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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.09.2014

ErnährungBloß keine Diät

Warum wir ohne schlechtes Gewissen essen sollten

Von Susanne Billig

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Belgische Pommes Frites in einer Schale mit Mayonaise und einer Dose Coca Cola auf einem Tablett, aufgenommen am 08.03.2014 auf einem Rastplatz in Belgien. (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)
Immer rein damit, ohne schlechtes Gewissen, fordert Werner Bartens. (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)

Werner Bartens hat genug von den Parolen der Diätbranche, von der Wellness-Diktatur unserer Gesellschaft. Pointiert und präzise kommentiert er moderne Vorstellungen von gesunder Ernährung, wird auch ein wenig polemisch - und vermittelt ganz am Ende doch noch eine frohe Botschaft.

Bloß kein Zucker und nicht zu viel Salz, fünfmal am Tag Obst und Gemüse, täglich auf die Waage, entsäuern, entgiften, entschlacken und joggen, regelmäßig gesund zum Arzt, weil sich vielleicht etwas finden ließe - und abends am Bildschirm zusehen, wie die dicke dumme Unterschicht im Fitness-Studio schwitzt.

"Es reicht!" empört sich Bestseller-Autor Werner Bartens in seinem neuen Buch - und schon nach dem ersten kurzen Essay schließt man sich ihm gerne an. Genug der Parolen, mit denen die Diätbranche Millionenabsätze befeuert. Genug der Ernährungsrichtlinien, gedankenlos in die Welt gesetzt von Medien, denen keine besseren Themen in den Sinn kommen, und von Medizinern, die sich wichtigmachen, indem sie eine höchst widersprüchliche Studienlage in moralinsaure Direktiven ummünzen. Genug auch des Dicken-Bashing im TV, um "Distinktionsgewinn" zu erzielen: Hier oben wir erfolgreichen Schlanken. Dort unten ihr armen, minderbemittelten Fetten.

Essen ist tödlich - denn alle, die essen, sterben auch

Doch glücklicherweise regt sich Werner Bartens nicht nur auf, er argumentiert auch - pointiert und präzise. Denn wissenschaftlich haltbar und evidenzbasiert ist das alles nicht, unterstreicht der Autor: Schlacken seien der Wissenschaft zwar bekannt - aber nur aus der Erzverhüttung. Der menschliche Körper entledige sich der Endprodukte seines Stoffwechsels auf seit Jahrmillionen bewährten Wegen per Urin, Stuhlgang und Ausatmen.

Auch eine Übersäuerung des Körpers lasse sich nirgends konstatieren, schließlich verfügt der Stoffwechsel über effiziente Puffermechanismen. Und beugen Obst und Gemüse tatsächlich Krebserkrankungen vor? Studien mit hunderttausenden von Teilnehmern konnten das nicht belegen. Dafür lässt sich inzwischen ziemlich sicher sagen, dass etwas Speck auf den Rippen das Leben verlängert - im Gegensatz zur Magerkeit. Nur eines könne angesichts der diffusen Studienlage der Ernährungswissenschaften als gesichert gelten, ironisiert Werner Bartens: Essen ist tödlich - denn alle, die irgendwann gegessen haben, mussten sterben.

Ohne schlechtes Gewissen, animalisch den Instinkten anvertraut essen

Sicherlich, die kurzen Polemiken, die hier versammelt sind, umkreisen immer wieder dieselben Themen. Aber das Buch tritt auch nicht als Fachpublikation auf, sondern möchte in einem Rutsch gelesen werden - als Befreiungsschlag. Doch kann das funktionieren angesichts der psychologische Dimension des Wellness-Booms? Schließlich erkennt auch der Autor, dass die so dringend benötigte sprechende Medizin in den Arztpraxen und Krankenhäusern von heute keinen Raum hat. Dazu kommt der irrwitzige Stress, in dem das Berufs- und Privatleben der meisten Menschen versinkt. Kein Wunder, dass eine diffuse Sehnsucht nach Halt und Erneuerung um sich greift - und wer über wenig Handlungsspielraum verfügt, macht sich, futternd oder fastend, eben am eigenen Körper zu schaffen.

Dabei könnte es - so lautet die frohe Botschaft dieses Buches - so unbändig viel Freude machen, sich dem hinzugeben, wonach Bauch und Gaumen verlangen, in Gemeinschaft, ohne schlechtes Gewissen, animalisch den Instinkten anvertraut.

Werner Bartens: Es reicht! - Schluss mit den falschen Vorschriften
Weissbooks Verlag, Frankfurt am Main 2014
118 Seiten, 12,99 Euro

Mehr zum Thema:

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