Seit 05:05 Uhr Studio 9

Montag, 18.06.2018
 
Seit 05:05 Uhr Studio 9

Politisches Feuilleton | Beitrag vom 12.06.2018

Forderung nach einem neuen BildungsprogrammMedienpolitik der Bevormundung kann nur scheitern

Von Bernhard Pörksen

Beitrag hören Podcast abonnieren
Computertaste mit der Aufschrift "alternative facts". (imago)
Angesichts von Fake News gibt es Vorschläge wie den eines Bildungstests als Voraussetzung, um wählen zu dürfen. Höchst gefährlich, meint Bernhard Pörksen. (imago)

In Zeiten von Fake News und spürbarer Diskursverwilderung wollen immer mehr Medienpolitiker die Bürger bevormunden. Ein Rezept für das sichere Scheitern, meint der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Und skizziert eine neue, moderne Medienpolitik.

Vor 35 Jahren hat der Kommunikationsforscher und Ironiekünstler Paul Watzlawick ein kleines, berühmt gewordenes Buch geschrieben: die "Anleitung zum Unglücklichsein". Es ist ein Anti-Ratgeber von vollendeter Boshaftigkeit, die Total-Veräppelung von Optimierungs-Rezepten jeder Art. Watzlawick gibt hier jede Menge Tipps, wie man nach allen Regeln der Kunst Misserfolge organisiert, die garantiert von Dauer sind.

Heute scheint es, als hätten Medienpolitiker Paul Watzlawick gelesen und würden dazu ansetzen, ganze Gesellschaften gezielt ins Unglück zu stürzen. Sie wollen die öffentliche Kommunikation reorganisieren, neu planen – in Zeiten von Fake News und Hass-Attacken, in Zeiten einer spürbaren Gereiztheit und Diskursverwilderung. Das immer beliebter werdende Schein-Rezept solcher Medienpolitiker könnte man den medienpolitischen Paternalismus nennen, die Entmündigung des Publikums, angeblich zu seinem Schutz und zum Besten aller.

Einfach mal Twitter landesweit abschalten?

In diese Richtung ging der Vorschlag, man solle in Deutschland ein staatliches Abwehrzentrum gegen Desinformation gründen. In diese Richtung ging die Idee eines Wissenschaftlers, das allgemeine Wahlrecht an einen Wissenstest zu koppeln, durchgeführt von der Bundeszentrale für politische Bildung. Um zu prüfen, wer Propaganda von harten News zu unterscheiden vermag. Der zentrale Satz: "Wer besteht, darf wählen." In eine ähnliche Richtung gehen auch Versuche in vielen Ländern Europa, Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks politische Linien vorzugeben – angeblich im Dienste objektiver Berichterstattung. Und in diese Richtung ging auch der Einfall eines CSU-Politikers, der mir kürzlich am Rande einer Veranstaltung vorschlug, man solle doch Facebook und Twitter beim nächsten Amoklauf oder Attentat einfach mal landesweit abschalten, bis sich die Situation wieder beruhigt habe. Den Hinweis, ein solches Vorgehen sei die übliche Praxis in Autokratien und Diktaturen, wollte er nicht gelten lassen.

Staatliche Abwehrzentren, Eingriffe in die Grundrechte, Attacken auf den kritischen, unabhängigen Journalismus – die ganze Richtung eines solchen Denkens ist grundfalsch. Das demokratische Prinzip lebt elementar vom Ideal der Aufklärung und der Mündigkeit, bis zum absolut endgültigen Beweis des Gegenteils. Und man kann eine Demokratie gewiss nicht dadurch stärken, dass man sie zerstört. Allerdings erlauben es solche Schein-Rezepte, die 1-Million-Euro-Frage gegenwärtiger Medienpolitik präziser zu formulieren. Sie lautet: Wie kann es gelingen, gegen Desinformation vorzugehen, für eine ausreichend respektvolle Kommunikation zu werben – ohne die Ideale von Kommunikationsfreiheit und Mündigkeit zu schleifen?

Der Wert der Öffentlichkeit wird völlig vergessen

Meine eigene Antwort lautet, für einen Universitätsbewohner keineswegs überraschend: In der aktuellen Medienrevolution steckt ein gesellschaftlich noch gar nicht verstandener, nicht wirklich entzifferter Bildungsauftrag. Dieser Bildungsauftrag handelt nicht primär von neuen Tablets, nicht primär von besserem WLAN, nicht primär von funktionierenden Whiteboards. Dieser Bildungsauftrag handelt vom Wert der Öffentlichkeit als dem geistigen Lebensraum einer liberalen Demokratie.

Und ich denke: So wie in den 70er-Jahren das Umweltbewusstsein entstanden ist als Reaktion auf die Verschmutzung unserer natürlichen Umwelt, braucht es jetzt eine Reaktion auf die Verschmutzung der publizistischen Außenwelt und die Ausbeutung der kognitiven Innenwelt. Eine digitale Ökologie als Korrektiv der digitalen Ökonomie. Ein Bildungsprogramm, das für die individuellen und gesellschaftlichen Folgen der Vernetzung sensibilisiert und an Schulen und Hochschulen gelehrt werden könnte.

Auf all die Vorschläge, die Bildung mit Bevormundung verwechseln, kann man dabei getrost verzichten. Sie taugen, frei nach Paul Watzlawick, allenfalls als Rezept für den garantierten Misserfolg, das sichere Scheitern.

Bernhard Pörksen (Peter-Andreas Hassiepen)Bernhard Pörksen (Peter-Andreas Hassiepen)Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Kürzlich erschien sein Buch "Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung" im Hanser-Verlag.

Mehr zum Thema

Medienpolitik - Journalismus als Barometer für Demokratie
(Deutschlandfunk, Zur Diskussion, 03.01.2018)

Internet-Zensur und Massenüberwachung - Der gläserne Inder
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 17.05.2018)

Pressefreiheit - Großer Verlierer Europa
(Deutschlandfunk, @mediasres, 25.04.2018)

Politisches Feuilleton

SyriendebatteEs ist falsch, Moskau zu folgen!
Zwei Panzer stehen auf einer nicht asphaltierten Straße, im Hintergrund Nebel und Wohnhäuser, vor den Panzern gehen drei Männer. (dpa picture alliance/ Mikhail Voskresenskiy/ Sputnik)

Viele Linke und vermeintlich kritisch Denkende haben zum Syrienkonflikt die Erzählweise Moskaus und des Assad-Regimes übernommen. Unser Kommentator Emran Feroz fragt sich, was dahinter steckt: Chronische Ignoranz oder simple politische Verwirrung?Mehr

WM-AuftaktStellvertreterkrieg im Fußball
Der Innenraum des Olympiastadion Luschniki in Moskau. Die Stadt ist einer der Spielorte für die FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland. (picture alliance / dpa / Marius Becker)

Russland gegen Saudi Arabien: Das Eröffnungsspiel der Fußball-WM ist zumindest auf den ersten Blick aus sportlicher Sicht keine hochrangige Partie, meint Politikwissenschaftler Timm Beichelt. Politisch komme allerdings auf dem Platz einiges zusammen.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur