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Interview / Archiv | Beitrag vom 17.10.2016

Erziehungswissenschaftlerin Schaumburg"Schüler haben größere Lernerfolge mit Computern"

Heike Schaumburg im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Schüler lernen am 24.02.2015 mit Tablet-Computern in einem digitalen Klassenzimmer am Messestand von Samsung bei der Bildungsmesse didacta in der Messe Hannover (Niedersachsen). (dpa / picture alliance / Julian Stratenschulte)
Fünf Milliarden Euro will Bundesbildungsministerin Johanna Wanka den Schulen für die Anschaffung digitaler Medien zur Verfügung stellen. (dpa / picture alliance / Julian Stratenschulte)

"Computer machen dumme Schüler dümmer und kluge nicht klüger": Dieser These des Hirnforschers Manfred Spitzer widerspricht die Erziehungswissenschaftlerin Heike Schaumburg. Digitale Medien könnten sehr wohl hilfreich sein. Allerdings komme es wie immer auf den Lehrer an.

Heike Schaumburg kritisiert Spitzer, weil er sich auf Studien an US-Colleges gestützt habe. Es sei klar, dass Studierende weniger von einer Vorlesung mitbekämen, wenn sie nebenher Emails checkten oder im Internet unterwegs seien. Sie habe allerdings "größte Zweifel", ob sich das auf die Situation im Klassenraum übertragen lasse:

"In der Summe zeigen die Studien sehr wohl, dass Schüler mit Computern größere Lernerfolge zeigen - oder (…) in sehr vielen Studien ist eben kein Unterschied herrausgekommen: Die Schüler haben mit dem Computer nicht mehr gelernt, aber eben auch nicht weniger."

Computer könnten in der Grundschule etwa beim Lernen von Lauten und von Grundlagen der Mathematik behilflich sein, so Schaumburg, die an der Berliner Humboldt-Universität Erziehungswissenschaften lehrt. Allerdings müssten Lehrer digitale Medien gut erklären - und würden dafür an den Universitäten nicht im erforderlichen Maß ausgebildet: "Das ist der Kern der Sache." Andere Länder seien da weiter und würden sogar entsprechende Weiterbildungen alle zwei Jahre vorschreiben.


Das Interview im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: Mehr Computer in die Schulen, das will die Bundesbildungsministerin und gibt fünf Milliarden Euro. Eine Idee, die nicht nur Applaus kriegt. Computer machen dumme Schüler dümmer und die klugen nicht klüger – die Reaktion des Neurowissenschaftlers Manfred Spitzer, die wir gerade gehört haben. Hat er recht? Diese Debatte wollen wir weiterführen. Bei mir im Studio ist Heike Schaumburg, Erziehungswissenschaftlerin an der Humboldt-Universität in Berlin, guten Morgen!

Heike Schaumburg: Guten Morgen!

Frenzel: Sie haben zu den Chancen und Risiken digitaler Bildung geforscht. Diese Aussage, Computer machen dumme Schüler dümmer, hat die einen wahren Kern?

Schaumburg: Also, ich würde sagen: Jein. Also, die Studien, auf die sich Herr Spitzer da bezieht, das sind keine Studien mit Schülern, sondern mit Studierenden gewesen an amerikanischen Colleges. Und da ist es tatsächlich so, dass viele Studien gezeigt haben: Wenn in Vorlesungen mit digitalen Medien gearbeitet wird und die Leute eben nebenher ihre E-Mails checken oder im Internet irgendwelche Sachen nachschauen, dass sie dann weniger von der Vorlesung mitbekommen. Das ist ja eigentlich auch ganz plausibel. Aber ob sich das auf die Situation im Klassenraum übertragen lässt, da hätte ich größte Zweifel. Und ich würde sagen, in der Summe zeigen die Studien eigentlich sehr wohl, dass Schüler mit Computern größere Lernerfolge zeigen, oder – und da ist die Kritik von Herrn Spitzer wiederum sehr berechtigt – in sehr, sehr vielen Studien ist eben kein Unterschied herausgekommen. Also, die Schüler haben mit dem Computer nicht mehr gelernt, aber eben auch nicht weniger.

Frenzel: Die Kritik von Manfred Spitzer, aber auch von vielen unserer Hörer, die sich beteiligt haben an der Debatte, die geht ja auch nicht gegen die Geräte an sich, sondern gegen den zu frühen Einsatz. Manfred Spitzer hat das so formuliert:

O-Ton Manfred Spitzer: Es gibt nicht die allgemeine Fähigkeit, digitale Medien zu nutzen, also so was wie Medienkompetenz oder Internetführerschein. Nein, es gibt Vorwissen. Und je mehr Vorwissen ich habe, desto besser kann ich digitale Medien nutzen. Aber dieses Wissen kommt genau nicht digital in die Köpfe hinein, es muss schon da sein. Und wenn ich das will, dass wirklich Schüler in der Schule lernen und nicht die Zeit vertun, dann darf ich nicht Maschinen in die Schule tun, die ihnen geistige Arbeit abnehmen. Denn geistige Arbeit ist Lernen.

Frenzel: Sagt der Hirnforscher Manfred Spitzer. Seine Kritik am zu frühen Einsatz von Computern und Tablets – Frau Schaumburg, müssen die kleinen Köpfe erst mal ordentlich pauken, ganz altmodisch?

Schaumburg: Also, ordentlich pauken, würde ich jetzt erst mal sagen, müssen wir und müssen wir alle und müssen wir aber vielleicht auch nicht immer. Und Schule sollte auf jeden Fall nicht nur aus Ordentlich-Pauken bestehen. Was ich glaube, ist, dass gerade junge Kinder – das weiß man ja aus der Entwicklungspsychologie – durch Anschauen, durch Begreifen im wahrsten Sinne des Wortes lernen und dass es deswegen tatsächlich nicht unbedingt in jedem Feld sinnvoll ist, digitale Medien gleich zu Beginn einzuführen und die Kinder mit dieser Virtualität zu konfrontieren. Gleichzeitig …

Frenzel: Was ist denn aus Ihrer Sicht sinnvoll? Also, wo kann man das gut machen?

Schaumburg: Ja, genau, wollte ich gerade … Also, in der Grundschule zum Beispiel gibt es aber sehr wohl beim Schreiben-Lernen oder Rechtschreibung-Lernen, also Laute zum Beispiel überhaupt zu unterscheiden, Programme, mit denen Kinder das üben können, auch individualisiert üben können. Genauso in der grundlegenden Mathematik. Aber natürlich muss es ihnen erst mal ein Lehrer erklären und natürlich sollte nicht der Unterricht komplett daraus bestehen. Aber im Bereich Üben zum Beispiel, würde ich sagen, gibt es in der Grundschule sehr wohl Möglichkeiten, die auch schon gezeigt haben, dass sie gewinnbringend sind.

Frenzel: Sie haben gerade die Lehrer genannt. Da kommt ja immer wieder eine Frage auf: Sind denn die Lehrer selbst eigentlich fit genug, Schülern vernünftig zu vermitteln, mit diesen Geräten umzugehen, mit denen sie vielleicht selber gar nicht richtig umgehen?

Schaumburg: Ja, das ist auf jeden Fall der Kern der Sache, würde ich auch sagen. Also, auch in den Studien, die wir durchgeführt haben … Also, ich habe mehrfach untersucht die Einführung von Laptops in der Schule und auch da zeigt sich das, was schon John Hattie in seiner Studie vor ein paar Jahren rausgefunden hat: Auf den Lehrer kommt es an, das gilt also genauso für den Unterricht mit Computern. Das ist das A und O, wie Lehrer Computer einsetzen. Und da muss man schon feststellen, dass wir weder in der Ausbildung der Lehrer an den Universitäten das bisher systematisch machen, also ausbilden, noch in der Weiterbildung systematisch verlangen.

Frenzel: Aber wie kriegen wir das hin? Das Problem sind ja auch diese unglaublich schnellen, großen technischen Sprünge. Früher hat es gereicht in der Lehrerausbildung, dass man wusste, wie der Overheadprojektor funktioniert, das galt dann für 20 Jahre, heute muss man ja im Prinzip alle zwei, drei Jahre mindestens wieder grundlegend neue Dinge auch aufnehmen! Wie kriegen wir das hin in der Ausbildung?

Schaumburg: Ja, also, wie gesagt, an der universitären Ausbildung, da kann man dafür ja nur den Grundstein legen. Aber es ist tatsächlich so, dass andere Länder, die ebenfalls … also, die da schon weiter sind als wir, sage ich mal, tatsächlich vorschreiben, dass die Lehrer alle zwei Jahre eine Fortbildung zum Thema digitale Medien in ihrem Fach machen müssen.

Frenzel: Ich möchte noch mal gerne auf die Frage eingehen: Sie haben jetzt über die Grundschule gesprochen, also, das kann ich mir sofort vorstellen, wie man Laute vorgesprochen kriegt, dergleichen mehr. Später dann, wenn die Schüler etwas größer sind und das Internet nutzen als Informationsquelle, haben wir da eigentlich die Situation, würden Sie das so beschreiben, dass die Schüler, die junge Generation immer besser wird, auch kritisch damit umzugehen, was ihnen vorgelegt wird, weil sie komplett internetaffin und -erfahren sind? Oder ist eher das Gegenteil richtig, dass sie quasi alles für bare Münze nehmen, was sie vorfinden, ohne kritisches Quellenstudium?

Schaumburg: Also, dazu würde ich sagen, wir haben ja … Wir haben auf jeden Fall die Situation in Deutschland, dass die Kinder – das wird ja eben dann auch in dem Zusammenhang sehr, sehr häufig kritisiert – privat natürlich unheimlich viel digitale Medien nutzen, auch mehr oder weniger vollständig ausgestattet sind, mindestens mit Computer und Smartphone, und insofern natürlich die Frage auftaucht, warum machen wir das in der Schule eigentlich, können die das nicht zu Hause lernen? Aber da zeigen eben auch Untersuchungen dazu: Das ist so, viele lernen das zu Hause ja auch, aber wir haben da wieder so eine digitale Spaltung, dass also diejenigen, die ohnehin schon im Vorteil sind in unserem Bildungssystem, also, die Eltern haben, die gebildet sind, die mit ihnen sich da eben dann auch drüber auseinandersetzen, die Medien ganz anders nutzen als die Kinder, die das eben nicht von zu Hause aus mitbekommen, und dass da eben sehr wohl die Gefahr ist, dass gerade diese kritische Auseinandersetzung mit digitalen Medien eben bei manchen zu Hause nicht erworben wird, zu Hause nicht thematisiert wird. Und genau dafür ist ja die Schule da, dann diese Bildungsungleichheiten auch auszugleichen.

Frenzel: Heike Schaumburg vom Institut für Erziehungswissenschaften der Humboldt-Universität in Berlin. Vielen Dank für Ihren Besuch hier bei uns im Studio!

Schaumburg: Bitte sehr!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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