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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 27.09.2016

ErziehungsstellenWo Familien auf Zeit zusammenleben

Von Nathalie Nad-Abonji

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Mit einem fremden Kind leben - die Familie auf Zeit.  (imago/Westend61)
Mit einem fremden Kind leben - die Familie auf Zeit. (imago/Westend61)

Ein fremdes Kind bei sich leben zu lassen, noch dazu eines, das von seinen Eltern vernachlässigt oder gar missbraucht wurde, das war für die Erzieherin Tanja Franke ein Herzenswunsch. Sie arbeitet für eine Erziehungsstelle, die als "bessere Pflegefamilie" gilt.

Die Autobahn ist wie leergefegt an diesem Morgen. Tanja Frankes roter Kombi braust Richtung Osten. Vorbei an mecklenburgischen Bauernhöfen aus Backstein - und Kühen, die träge unter grauem Himmel weiden.

Tanja Franke ist auf dem Weg zu Aileen. Ihr Name, der des Mädchens und aller anderer Personen in dieser Sendung wurde geändert.

Tanja Franke fährt in die Wohngruppe, in der Aileen die letzten zwei Jahre gelebt hat. Die 40-jährige Frau und das achtjährige Mädchen haben seit Wochen auf diesen Tag hingefiebert. Von heute an wird das Kind bei Tanja, ihrem Partner und Lisa, einem weiteren Mädchen wohnen. Für lange Zeit - wahrscheinlich sogar, bis Aileen erwachsen ist. Das hat das Jugendamt beschlossen. Tanja:

"Das läuft in der Regel so, dass eine Anfrage kommt, von dem zuständigen Fallmanager, der das Kind betreut, ob es einen Platz gibt in einer Erziehungsstelle für das Kind. Ich war gerade diejenige, wo ein Platz frei gewesen ist und ich auch im Vorfeld gesagt habe, ich brauche ein passendes Kind zu Lisa. Die ungefähr gleich alt ist und es muss ein Mädchen sein."

"Ich hatte sofort ein positives Gefühl"

"Nachdem ich mir das angehört habe, beim Gespräch im Jugendamt, per Aktenlage. Habe ich gesagt, o.k. was ich jetzt höre, kann ich mir gut vorstellen. Das hört sich erst mal alles positiv an. Dann haben wir das Kind im Amt kennengelernt und ich hatte sofort ein positives Gefühl. Und hatte auch sofort den Eindruck, die beiden passen wie die Faust aufs Auge zusammen. Alleine wenn man sie beide optisch sieht, obwohl das natürlich nicht viel miteinander zu tun hat, das war gleich: ja, das passt. Und so ist es auch tatsächlich geworden und deswegen freue ich mich auch, dass wir ganz unkompliziert ein Kind gefunden haben, was in unsere Erziehungsstelle dazu passt. Und freue mich einfach darauf - auf die Arbeit."

An der Türklingel: "Hallo Betreuer."
"Ja, hallo." Summer. Treppe hoch.
Schubert: "Hallo. Betreuer: Ich hoffe, Sie sind mit einem großen Auto da."
Schubert: "ein Auto ist groß, ich hoffe wir kriegen alles mit."
Betreuer: "Ja, wir müssen mal gucken."

Die beiden sind gewissermaßen Kollegen. Tanja Franke ist selbst Erzieherin und Pferdetherapeutin. Die resolut wirkende Frau hat lange in Wohngruppen und "Mutter-Kind" Häusern gearbeitet. Diese Arbeit an den Nagel zu hängen und stattdessen Kinder bei sich zu Hause aufzunehmen, war ein Herzenswunsch von Tanja Franke.

Mit neun anderen Kindern zusammengelebt

Aileen sitzt in ihrem kleinen Zimmer auf gepackten Koffern, Rucksäcken und einer Unmenge an Tüten.

Betreuer: Ja, unsere Aileen, die bastelt und malt ganz gerne. Jetzt ist ja alles eingeräumt sonst hätten sie auch mal gucken können. Hätten sie staunen können, was für schöne Sachen..."
Tanja: "Ja, ich habe ja schon ganz viele Sachen gesehen. Total schön."
Betreuer: "Tolle Sachen."
Tanja: "Ich bastle auch so gerne. Ist doch gut."
Betreuer: "Womit wollen wir anfangen?"
Tanja: "Am besten räumen wir vielleicht den Flur ein bisschen frei, dass wir das andere wieder runter räumen und dann packen wir das Auto voll."

Aileen: "Ich habe richtig viele Sachen, ne?"
Tanja: "Ja, ich bin erstaunt. Ist das auch deins?"
Aileen: "Nein... die beiden möchte ich tragen. Das ist leicht."
Tanja: "Doch das kriegen wir alles mit... zwei Säcke sind oben und ein Karton?"
Aileen: "Zwei Kartons."

Aileen scheint nicht sehr traurig darüber zu sein, die Wohngruppe nach zwei Jahren zu verlassen. Sie hat dort mit neun anderen Kindern gelebt. Von den insgesamt vier Erziehern ist immer nur einer anwesend.

"Eine Erziehungsstelle ist am familienähnlichsten"

So sieht es das Heim-Konzept vor, erklärt der Betreuer, während er unten auf der Straße beginnt, das Auto zu vollzupacken. Es lässt sich leicht ausmalen, wie viel – oder besser – wie wenig Zeit ihm für jedes einzelne Kind bleibt. 

Betreuer: "Wo jetzt die Aileen hingeht, das ist ja eine Erziehungsstelle, das ist nochmal von der Erziehungsform nochmal intensiver. Besser kann man es eigentlich für die Kinder gar nicht gestalten, weil es ist familienähnlicher oder am familienähnlichsten überhaupt."

"Weit weg, Tanja. Wir brauchen nur noch den Karton."
Betreuer: "Ok, den nehme ich mal."
Tanja: "Und dann haben wir alles."
Tanja: "So, auf geht die Fahrt ins neue zu Hause."

Aileens neues zu Hause ist ein schmuckes Reihenhaus direkt an der Ostsee. Dort wo andere Urlaub machen.

Gerade scheint sie etwas anderes zu beschäftigen.

Aileen: "Wenn ich jetzt bei euch bin, können wir dann irgendwann mal bei Mama oder bei Papa anrufen? Tanja: "Natürlich, das können wir machen."
Aileen: "Haben wir die Telefonnummer? Auch die Neue?"
Tanja: "Ich habe jetzt alles bekommen an Nummern, was da war. Ich denke mal, dass die neue Nummer auch dabei ist. Mama hat dir ja einen Brief geschrieben, da steht die Nummer drauf. Das haben wir. Du kannst jederzeit anrufen, wenn du das möchtest. Musst du nur Bescheid sagen."

"Ihre leiblichen Eltern kenne ich noch nicht"

Aileens Eltern leben schon seit Jahren getrennt. Ihre Mutter hat wieder geheiratet und Aileens Bruder lebt bei ihr.

Tanja: "Ihre leiblichen Eltern kenne ich noch gar nicht, die sind zu allen Terminen im Amt nicht erschienen und dadurch habe ich sie noch nicht kennengerlernt. Ich hoffe, dass das im Laufe der Zeit anderes ist und dass ich sie dann auch kennenlerne."

Das Sorgerecht haben beide Eltern noch. Nur das Aufenthaltsbestimmungsrecht, das liegt beim Jugendamt. Und deshalb konnte das Jugendamt auch entscheiden, dass das Kind in eine Erziehungsstelle kommt. Weil es da auch um Rückführung erst mal nicht geht. Die Mutter hat es abgelehnt, sie ist im Moment nicht in der Lage. Und der Vater möchte gerne, dass seine Tochter wieder zu ihm kommt. Aber da sind Vorfälle gewesen, die es verhindern, dass es da um Rückführung geht.

In einem Plattenbauviertel in Schwerin sitzt Tammo Schneider in seinem karg eingerichteten Büro. Gleich möchte er zu Tanja Franke fahren, um Aileen kennenzulernen. Bisher kennt der Familientherapeut und Pädagoge nur ihre Akte.

Tammo Schneider ist Fachberater für zwölf Erziehungsstellen in Mecklenburg-Vorpommern. Für ihn könnten es ruhig noch mehr sein.

Denn an Kindern, für die das Leben in einer Erziehungsstelle – also ein Leben zwischen professioneller Distanz und familiärer Wärme - genau das Richtige wäre, mangelt es nicht.

Bei Erziehungsstellen geht es um Vertrauen und Geborgenheit

Erziehungsstelle - was für ein sperriger, kühler Begriff! Dabei geht es um Vertrauen und Geborgenheit. Eben alles, was eine intakte Familie ausmacht. Und genau das haben die meisten Kinder, die in einer Erziehungsstelle aufwachsen, in ihrer Herkunftsfamilie nie bekommen. Experten sagen, Erziehungsstellen seien so etwas wie "bessere Pflegefamilien" oder "Profifamilien". Eine qualifizierte Pädagogin oder Erzieherin betreut zu Hause höchstens zwei Kinder. Mit einer herkömmlichen Pflegefamilie hat das wenig zu tun, meint Tammo Schneider:

"Weil wir hier eine Kollegin haben, die ein Arbeitsverhältnis hat, die sich alle 14 Tage einer Fachberatung stellt. Na stellt…das klingt so: sie muss…. das wird von den Kollegen und Kolleginnen auch gerne genutzt. Auf der anderen Seite gibt es Teamberatungen. Sie sind zwar im familiären Bereich, sind aber Profis vor Ort mit dem Kind. Das ist eine ganz einmalige Konstellation. Eigentlich eine individualpädagogische Maßnahme. Eine eins zu eins Betreuung oder zwei zu eins Betreuung. Wobei die Familienmitglieder, bis zum Hund – alle mitmachen."

Tammo Schneider weiß aus Erfahrung, was für eine Mammutaufgabe die meisten Erziehungsstellen leisten. Er nennt das "den Kreis durchbrechen" und meint damit eine Spirale aus Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung, die oft sehr weit in die Herkunftsfamilie der Kinder zurückreicht.

Tammo: "Wer mit Schlägen groß geworden ist, der hält es für relativ normal seinem Kind eine zu scheuern. Im Klartext gesprochen. Wenn irgendetwas nicht funktioniert. Und auch im sexuellen Bereich oder erotischen Bereich. Wie die groß geworden sind, sind es Handlungsoptionen die sie ziehen, weil sie es selbst auch so kennengelernt haben beziehungsweise woanders auch erlebt haben."

Tanja: "Hallo."
Tammo: "Hallo Tanja."
Tanja: "Komm‘ rein."
Tammo: "Tanja, wenn auch nur ganz kurz – die Termine, die stapeln sich. Dreiviertelstunde habe ich. Reicht ja erst mal."
Tanja: "Ja."

"Kriegst du auch Frühstück - so wie Lisa?"

Tammo: "Oh, hallo. Ich heiße Tammo."
Aileen: "Ich heiße Aileen."
Tammo: "Hallo Aileen! Hey, ihr habt beide fast eine Größe. Stell dich mal hin Lisa. Fast eine Größe."
Lisa: "Ich bin acht."
Aileen: "Ich auch."

Tammo Schneider bittet Aileen, ihm ihr Zimmer zu zeigen. Lisa, das andere Mädchen, und Tanja Franke folgen den beiden in den ersten Stock.

Tammo: "Das ganze Zimmer ist jetzt für dich alleine?"
Aileen: "Ja."
Tammo: "Kriegst du auch Frühstück - so wie Lisa?"
Beide im Chor: "Ja, logisch!"
Tammo: "Und abends kriegst du auch was?"
Beide: "Ja!" 
Aileen: "Ich habe schon mal Katzenfutter gegessen. Ist lecker."
Tammo: "Darfst du auch in die Dusche gehen?"
Beide lachen: "Jaaaaa."
Tammo: "Und darfst du auch mit diesem kleinen Hund rumspielen manchmal?"
Lisa: "Ja, natürlich!"
Tammo: "Und hast du im Schrank auch ein paar Klamotten zum Anziehen?"
Lisa: "Ja, natürlich! Soll sie nackig zur Schule gehen?"
Tammo: "Ok. Schuhe hast du auch ein paar? Ich sage mal, Tanja, die sorgt ja richtig gut."

Ihre Schwester schon lange nicht mehr gesprochen

Aileen: "... zu Weihnachten von meiner Mama."
Tammo: "Oh."
Aileen: "Miezekätzchen."
Tammo: "Die hat so ganz große Augen."
Aileen: "Zwitty ist das."
Tammo: Tweety?
Aileen: "Im Fernsehen das kleine Küken, das bin ich. Sagt Mama immer - das bin ich."
Tammo: Ok. Bist du alleine als Küken oder hast du auch noch ein Küken-Geschwister?"
Aileen: "Also, ich habe ja Jenny als Schwester. Und ich habe meinen Bruder als Bruder. Mein Bruder ist sechs geworden. Meine Schwester ist 16 und sie hat eine eigene Wohnung."

Ihre Schwester hat Aileen schon lange nicht mehr gesprochen. Mit ihrer Mutter telefoniert das Mädchen ab und zu. Zu ihrem Vater darf die Achtjährige derzeit keinen Kontakt haben.

Auf der Rückfahrt zu Tammo Schneiders Büro wird klar, warum. Der Therapeut hatte gar nicht mit einem so offenen, herzlichen Kind gerechnet, nach dem was er in der Akte des Jugendamtes gelesen hatte.

Tammo: "Hier steht im Raum sexueller Missbrauch. Und ich hatte und durfte Einblick nehmen… und das steht für mich nicht nur im Raum, das ist Fakt. Und so einen Fall haben wir vor uns. Und sie spricht nicht nur von Mama. Das haben wir ja gehört. Drei, vier Mal … es wird von Mama… ganz oft Tanja, Tanja, Tanja – dann aber Mama, Mama, Mama ganz wichtig. Aber auch Papa. Papa kommt auch. Und das ist auch gut so, weil die Beziehung bleibt ja ihr Leben lang bestehen. Die sind ja nicht weg, sie sind ja da. Darum habe ich auch gesagt, wir machen die Elternarbeit. Das ist unsere Aufgabe als Fachberater, die Elternarbeit zu machen. Tanja soll in Ruhe mit den Kindern umgehen und wir laden dann ein in unsere Räumlichkeiten, die Eltern."

Tammo: "Dass wir dort mit den Eltern arbeiten, das ist wichtig. Es reicht nicht aus nur, sozusagen mit dem Symptomträger, in dem Fall jetzt, dem Kind, zu arbeiten. Sondern wir müssen, sollten mit allen Beteiligten arbeiten. Dann haben wir eine Familie vor uns. Mit all den Verflechtungen und den ganzen Verbindungen."

Mindestens zwei Mal die Woche zum Pony

Drei Monate später an einem windigen Sommertag. Tanja Franke und ihre Mädchen machen sich zum Reiten fertig. Lisa und Aileen sollen überlegen, was sie dazu alles aus dem Stall heraustragen müssen. Mittlerweile kennen sich die beiden Achtjährigen schon gut aus. Mindestens zwei Mal die Woche fahren sie mit Tanja Franke zu Diego, dem Pony.

Aileen: "Darf ich den Sattel."
Tanja: "Möchtest du den tragen? Der ist aber schwer."
Aileen: "Habe ich auch schon mal getragen."
Tanja: "Na, denn. Gehen raus."

Aileen: "Das ist die Kadetsche."
Lisa: "Putz mich Aileen."
Aileen: "Was wir brauchen kommt jetzt raus. Den, den und den... Das brauchen wir Lisa."

Währenddessen holt Tanja Franke – die auch ausgebildete Reittherapeutin ist - das Pony von der Koppel.

"Diego, guck mal hier! Diego, wir putzen dich… Schätzelein!"

Tanja: "Also die Mädels haben in der letzten Zeit ganz, ganz viel gelernt mit dem Pony. Die waren so angstbesetzt beide Kinder, dass sie teilweise nicht mal das Pferd zur Seite schieben konnten. Oder überhaupt, wenn das Pferd den Kopf ein bisschen gedreht hat oder den Huf bewegt hat, dann war sofort: 'Oooh, der tut mir was!' Das war ganz schwierig. Und im Moment ist es tatsächlich so, die haben ganz, ganz große Fortschritte gemacht. Aileen sowieso, ein großes Talent beim Reiten. Die hat ein unglaublich gutes Gefühl und Gespür dafür wie man mit dem Pferd umgeht. Und auch beim Reiten. Der Rhythmus und das locker lassen und dann doch wieder anspannen im Rücken. Das hat sie ganz schnell rausgehabt und das 'leicht Traben' haben wir innerhalb einer Stunde gelernt."

Inzwischen hat Tanja Frankes Partner Mittagessen gekocht. Jetzt sitzen sie zu viert vor ihren dampfenden Tellern.

"Kalt kochen kann ich nicht"

Tommi: "Danke, dass ihr auf mich gewartet habt. Das klappt ja supi hier."
Aileen: "Darf ich einen Tischspruch sagen?"
Tanja: "Einen Tischspruch? Seit wann machen wir einen Tischspruch? Ja, dann erzähl…"
Aileen: "Piep, piep, piep, guten Appetit. Ich habe euch alle lieb."
Tomi: "Oh, das habe ich noch nie gehört!"
Tanja: "Danke schön, gleichfalls guten Appetit. Lasst es euch schmecken. Aileen. Danke, Tani."
Lisa: "Oh, ist das heiß."
Tomi: "Meine Oma hat immer gesagt, kalt kochen kann ich nicht."

Tanja zu Aileen: "Fasst du bitte die Gabel richtig an? Nee, so fasst man keine Gabel an. Guck mal, so."
Lisa: "So, Tanja?"
Aileen: "Ich mache das nie so."
Tanja: "Aber dann lernst du das bitte! So fasst man im Kindergartenalter an."
Lisa: "Mit drei."
Tomi: "Ein bisschen drücken musst du auch."
Tanja: "Mit drei. Das hast du gut erkannt."
Aileen: "Darf ich noch ein bisschen Möhren von dir, Tanja?"
Tanja: "Von meinem Teller?"
Aileen: "Mmhhm."
Tanja: "Nee, da ist der ganze Topf."
Tomi: "Möchtest du noch welche haben?"
Aileen: "Unverständlich."
Lisa: "Tomi, kannst du mir noch Möhren auffüllen?"
Tanja: "Du isst erst mal auf, Lisa."
Lisa: Ok.

Familienalltag. Und er funktioniert nur, weil auch Tanja Frankes Partner bereit ist, mit zwei Kindern, die nicht seine eigenen sind, unter einem Dach zu leben.

"Mama, ich möchte, dass du auch mal anrufst"

Nach dem Essen möchten die Mädchen auf der Strandpromenade Rollschuh und Fahrrad fahren.

Tanja: "Wolltest du nicht noch irgendetwas anderes machen, Aileen?"
Aileen: "Was denn? Mama anrufen?"
Tanja: "Ja. So, dann dürft ihr abräumen."
Aileen: "Dann gehe ich erst mal Mama anrufen und dann gehe ich Inliner fahren."
Tanja: "So machen wir das."

Aileen mit piepsiger Stimme am Telefon: "Hi Ralf. Kann ich Mami? Mama? Mama durch das Telefon verständlich: Jaaaa?"
Aileen: "Soll ich mal was sagen? Ich bin heute alleine geritten. Tanja stand neben mir. Aber ich hatte ein bisschen Angst. Mama? Würdest du dich das trauen, einen Huf auszukratzen? Und alleine hochzuheben? Das habe ich heute gemacht."

Aileen: "Ich dich auch, Mama. Ich gehe danach, ne Tanj… ähhh Mama… dann gehe ich Inliner fahren."
Mama: "Ok."
Tanja sehr leise: "Aileen, vielleicht kannst du Mama sagen, dass du dich freuen würdest, wenn sie mal anruft."
Aileen: "Mama, ich möchte dass du auch mal anrufst. Mmhhhmm... Ich dich auch Mama. Tschüss Mama."

Tanja: "Die Mutter schafft es nicht über ihren Schatten zu springen und sie anzurufen. Die Mutter hat nicht das Interesse daran, ihr Kind in dem Maße zu hören. Und die Mutter weiß, glaube ich auch, irgendwann wird sich das Kind schon wieder melden. Deswegen auch heute, dass ich Aileen nochmal gesagt habe, denke mal dran, du wolltest Mama sagen, dass du dich auch freuen würdest, wenn sie sich mal meldet. Weil wir da im Vorfeld auch ganz viel drüber gesprochen haben und ich versuche das mit ihr zu reflektieren, dass sie anruft, weil sie Interesse daran hat und erfahren möchte, wie geht es Mama. Aber umgekehrt scheint es nicht so zu sein. Da muss man natürlich sehr vorsichtig mit sein, wie man das rüber bringt, um das einfach mal zu spiegeln um dem Kind zu erklären, guck mal wir haben jetzt vier Wochen gar nicht angerufen, Mama hat sich nicht gemeldet."

Zu ihrem Vater hat Aileen nach wie vor keinen Kontakt. Das sind Entscheidungen, die das Jugendamt trifft und an die Tanja Franke sich halten muss.

Von der Zuversicht nicht mehr viel übrig

Abgesehen von den Schwierigkeiten mit den leiblichen Eltern ist Tanja Franke, drei Monate nach Aileens Einzug, ganz zuversichtlich. Das Mädchen hat sich in der Schule eingelebt und bringt gute Noten nach Hause.

Nur manchmal, erzählt die 40-Jährige, zeigt Aileen eine ganz andere Seite von sich – fies und hinterhältig. Das bekommt vor allem Lisa zu fühlen.

Tanja: "Ja, dann eben auch kneifen und schubsen. Richtig von der Schaukel. Aus Eifersucht, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Das versucht sie dann darüber. Um ihren Frust raus zulassen, aber weil sie sich das nicht traut bei den Erwachsenen zu machen, dass dann beim schwächsten Glied macht. Obwohl sie das nie bei dem Hund machen würde, aber bei anderen Kindern."

Zwei weitere Monate später ist von Tanja Frankes Zuversicht nicht mehr viel übrig. Die sonst so energiegeladene 40-Jährige kommt an ihre Grenzen.

Sie bittet Tammo Schneider um ein Gespräch in seinem Büro.

Tanja: "Also, ich fange einfach mal an zu erzählen. Folgendes Problem ist: Schuldruck wird höher. Aileen fühlt sich zu Hause sehr sicher inzwischen und jetzt fängt sie an zu agieren. Situationen, wo sie vorher so überangepasst war, jetzt zu rebellieren und sehr stark gegen Lisa… große Eifersüchteleien passieren… sie macht Lisa in der Schule schlecht. Sie schmeißt Sachen von Lisa weg oder macht Sachen kaputt."

"In der Schule – ich habe mit der Lehrerin gesprochen – dass das da noch nicht so aufgefallen ist, außer dass es Situationen gegeben hat, wo die Mitschüler erzählt haben, was Aileen mit Lisa im Bus gemacht hat. Sie hat Lisa doll an den Haaren gezogen und sie beschimpft. Da hat die Lehrerin auch noch mal mit Aileen gesprochen und gesagt, Mensch, sie ist total entsetzt darüber. Das hätte sie nicht gedacht, dass sie zu sowas fähig ist, dass sie sowas machen würde. Und da war das Aileen auch sichtlich peinlich. Und hat sich dann auch im Nachhinein bei Lisa entschuldigt. Und Lisa nimmt das alles sehr cool auf. Sie ist da hart im Nehmen."

Tanja Franke darf nicht parteiisch werden

Tanja Franke ist bewusst, dass sie aufpassen muss, nicht parteiisch zu werden. Lisa lebt schon länger bei ihr und sie hat zu dem Mädchen eine innige Beziehung aufgebaut. Gleichzeitig weiß sie als Erzieherin, dass Aileen gerade jetzt besonders viel Aufmerksamkeit und Liebe braucht.

Was sagt Tanja Franke zu Aileen, wenn sie sich mal wieder Lisa gegenüber schäbig verhalten hat, möchte der Fachberater wissen?

Tanja: "Dass ich das nicht in Ordnung finde und dass ich das auch nicht so akzeptieren möchte. Wir reden ganz viel darüber – auch wie man sich fühlt, wenn sie sich in dieser Lage befinden würde. Da kann sie das schon klar benennen, dass das nicht schön ist. Es tut ihr auch im Nachhinein leid, aber sie kann es nicht steuern."
Tammo: "Ok."

Im Laufe des Gesprächs erzählt Tanja Franke, dass Aileen wieder mehr Ängste entwickelt. Angst beim Reiten, Angst vor Regen, Angst vor Dunkelheit. Unerklärliche Bauchschmerzen quälen das Mädchen, wenn es schlafen gehen soll.

Tanja Franke hat auch bemerkt, dass es Aileen schwer fällt, zu kuscheln und Zärtlichkeit einzufordern:

"Wenn die mich umarmt, habe ich das Gefühl kommen so zwei Krallen um mich herum und sind ganz steif. Die kann sich nicht fallen lassen. Ich habe so ein bisschen die Vermutung, dass sie auch nicht so viel Geborgenheit in die Richtung bekommen hat und sie das gar nicht so kennt."

Tammo: "So wie ich das mitbekommen habe, geht auch Aileen mit dem kleinen Hund, den du hast, auch ganz, ganz fürsorglich um. Also streicheln und so. Sie hat diese Kralle bei uns Menschen vielleicht, aber bei dem Tier nicht. Mit dem Pferd geht sie auch ganz sorgsam und gefühlvoll um. Also das wird noch so ein Prozess… aber du bist da so gut auf dem Weg, das kommt."

Tanja: "Ich habe sie dann auch noch gefragt, Mensch! Du hast lange nicht mehr danach gefragt, Mama anzurufen. Das ist mir aufgefallen."

"… und dann brach sie in Tränen aus. Sie vermisst Mama ganz doll. Ja, das kann ich gut verstehen und nachvollziehen – dann sag‘ das doch! Du kannst Mama jederzeit anrufen. Sie hat es dann auch vorgestern angemerkt, sie möchte Mama anrufen, hat dann auch mit Mama telefoniert… Ja, sie vermisst ihren Bruder ganz doll hat sie gesagt. Und dann haben wir uns beide in den Arm genommen und dann haben wir beide geweint. War ein bisschen traurig. Tat mir leid."

Sie mag sich auch nicht waschen

Der Fachberater möchte sich mit jedem der Mädchen für einen langen Strandspaziergang verabreden. Mit Tanja Franke wird sich Tammo Schneider weiterhin unter vier Augen treffen. Fürs erste soll sie versuchen, mehr Zeit mit Aileen alleine zu verbringen, um ihrem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Zuwendung gerecht zu werden.

Ein paar Wochen später.

Tanja Franke und Aileen verbringen den Tag ohne Lisa. Morgens waren die beiden reiten. Jetzt, nach dem Mittagessen, wollen sie basteln. Davor möchte Aileen noch schnell ein paar Süßigkeiten von ihrem Taschengeld kaufen gehen.

Aileen: "Tschüssi, bis gleich."
Tanja: "Bis gleich. Machst du den Schlüssel außen ran?"

Tanja Franke wartet am Esstisch auf sie.

Tanja: "Nach dem Gespräch mit Tammo, wurde es erst mal ein bisschen ruhiger. Es hat sich etwas eingepegelt. Aileen hat jetzt ein Nachtlicht bekommen, richtig für die Steckdose – was dann immer an ist. Das ist dann auch direkt an ihrem Bett. Und somit sind ein paar Ängste auch genommen. So die Dunkelheit. Ansonsten hat sie noch ein Wärmekissen bekommen, weil sie ja permanent über Bauchschmerzen geklagt hat und so. Das Problem haben wir auch gelöst, die Bauchschmerzen sind auch weg."

"Jetzt sind neue Sachen aufgetreten. Und zwar, dass sie… so eine Art 'eigenes Nest beschmutzen'. So dass ich in ihrem Zimmer völlig verdreckte Schlüpfer finde. Auch teilweise versteckt so richtig."

Aileen mag sich auch nicht waschen.

"... und dass es auch Spaß macht"

Tanja: "Ich kann mir schon vorstellen, dass das auch ein Schutz ist für sie selbst. Je mehr ich rieche oder meine Sachen beschmutzt sind, umso weniger fasst mich vielleicht jemand an oder kommt mir zu Nahe. Das kann eine Hypothese sein. Ansonsten ist es auch schon in der Wohngruppe so gewesen, dass sie dort sich geweigert hat sich zu duschen und auch so mit ihrem Körper nicht so sauber umgeht. Ich dachte eigentlich, dass wir die Hürde überwunden haben. Das war eigentlich eine ganze Zeit ok. Und jetzt tritt es wieder ein bisschen vermehrt auf."

Sie wird mit Unterstützung von Tammo Schneider Aileens Umgang mit ihrem Körper weiterhin beobachten. Und gleichzeitig das Mädchen liebevoll an Körperhygiene heranführen, ohne sofort den moralischen Zeigefinger zu heben.

Beispielsweise in dem Tanja Franke selbstverständlich vorlebt, was das Mädchen offensichtlich in ihrer Herkunftsfamilie nicht gelernt hat.

Aileen kommt zurück, setzt sich dazu.

Aileen: "Ich habe drei Mal etwas Süßes. Einmal Kaugummi, einmal Chips, einmal Schoko."

Tanja: "Das kann sein, dass das deine Mama ist."
"Ja. Schubert, hallo?"
"Hallo, ich reiche Sie mal weiter."

Aileen fragt nach ihrem Bruder, erzählt was sie gerade basteln und dass sie sich bei Tanja Franke wohl fühlt. Nach zehn Minuten verabschiedet sie sich von ihrer Mutter und bastelt weiter an ihren Einladungskarten für eine Feier.

"Ich dich auch"

Tanja: "Mensch toll, dass Mama zurückgerufen hat. Ist schon das zweite Mal, dass sie auch angerufen hat. Schön: da freue ich mich."

Tanja: "Man muss immer ganz kleinschrittig gucken und wirklich jede Kleinigkeit, die geschafft ist nehmen und sagen, Ok. das haben wir geschafft. Und so baut man sich auf und weiß, es sind noch viele Baustellen woran man arbeiten muss. Aber diese kleinen Erfolge, die machen es aus, dass es sich lohnt und dass es auch Spaß macht."

 

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