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Sein und Streit | Beitrag vom 04.02.2018

Foucaults letztes Buch "Ethik ist ein Kampfplatz"

Martin Saar im Gespräch mit René Aguigah

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Michel Foucault 01.01.1980 (imago/Leemage)
Michel Foucault: Großprojekt "Sexualität und Wahrheit" (imago/Leemage)

Es ist eine Sensation: 34 Jahre nach Michel Foucaults Tod erscheint der letzte Band seines Großprojekts "Sexualität und Wahrheit". Er untersucht darin, wie die Kirchenväter das Geschlechtsleben der frühen Christen regelten.

"Keine posthume Veröffentlichung": Diese knappe Willensbekundung aus Michel Foucaults Testament war jahrzehntelang der Grund dafür, dass sein mehrbändiges Projekt "Sexualität und Wahrheit" fürs Publikum unabgeschlossen geblieben ist. Drei Teile sind veröffentlicht, einen vierten und letzten hatte Foucault geschrieben, noch in den letzten Wochen seines Lebens saß er daran. Sein vorzeitiger Tod im Juni 1984 aber nahm ihm die Zeit, das Manuskript durchzusehen.

Jetzt, in der kommenden Woche, gelangt der Band doch an die Öffentlichkeit: Foucaults Erben haben es sich anders überlegt. Eine kleine Sensation: "Ich gehöre zu denen, die das Buch mit zitternden Händen aufgeschlagen haben", sagt der Frankfurter Philosoph Martin Saar, "denn wir wussten, dass dieses Buch existiert, aber nicht zugänglich ist. Von daher war ich enorm neugierig."

Gab es ein Sexualleben im Paradies?

"Les aveux de la chair", so lautet der Titel, "Die Geständnisse des Fleisches". Was Foucault hier unternimmt, ist eine ausführliche Lektüre von Predigern wie Ambrosius von Mailand, Clemens von Alexandria oder Augustinus von Hippo, mit der Frage: Wie regeln die Kirchenväter in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung das Geschlechtsleben der frühen Christen? Wie diskutieren sie über Begierde innerhalb der Ehe oder über ein mögliches Sexualleben vor dem Sündenfall im Paradies? Was denkt Augustinus über unwillkürliche Erektionen?

Martin Saar hat für "Sein und Streit" einen ersten Blick in das Buch geworfen. Im Gespräch denkt er darüber nach, was Fragen wie diese mit den 80er Jahren Foucaults zu tun haben könnten – und mit der heutigen Gegenwart. Saar sagt:

"Man staunt: Die frühen Christen waren gar nicht prüde, sie haben sich mitten hineingestürzt in die Begierden und Wünsche, von denen wir immer denken, sie hätten lieber drüber geschwiegen."

Das haben sie gemeinsam mit jenen heidnischen Autoren der griechisch-römischen Antike, die Foucault in den Bänden zwei und drei von "Sexualität und Wahrheit" untersucht hatte. Und noch etwas, durchaus überraschend, teilen die Kirchenväter mit dem griechisch-römischen Denken: Den Heiden wie den Christen geht es wesentlich um Askese, Mäßigung oder Enthaltsamkeit. Saar führt aus:

"Das frühe Christentum ist da ganz treu, ganz in einer Linie mit den sich selbst disziplinierenden Lebensformen, die es schon gegeben hatte."

Dennoch gab es entscheidende Unterschiede, so Saar:

"Obwohl die Antike schon den Imperativ ‚Erkenne dich selbst’ kannte, behauptet Foucault, erst die Christen veralltäglichen diesen Imperativ. Die Frage nach der Beichte und dem Geständnis sieht Foucault hier von Anfang am Werk, und damit kann er sagen: Eine Kunst der Existenz, die aus der Antike kommt, wird im frühen Christentum immer stärker an die Vorstellung eines inneren Kerns des Menschen und des Individuums gebunden – und damit auch an die Pflicht des Einzelnen, dauernd Rechenschaft abzulegen über die Sünden, die er bislang begangen hat."      

Die Geburt des schlechten Gewissens

Nicht ohne Grund endet das Buch mit dem einflussreichen Augustinus, dessen Lehre von der sündigen Natur des Menschen eine Matrix schafft, so Saar,

"die sich ausbeuten lässt in Richtung Disziplinierung, Kontrolle und dem Machen eines schlechten Gewissens des Menschen, das er nie mehr ganz ablegen kann, weil in seinem Kern ein Makel sitzt, über den man ständig nachdenken muss, weil sein mögliches Ausbrechen Gegenstand der Sorge sein muss."

Nicht zuletzt handele das Buch von der "Geburt des schlechten Gewissens".

Zwei Punkte unterstreicht Martin Saar als heute besonders interessant. Zum einen betreibe Foucault hier so etwas wie "historische Gender Studies", obwohl es die als wissenschaftliche Disziplin seinerzeit noch gar nicht gegeben hat.

"Denn er zeigt sehr ernsthaft, wie viel Thematisierung, Diskurs, Deutung, Regulierung im Kern einer Kultur ringsum das Geschlechtsleben und geschlechtlichen Praktiken aufgeführt werden".

Dies bedeutet nichts anderes, als die Grenze zwischen Natur und Kultur im Menschen zu verhandeln, auch in der Zeit des Frühchristentums.

"Die Sexualität, von der wir ja immer denken, sie sei etwas Natürliches, ist selbst durch und durch konstruiert, was so viel heißt wie gedeutet, gehegt und gemanaged."

Die plötzliche Erektion unterbricht den freien Willen 

In diesem Zusammenhang kommt die überraschende Erektion ins Spiel, wie sie in den Texten des Augustinus erwähnt wird: als Unterbrechung des freien menschlichen Willen; als Sinnbild dafür, dass sich die Natur nie ganz ins Kulturelle und Schickliche integrieren lasse.

"Foucault hat großen Spaß daran, diese Metapher bis ins Letzte auszudeuten und zu inszenieren", meint Saar.

Zum anderen, als philosophisch noch interessanter, unterstreicht Saar: Foucault betrachtet die frühchristliche Sexualmoral als eine Fallstudie in der Frage: Wie entsteht eine Ethik? Denn die Art und Weise, wie Normen und Sitten begründet und reguliert wurden, verschob sich in der Zeit der Kirchenväter gründlich:

"Damit ist auch die Ethik selbst etwas enorm Flüssiges und Dynamisches. Das heißt, hinter jeder Moral steckt ein enormer Konflikt zwischen unterschiedlichen Formen, Argumente für das Verbindliche anzuführen. Die Ethik, könnte man sagen, ist ein Kampfplatz."

Michel Foucault: Histoire de la sexualité 4. Les aveux de la chair
Gallimard, Paris 2018
448 Seiten 24,- Euro

Die ersten drei Bände erschienen auf Deutsch bei Suhrkamp

Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Bd. 1
Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit, Bd. 2
Die Sorge um sich. Sexualität und Wahrheit, Bd. 3

Von Martin Saar

Martin Saar: Genealogie als Kritik. Geschichte und Theorie des Subjekts nach Nietzsche und Foucault.
Campus, Frankfurt am Main 2007 
383 Seiten, 37,90 Euro

Martin Saar: Die Immanenz der Macht. Politische Theorie nach Spinoza.
Suhrkamp, Frankfurt am Main 2013
459 Seiten, 22,- Euro

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