur "Takis" nennen, war jahrelang Kellner im Größenwahn, wo immer noch das aufklärerische Motto an der Wand steht: "Hessen soll wärmer und weiblicher werden". Takis wurde erst Teilhaber, dann Verleger.

"Wir haben sehr viele Bücher, die mit Griechenland zu tun haben, weil Griechenland hier ein sehr negatives Bild hier hat. Und wir wollen die Menschen zeigen, die dahinter stehen und wie sie leben mit der Finanzkrise und wie sie mit diesen Problemen leben."

Dass der Frankfurter mit griechischen Wurzeln speziell Literatur aus Südosteuropa im Programm hat, ist eigentlich selbstverständlich:

"Dann haben wir ne Reihe, die heißt 'Via Ignatia'. Die Via Ignatia war in der Antike eine sehr bedeutende Straße, die quer durch den Balkan ging. Hat die Adria-Küste mit dem Schwarzen Meer verbunden. Und die Via Ignatia steht als Patin für die Balkansprachen, kleine Sprachen. Und wir haben eben diese Nische gefunden und geben Autoren aus diesen Ländern eine Chance."

Unter den Neuerscheinungen dieses Jahres ist ein Buch über den Arabischen Frühling, ebenso wie eine Hartz IV-Novelle oder eine Satire über den Versuch einer deutschen Firma, den Olymp zu überbauen - politisch, gesellschaftskritisch, multikulturell eben. So wie das "Größenwahn". Ein Long-Seller in Takis' Verlag ist aber natürlich ein Buch über seine Kneipe:

"Die Größenwahnküche – geschrieben hat das unser Koch Thomas Sträter. Und hier hat er die Klassiker versammelt... genauso sieht das eben aus, das Essen."

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