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Thema / Archiv | Beitrag vom 08.09.2010

"Erfahrungen des Körpers"

Autor Ingo Niermann über seinen Afghanistan-Roman "Deutscher Sohn"

Ingo Niermann im Gespräch mit Frank Meyer

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Geste der Versöhnung: Am Ende pflanzen Vater und Sohn Zitronenhaine in Deutschland.  (Stock.XCHNG / Hector Sosa)
Geste der Versöhnung: Am Ende pflanzen Vater und Sohn Zitronenhaine in Deutschland. (Stock.XCHNG / Hector Sosa)

Ein Bundeswehrsoldat kehrt aus einem Afghanistaneinsatz schwer verletzt zurück. Ingo Niermann und Alexander Wallasch erzählen in ihrem grotesken Roman "Deutscher Sohn" von seinen Erfahrungen, extremem Sex und einer Sekte.

Frank Meyer: Der Roman "Deutscher Sohn" von Ingo Niermann und Alexander Wallasch ist jetzt unser Thema, der erste Roman um einen Afghanistanheimkehrer, der öffentlich diskutiert wird. Das Buch erzählt von Toni, das ist ein 28-jähriger deutscher Stabsunteroffizier, der im Afghanistaneinsatz war, der praktisch bei seinem ersten Einsatz dort schwer verwundet wird: Bei einem Bombenanschlag verliert er ein Bein. Nun sitzt er in einem Haus im Vorharz, die große Wunde an seinem Bein, die will und will nicht abheilen, auch nach Monaten nicht, und was ihm in dieser Situation, in diesem Haus, im Rückblick auch auf Afghanistan, was ihm da an realen und surrealen Geschichten widerfährt, davon erzählt "Deutscher Sohn". Einer der beiden Autoren, Ingo Niermann, ist jetzt hier bei uns im Studio, seien Sie herzlich willkommen!

Ingo Niermann: Ja, guten Tag!

Meyer: Wie kam es denn dazu, dass Sie sich entschlossen haben, ein Buch zu schreiben, dessen Held ein Afghanistanheimkehrer ist?

Niermann: Das hätte ich mir auch bis wir angefangen haben nicht gedacht. Das fing an auf einem sehr skurrilen Weg: Bei einer ganz anderen Recherche ist mein Ko-Autor auf eine Webseite für käuflichen Gruppensex gestoßen, und auf dieser sehr skurril layouteten Seite gab es einen Gästebucheintrag, und da äußerte sich ein Tobi und sagte, ihm würde ein Bein fehlen durch einen Afghanistan-Einsatz, und ob er denn trotzdem Sex haben könnte mit den Frauen, die dort angeboten werden, die natürlich alle sofort sagen, klar, kannst du. Und man wusste nicht so genau, ob da jemand einen Scherz gemacht hat oder es echt ist. Auf jeden Fall ratterte unsere Fantasie sofort los und ja, wir wussten: Wir müssen dieses Buch schreiben.

Meyer: Ist dieser Ausgangspunkt dann auch der Grund dafür, warum es so viel expliziten und extremen Sex gibt in dem Roman?

Niermann: Ja, es war so die Überlegung, dass das eine gute Art ist, sich mit so einem Thema zu beschäftigen – diese Fragen von Trauma, Wunde, was soll dieser Einsatz eigentlich –, von so was ganz Banalem, nämlich dem Bedürfnis nach Sex zu erzählen, was ja bei einem in seinen Zwanzigern stehenden jungen Mann doch eigentlich ganz naheliegend ist.

Meyer: Warum ist das ein gutes Mittel, wo kommt man da ran über den Sex?

Niermann: Na ja, das ist ein sehr, sehr großes, menschliches Bedürfnis, und es ist ja schon im Einsatz ein Problem. Also ich war ja auch in Afghanistan und in Kundus und habe dort mit vielen Soldaten gesprochen. Man merkt die ganze Zeit, also dieses Problem, keinen Sex zu haben, das ist schon sehr, sehr beherrschend.

Meyer: Sie setzen das auch zusammen mit deutscher Realität, also es gibt eine zentrale Sex-Szene mit drei Menschen, die daran beteiligt sind, eine Professionelle und ein Paar, das in dem Buch zusammenkommt. Währenddessen läuft im Hintergrund die Riverboat-Talkshow, was so mit das Bravste ist, was im deutschen Fernsehen glaube ich passiert, und das spannen Sie so zusammen. Es gab eine Rezension zu dem Buch, die auch gesagt hat: Es gibt auch diesen Zusammenhang: Der Krieg ist eigentlich etwas Obszönes, und Sex ist etwas Obszönes. Ist das für Sie auch eine Brücke zwischen diesen Themen?

Niermann: Ja, auf jeden Fall. Ich meine obszön natürlich nicht in dem Sinne, dass ich es widerlich finde oder so, sondern es geht um Drastik, um etwas, das einem körperlich, über den Körper, über die Erfahrungen des Körpers sehr, sehr nahe geht. Und das ist sicher bei beidem der Fall.

Meyer: Sie haben gerade gesagt, Sie waren in Afghanistan, aber wenn ich das richtig verstanden habe, Sie waren erst dort, als Sie Ihr Manuskript abgeschlossen hatten. Also Sie haben nicht vorher recherchiert, wie geht es da eigentlich zu, sondern erst nachher nachgeschaut?

Niermann: Ja, es war für uns sehr, sehr wichtig, wirklich einen Roman zu schreiben und nicht eine literarisch eingesponnene Reportage. Das ist glaube ich eine große Gefahr, also gerade wenn man etwas so einem eigentlich Fremdes, Anderes sieht. Das habe ich dann auch gemerkt, als ich da war. Man verliert sich ganz schnell in Details, und wir wollten halt erst mal schreiben.

Meyer: Das heißt, ihr Material war eigentlich das, was wir alle anderen auch im Kopf haben, das, was wir in Zeitungen lesen, im Radio hören, im Fernsehen sehen aus Afghanistan?

Niermann: Ja, und ja auch nicht nur Afghanistan, sondern es ist ja ein Heimkehrer-Roman und damit ein Heimat-Roman. Und diese Heimat ist uns ja sehr, sehr vertraut.

Meyer: Also wir sind mit diesem Roman dann auch in Afghanistan, man erlebt diesen Einsatz zum Teil mit, man ist aber zum Beispiel auch bei den Kriegsgegnern. Denn dieser Toni lässt sich wegen des Honorars überreden, bei den Linken da in seinem Ortsverein aufzutreten, und da gibt es dann eine Figur, eine Frau, eine pazifistische Genossin von den Linken, die aber rasend scharf darauf ist, jetzt mit diesem Afghanistan-Kämpfer und Veteranen, eben mit einem Soldaten ins Bett zu gehen, was heißt, Sie wollten auch die Gegenseite sozusagen, die Kriegskritiker mit durch den Kakao ziehen in diesem Roman?

Niermann: Ach, ich weiß gar nicht, ob wir sie so durch den Kakao ziehen. Also es ist ... Ja, wir wollten das ganze Spektrum eigentlich beschreiben dessen, wie man sich mit diesem Krieg auseinandersetzen kann, und das geht eben dann auch bis hin zu einer deutsch-religiösen Sekte, die gegen diesen Krieg ist, weil er für sie eigentlich ein antinationaler Krieg ist, weil man dabei ja nur Hilfestellung für die USA leistet.

Meyer: Das ist auch ein sehr interessanter Punkt, das ist ja so eine Art Nazi-Sekte, diese deutsch-religiöse ...

Niermann: Na, Nazi wäre ich vorsichtig. Die gab es ja wirklich, die Deutsch-religiösen oder Deutschgläubigen, und die wurden auch unter den Nazis verfolgt, aber die waren sehr, ja, denen ging es um eine heidnische Besinnung auf germanische Mythen und, ja, die sind eine kleine Splittersekte, eigentlich so eine ... hat sich glaube ich eher so, könnte man sagen, aus dem Jugendstil heraus entwickelt.

Meyer: Ja, aber diese Sekte ist ja wichtig für den Roman, weil ganz am Ende des Buches dieser Toni von dieser Sekte eben als deutscher Sohn ausgerufen wird, als eine Art, ja, Weltenretter, Heilsbringer. Was hatten Sie denn damit im Sinn, dass dieser Bundeswehrsoldat, der zurückgekehrt ist, auf einmal für so eine extreme Sekte zum Heilsbringer wird?

Niermann: Weshalb glaube ich wir auch so mit diesem Afghanistaneinsatz laborieren in Deutschland, ist, dass … der hat eigentlich immer noch mit so einer Verstrickung in der deutschen Geschichte zu tun. Das habe ich auch ganz deutlich gemerkt, als ich dann dort war, weil es ist so offensichtlich, dass diese Bundeswehr, so, wie sie dort aufgestellt ist, eigentlich für diesen Krieg gar nicht ... die ist gar nicht dazu in der Lage, den zu führen. Die GIs, die auch zum Teil in denselben Lagern sind, für die sind die Deutschen nur Memmen, die Bier trinken und die immer nur ein paar Monate da sind und dann nicht wiederkommen. Und der hat eine extreme Symbolik, der ist Symbolik für Deutschland hat seine Vergangenheit überwunden, ist Teil des transnationalen Bündnisses mit den USA, steht bei, ist für die Demokratie. Und das ist genau der Grund, warum auch Toni dorthin gegangen ist, weil sein Vater eben Teil dieser deutsch-religiösen Gemeinschaft war. Und mit dem Scheitern dessen holt ihn diese Vergangenheit wieder ein.

Meyer: Und um diese Linie zu ziehen von dieser historischen Verstrickung und Einbettung dieses Krieges haben Sie dem Roman auch ein Zitat von Albert Speer vorangestellt?

Niermann: Na, das fanden wir sehr lustig. Also da geht es ja darum: Albert Speer – als er im Gefängnis saß in Spandau – ist, um sich die Zeit zu vertreiben, ist Strecken abgegangen, also sein tägliches Gehpensum hat er sich auf dem Atlas praktisch eingezeichnet. Und da gibt es eben diese Tagebucheintragungen, wo er sagt: Jetzt erreiche ich bald Kabul.

Meyer: Der Roman ist sehr grotesk, also man hat auch viel Spaß beim Lesen, er wird sehr bejubelt in der ersten Rezension, die jetzt erschienen ist in der "Süddeutschen Zeitung". Da heißt es, "das ist der erste große Roman über deutsche Afghanistanheimkehrer", und weiter, "wenn das Buch nicht einschlägt wie eine Bombe, dann hat das damit zu tun, dass wir noch nicht reif sind für die kalte Wahrheit unseres Krieges", "die kalte Wahrheit unseres Krieges", steht da in der "Süddeutschen Zeitung". Haben Sie denn den Eindruck, dass man reif ist für das, was Sie da aufgeschrieben haben?

Niermann: Na ja, das werden wir, glaube ich, in den nächsten Wochen sehen. Da wird jetzt sicher einiges noch kommen und sicher auch, ja, wird es sicher auch Leute geben, die das Buch fürchterlich finden und andere, die es auch toll finden, und ich bin da sehr, sehr gespannt.

Meyer: Sie lassen das ganze enden überraschenderweise nach all den Konflikten und dem Obszönen, Obskuren, was das Buch aufgerissen hat: Am Ende gibt es so eine Versöhnungsszene. Da ziehen Vater und Sohn, die eben wieder zusammengekommen sind, durch das Land wie die Guerilla-Gärtner und pflanzen überall Zitronenhaine so in mythische deutsche Landschaften, in den Harz und so weiter, als wenn ein Stück Afghanistan, denn seine Verwundung dort hat auch mit diesem Symbol Zitronen zu tun –, als ob ein Stück Afghanistan nach Deutschland zurückkehrt und auch diese beiden Länder miteinander versöhnt werden. Warum steht da so eine überhöhte Versöhnung am Schluss dieses Buches?

Niermann: Warum nicht? Es ist halt ... Autoren sind immer ganz schlecht dafür, ein Buch zu erklären, warum es denn so ist, wie es ist. Wir sind verliebt in dieses Bild, es ist alles drin, es ist auch Goethe drin. Also diese Sehnsucht, die es ja immer gegeben hat in Deutschland, durchaus auch in die Ferne – die findet dort eben auch so eine Heimkehr. Und das ist diese Idee, dass man dann eigentlich dann heimkehrt, wenn man eben auch die Zitronen nicht nur in Körben einpacken kann, sondern man kann sie selber kultivieren und die Ferne ist dann auch in Deutschland, und man muss nicht mehr irgendwo hingehen und dort irgendwelchen Quatsch machen.

Meyer: Winterharte Zitronen in Deutschland – mit diesem Ausblick auf die Zukunft endet der Roman "Deutscher Sohn" von Ingo Niermann und Alexander Wallasch, jetzt erschienen im Blumenbar Verlag, 320 Seiten hat das Buch, der Preis 19,90 Euro. Ingo Niermann, vielen Dank, dass Sie bei uns waren!

Niermann: Ja, danke Ihnen auch!

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