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Tonart | Beitrag vom 30.03.2016

Erik Kriek: "In the Pines - Murder Ballads""Alles drin: Verrat, Liebe, Tod, Moral"

Von Kerstin Poppendieck

Erik Kriek: Autor des Comic Buches "Murder Ballads" (Deutschlandradio / Kerstin Poppendieck)
Erik Kriek: Autor des Comic Buches "Murder Ballads" (Deutschlandradio / Kerstin Poppendieck)

Erik Kriek hat eine Leidenschaft für schaurige Mörder-Geschichten als Folk, Country oder Rocksong, sogenannte "Murder Ballads". Aus dieser Vorliebe hat er einen Graphic Novel gemacht. "In the Pines" beeindruckt, findet unsere Kritikerin Kerstin Poppendieck.

Ein Mann wird zum Galgen geführt. Er wurde des Mordes angeklagt und für schuldig befunden. Dabei ist er unschuldig. Allerdings verschweigt er sein Alibi, denn zur Mordzeit hatte er eine Affäre mit der Frau seines besten Freundes. Das ist die Geschichte der Murder Ballad "Long Black Veil", aufgenommen 1959 von Lefty Frizzell in Nashville. Seitdem wurde der Song immer wieder gecovert, unter anderem von Johnny Cash, Joan Baez, Emmylou Harris oder auch der Dave Matthews Band. Mal ist es Folk, mal Country oder Rock. Und jetzt gibt es den Song auch als Graphic Novel, gezeichnet vom niederländischen Künstler Erik Kriek, der schon seit Jahren eine Leidenschaft für Murder Ballads hat.

"Diese Lieder sind ja alle kleine Miniromane. Sehr komprimiert, aber es ist ja alles drin: Verrat, Liebe, Tod, Moral. Vor zehn Jahren haben wir in Holland ein Projekt gemacht, mehrere Comic-Zeichner, Liedtexte haben wir übersetzt in Comic-Form. Das hat sehr gut geklappt. Und ich dachte, es wär schön, ein ganzes Buch damit zu machen. Das sollte ein bisschen düster sein. Murder Ballads. Das ist eine Goldmiene. Wenn man da reinguckt, es gibt so viele."

Cover von "In the Pines - Murder Ballads" (Avant-Verlag / Erik Kriek)Cover von "In the Pines - Murder Ballads" (Avant-Verlag / Erik Kriek)

Hang zum Düsteren

Grauer, dichter Vollbart, kräftig gebaut und ein schwarzes Hemd mit Totenköpfen drauf. Erik Kriek entspricht dem Klischee eines Rockers mit Harley Davidson. Schon als Kind hat der heute 50jährige ständig gezeichnet und bereits mit acht Jahren stand sein Berufswunsch fest: er wollte Comics zeichnen. Seine zweite große Leidenschaft ist die Musik. Er singt und spielt Gitarre, Banjo und Schlagzeug in einer Band. Folk und Country, das ist seine Musik. Es ist kein Wunder, dass Erik Kriek eine Vorliebe für Murder Ballads hat, denn er hat auch einen Hang zum Düsteren.

"Ich hab das immer gehabt. Ich denke, mein eigenes Leben ist so leicht und glücklich. Ich hab eine gute Jugend gehabt, meine Eltern sind sehr nett, ich hab Bruder, Schwester, ich hab jetzt einen Sohn. Vielleicht ist mir das ein bisschen zu langweilig, wenn du so glücklich bist. Und für Entertainment such ich vielleicht das Düstere. Ich mag gern Horrorfilme, Horrorliteratur, das gibt eine Art Kraft für mich. Das macht mich glücklich, wenn ich düstere Geschichten erzählen kann."

Aus dem riesigen Fundus der Murder Ballads hat sich Kriek für seine neueste Graphic Novel fünf Songs ausgesucht. Mit dabei "Taneytown", "Caleb Meyer" oder "Pretty Polly" - ein traditioneller Folksong, der die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die von einem Mann in den Wald gelockt und ermordet wird. Wie bei vielen Murder Ballads wird die Geschichte von Lied zu Lied und von Land zu Land geändert. Mal ist es der Liebhaber, der sie tötet, weil er sie nicht heiraten darf. Mal wird sie getötet, weil sie schwanger ist. Bei Erik Krieg ist es der enttäuschte Liebhaber, der Polly tötet, danach auf einem Schiff anheuert und von ihrem Geist verfolgt wird, bis er sich selbst ins Meer stürzt. 
 
"Ich habe versucht, ein bisschen eine Differenz zu machen in den Geschichten. Denn die meisten sind ja eigentlich dieselbe Geschichten.  ist ein Mädchen und sie ist das Opfer. Und oft ist es ja ihr Freund oder ihr Mann, der ist eifersüchtig: wenn ich dich nicht heiraten kann, wird niemand dich heiraten. Und er schlägt sie tot. Das wird ein bisschen langweilig, wenn ich fünfmal dieselbe Geschichte erzähle. Also habe ich versucht, ein bisschen Differenz zu machen. Und ich hab mir einfach Lieder ausgesucht, die mir eine gute Geschichte liefern können. Ich hab es nicht eins zu eins übersetzt. Ich habe sie eigentlich wie ein Startpunkt benutzt, um meine eigene Geschichte zu erzählen."

Ausschnitt aus "In the Pines - Murder Ballads" (Avant-Verlag / Erik Kriek)Ausschnitt aus "In the Pines - Murder Ballads" (Avant-Verlag / Erik Kriek)

Ausdrucksstarke Zeichnungen

Der bekannteste Song, den Erik Kriek verarbeitet hat, ist "Where the wild roses grow" von Nick Cave, der das Lied zusammen mit Kylie Minogue gesungen hat. Eigentlich mag Erik Kriek das Lied gar nicht, aber sein Verleger meinte, er solle den Song mit reinnehmen, weil es aus kommerzieller Sicht sehr clever wäre. Der Verleger hatte recht. In seiner Heimat Niederlande war das Buch nach drei Wochen ausverkauft.

"Ich hab mir gedacht, wieso heißt denn ein Mädchen The Wild Rose? Wieso ist sie wild? Was hat sie gemacht? Und dann hab ich gedacht, ah natürlich, das ist ein Beiname. Ich hab ein bisschen umgetäuscht. Sie stirbt nicht, der Kerl stirbt. Hat mir Spaß gemacht, das so zu erzählen. Es soll nicht immer die Frau sein, die stirbt."

Auf dem Buchcover ist ein Raabe auf einem toten Baum zu sehen. Im Buch: schwarz-weiße Zeichnungen, mit jeweils einer Pastellfarbe pro Song unterlegt, der Zeichenstrich klar und hart. Beeindruckend ist vor allem, wie Erik Kriek es schafft, die Emotionen in die Gesichter seiner Protagonisten zu zeichnen. Panik, Wut, Trauer, Angst und Lust. Sprechblasen gibt es, allerdings sind sie auf ein Minimum reduziert. Im Mittelpunkt stehen eindeutig seine Zeichnungen, die die Geschichte erzählen.

Als Bonus liegt dem Buch eine CD bei, auf der die niederländische Band "The Blue Grass Boogiemen" alle fünf Titel des Buches eingespielt haben, teilweise singt Erik Kriek dabei selbst. Es sind aber vor allem die beiden Sängerinnen, die beeindrucken. Man muss die Lieder nicht kennen, um die Comics zu verstehen. Aber ganz offensichtlich hatten die Musiker Spaß daran, die Stücke für das Buch aufzunehmen und die Idee ist ja auch naheliegend. Keine außergewöhnlich kreative Interpretation, aber eine schöne Ergänzung zu einem außergewöhnlichen Buch voller Musik und Mord.

Erik Kriek "In the Pines - Murder Ballades"
Avant-Verlag 2016, 130 Seiten inclusive CD, 24,95 Euro.

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