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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.04.2013

"Er ist manchmal ein Tölpel im guten Sinn"

Peter Handke/Siegfried Unseld: Der Briefwechsel, gelesen von Jens Harzer und Ulrich Noethen, Hörbuch, speak low, Berlin 2013, ca. 300 Minuten

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Der Verleger Siegfried Unseld schrieb 1965 seinen ersten Brief an Peter Handke (picture-alliance / dpa)
Der Verleger Siegfried Unseld schrieb 1965 seinen ersten Brief an Peter Handke (picture-alliance / dpa)

Der Briefwechsel begann 1965, als Suhrkamp-Verlagsleiter Siegfried Unseld dem 22-jährigen Debütanten Peter Handke postalisch mitteilte, sein Roman "Die Hornissen" werde vom Haus verlegt. Die wechselhafte Korrespondenz der beiden endete erst kurz vor dem Tod Unselds und ist nun als Hörbuch erschienen.

"Heute nacht träumte ich von uns beiden; wir gingen eine lange, sachte Steintreppe empor, und ein Entgegenkommender sagte, Du solltest auf Deine Gesundheit mehr achten. Ich antwortete, das tätest Du bereits, indem Du so mit mir langsam bergan stiegest."

Peter Handke sorgt sich im Traum um seinen Verleger Siegfried Unseld. Jens Harzer, der auf dem als Hörbuch erschienenen Briefwechsel zwischen Peter Handke und Siegfried Unseld den Autor spricht, verleiht Handkes Stimme eine auffällige Bedächtigkeit. Behutsam wählt er die Worte. Das versucht auch Siegfried Unseld in seinen Briefen, was ihm aber offensichtlich nicht immer gelungen ist:

"Lieber Peter,
Es fällt mir schwer, Dir ohne Eingeschüchtertsein zu schreiben. [...] Bei der Vielzahl von Briefen, die ich tagtäglich diktiere, versuche ich mich konsequent, als Schreibhilfe, in den einzelnen Empfänger hineinzudenken, dass mir dies bei Dir misslungen ist, bedaure ich natürlich sehr."

Ulrich Noethen, der Siegfried Unselds Briefe liest, hat es als Sprecher mit einem Ruhelosen zu tun. Der Dynamik dieses Mannes, der mit Herz und Seele Verleger war, der die Kunst beherrschte, die Wogen nach einem Sturm wieder zu glätten, verleiht Noethen Ausdruck, indem er das Sprechtempo und die Stimmlage, in Abhängigkeit von der jeweiligen Situation, variiert. Beide Stimmen stehen für unterschiedliche Charaktere, und beiden Sprechern gelingt es, diese Charaktere deutlich werden zu lassen. Selbst wenn die Zeichen auf Sturm stehen, scheint Peter Handke nicht die Contenance zu verlieren.

"Lieber Siegfried (immer noch),
die Zeit der Lügen muss ein Ende haben. Schon an jenem Tag vor zwei Jahren, als ich am Frühstückstisch in Frankfurt in dem Sammelwerk des übelsten Monstrums, das die deutsche Literaturbetriebsgeschichte je durchkrochen hat, die Widmung an Dich meinen Verleger, gelesen habe [...], da hätte ich die Pflicht vor mir und dem, was mir noch vorschwebt, gehabt, für immer meine Arbeiten aus Deiner sogenannten Obhut zu nehmen."

Verärgert war Handke über Reich-Ranickis Buch "Entgegnung. Zur deutschen Literatur der siebziger Jahre". Doch mit sehr viel Einfühlungsvermögen gelingt es Unseld - Pathos dabei durchaus nicht scheuend -, Peter Handke von diesem Entschluss abzubringen. Auf diesen und auf ähnliche Notrufe seines Autors reagierte er mit vermehrter Zuwendung:

"Wie die Jahresringe des Baumes soll Dein Werk im Suhrkamp Verlag wachsen. [...] Ich bin glücklich, Dein Verleger sein zu dürfen, gönne es mir weiterhin."

Aber auch Peter Handke, empfindlich und empfindsam, weiß, was er an Unseld hat:

"Für viele, auch für den Unterzeichneten, bist Du in Deiner Art und Aufmerksamkeit unentbehrlich."

Als Dritter mischt sich in dieses dialogische Sprechen im O-Ton der langjährige Lektor Peter Handkes, Raimund Fellinger, ein:

"Und dann kam ich irgendwann als ganz junger Mensch ins Spiel."

... mit durchaus unterschiedlichem Erfolg, denn nicht alle Spielzüge des Lektors finden die uneingeschränkte Zustimmung des Autors.

"Er ist manchmal ein Tölpel im guten Sinn und manchmal in einem anderen."

In einem ganz anderen Sinn tritt er im Hörbuch in Erscheinung. Fellinger weiß viel über Handke, Unseld und den Suhrkamp Verlag. Er interpretiert weder die Korrespondenz noch kommentiert er sie, sondern er leuchtet jenen Bereich aus, der den Hintergrund der Briefe bildet. Behutsam ergänzt er das Geschriebene und diese kleinen Porträtskizzen tragen in der Summe dazu bei, dass das Hörbuch wichtige Momente dieser Freundschaft deutlicher werden lässt, als es die vorzüglich kommentierte Buchausgabe zu leisten vermag:

"Beide sind große Schwimmer. Handke schwimmt - ich übertreibe jetzt - in jedem Gewässer, in dem man schwimmen kann. [...] Und da gab es halt eine Beziehung, weil Siegfried Unseld jeden Morgen, wenn er es denn konnte, seine Bahnen gezogen hat."

Peter Handke braucht sieben Jahre, um mit seinem Verleger warm zu werden. Zum 75. Geburtstag schreibt er ihm:

"Vielleicht glaubt's nicht jeder: doch Du bist und warst wie selten einer zum stillen, wohltätigen Dasein und Mitgehen (und Vorausschwimmen) fähig."

Der Briefwechsel zwischen beiden endet mit Handkes Brief vom 22. April 2002, der Unseld ein halbes Jahr vor seinem Tod erreicht. Dieser Brief ist in dem vorzüglich gestalteten und mit vielen Bildern ausgestalteten Booklet nachzulesen, das diesem sehr gelungenen Hörbuch beiliegt.

Besprochen von Michael Opitz

Peter Handke/Siegfried Unseld: Der Briefwechsel
Gelesen von Jens Harzer und Ulrich Noethen, kommentiert von Raimund Fellinger, Hörbuch, speak low, Berlin 2013, 4 CDs mit Booklet, ca. 300 Minuten, 24,80 Euro

Mehr Informationen auf dradio.de:

"Ein kanonischer Autor unserer Epoche" - Die Literaturkritikerin Sigrid Löffler würdigt Peter Handke zum 70. Geburtstag
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Eine literarische Korrespondenz - Peter Handke, Siegfried Unseld: Der Briefwechsel, Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 700 Seiten

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