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Donnerstag, 14.12.2017

Tonart | Beitrag vom 30.08.2017

Folk-Legende Shirley Collins "Ich habe es nicht ertragen, den Klang meiner Stimme zu hören"

Shirley Collins im Gespräch mit Dirk Schneider

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Shirley Collins (Eva Vermandel)
In den 60er-Jahren machte Shirley Collins den britischen Folk wieder populär. (Eva Vermandel)

Mit ihrer außergewöhnlichen Stimme sorgte Shirley Collins in den 60er- und 70er-Jahren für ein Revival uralter Folksongs. Dann verlor sie ihre Stimme – und ihr Selbstvertrauen. Mit über 80 feierte sie 2016 ihr Comeback.

Dirk Schneider: Mrs. Collins, Sie haben in einem Interview Ihr Unverständnis darüber geäußert, dass Musiker heute überhaupt noch Songs schreiben. Es gäbe so viel traditionelle Musik, in ihr sei eigentlich alles gesagt. Meinen Sie das ganz ernst? Würde es Ihrer Meinung nach reichen, die alten Songs neu zu interpretieren? 

Shirley Collins: Ich meinte damit eigentlich nur die Leute, die sich Folksänger nennen. Sie sagen dann gerne, dass sie einen Folksong geschrieben haben, aber das ist ja gar nicht möglich! Ein Folksong muss ja einen langen Weg gehen, er muss von einer Person zur nächsten weitergereicht werden, über viele, manchmal hunderte Jahre. Aber ich glaube tatsächlich, dass man in den alten Folksongs alles findet, was ein Lied braucht: alle Geschichten, alle persönlichen Dinge. Und das in der Regel schöner, und auch mit größerer Tiefe ausgedrückt als in neueren Liedern. Aber diese Einstellung hat sicher auch mit meinem Alter zu tun. Ich bin ja mit Menschen aufgewachsen, für die es noch ganz natürlich war, diese Lieder zu singen. Und ich verstehe natürlich auch, dass die Menschen kreativ sein wollen und neue Lieder schreiben. Aber ich finde das eigentlich nie interessant, darum halte ich mich an die alten Lieder, für mich ist in ihnen alles enthalten. 

Folksongs spendeten Trost während des Krieges

Dirk Schneider: Ihre Liebe zur Folk-Tradition hat sicher auch damit zu tun, dass Sie in Ihrer Familie mit den traditionellen Liedern groß wurden. Wie war das damals, bei welchen Gelegenheiten haben Sie zuhause gesungen?

Shirley Collins: Ehrlich gesagt hat das mit dem Krieg zu tun, als meine Schwester und ich im Luftschutzbunker schliefen. Wir sind an der englischen Südküste aufgewachsen, dort sind wir ja häufiger bombardiert worden. Und um uns zu beruhigen, haben unsere Großeltern uns die alten Lieder vorgesungen. Ich war noch klein, und diese Lieder wurden wirklich zu einem Teil von mir. Sie waren sehr tröstlich. Aber wir haben auch in der Schule Volkslieder gesungen, die Lieder, die Cecil Sharp Ende des 19. Jahrhunderts in ganz England gesammelt hat. Wobei er viele Lieder umgedichtet hat, um sie für Kinder geeignet zu machen. Aber die Melodien waren dieselben. Und diese Lieder haben mir sehr gefallen, genauso wie Gute-Nacht-Lieder oder Kinderlieder. Und das sind so einfache und schöne Melodien, und es sind die Muster dieser Melodien, dieser Texte, die einfach diese lange Zeit überdauert haben.

Dirk Schneider: Sie sind im Südosten Englands aufgewachsen, in Sussex, wo Sie heute noch leben. Was zeichnet die Folkmusik aus, die von dort kommt?

Sussex Folkssongs ähneln der Landschaft  

Shirley Collins: Das ist ja sehr interessant am Folk, dass es in jedem Teil eines Landes verschiedene Stile gibt. Sussex hat eine große Folktradition, die ich erst später genauer kennengelernt habe. Tatsächlich spiegeln die Melodien der Lieder oft die Landschaft wieder. Ich lebe in der Nähe der South Downs, dieser südenglischen Hügellandschaft, deren Kreidefelsen an der Küste berühmt sind. Und der weite Schwung dieser Landschaft ist so schön, so elegant. Und die Lieder von dort haben ähnlich langgezogene Melodien, ganz ähnlich wie die Landschaft.

Dirk Schneider: Sie sind in den 50er-Jahren mit ihrem damaligen Lebensgefährten, dem großen Musikethnologen Alan Lomax durch die amerikanischen Südstaaten gereist, um traditionelle Musik aufzunehmen. Wie hat diese Reise Ihre Musik geprägt?

Shirley Collins: Das war einfach eine einmalige Erfahrung, wie sie heute nicht mehr möglich ist. Die traditionelle Musik erfährt inzwischen so viele Einflüsse durch die Medien, damals hatte sie in den abgelegenen Gegenden noch unverfälscht überlebt. Ich habe damals viele wundervolle Menschen kennengelernt, aber es gab auch Dinge, die mir Angst gemacht haben. Die Weißen haben damals in den Südstaaten ziemlich argwöhnisch beobachtet, was wir da machten. Und ich kam ja aus dem beschaulichen Sussex in diese weiten Landschaften des Südens, das war sehr aufregend. Aber dann gab es auch überall die Symbole des Ku-Klux-Klans, der eine legale Vereinigung war. Das war für mich unbegreiflich.

Ein Ständchen von Blues-Legende Fred McDowell

Aber in der schwarzen Community hieß man uns herzlich willkommen. Was auch Alans Verdienst war, er kommt aus den Südstaaten, er liebt die Musik, die von dort kommt, und er konnte den Leuten glaubwürdig vermitteln, wie groß sein Respekt vor ihrem Schaffen ist. Auch viele Weiße sind uns freundlich begegnet. Besonders schön war, dass mir viele Sänger in den Bergen ihre Lieder vorgesungen haben, und ich konnte ihnen dann die ursprünglichen britischen Versionen vorsingen. Und Leute waren natürlich begeistert, sie wussten ja, dass ihre Lieder aus der Alten Welt kommen, und sie waren sehr stolz auf ihre Herkunft. Es war eine herzerwärmende Erfahrung. Ich habe wirklich bemerkenswerte Sänger gehört, und bemerkenswerte Musik. 

Dirk Schneider: Wie der berühmte Blues-Sänger vom Mississippi. 

Shirley Collins: Mississippi Fred McDowell! Das war sicher der Höhepunkt der Reise, und einer der Höhepunkte in meinem ganzen Leben. Wir fuhren nach Como, wo er lebte, und dort standen wir auf einer Lichtung mit Holzhütten, Kinder spielten, Hühner liefen herum und Hunde bellten, es herrschte dort echte Armut. Und dann kam Fred aus dem Wald, ein kleiner, schlanker Mann, in seiner Arbeitskleidung, er hatte den ganzen Tag Baumwolle gepflückt. Und er trug eine Gitarre bei sich. Und dann setzte er sich zu uns und sang für uns, und vom ersten Moment an wussten wir, dass dies ein wirklich ganz großer Musiker ist. Sein Gitarrenspiel und sein Gesang waren so stark, Alan und ich schauten uns nur an, und am Ende des Tages schrieb Alan nur ein Wort in sein Notizbuch: "Perfekt". Und das war es. Ich hatte solches Glück, dabei zu sein.

Shirley Collins: Es gab das Interesse für die Lieder des Ersten Weltkriegs, die Lieder, die die Soldaten gesungen haben und die uns verloren gegangen sind. Dasselbe gilt sicher auch für Deutschland. So viel Liedkultur ist mit den Soldaten gestorben. Aber dann haben wir noch weiter zurück geschaut, in die Zeit der napoleonischen Kriege und so weiter. Die Lieder stammten ja immer von einfachen Leuten, von Arbeitern und Bauern, die ihr Leben im Krieg verloren haben. Sie hatten keine Chance. Im 19. Jahrhundert wurden Soldaten in England zwangsrekrutiert, und es gibt so viele Lieder darüber, wie geliebte Menschen aus ihrem Zuhause, von ihren Liebsten und aus ihrer Arbeit gerissen wurden. Und das ging jahrhundertelang. Ich mag nicht nur diese Musik, sondern auch schlicht das Alter dieser Songs. Es handelt sich hier um Lieder, die 300- 400 Jahre alt sind, manche sind auch jünger. Ich fand Geschichte einfach immer faszinierend und dieses Ausgraben alter Songs nenne ich immer wieder gern die Archäologie der Musik.

"Bin ziemlich stolz, eine Frau aus der Arbeiterklasse zu sein"

Dirk Schneider: Es hat auch etwas damit zu tun, Geschichte am Leben zu halten?

Shirley Collins: Es Es hält auch Geschichte lebendig. Und zwar aus der Perspektive derer, die darunter gelitten haben. Man liest und hört immer viel über Könige und Herzöge, die dies und jenes geschafft hätten und Schlachten gewonnen et cetera. Aber nicht sie haben gewonnen und gekämpft! Es waren die armen Soldaten, die ihr Leben verloren haben. Das wollte ich immer hervorheben: Es waren die einfachen Menschen, die große Schlösser gebaut haben, die auf den Schiffen umgekommen sind. Ich bin ziemlich stolz, eine Frau aus der Arbeiterklasse zu sein – das gibt mir ein tieferes Verständnis – und das hat auch mit meinem Alter zu tun. Jüngeren Menschen fehlt dieses Verständnis, wie die Umstände waren. Sie sind einfach ein bisschen zu spät geboren. Ich beneide sie natürlich um ihre Jugend, aber ich bin froh über meine Kindheit und Erziehung.

Comeback mit über 80  

Dirk Schneider: In den späten 70er-Jahren haben Sie Ihre Stimme verloren und mussten sich aus dem Musikgeschäft zurückziehen. Ihr Comeback hatten Sie letztes Jahr mit dem sehr schönen Album "Lodestar" – ein Comeback mit über 80 Jahren! Trotzdem waren Sie in der Zwischenzeit als Musikexpertin in der Öffentlichkeit. Wenn Sie heute singen, fühlen Sie sich wie damals, oder haben Sie als Sängerin heute einen ganz anderen Zugang zur Musik?

Shirley Collins: Das war wirklich eine lange Zeit. Ich bin älter geworden und meine Stimme tiefer. Aber während der ganzen Zeit, als ich nicht singen konnte, habe ich Aufnahmen gehört mit überwiegend alten traditionellen Sängern und Lieder, die ich durch sie gelernt habe. Ich habe es nicht mal zu Hause im stillen Kämmerlein ertragen, den Klang meiner Stimme zu hören - mein Selbstvertrauen war komplett verloren. Aber es gab dann doch einige Gründe, die mich überzeugten, wieder anzufangen. Der Musiker David Tibet mochte meine Musik und er hatte alle meine Alben und versuchte mich zu überreden, wieder zu singen.

Jahrzehntelang traute Collins sich nicht auf die Bühne zurück

Es dauerte zwanzig Jahre, alle 5 Jahre fragte er an. Es tut mir leid, sagte ich das erste Mal, ich kann nicht. Und nach fünf Jahren fragte er nochmal und ich lehnte wieder ab. Und wieder fünf Jahre später fragte er wieder an, und ich sagte "vielleicht" und nach fünf Jahren sagte er, er habe ein Konzert in der Union Chapel in London, und ob ich mitmachen würde. Und da sagte ich: Ja! Und führte zwei Lieder auf mit Ian Keary von der Lodestar Band. Der erste Schneeball war geworfen und die Dinge kamen ins Laufen. Es ist wundervoll, wieder zu singen!

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