Seit 01:05 Uhr Tonart

Dienstag, 24.04.2018
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Länderreport | Beitrag vom 28.11.2017

Feinstaubbelastung und FahrverboteStuttgart muss autofrei werden!

Von Uschi Götz

Beitrag hören Podcast abonnieren
Autos fahren am 09.03.2016 in Stuttgart (Baden-Württemberg) durch die Innenstadt, während auf einer Anzeige ein Feinstaub-Alarm für die Umweltzone Stuttgart angezeigt und auf öffentliche Verkehrsmittel hingewiesen wird. (picture-alliance/ dpa/ Marijan Murat)
Autofahrer sind aufgefordert, Fahrgemeinschaften zu bilden oder auf Bus und Bahn umzusteigen. Doch niemand macht mit. (picture-alliance/ dpa/ Marijan Murat)

In Stuttgart herrscht Feinstaubalarm - doch auf sein Auto verzichten will trotzdem niemand. Und weil freundliche Appelle nichts nützen, helfen nur strikte Verbote, meint die überzeugte Autofahrerin Uschi Götz und fordert eine autofreie Landeshauptstadt.

Die Autos müssen aus der Stuttgarter Innenstadt raus. Für diese Forderung steht in meinem Bundesland die Höchststrafe. Doch selbst als überzeugte Autofahrerin bin ich für meine Maximalforderung.

Der Grund: Irgendeiner muss uns doch vor unser selber schützen. So kann es nicht mehr weitergehen.

Wir schreiben das Jahr 2017. Stuttgart befindet sich in seiner dritten Feinstaubperiode, fast wöchentlich wird Feinstaubalarm ausgerufen. Die Aufforderung an Autofahrer: Steigen sie um auf Bus und Bahn, bilden sie Fahrgemeinschaften. Fast keiner macht mit. Ich auch nicht.

Eineinhalb Stunden für 25 Kilometer

Im Schneckentempo krieche ich ins Verderben, für 25 Kilometer brauche ich nicht selten eineinhalb Stunden in den berüchtigten Stuttgarter Talkessel hinab. Die Stauzeiten in der ganzen Region sind nur noch mit Wahnsinn zu beschreiben. Unten im Tal ist oft dicke Luft. Das liegt an der topografischen Lage der Stadt. Deshalb werden die EU-Schadstoffgrenzwerte hier besonders oft überschritten.

Unter den Schlechten gehöre ich zu den Guten. Ich fahre ein Elektroauto. Mein Gewissen könnte rein sein. Tatsächlich fahren immer mehr E-Autos auch in Stuttgart herum. Das schädliche CO2 kommt von den Verbrennungsmotoren. Doch der Feinstaub wird vor allem durch den Reifenabrieb verursacht, also auch von Elektroautos.

Dicke Luft überm Stuttgarter Kessel. Seit Tagen gilt Feinstaubalarm, doch die Werte gehen nicht zurueck. Autofahrer werden weiterhin gebeten, freiwillig auf OePNV umzusteigen. Zudem soll auf Komfortkamine verzichtet werden. (imago / Arnulf Hettrich)Dicke Luft über dem Stuttgarter Kessel - die Leute fahren dennoch mit dem Auto. (imago / Arnulf Hettrich)
Mein Büro liegt nicht weit von Deutschlands dreckigster Kreuzung, dem Neckartor entfernt. Ich kenne Menschen aus der Gegend, deren Kinder Lungenprobleme haben. Doch keinen scheint das zu kümmern.

Tatsächlich könnte ich mit der Bahn fahren, bin das auch lange, doch mittlerweile sind auch diese Fahrten ein Abenteuer. Man weiß nie, ob und wann man am Ziel ankommt. Die Großbaustelle um das Bahnprojekt Stuttgart 21 führt nahezu täglich zu Weichenstörungen und anderen Problemen.

Jeder in Stuttgart kapiert, dass es so nicht mehr weitergehen kann, doch statt zu verzichten, finden meine Artgenossen und ich immer neue Ausreden:

Umfrage:
"Wenn ich in die Stadt fahre, immer mit dem kleineren Auto. Ich habe noch ein größeres Auto, fahre ich mit dem kleineren."
"Wir haben zum einen hier unser Dieselfahrzeug für die langen Strecken und dann eben das Elektroauto für die kurzen Strecken."
"Ich fahre sowieso sehr wenig mit dem Auto. Ich fahre nur heute, aber sonst nur einmal in der Woche." 

Benzin im Blut

Wir im Südwesten sind mit Benzin im Blut geboren und mit diesem Song aufgewachsen. Für alle Nichtschwaben – der Refrain geht so:

"Ich fahre Daimler, die Straße gehört mir."

Natürlich fahren nicht alle im Ländle Daimler, aber immer mehr fahren SUVs, Geländelimousinen. Das ist statistisch bewiesen. Zwar gibt es in Stuttgart sehr viele Baustellen, vor allem die Großbaustelle Stuttgart 21. Doch noch sind die Fahrbahnen befestigt, und außerhalb des Zoos gibt es auch keine wilden Tiere in der baden-württembergischen Landeshauptstadt.

Parkplätze sind dafür immer knapp. Für was also einen Geländewagen? Zunächst dachte ich: Kretschmann, der grüne Messias, könnte uns alle retten. Er könnte uns Autofahrern das Autofahren in Stuttgart verbieten.

Winfried Kretschmann posiert auf dem Fahrersitz eines Autos. (picture alliance / dpa / Felix Kästle)Dass der Ministerpräsident von Baden-Württemberg S-Klasse fahren muss, ist für Winfried Kretschmann völlig klar. (picture alliance / dpa / Felix Kästle)
"Weniger Autos sind besser als mehr", sagte der erste grüne Ministerpräsident beim Besuch eines großen heimischen Autobauers. Doch das ist lange her. Jetzt sagt er so was:

"Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg fährt einen Daimler. Basta. Eine Daimler S-Klasse, ich kann doch kein Fiat fahren."

Fahrverbote? - Um Gottes Willen!

Nur ein mutiger Richter des Verwaltungsgerichts hatte im Sommer entschieden: So geht es nicht mehr weiter in Stuttgart. Zwar forderte er nicht die autofreie City, aber er wollte den Verkehr deutlich beschränken.

Die grün-schwarze Regierungskoalition allerdings war sich einig: Das geht gar nicht. Jetzt wartet Stuttgart auf ein neues Urteil in Sachen Fahrverbote, dieses Mal soll es das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig lösen.

Stuttgarts grüner Oberbürgermeister Fritz Kuhn träumt immer noch von einer autofreien Stadt. Allerdings heimlich. Dabei ist es keine Utopie. Städte wie etwa das italienische Florenz zeigen, wie es geht ohne Autos.

In Stuttgart ist nicht einmal die Vision erlaubt. Zu stark ist die Wirtschaft, allen voran die Autobauer und vielen Zulieferer. Reflexartig kommt sofort die Drohung: Arbeitsplätze gehen verloren. So ist mit einer unternehmerfreundlichen, im Land mitregierenden CDU so etwas nie zu machen.

Also steige ich mein Auto und fordere: Macht endlich dicht, zwingt mich dazu, bitte! Die Welt geht davon nicht unter, im Gegenteil: Es kann nur besser werden.

Länderreport

Reportage zu einem SelbstversuchMit der Kippa durch Berlin
Ein Mann mit kurzen Haaren und einem blau-weiß gestreiften Hemd trägt eine blau-weiße Kippa in Berlin. (imago/Seeliger)

Nach dem brutalen Übergriff auf einen Kippa tragenden Israeli in Berlin ist die Aktion "Berlin trägt Kippa" geplant. Wir haben getestet: Wie sind in Berlin die Reaktionen auf einen Menschen, der sich mit seiner Kopfbedeckung eindeutig zum Judentum bekennt?Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur