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Zeitfragen | Beitrag vom 21.09.2017

Flucht und Vergewaltigung"Wenn du gelitten hast, ist das hier das Paradies"

Von Susanne Billig und Petra Geist

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Frauen und Kinder fliehen vor den Kämpfen im Nordwesten von Myanmar. (AFP / Wai Moe)
Geflüchtete Frauen machen schreckliche Erfahrungen auf der Flucht - hier Frauen und Kinder flüchten vor den Kämpfen im Nordwesten von Myanmar. (AFP / Wai Moe)

"Du kannst dir nicht vorstellen, mit wie vielen Menschen du auf diesem Weg schlafen musst", ist einer der Sätze, die von geflüchteten Frauen kommen. Wie aber kann man diesen Frauen helfen, ihr Trauma zu überwinden? Wie können Ärzte diese Frauen erfolgreich über die Kulturen hinweg therapieren?

Aischa: "Meine Freunde haben uns ihren Garten gezeigt und wir haben ein Fest gemacht, gegessen alle. Und wir haben gespielt Fangen. I like to verstecken spielen. And my friend say, you want to play hiding? I say yes – let‘s play!"

Aischa Okeke erzählt, dass sie im Kindergarten am liebsten Verstecken spielt. Das aufgeweckte Mädchen ist sieben Jahre alt, trägt Dreadlocks, eingeflochten von ihrer Mutter Angel Okeke, und kommt dieses Jahr in die Schule. Noch mischt Aischa englische und deutsche Wörter, doch sie lernt schnell – und man muss sie nicht lange fragen, ob sie sich auf die Schule freut.

"Ja, Man muss lernen und Sportsachen mitbringen."

Vor zwei Jahren kam Aischa mit ihrer schwangeren Mutter Angel Okeke nach Deutschland. Hier wurde ihr kleiner Bruder "Winner" geboren. Zwei Jahre lang dauerte die Flucht der Familie, fast ein Jahr davon lebten Angel und Aischa Okeke in einem Wald in Marokko, mussten betteln, um zu überleben.

Am Ende dieser langen Odyssee nahm das "Frauenflüchtlinshaus" in Halle an der Saale, eine Einrichtung des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, die Familie auf. "Wir sind ein Haus der Ruhe", steht auf der Webseite des Hauses, "ein geschützter Rückzugsraum in stressfreier Atmosphäre, mit zehn Plätzen, ohne Zutritt für Männer".

Sechzehn Quadratmeter ist ein Zimmer im Frauenflüchtlingshaus groß, maximal ein Jahr kann eine Frau darin wohnen. Ein Bett, Tisch und Stühle, Kommode, schmale Schränke und hinter dem Fenster ein Baum. Angel Okeke erinnert sich, wie Aischa nach dem Einzug bunte Poster mit Tieren aus Afrika an die Wände klebte.

Das Haus habe ihr Kind glücklich gemacht, sagt die 39-Jährige. Es habe sie und ihre Kinder gerettet – und wie ein zweiter Gott ins Paradies geführt.

Zahlen über die Lage der Frauen

Etwa ein Drittel der Schutzsuchenden, die nach Deutschland einreisen, sind Frauen. 2017 lieferte das Projekt "Interkulturelle Migrations- und Versorgungsforschung" der Berliner Charité erstmals belastbare Zahlen über die Lage dieser Frauen. Die meisten von ihnen sind zwischen 17 und 39 Jahre alt. Je nach Herkunft berichten bis zu 30 Prozent von sexualisierter Gewalt als Fluchtgrund.

Doch niemand weiß, wie hoch die Dunkelziffer ist, denn viele Frauen schweigen über solche Verbrechen. Wurde Angel Okeke Opfer der Terrororganisation Boko Haram? Was geschah auf ihrer Flucht? Auch nach zwei Jahren spricht die Nigerianerin nicht über diese Themen. Anita Schunke, Ethnologin, Politologin und Leiterin des Frauenflüchtlingshauses, erinnert sich noch gut an die beiläufige Bemerkung einer Bewohnerin beim Arzt.

Anita Schunke: "Sie meinte: 'Ja, du kannst dir nicht vorstellen, mit wie vielen Menschen du auf diesem Weg schlafen musst.' Und das ist für alle Frauen so. Also, man kann sich relativ sicher sein, dass sie irgendwo auf dem Weg – und wenn schon im Herkunftsland – sexualisierte Gewalt definitiv erlebt haben, auf die eine oder andere Art."

Wenn Gesellschaften sich auflösen, werden sexuelle Misshandlungen oft als Machtdemonstration eingesetzt. Mit sexueller Lust hat das nichts zu tun. Zwangsheirat, Genital-Verstümmelung, brutale Ehepartner, öffentliche Massenvergewaltigungen durch marodierende Militärs, Vergewaltigungen in Flüchtlingscamps und auf der Flucht nach Deutschland, Schwangerschaften aus solchen Vergewaltigungen – Frauen mit solchen Erfahrungen werden, genau wie andere Flüchtlinge, in Deutschland zunächst in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht.

Traumatisierte Frauen fürchten die Enge in den Heimen

Laut Charité-Studie ist über die Hälfte der geflüchteten Frauen in Deutschland extrem unglücklich mit ihrer Wohnsituation. Traumatisierte Frauen fürchten die Enge in den Heimen, die nächtlichen Dunkelheit und sehr real weitere Übergriffe. Sie ziehen sich aus sozialen Kontakten zurück, manche verstummen. Anita Schunke.

"Das sind Frauen, die haben ganz schlimme Sachen hinter sich, aber natürlich reden die nicht einfach mit jedem darüber. Die sitzen in ihrem Zimmer, keiner redet mit ihnen. Die gehen wirklich unter."

Fatal daran ist auch: Die stillen Frauen scheinen in den Mühlen der Bürokratie pflegeleicht. Nur mit viel Glück fallen sie einem Sozialarbeiter, wahrscheinlicher ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern auf. Monika Dafé hat eine solche Geschichte hinter sich. Geboren Mitte 1980er Jahre, stammt sie aus Guinea-Bissau. Fließend Deutsch spricht sie bislang nicht. Anita Schunke übersetzt.

Monika Dafé/Anita Schunke: "Ich habe selbstständig gearbeitet. Ich habe zu Hause den Reis zubereitet und bin dann auf den Markt gegangen und habe für umgerechnet einen Euro einen Teller Reis verkauft. Damit hab ich mein Kind ernährt."

Guinea-Bissau ist eine schwierige Heimat. Laut der Organisation "Terre des Femmes" haben die Hälfte aller Mädchen und Frauen Genitalverstümmelung erlitten. 2016 bezeichneten UN-Berichterstatter den Zustand der korrupten Strafjustiz als "traurig" und "furchtbar". Gewaltopfer können sich nicht wehren. Monika Dafé wurde von ihrem Ehemann blutig geschlagen, vergewaltigt und mit dem Messer bedroht. Sie nahm ihren Mut zusammen und ließ sich scheiden.

Danach war sie ihres Lebens nicht mehr sicher. Sie ließ ihre Tochter bei einer Schwester und floh, auch vor der eigenen Familie – ohne Geld quer durch Afrika bis nach Europa. Im Erstaufnahmezentrum ging es ihr schlecht. Nichts zu tun, keine Hilfe, sechs Monate lang. Nur 16 Prozent der geflüchteten Frauen haben in Deutschland Zugang zu einem Arzt, nur zehn Prozent zu Medikamenten, nur 8 Prozent können sich an eine Psychologin wenden. Monika Dafé versuchte, sich selbst zu helfen, indem sie sich zurückzog.

Monika Dafé/Anita Schunke: "Man hat keine Wahl – man versucht irgendwie durchzukommen. Sie war viel allein, sie hat sich bewusst entschieden, viel allein zu sein, ist, wenn die Möglichkeit bestand spazieren gegangen, um die Zeit rumzubringen dort. Aber, sie meinte, die sechs Monate dort kommen einem vor wie tausend Jahre. Man muss wirklich stark aufpassen, dass man dort nicht verrückt wird. Wenn man nicht aufpasst, wird man verrückt."

Bürokratisches Tauziehen in Sachsen

Über den Sächsischen Flüchtlingsrat gelangte Monika Dafé schließlich nach einem mehrmonatigen bürokratischen Tauziehen in das Frauenflüchtlingshaus.

Anita Schunke: "Sie war einfach müde, sie war geschafft, aber glücklich. Und das ist seit Monaten, manchmal seit Jahren das erste Mal, dass die Frauen allein ein Zimmer haben."

Anita Schunke und ihre Mitarbeiterin helfen den Frauen bei den vielen Behördengängen. Ehrenamtliche lernen mit den Frauen Deutsch und gemeinsame Ausflüge stehen auf dem Programm. Eine feste Tagesstruktur für alle lässt sich nicht aufbauen, denn traumatisierte Frauen leiden unter Schlaflosigkeit. Viele sind um fünf Uhr schon auf den Beinen, andere schlafen wegen starker Medikamente bis in den späten Vormittag. Das Zusammenleben hilft den Frauen. Selbst wenn sie nicht dieselbe Sprache sprechen, tauschen sie eine nette Begrüßung aus oder essen zusammen.

Anita Schunke: "Es ist natürlich nicht so, dass die hier selbsthilfegruppenmäßig im Kreis sitzen und sich von ihren schlimmen Erfahrungen erzählen. Dazu würden die in keinem Fall bereit sein!"

Bloß nicht zu viel von sich erzählen. Bloß nicht sagen, was man durchgemacht hat. Kein Wort über Schläge, Vergewaltigungen, Verstümmelungen. Alle hier schließen sich nachts ein und viele, auch Monika Dafè, tragen ständig ihren Zimmerschlüssel bei sich – als handfestes Zeichen ihrer neuen Kontrolle. Erst in einer Atmosphäre von Sicherheit und Vertrauen können die Frauen jetzt einen entscheidenden Schritt in Richtung Heilung tun.

Monika Dafé/Anita Schunke: "In den Aufnahmeeinrichtungen hat man Angst, dass jemand ins Zimmer reinkommt und einem was antut. Das macht einem sehr große Angst. Hier hat man viel, viel Hilfe mit Ärzten, Psychologen. Man wird dabei unterstützt, dabei das zu finden. Man wird sonst verrückt, wenn man niemanden hat, mit dem man reden kann."

Schon das zuzugeben und zu sagen ist wichtig.

Anita Schunke: "Ich brauche Hilfe – und ich nehme die Hilfe an, wenn sie mir angeboten wird: Das ist ein sehr, sehr kraftvoller Schritt, den die Frauen da gehen. Das ist auch nicht einfach für die Frauen, das einzugestehen, dass sie Hilfe brauchen."

Trauma bedeutet im Griechischen "Wunde"

Das Wort "Trauma" bedeutet im Griechischen "Wunde". Ein psychisches Trauma kann entstehen, wenn ein Mensch einmalig oder über lange Zeit einer fruchtbaren Situation ausgeliefert war, ohne sich schützen zu können. Ohnmacht, Panik, Schmerzen sind so massiv, dass sie das Weltbild des betroffenen Menschen dauerhaft erschüttern.

Ein Trauma ist eine tiefe Zäsur – danach ist nichts mehr, wie es vorher war. Lena Graf, Psychologin am Psychosozialen Zentrum für Migrantinnen und Migranten in Sachsen-Anhalt, einer wichtigen Anlaufstelle.

Lena Graf: "Die kommen häufig her mit einer depressiven Symptomatik. Mit einer Traurigkeit, mit einer Hilflosigkeit, ziehen sich sehr stark zurück, haben auch viele körperliche Beschwerden – von Kopfschmerzen, über Bauchschmerzen, Rückenschmerzen – und leiden unter sehr intensiven starken Gefühlen. Auch Ekelgefühlen, Aggressionen spielen eine Rolle. Und sie blickt sich ständig auf der Straße um, weil sie denkt: Alle Menschen sind schlecht, weil ihr das passiert ist."

Opfer von sexuellen Misshandlungen haben ein "man made disaster" erlebt – einen Gewaltakt durch Menschenhand, betont der Psychologe Jan Kizilhan. Er ist Professor in Villingen-Schwenningen, bundesweit bekannt für sein Engagement für traumatisierte Jesidinnen und er ist spezialisiert auf "Transkulturelle Psychiatrie und Traumatologie".

Jan Kizilhan: "Menschen töten Menschen. Menschen vergewaltigen Menschen. Menschen foltern Menschen. Das ist das, was wir am schwersten verarbeiten können, von unserer ethischen, moralischen Vorstellung. Und das erleben wir sehr häufig bei diesen Frauen, dass sie dann kein Vertrauen mehr in die Menschheit haben, weil die Menschen ihnen etwas Böses antun."

Frauen, die vergewaltigt, verprügelt, verstümmelt wurden, können diese Erfahrung meist nicht in ihrem normalen biografischen Gedächtnis abspeichern. Der Schrecken bleibt in einer Art Rohzustand und drängt ungewollt immer wieder ins Bewusstsein. Eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt sich. Alpträume beherrschen die Nacht und Panik-Flashbacks den Tag. Depressionen, Suchtkrankheiten, starke körperliche Schmerzen, Suzidgedanken sind die Folge.

Die westliche Psychotherapie steht hier vor einer großen Herausforderung: Die geflüchteten Frauen stammen häufig aus kollektiven Kulturen, in der das Wohl der Gemeinschaft über dem des Einzelnen steht. Wer so erzogen wurde, schweigt über seelische Nöte, um die Gemeinschaft zu schonen.

Jan Kizilhan: "Gerade bei sexualisierter Gewalt haben sie das Gefühl, immer beobachtet zu werden, dass die Leute ihnen unmittelbar direkt im Gesicht ansehen, dass sie vergewaltigt worden sind – und dann ziehen sie eher vor, dass sie alleine bleiben und niemanden sehen möchten."

In kollektiven Kulturen schämen sich Frauen wegen einer Vergewaltigung

In kollektiven Kulturen fällt Frauen häufig die Rolle zu, durch ihren Lebenswandel ein Garant für die Ehre der Familie zu sein. Offen über Vergewaltigung sprechen – das könnte eine harte Strafe oder den sozialen Ausschluss nach sich ziehen. Die Frauen schämen sich zutiefst und fühlen sich vollständig entwertet.

Jan Kizilhan: "Bei den kollektiven Gesellschaften ist es so, dass sie immer das Gefühl haben, sie sind beschmutzt – und ich habe Patientinnen, die nach einer Vergewaltigung manchmal vier bis fünf Stunden unter der Dusche bleiben und glauben immer noch, dass der Körper nicht sauber ist."

Das bestätigt auch Emina Saitovic aus dem ehemaligen Jugoslawien, ebenfalls Psychologin am Psychosozialen Zentrum. Neulich hat sie eine 24-jährige Tschetschenin behandelt.

Emina Saitovic: "2015 wurde ihr Mann gesucht. Diese zwei Männer kamen zweimal nachts, das zweite Mal wurde sie vergewaltigt; die Kinder haben im Nebenzimmer geschlafen. Es ist wieder so eine Geschichte, wo die Frau es dem Mann nie erzählt hat. Keiner weiß das. Sie hat auch Monate gebraucht, um es hier irgendwie loszuwerden und sich hier anzuvertrauen, weil es ist eine große Schande."

Und so kann Trauma-Behandlung nur interdisziplinär gelingen. Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer, die sich als Begleiter und Ansprechpartner anbieten, professionelle Sozialarbeiterinnen, die Kompetenz und Verlässlichkeit bieten, Ärzte, die die richtigen Medikamente verschreiben und Einrichtungen wie das Frauenflüchtlingshaus, die ein geregeltes Leben ermöglichen – diese Elemente müssen ineinander greifen. Eine überragende Bedeutung kommt der Psychotherapie zu, einer kultursensiblen Psychotherapie, die mit schweigenden Menschen umgehen kann.

Jan Kizilhan: "Die westliche Welt kommt aus der griechisch-römischen Kultur des Argumentieren, über Dinge zu sprechen – und manchmal ist über Trauma nicht zu sprechen auch eine Form von Rehabilitation, was unsere Vorstellung von Psychotherapie manchmal erschwert, weil wir glauben, dass wir immer durch Sprechen Lösungen finden, aber manche Konflikte spricht man eben nicht direkt aus. Und diese Vorstellungen müssen wir viel stärker in die moderne Psychotherapie einbauen."

Eine kultursensible Psychotherapie setzt in erster Linie auf Stabilisierung und Vertrauen, betont der Psychologe. Dabei gilt es, alle verfügbaren Ressourcen einer Frau zu aktivieren. Vielleicht hat sie ein Hobby oder findet Halt in ihren Kindern – das wird bestärkt.

Jan Kizilhan: "Sie kann nur sich mit dem Trauma auseinandersetzen, wenn sie ausreichend stabil ist. Wenn sie nämlich nicht stabil ist und wir sie mit dem Trauma auseinandersetzen, werden wir die Traumastörung eher verstärke. Und wenn möglicherweise Suizid-, also Selbstmordgedanken vorhanden sind, kann das sogar verstärkt werden."

Woher kommen die Panikattacken?

Statt Frauen mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren, setzt die kultursensible Psychotherapie auf andere narrative Techniken. In großen Bögen tauschen sich Therapeut und Klientin über ihre Vorfahren, über Eltern, Tanten und Geschwister aus – denn jeder Mensch gehört zu einer Gemeinschaft und deren Geschichte, erklärt Jan Kizilhan.

Jan Kizilhan: "Wir schlagen vor eine indirekte Konfrontation auf einem niedrigen Level, durch das Sprechen und Erzählen, vor. Erzählen ist Heilen. Man kann durch Erzählen Heilen erzeugen, weil die Menschen aus einer Erzählkultur kommen, aus traditionellen Gesellschaften. Sie haben immer wieder Katastrophen erlebt und das Erzählen und Sprechen in ihrer Gemeinschaft hat ihnen sehr häufig geholfen, mit diesen Katastrophen umzugehen."

Aufklärung ist ein weiterer wichtiger Baustein. Was ist ein "Trauma", eine "posttraumatische Belastungsstörung"? Woher kommen die Alptraumbilder und Panikattacken? Worum geht es in einer Therapie? Wissen hilft, sich im Chaos der inneren Nöte zu orientieren.

Jan Kizilhan: "Wenn eine junge Frau, die von der IS vergewaltigt worden ist, das Gefühl hat, ihre Ehre verloren zu haben, dann sprechen wir darüber. Wer hat denn eigentlich die Ehre verloren? Ist es nicht dieser IS-Terrorist, ein junger Mann, der von Ehre und Religion spricht, aber gleichzeitig ein junges Mädchen vergewaltigt? Er hat doch seine Ehre verloren. Sie haben doch gar nicht ihre Ehre verloren."

Häufig nimmt der Psychologe in Gruppentherapien einen Hunderteuroschein in die Hand und fragt die traumatisierten Frauen, wie viel dieses Geld wert sei.

Jan Kizilhan: "Und die meisten melden sich oder sagen, es ist eben hundert Euro wert. Dann nehme ich dieses Geld, zerknittere es und lege es auf den Boden und trete noch mal darauf. Und wenn es ein bisschen schmutzig ist, lege ich noch ein bisschen Schmutz drauf. Und dann ist dieses Geld zerknittert, ich nehme es wieder auseinander und frage: Wie viel wert ist es denn noch?

Und so ist es auch mit der Wertigkeit von Menschen – nur weil sie diese Vergewaltigung erlebt haben, sind sie für mich und für sich selbst genauso wertvoll wie vorher auch. Aber sie müssen das Gefühl von wertvoll und Wertigkeit erleben und sehr häufig beginnen die Frauen zu verstehen und weinen – und da ist das Thema Wert: Wertvoll, Selbstständigkeit, Anerkennung, Respekt, trotz des Ereignisses, das sie erlebt haben."

Schöne Orte imaginieren

Die Psychologinnen Lena Graf und Emina Saitovic ermutigen geflüchtete Frauen, mit den Kräften der Fantasie schöne Orte zu imaginieren, an denen sie vor Angst und Schrecken sicher sind. Diese "Imaginative Trauma-Therapie" gibt den Frauen ein Gefühl der Kontrolle zurück. Die Methode stützt sich auf die Psychoanalytikerin Luise Reddemann, die davon ausgeht, dass selbst Opfer schwerster Gewalt noch über Ressourcen der Selbstberuhigung verfügen.

Emina Saitovic: "Worauf sie sehr viel Akzent legt ist, dass man mit der eigenen Kraft des Klienten arbeiten sollte und dass der Klient immer ganz gut weiß, was ihm hilft und dass man erst mal fragen sollte: Was hat Ihnen bis jetzt geholfen? Wie haben Sie es bis jetzt geschafft zu überleben? Wie sind Sie bis hier her gekommen?"

Wenn sexuell misshandelte Frauen in Deutschland Zugang zu einer solchen Behandlung erhalten, kann für sie tatsächlich wieder so etwas wie Licht am Horizont aufscheinen. Vielleicht gibt es ja doch eine gute Zukunft; vielleicht lohnt sich das Leben. Ohne psychologische Unterstützung droht ein grundsätzliches Scheitern.

Jan Kizilhan: "Wir können sehr gut unterscheiden: Frauen, die aus der IS-Gefangenschaft kommen und in Flüchtlingscamps leben, die kaum irgendwelche psychosoziale Hilfe bekommen, entwickeln dort chronische Erkrankung bis zu einer Wesensveränderung. Das heißt, ihre Persönlichkeit beginnt sich zu verändern, und das hat einen chronischen Verlauf."

Leider schlägt sich auch die Form des Asylverfahrens negativ auf die Heilungschancen nieder. Immer wieder werden Frauen retraumatisiert, wenn sie in kleinen geschlossenen Räumen Behördenmitarbeitern Rede und Antwort stehen müssen, obwohl sie noch gar nicht in der Lage sind, über die erlittenen Misshandlungen zu sprechen. Erst neulich hat Anita Schunke eine Klientin begleitet, die von ihrer eigenen Hochzeit von Soldaten zu Verhören verschleppt wurde.

Anita Schunke: "'Was ist dann passiert? Was ist dann passiert? Was ist dann passiert? Wie haben, wie sind Sie denn bedroht, was haben die denn genau gemacht?' Ich verstehe einerseits, dass gefragt werden muss. Ich verstehe andererseits aber nicht, wenn man eine zitternde Frau vor sich plötzlich sitzen hat, mit Tränen in den Augen – dass es dann weitergeht, ohne Unterbrechung, ohne der Frau ein Glas Wasser oder ein Taschentuch anzubieten, und man dann einfach sagt: 'Ja, Sie haben meine Frage verstanden, oder?' Und das die einzige Reaktion ist. Also, ich hatte bei der Anhörung wirklich das Gefühl, eingreifen zu müssen, sagen zu müssen: 'Halt! Stopp! Hier ist Schluss!'"

Das aber darf die Begleiterin aber nicht. Dazu kommt, dass endgültige Asylentscheidungen immer früher fallen, weil das politisch gewollt ist. Ungeschulte Behördenmitarbeiter erkennen nicht, wenn ein traumatisierter Mensch unfähig ist zu sprechen und Traumaexperten zieht man nicht hinzu. Hier verkehrt sich das Vorurteil, Geflüchtete würden ihre Geschichte aufbauschen, ins glatte Gegenteil.

Emina Saitovic: "Ich hab eine Klientin, die hat in der Anhörung gar nicht über die Gewalterfahrung gesprochen. Die hat es verheimlicht. Die konnte das nicht. Die ist einen Tag darauf zu mir gekommen, wir hatten eine Sitzung, sie ist komplett zusammengebrochen, weil sie Schuldgefühle hatte, dass sie es nicht erzählt hat. Aber konnte es trotzdem nicht, weil sie Angst davor hatte, es zu sagen. Und sie hat es verschwiegen tatsächlich. Also sie hat in der Anhörung über die sexualisierte Gewalt nicht gesprochen."

Keine Sicherheit: Frauen könnten jederzeit ausgewiesen werden

Therapeuten stoßen an ihre Grenzen, wenn sie keine Sicherheit aufbauen können, weil eine Frau einfach nicht erfährt, ob sie in Deutschland bleiben kann. So auch bei Monika Dafé: Ständig ist sie in Sorge, abgeschoben zu werden. Ein Recht auf Deutschkurse oder einen Schulbesuch hat sie als Geduldete auch nicht. Da ist es schwer, neuen Lebensmut zu finden – obwohl die 32-Jährige sich wünscht, der Welt etwas zu geben.

Monika Dafé/Anita Schunke: "Was ihr sehr gut gefallen würde wäre, Hebamme zu werden. Sie hat sehr viele Frauen sterben sehen in Afrika, weil sie schlecht entbunden haben. Hebamme ist ein Beruf, den sie gerne ergreifen würde, einfach um Frauen zu helfen, ihre Kinder gut und gesund auf die Welt zu bringen."

Es gibt auch Menschen, die über genügend Widerstandskräfte verfügen, um sich selbständig vor einer posttraumatischen Belastungsstörung zu beschützen. Von Kriegsopfern weiß man, dass etwa die Hälfte von ihnen keine tiefgreifende psychische Schädigung davonträgt.

Auch Angel Okeke aus Nigeria, die mit ihrer Tochter Aischa nach Deutschland kam und hier den kleinen Winner zur Welt brachte, ist nicht zur Therapie gegangen. Dabei war ihr Blutdruck lebensgefährlich hoch und sie litt psychisch so sehr, dass sie fürchtete, verrückt zu werden. Dennoch wollte sie keine Therapie machen oder sich mit den Papieren beeilen, erzählt die Nigerianerin. Sie habe sich nur "runterbringen" wollen – innerlich entspannen, um ihr Leben zu retten.

Kürzlich traf Angel Okeke auf der Straße eine Frau, die sie noch aus der Sammelunterkunft in Bitterfeld kannte. Die Frau brach in Tränen aus. Sie hatte gesehen, wie schwach Angel damals war und konnte nicht glauben, dass sie noch am Leben war. "Aber ich lebe", hat Angel gerufen.

Unterstützt von Anita Schunke hat Angel Okeke schon viele bürokratische Hürden genommen. Ihrem Asylantrag wurde – für Menschen aus Afrika ein seltener Glücksfall – stattgegeben. Stolz habe sie zur Anhörung gehen können, erzählt Angel Okeke, auch wenn sie kein Deutsch spreche. Aber das Frauenhaus sei wie eine Mutter an ihrer Seite gewesen.

Angel Okeke: "The Frauenhaus they really helped me. They go with me. Because I can‘t speak Deutsch, they go everywhere and do everything, they help me out. And you know, we Blacks, when you look and you see somebody that is by our side, we become proud. Even if you can‘t speak, you become bold, because somebody is with you. They are like my mother here."

Mit einer der ehrenamtlichen Flüchtlingshelferin ist eine echte Freundschaft entstanden. Auch finanziell hilft ihr die Frau, zum Beispiel bei der Einschulung ihrer Tochter. Angel Okeke kann nun ihren eigenen Weg gehen, hat ihre eigene Wohnung, belegt Deutsch-Kurse und möchte Altenpflegerin werden.

Angel Okeke: "I have my own apartment, which is good. It‘s very fine and big and everything is complete. I go to Schule to learn more Deutsch, I want to perfect more Deutsch. And when I finish my German I want to take care of old people."

Kinder traumatisierter Frauen müssen betreut werden

Auch die Kinder traumatisierter Frauen haben eine schwere Bürde zu tragen, weshalb das Psychosoziale Zentrum für Migranten in Sachsen-Anhalt sie mit gesonderten Therapieangeboten betreut. Angel Okeke ist glücklich, dass ihre Tochter Aischa in Deutschland angekommen ist und sich wohl fühlt. Am liebsten mag Aischa:

Aischa Okeke: "Meine Zimmer, soviel Spielzeug! Eine kleine Babyhund und meine anderen Freunde haben geschenkt mir vier Sachen! Und da hab ich was zu spielen – A, B, C und D."

Die neue Heimat hat auch ein hässliches Gesicht, auch das gilt es zu lernen. Es gibt Respektlosigkeit, Diskriminierung, Rassismus. Aischas Fahrrad wurde mutwillig zerstört. Doch es gab auch jemanden, der gleich geholfen hat.

Aischa Okeke: "Weißt du, einer der hat gemacht meine Fahrrad kaputt. Die war in den Müll! Die haben kaputt meine neue Fahrrad. Aber Hausmeister hat gegeben mir eine neue Fahrrad. Der geht in den Keller, der hat gesagt: 'Welche Fahrrad willst du?' Ja, dann geh ich raus und spiele Fahrrad."

Wenn eine Frau wie Angel Okeke, die psychisch mehr tot als lebendig in Deutschland ankam, anfängt auf eigenen Beinen zu stehen, fühlt sich Anita Schunke am Ziel ihrer anstrengenden und seelisch oft belastenden Arbeit.

Anita Schunke: "Die zieht jetzt aus, auch mit Freude, mit Zuversicht auf das, was jetzt kommt, nicht mit Angst – und das hat man mit bewerkstelligt. Man hat es geschafft, dass die Person sich zutraut, alleine in einer Wohnung zu wohnen. Das ist einfach ein tolles Gefühl."

Deutschland ist real längst ein Einwanderungsland. Dennoch spielen transkulturelle Inhalte in der Ausbildung von Verwaltungsmitarbeitern oder Menschen in Gesundheitsberufen bislang kaum eine Rolle. Jan Kizilhan.

Jan Kizilhan: "Wir müssen, glaube ich, auch grundlegend die Gesundheitsversorgung in Deutschland so ändern, dass wir bei den Sozialarbeitenden, bei den Medizinern, Psychologen und anderen Berufen nicht danach, sondern während der Bildung, während des Studiums schon damit beginnen, transkulturelle Aspekte von Gesundheit mit zu implementieren, damit wir in der Lage sind, dieser Bevölkerung die Möglichkeit zu geben, gleichberechtigt an der guten Versorgung in Deutschland teilzuhaben."

Zu wenige Akteure der Gesellschaft haben die besondere Schutzbedürftigkeit geflüchteter Frauen im Blick oder erkennen das Potential, das in ihrem Wunsch nach Befreiung und Selbstermächtigung liegt. Was Monika Dafé von den Bedürfnissen geflüchteter Frauen berichtet, bringt das Fazit der Charité-Studie auf den Punkt.

Monika Dafé/Anita Schunke: "Um Frauen zu helfen, müsste man Hilfe anbieten im Bereich Gesundheit, aber auch im Bereich Ausbildung. Frauen brauchen gute Ausbildung. Und es gibt viele Frauen, die darüber traurig sind, dass sie nichts tun können. Dafür muss man Möglichkeiten schaffen. Es ist auf jeden Fall gut, etwas Neues zu beginnen."

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(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 23.08.2017)

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(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 02.08.2017)

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