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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.07.2009

Erschütterung, die noch heute spürbar ist

Viktor Hofmann: "Lüge", Lilienfeld Verlag, 216 Seiten

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In "Lüge" geht es auch um Liebe und Begierde (AP)
In "Lüge" geht es auch um Liebe und Begierde (AP)

Der Lilienfeld Verlag hat Erzählungen des 1884 in Moskau geborenen Viktor Hofmann wiederentdeckt und nun mit dem Titel "Lüge" veröffentlicht. Es geht um Begierde, Liebe und Enttäuschung.

Es dämmert, die Straßenlaternen leuchten. Die Frau an der Seite des Erzählers ist schön oder zumindest hübsch. Beide gehen plaudernd auf der Straße dahin und scheinen sich über den weiteren Verlauf der Nacht einig zu sein. Die Frau wird sich zieren vor dem ersten Kuss, anders geht es nicht. Auch der Erzähler möchte nicht darauf verzichten, anders geht es nicht. Die Regeln sind zu befolgen.

Tatsächlich kommt alles wie im Voraus bedacht, die Nacht wird "still und rätselhaft", die ersten Küsse sind ausgetauscht, und nur wenig fehlt noch - da überholt das Gehirn, das alles im Voraus reflektierende, auch die noch ausstehende gemeinsame Nacht und bedenkt den Morgen. Warum sollte es auch Halt machen bei der Erfüllung und nicht weitereilen zur Langeweile danach, zur schalen Enttäuschung über den Betrug an der Liebe, der erneut das Alleinsein folgt? Das Gehirn überholt das Begehren und zersetzt es. Aus der Liebestraum. Was bleibt, ist Traurigkeit.

Die meisten Erzählungen des 1884 in Moskau geborenen Viktor Hofmann, die der kleine Düsseldorfer Verlag Lilienfeld wiederentdeckt und unter dem Titel "Lüge" in einen berückend schön gestalteten Umschlag gesteckt hat, verlaufen ungefähr auf diese Weise. Das Geschlecht des Erzählers mag wechseln, doch dem Leiden an der Moderne entkommt weder sie noch er. Zwei Möglichkeiten bleiben den Protagonisten: erstens ein trotziges Dennoch, also die Liebeslüge, oder zweitens der Verzicht und die resignierende Einkehr in die Einsamkeit des Alleinstehenden oder der Ehe.

Hofmann erzählt von Menschen, für die der Wunsch unwiderruflich an der Wirklichkeit zuschanden wird. Stets scheitert das Begehren. "Wäre der Körper demnach von solcher Macht?" - dieser etwas ungelenke Satz benennt einmal recht deutlich, was auf vielfältige, so unterhaltsame wie reizvolle Weise umspielt wird: die Entmachtung des Ich durch das Es.

Die theoretische Schrift dazu liegt in einer Erzählung auf dem Schreibtisch: "Die Moral des wahrhaften Ich" Aber was ist das wahrhafte Ich? Das bürgerliche? Das heroische, liebende, Schmerzen bereitende? Oder das mitleidige? Die Bürger Hofmanns können sich nicht entscheiden. Sie möchten Nietzsches Übermenschen nacheifern und können ihre Frau doch nicht weinen sehen.

Diese Erzählungen und Skizzen bersten vor Empfindungen, die der Autor mit zahlreichen Adjektiven, Wortwiederholungen, Inversionen und Ellipsen malt. Ein lyrischer Ton lädt die Handlung mit Intensität auf, zuweilen bis hin zum Kitsch. Hofmann zergliedert die Seelen nicht wie die österreichischen Schriftsteller seiner Zeit.

Gelesen hat sie der Sohn eines österreichischen Vaters und einer, so heißt es im informativen Nachwort des Übersetzers und Herausgebers Alexander Nitzberg, "halbdeutschen" Mutter vermutlich. Hofmann war mit Vertretern der Moskauer Moderne bekannt und befreundet, schrieb symbolistische Gedichte, übersetzte Heinrich Mann und Guy de Maupassant und zog 1909 nach St. Petersburg, wo er als Redakteur arbeitete.

Eine Neurasthenie und Schreibhemmungen plagten ihn, und nach einer Reise über Schweden und Norwegen brachte er sich 1911 mit 27 Jahren in einem Pariser Hotel um. Die Liebesunordnung in seinen Erzählungen verdankt sich einer Erschütterung von Gesellschaft und Moral durch Körper und Begehren, die noch heute spürbar ist. Hofmann hat sie als tragisch erlebt.

Besprochen von Jörg Plath

Viktor Hofmann: Lüge,
Aus dem Russischen und mit einem Nachwort von Alexander Nitzberg, Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2009, 216 Seiten, 19,90 Euro

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