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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 11.06.2016

Ethischer KonsumWie fair ist fairer Handel wirklich?

Dieter Overath und Hans-Heinrich Bass im Gespräch mit Klaus Pokatzky

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Ein "Fairtrade" Siegel ist in einem Lebensmittelladen an einer Tüte mit Kaffee zu sehen. (dpa / picture alliance / Bernd Weissbrod)
Fair-Trade-Spitzenreiter bei Produkten: Kaffee, Kakao, Bananen (dpa / picture alliance / Bernd Weissbrod)

Der Markt mit fair gehandelten Lebensmitteln boomt in Deutschland. Doch wie viel von dem Umsatz kommt vor Ort an? Über diese Frage diskutieren wir mit "TransFair"-Gründer Dieter Overath und dem Wirtschaftswissenschaftler Hans-Heinrich Bass.

Einkaufen und damit Gutes tun – das wollen immer mehr Verbraucher und greifen zu fair gehandelten Waren. Die Branche boomt: 2015 gaben die Deutschen mehr als eine Milliarde Euro für Fair-Trade-Produkte aus – ein Zuwachs von 18 Prozent. Drei Viertel davon sind Lebensmittel; die Spitzenreiter: Kaffee, Kakao und Bananen.

Wie fair sind diese Waren wirklich? Wie viel vom Umsatz kommt bei den Arbeitern vor Ort an? Wird die Idee des Fair Trade nicht durch die Kooperation mit Discountern wie Aldi und Lidl konterkariert?

"Deutschland ist das mit Abstand preisaggressivste Land", sagt Dieter Overath, Geschäftsführer von "TransFair". Der gemeinnützige "Verein zur Förderung des Fairen Handels mit der 'Dritten Welt' e.V." wurde 1992 gegründet; er vergibt das blau-grüne "Fair Trade"-Siegel, das auf immer mehr Produkten prangt.

Seine Erfahrung: "Die Deutschen retten die Welt gerne mit 99 Cent, aber das ist unmöglich. Mit 12 Euro pro Jahr pro Konsument in Europa sind wir beim Fair Trade immer noch weit hinten. In der Schweiz sind es 60 Euro, das Fünffache; auch in England, Holland und Österreich ist es höher."

Möglichst viele Verbraucher erreichen

Seine Überzeugung: Wenn man – wie "TransFair" – die Bedingungen der Kleinbauern und Arbeiter in den Produktionsländern verbessern wolle, müsse man möglichst viele Verbraucher erreichen: "92 Prozent der Einkäufe pro Woche werden bei Aldi und Lidl erledigt. Ich bin nicht dazu da, um die Südkurve für Lidl zu gründen. Aber ich bin überzeugt: Wenn sich der Discounter ein Stück engagiert, kann er auch etwas bewirken."

Sein Ziel: "Wir wollen, dass mehr Menschen im Süden vom fairen Handel profitieren, Einkommensverhältnisse gefestigt werden und die Produzenten auf dem Weltmarkt eine stärkere Stimme erhalten. Die Aufgabe von TransFair ist es, die Märkte in Deutschland zu öffnen."

Deshalb ist "TransFair" mittlerweile auch professionell aufgestellt: Bei Dieter Overath arbeiten auch ehemalige Mitarbeiter der Metro AG – sie wüssten einfach besser, wie Rewe, Aldi & Co ticken… Overath: "Nur mit Dritter-Welt-Prosa ist mir nicht geholfen."

Fair gehandelte Rosen aus Gebieten mit Wasserknappheit?

"Fairer Handel kann nicht alle Ungerechtigkeiten dieser Welt beseitigen, aber er kann zur Lösung vieler Probleme durch sein Beispiel beitragen und auf ungerechte Welthandelsstrukturen durch politisches Engagement hinweisen", sagt Prof. Dr. Hans-Heinrich Bass. Der Wirtschaftswissenschaftler von der Hochschule Bremen beschäftigt sich seit langem mit Fragen des Welthandels.

Fair Trade sei letztlich eine andere Form der Spende – und diese müsse sich auch an der Frage messen lassen, wie nachhaltig und effektiv das Geld verwendet wird. Und da sieht der Ökonom auch Kritikpunkte: Ist es nachhaltig und ökologisch, fair gehandelte Rosen aus Gebieten mit Wasserknappheit zu importieren? Ist es nicht vielleicht auch effektiver, das Geld an Organisationen zu spenden?  

"Könnte man die Armut in demselben Maße beheben? Und kaufen wir lieber den billigen Kaffee und spenden das Geld an ein 'Milleniumsdorf'? Was ist wirklich im besten Entwicklungssinne?"

Wie fair ist fairer Handel wirklich? Darüber diskutiert Klaus Pokatzky ab 9:05 Uhr mit Dieter Overath und Hans-Heinrich Bass. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800-2254-2254, per E-Mail unter gespraech@deutschlandradiokultur.de oder auf Facebook und Twitter.

Informationen im Internet:

Über "TransFair"
Über Prof. Dr. Hans-Heinrich Bass

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