Seit 15:30 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 15:30 Uhr Tonart
 
 

Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 03.02.2017

EntengrützeGeheimrezept für Smoothie-Fans

Von Udo Pollmer

Podcast abonnieren
Enten in Entengrütze schwimmen auf einem See (picture alliance / dpa / Paul Zinken)
Entengrütze nimmt alle Arten von Giften auf: Arsen, Cadmium, Uran, Radium, dazu Pestizide, Arzneimittel, Dioxine und Algengifte, so Udo Pollmer. (picture alliance / dpa / Paul Zinken)

Wissenschaftler der Universität Jena haben das Potenzial von Wasserlinsen für die menschliche Ernährung untersucht. Die Entengrütze genannten "Linsen" enthalten nämlich Eiweiß und beugen Mineralstoffmangel vor. Der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer hält das für gefährlichen Unsinn.

Die Forschung hat sich bei der Suche nach der Nahrung der Zukunft auf die Wasserlinsen fokussiert. Vielleicht taugt sie sogar als Alternative zu Fleisch, denn diese seien voller Eiweiß und edlen Fettsäuren. Wasserlinsen sind keine Linsen, sondern eine Gruppe von Schwimmpflanzen, die im Volksmund treffend als Entengrütze bezeichnet werden. Die meisten sind nur wenige Millimeter groß und treiben auf dem Wasser. In den warmen Sommermonaten vermehren sie sich so rasch, dass sie Teiche, Seen und Altarme in kurzer Zeit komplett mit grünem Schmodder überziehen.

Unter Teichwirten gilt die Pflanze als übles Unkraut, durch den grünen Teppich dringt kein Licht, das Wasser wird nicht mehr erwärmt, die Pflanzen wachsen nicht mehr, sie produzieren somit auch keinen Sauerstoff. Entengrütze wird zwar von Karpfen, Tilapien und Weißfischen gefressen, sofern sie gegen das schnelle Wachstum ankommen. Wertvollere Fische wie Forellen gehen jedoch ein. Wird die Entengrütze zu Futterpellets verarbeitet, dann lassen sich damit pflanzenfressende Fische ernähren, ohne dass die Aquakultur überwuchert wird.

Einsparung von Ackerflächen zum Anbau von Soja

Nun wollen Ernährungswissenschaftler aus Jena damit Flächen zum Anbau von Mais oder Soja einsparen, weil Entengrütze kein Ackerland benötige. Doch Gewässer werden genauso zur Produktion von Nahrung genutzt wie Äcker. Die Fische, die dort gedeihen, tragen zur Versorgung mit hochwertiger Nahrung bei. Nun soll Entengrütze, so die Forscher, dank ihres hohen Gehaltes an Eiweiß dem Fisch Konkurrenz machen. Angeblich sind Wasserlinsen in ihrem Proteingehalt vergleichbar mit Lupinen, Raps oder Erbsen.

Irrtum: Wasserlinsen bestehen vor allem aus Wasser, zu deutlich über 90 Prozent. Wird nach der Ernte nicht sofort gründlich gereinigt und schonend getrocknet, was reichlich Energie erfordert, verdirbt das Zeug schnell. Der Gehalt an Nährstoffen ist gering. Er liegt insgesamt bei etwa fünf Prozent, bei frischen Erbsen liegt er fünf Mal so hoch. Der angeblich hohe Eiweißgehalt der Wasserlinse bezieht sich auf die Trockenmasse. Frische Grütze enthält nur ein bis zwei Prozent. Dazu kommt ein klein wenig Stärke. Die angeblich so wertvollen Fettsäuren sind nur in Spuren vorhanden.

Unter günstigen Bedingungen – also mit Beheizung und Abwasser – kann die Schwimmpflanze ihre Biomasse innerhalb von 36 Stunden verdoppeln. Aus diesem Grund experimentierten die Holländer mit getrockneter Grütze als Schweinefutter, um damit einen Teil des Sojaschrots zu ersetzen. Schließlich gedeiht Entengrütze besonders gut auf nährstoffreichen Abwässern aus Siedlungen oder Schweineställen, ja sie wächst sogar auf Klärschlamm und auf den Gärresten von Biogasanlagen.

Entengrütze nimmt alle Arten von Giften auf

Inzwischen ist es still geworden um das ambitionierte Projekt. Denn Entengrütze nimmt aus dem Abwasser wie ein Schwamm alle Arten von Giften auf: Arsen, Cadmium, Uran, Radium, dazu Pestizide, Arzneimittel, Dioxine und Algengifte. Sie bindet Krankheitserreger auf und bildet selbst reichlich Oxalsäurekristalle, um sich vor Wasserschnecken zu schützen. Die sind für Mensch und Tier schädlich. Wenn die Pflanze einen Nutzen hat, dann den, Schmutzwasser von Gift zu befreien. Für die Fütterung von holländischen Schweinen fällt sie damit weitgehend aus.

Unsere deutschen Forscher geben nicht so schnell auf. Sie wollen die Entengrütze nicht mehr den Schweinen, sondern den Bürgern schmackhaft machen. Und wie "verkauft" man die Fähigkeit Gifte wie Cadmium und Arsen anzureichern? Die Wasserlinse nimmt mit Leichtigkeit Spurenelemente auf, wodurch sie hilft, einen "ernährungsbedingten Mangel" auszugleichen. Da muss man doch zubeißen!

Experten raten, man könne daraus köstliche grüne Smoothies bereiten. Die Idee kommt nicht überraschend. Es mangelt ja nicht an Ratschlägen um Pflanzenabfälle, die eigentlich für die Biotonne bestimmt sind wie Möhrenkraut, Rettichblätter und Avocadokerne zusammen mit frischem Laubwerk von Bäumen in den Mixer zu geben. Da passt ein Löffelchen Entengrütze perfekt dazu. Mahlzeit!

Literatur:
Laudien S: "Entengrütze": Kleine Pflanzen, große Chancen. Pressemeldung, Friedrich-Schiller-Universität Jena vom 11. Jan. 2017
Laudien S, Ottleben I: Wasserlinsen – Neue Zutat für die Smoothies von morgen? Laborpraxis 11. Jan. 2017
Leng RA et al: Duckweed - a potential high-protein feed resource for domestic animals and fish. Livestock Research for Rural Development 1995; 7, No. 1, FAO
Appenroth KJ et al: Nutritional value of duckweeds (Lemnaceae) as human food. Food Chemistry 2017; 217: 266–273
Xie W et al: Cadmium accumulation in the rootless macrophyte Wolffia globosa and its potential for phytoremediation. International Journal of Phytoremediation 2013; 15: 385-397
Zhang X et al: Arsenic uptake and speciation in the rootless duckweed Wolffia globosa. New Phytologist 2009; 182: 421-428
Nimptsch J et al: Cyanobacterial toxin elimination via bioaccumulation of MC-LR in aquatic macrophytes: an application oft he "Green Lever Concept". Environmental Science & Technology 2008; 42: 8552-8557
van der Spiegel M et al: Safety of novel protein sources (insects, microalgae, seaweed, duckweed, and rapeseed) and legislative aspects for their application in food and feed production. Comprehensive Reviews in Food Science and Food Safety 2013; 12: 662-678
Yu C et al: Comparative analysis of duckweed cultivation with sewage water and SH media for production of fuel ethanol. PLoS One 2014; 9: e115023
van den Berg H et al: Duckweed, a tiny aquatic plant with growing potential. Utrecht University 2015
Derksen H: Eendenkroos als nieuw eiwit- en zetmeelgewas. Haalbaarheidsstudie. Saxion Hogeschool Enschede 2010
Mkandawire M, Dudel EG: Are Lemna spp. Effefctive phytoremedation agents? Bioremediation, Biodiversity anf Bioavailability 2007; 1: 56-71
Sasmaz M et al: Bioaccumulation of uranium und thorium by Lemna minor and Lemna gibba in Pb-Zn-Ag tailing water. Bulletin of Environmental Contamination and Toxicology 2016; 97: 832-837

Mehr zum Thema

Laub und Knospen - Gefährlicher Baumsalat
(Deutschlandradio Kultur, Mahlzeit, 01.07.2016)

Superfood - Sinnvolle Nahrungsergänzung oder teurer Hokuspokus?
(Deutschlandfunk, Verbrauchertipp, 02.06.2016)

Fischzug im Braunkohleland
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 27.06.2007)

Mahlzeit

Milch Streit um das weiße Gesöff
Ein Kind trinkt am 10.1.2006 in Düsseldorf ein Glas Milch. (picture-alliance / dpa / MArtin Gerten)

Milch und Milchprodukte in großen Mengen: Ob das gesund ist, bleibt trotz vieler Studien eine Streitfrage. Der Ärger fängt meist schon in Kindertagen mit dem Ekel vor der Milchhaut an – und der ist angeboren, weiß unser Lebensmittelchemiker.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur