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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 05.08.2016

Endlagersuche in Bayern und NorddeutschlandStandort für Atommüll-Lager gesucht

Von Axel Schröder und Lorenz Storch

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(Sebastian Kahnert/dpa)
Tonnen mit Radioaktiv-Zeichen (Sebastian Kahnert/dpa)

Die Suche nach einem Atommüll-Endlager in Deutschland soll von vorne beginnen. Auf einer weißen Landkarte, so hat es die Endlager-Kommission des Bundestags empfohlen. Von vornherein ausgeschlossen wird kein möglicher Standort.

Endlagersuche in Norddeutschland - doch wieder Gorleben?

Von Axel Schröder

Peter Ward ist schon länger sauer. Der gebürtige, meist vornehm-diplomatische Brite feiert bald sein 25-jähriges Betriebsjubiläum im umstrittensten Bergwerk der Republik. Im Erkundungsbergwerk Gorleben. Der Geologe ist dort Betriebsrat. Vor drei Monaten, die Endlagerkommission tagte damals noch, zeigte er die Kaue für die Bergleute in Gorleben, einen riesigen Umkleideraum. Unter der hohen Decke hängen Drahtkörbe. Darin die Arbeits- und Freizeitkleidung der Kumpel:

Ward: "Hier kommt der Bergmann rein nach der Schicht. Er kann seine dreckigen Arbeitsklamotten hier ausziehen. Und in dieser Kettenanlage, die wir oben sehen, hochziehen. Und da können sie wunderschön trocknen. Damit bei der nächsten Schicht, wenn er kommt, sind die Arbeitsklamotten trocken. Er geht durch den Duschraum da vorne, duscht sich, geht in die Weißkaue hinein, wo seine Straßenklamotten sind. Das ist eine Anlage, typisch für Bergbau."

Peter Ward, Geologe und Betriebsratsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern, bei einer Führung in Gorleben. (Deutschlandradio / Axel Schröder)Peter Ward, Geologe und Betriebsratsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern, bei einer Führung in Gorleben. (Deutschlandradio / Axel Schröder)

Aber diese Kaue darf bald nicht mehr benutzt werden. Das ist der Plan des Bundesamtes für Strahlenschutz, der Betreiberin des Bergwerks. Das Gebäude soll anderweitig genutzt werden, am besten vermietet an Gewerbebetriebe aus dem Landkreis Lüchow-Dannenberg. Für die Kumpel sollen dann 50 Meter weiter Stahlcontainer bereitstehen. Auch dort könnten sie sich schließlich umziehen.

Ward: "Das ist für einen Bergmann schwer zu verstehen, warum er das hier verlassen muss und in einem Container sich dann umziehen muss, wenn das hier stehen bleibt! Das bleibt alles hier stehen. Damit wir sehen können, 50 Meter weiter. Damit wir das sehen können, aber nicht nutzen dürfen."

Draht- und Betonzaun wird abgerissen

Der Salzstock Gorleben wird konsequent, sehr konsequent eingemottet. Bald soll der mit messerscharfem Nato-Draht bewehrte Stahl- und Betonzaun rings um das weite Gelände abgerissen werden. Um die geplanten Containerburgen und um die beiden Bergwerksschächte herum sollen dann Zäune gebaut werden.

Der Rest: die heutigen, hochgesicherten Eingangsbereiche werden abgerissen, ebenso der kleine Betonbunker für den Sprengstoff, der für den Vortrieb in 840 Meter Tiefe nötig war. Sieben Kilometer Stollen gibt es bislang im Salzstock Gorleben. Einer von ursprünglich neun geplanten Erkundungsbereichen ist erst fertiggestellt. Schon vor anderthalb Jahren, bei der letzten Tour für Journalisten ins Bergwerk, hatte Peter Ward seine Bedenken gegen den Stillstand untertage geäußert:

Ward: "Wenn wir alle weg sind und jahrelang nichts mehr passiert, wird das Wissen, dass in den Büchern drinsteht auch für spätere Generationen nicht mehr verständlich sein. Es reicht nicht, dass nur in Bücher zu schreiben. Ich muss schon praktizieren. Ich will von einem Arzt, einem Chirurg operiert werden, der Erfahrung hat und nicht von einem, der das nur in Büchern gelesen hat!"

Wolfram König, der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz und Betreiber der Anlage, widersprach dem Betriebsrat damals. Und verwies auf die anderen Atommülllager, in denen das Fachwissen der Bergleute durchaus gefragt sei:

König: "Morsleben und die Asse, die eine Menge an Herausforderungen bieten, das Knowhow einzubringen und zu erhalten. Wir sind also nicht in der Situation, dass nur in Gorleben Experten für untertägige Erkundung gebraucht worden sind..."

... und zudem sei nun einmal zwischen dem Bund, dem Land Niedersachsen und seiner Behörde vereinbart worden, den Standort Gorleben so lange einzumotten, bis er in einem Vergleich mit anderen Lagerstätten entweder aus dem Verfahren ausscheidet oder aber weiter untersucht wird. Bei der neuen Endlagersuche in Deutschland soll Gorleben solle kein Referenzstandort sein, heißt es im Bericht der Endlagerkommission. Die Suche finde auf einer "weißen Landkarte" statt, beteuert die Kommissionsvorsitzende Ursula Heinen-Esser.

Unglaublicher Erfolg der Anti-AKW-Bewegung

Heinen-Esser: "Das heißt, es wird erst einmal quasi auf der Landkarte geschaut, wo könnten denn Standorte sein, was wissen wir über bestimmte Standorte. Und bereits in dieser ersten Phase starten wir auch mit Öffentlichkeitsbeteiligung. Sehr großräumig dann noch, die verkleinert sich dann hinterher immer mehr auf potentielle Standorte zu. Das ist das Herzstück. Das neue Herzstück!"

Wie weit diese Beteiligung am Ende gehen soll, ist noch nicht klar. Einerseits soll es nach dem Willen der Kommission so genannte Regionalkonferenzen mit - Zitat - "gesetzlich definierten Interventionsrechten" geben. Von einer Veto-Möglichkeit der Bevölkerung gegen eine Standortentscheidung rät die Kommission hingegen ab.

Fast vierzig Jahre nachdem mit den Planungen für ein Endlager in Gorleben begonnen wurde, wurden die Arbeiten dort also gestoppt.

Eigentlich ist das ein unglaublicher Erfolg der Anti-AKW-Bewegung, so der langjährige Sprecher der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg Wolfgang Ehmke:

Wolfgang Ehmke: "1999 sollte das Endlager Gorleben den Betrieb aufnehmen. Das müssen wir uns manchmal selbst vorhalten, damit wir sehen, dass wir da erfolgreich gearbeitet haben!"

Aber hätte man nicht auch alle anderen Bereiche erkunden müssen? Schließlich ist bis heute nicht klar, wie der Salzstock in den acht bislang noch nicht untersuchten Arealen beschaffen ist.

Ehmke: "Wir wissen schon sehr viel über diesen Salzstock. Schon aus den Sechzigerjahren. Weil man dort Süßwasser gesucht hat für den Großraum Hamburg. Da war schon bekannt, dass dieser Salzstock kein schützendes Deckgebirge hat, also keine Tonschicht, die das Austreten von Radionukliden an die Oberfläche verhindert. Es war von Anfang an ein Fehlgriff. Und deshalb müsste man sich wirklich endlich freimachen von dieser Gorleben-Debatte und diesen Standort dann mal streichen."

Warnung vor Aufweichung der Endlager-Kriterien

Aber wenn das "Bundesamt für Endlagerung" am Ende wissenschaftliche Kriterien festlegt, denen ein Endlager genügen muss und der Salzstock Gorleben nach Meinung der Anti-Atom-Bewegung so viele Mängel aufweist – dann könnten die Gegner des Projekts doch einfach abwarten und in aller Ruhe mitansehen, wie der Standort im weiteren Suchprozess ausscheidet, weil der den Kriterien einfach nicht genügt. Für Wolfgang Ehmke kommt das nicht infrage.

Ehmke: "Immer, wenn man störende geologische Fakten fand in Gorleben, hat man die Sicherheitsbestimmungen verändert. Ich nenne mal ein Detail: man muss mit weiteren Eiszeiten rechnen im norddeutschen Raum. Man hätte bei den Sicherheitsbestimmungen zum Beispiel sagen können, dass solche Bereiche ausgeschlossen werden. Die Gegenseite sagt aber bis heute: 'Man braucht dieses Deckgebirge nicht! Das wird vielleicht von Eiszeiten wegradiert…' Aber das ist doch kein Argument in Richtung Sicherheit. Wir möchten das bestmögliche Endlager und nicht irgendeins!"

Vor einer Aufweichung, einer Anpassung der Endlager-Kriterien warnt auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace, so deren Sprecher Tobias Münchmeyer:

"Das ist unser Eindruck bei Greenpeace. Das hier Kriterien angepasst werden an einen Standort und nicht umgekehrt Kriterien entwickelt werden nach bestem Wissen und Gewissen..."

... und tatsächlich wurde diese Frage auch in der Endlagerkommission heftig diskutiert, sagt Detlef Appel, der dort als Geologe mitgearbeitet hat.

Detlef Appel: "Ich habe diesen Mangel für sehr wichtig gehalten und habe deswegen ein Kriterium zur Beurteilung des Deckgebirges vorgeschlagen. Und es stößt sofort auf Widerspruch im Zusammenhang mit der Eignungsdiskussion in der Vergangenheit über Gorleben. Weil von einigen befürchtet wird, auch einigen Mitgliedern in der Kommission, dass ein solches Kriterium eben den Salzstock Gorleben in einem ungünstigen Licht erscheinen lässt oder lassen könnte. Und zwar so ungünstig, dass er dann aus dem Verfahren frühzeitig ausscheidet."

Alternativen zu Gorleben?

Detlef Appel konnte sich mit seinem Vorschlag jedenfalls nicht durchsetzen. Im Abschlussbericht der Endlagerkommission findet man seine Ideen zur Überprüfung des Deckgebirges nicht wieder. Der immer wieder propagierte Neustart der Endlagersuche, die so genannte "weiße Landkarte", scheint also doch einen Fleck zu haben, der die Debatten der Kommission maßgeblich bestimmt hat.

In jedem Fall wird aber nach den Empfehlungen der Endlagerkommission mindestens ein Alternativ-Standort zu Gorleben untersucht werden, auch untertage. Und dann, wenn die ersten Tiefbohrmannschaften mit ihrem Gerät anrücken, dann wird es, trotz des 2013 beschlossenen Standortauswahlgesetzes und trotz der zweieinhalbjährigen Kommissionarbeit wieder zu heftigen Protesten kommen, prophezeit Wolfgang Ehmke.

Potentielle Endlagerstandorte gibt es in Norddeutschland zuhauf. Vor Jahrmillionen verdunstete hier das weite Zechstein-Meer. Übrig blieb eine mächtige Schicht Meersalz. Und die Gegenden, in denen daraus besonders mächtige Salzstöcke entstanden sind, seien längst bekannt, so Wolfgang Ehmke:

Ehmke: "Wir wissen ja aus den Kartierungen, dass es in der norddeutschen Tiefebene mit Wahn / Zwischenahn, dem Emsland, Sumte und Waddekath immer schon Standorte gab, die immer wieder genannt wurden. Und wenn es nicht Gorleben wird, ist Niedersachsen auf jeden Fall ein Land mit Salz- und Tonvorkommen. Da müssen wir damit rechnen, dass Niedersachsen wieder ins Spiel kommt."

In Gorleben rollen die Bagger wieder

Seit Anfang August rollen in Gorleben die Bagger. Mit ihren Krallen brechen sie den Asphalt der Parkplätze auf, kippen ihn auf bereitstehende Laster. Auf dem Gelände wird der massive Sprengstoff-Bunker Stück für Stück abgerissen. Peter Ward will sich dazu auf Anfrage nicht äußern. Für ihn, erzählte er im Mai, ist der Rückbau ein symbolischer Akt, ein Zeichen an die Anti-AKW-Bewegung: "Macht euch keine Sorgen! Ihr habt ja gewonnen!"

Ward: "Es kostet wie gesagt viel Geld. Ich weiß nicht, wie dieses Symbol ankommt unter den Gorleben-Gegnern. Ich glaube, sie sind schlau genug zu wissen, dass es nur Symbole sind und keine Tatsachen…"

… und darin ist er sich ausnahmsweise mit Wolfgang Ehmke einig. Die Anti-AKW-Bewegung will sich dadurch die Abrissarbeiten in Gorleben nicht blenden lassen und weitermachen, misstrauisch bleiben. Und bei Bedarf, so Wolfgang Ehmke, stehen die Aktivisten aus dem Wendland den Menschen auch in anderen Regionen gern zur Seite und liefern das Knowhow, wie eine Standorterkundung am besten verhindert werden kann.


Das bayerische Granitgebirge - ein Standort für ein Atomendlager?

Von Lorenz Storch

Mit 40 als Atommüll markierten Fässern protestieren Greenpeace-Aktivisten vor der bayerische Staatskanzlei in München gegen die deutsche Atommüllpolitik. (picture alliance / dpa / Peter Kneffel)Greenpeace-Protest vor bayerischer Staatskanzlei gegen Atompolitik (picture alliance / dpa / Peter Kneffel)

Der Steinbruch von Thurmansbang, Landkreis Freyung-Grafenau, Bayerischer Wald. Hier findet man den so genannten "Saldenburger Granit". Den ein Gutachten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in den 1990er-Jahren als einen der potenziellen Standorte für ein Atommüll-Endlager nannte. Was damals schon Martin Behringer auf den Plan gerufen hat. Er ist 45 und sieht jünger aus in seiner Outdoor-Jacke - trotzdem ist er fast schon ein Veteran der Anti-Atomkraft-Bewegung im Bayerischen Wald.

"Ja, das ist eigentlich 1995 angegangen. Damals war ja die Kanzlerin Merkel noch Umweltministerin. Da ist diese Studie vorgestellt worden und da ist eben der Saldenburger Granit explizit genannt und auch mit positiven Kriterien versehen worden. Und damals hat sich diese ganze Sache gegründet und da war ich natürlich mit dabei."

Heute ist Behringer nicht mehr nur der Vorsitzende der Bürgerinitiative gegen ein Endlager im Saldenburger Granit – sondern (für die Freien Wähler) auch Bürgermeister von Thurmansbang. Der Kampf gegen ein mögliches Atommüll-Endlager geht für ihn weiter.

"Für unsere Region wäre das absolut der Totschlag. Wir haben ja eh schon zu kämpfen. Und wenn so was auch noch käme, täte der Rest auch noch seinen Wert verlieren. Und diese Leute, die bei uns investiert haben, die ein Haus gebaut haben, die vielleicht jetzt noch eines kaufen wollen, die werden davon auch noch abgehalten. Weil niemand dort investiert, wo ein Endlager entsteht."

Im Hintergrund arbeitet ein Bagger. Der Blick schweift über die gigantischen Granitfindlinge, die hier im Steinbruch auf ihre weitere Bearbeitung warten. Granit prägt den Bayerischen Wald…

"Ein Segen und gleichzeitig ein Fluch. Gerade wenn es um Endlager geht – das ist klar."

Gefahr für den Bayerischen Wald

Martin Behringer hat mit Argusaugen die Beratungen der Endlagerkommission in Berlin verfolgt. Genauso sein Bürgermeister-Kollege aus dem Nachbarort Saldenburg, Max König von der SPD:

"Ich war mit dem Kollegen Behringer in Berlin und Kassel auf so genannten Workshops, die sicherlich sehr interessant waren, dass man einfach mal die Denke der Verantwortlichen nachvollziehen kann. Es waren sicherlich gute Ansätze dabei. Aber es müssen auch irgendwann mal Entscheidungen fallen."

Auch wenn es in den vergangenen Jahren ruhig wurde um das potenzielle Endlager im Saldenburger Granit, und konkrete Ortsnamen bei der Diskussion in Berlin einstweilen keine Rolle spielen: Für Martin Behringer besteht kein Zweifel, die Gefahr für den Bayerischen Wald ist weiter da.

"Ja, ich glaube, das Risiko ist für alle Gegenden gleich, die geeignet sind. Die auf dieser weißen Landkarte zwar nicht gekennzeichnet sind, aber man weiß ja, wo diese ganzen Gebiete sind. Und ich glaube, jeder hat das gleiche Risiko."

Ein Punkt wird sich ändern bei der neuen Endlagersuche. Der Grund ist die Erfahrung mit dem Versuchsendlager Asse bei Salzgitter, wo wegen eines Wassereinbruchs jetzt der Müll irgendwie wieder herausgeholt werden muss – und keiner weiß wie. Im neuen Endlager soll der Atommüll so gelagert werden, dass er (zumindest für einige Zeit) noch rückholbar wäre, wenn unsere Nachkommen das für geboten halten. Darüber waren sich die Mitglieder der Endlagerkommission des Bundestags einig. Manche sagen, das macht einen Standort im Granit wahrscheinlicher. Weil dieses Gestein so dauerhaft ist, dass es auch nach Jahrhunderten genauso da steht wie vorher – so wäre das Zurückholen von Atommüllbehältern einfacher.

600 Kilometer weiter nördlich, in Hannover, beschäftigt sich Volkmar Bräuer von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe seit vielen Jahren mit der Geologie möglicher Endlagerstandorte – und für den Granit bestätigt er:

"…dass es relativ einfach ist, die aufgefahrenen Hohlräume mit den Abfällen wiederzufinden. Und auch in der Gestalt wiederzufinden, dass man die Abfälle, die dort eingelagert sind, auch wieder zurückholen kann. Die granitischen Gesteine sind sehr stabil. Und somit können die Hohlräume auch über lange Zeit die Form aufrecht erhalten, wie sie vorgefunden oder erstellt wurde während der Einlagerungszeit."

Sicherheit ist höchstes Kriterium für die Suche

Bayerns CSU-Umweltministerin Ulrike Scharf allerdings, die mit in der Endlagerkommission des Bundestags saß, beharrt darauf, dass sich die Granitgebirge in Bayern nicht für ein Endlager eignen. Sie hat sich deshalb mit einem Sondervotum vom Bericht der Endlagerkommission distanziert, der die Fragen nach dem geeigneten Gestein und dem Standort ausdrücklich offen lässt. Die Begründung für diese Haltung ist seit Langem die gleiche – Umweltministerin Scharf:

"Vor einigen Jahren hat mein Haus ja schon mal eine Untersuchung angestellt, was den Granit anbetrifft. Der ist geologisch sehr labil, so dass ich persönlich mir nicht vorstellen kann, etwas in Bayern zu finden."

Dass die bayerische Umweltministerin und ihr Ministerium sich so äußern, verwundert nicht. Heftig war die Kritik zum Beispiel von ihrem grünen Amtskollegen Robert Habeck aus Schleswig-Holstein, und auch vom Grünen-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Anton Hofreiter:

"Es ist gut, dass wir jetzt saubere Kriterien haben. Und ich danke den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in dieser Kommission sehr dafür, dass sie zu einem guten Kompromiss gekommen sind. Was verantwortungslos ist, schon jetzt, ist das Verhalten von Bayern, das so tut, als ob es mit der Sache gar nichts zu tun hätte."

Doch auch Volkmar Bräuer von der Bundesanstalt für Geowissenschaften, die die Bundesregierung berät, stützt die Argumentation aus Bayern. Er verweist auf das entscheidende Minus von Fichtelgebirge und Bayerwald für die Eignung als Endlager:

"In Bayern oder in Sachsen oder auch in Baden-Württemberg die vorkommenden Granite sind intensiv geklüftet. Und diese Klüftigkeit wird auch ein kritischer Punkt in Richtung Zufluss von Gasen oder Flüssigkeiten sein. Das heißt also: Wenn man das auf die Endlagerung bezieht, ein möglichst dichtes Endlager zu haben für eine lange Zeit, wird die Möglichkeit, granitische Gesteine in Betracht zu ziehen, eher untergeordnet sein."

Und die Sicherheit soll ja bei der Auswahl des Endlagerstandorts das wichtigste Kriterium sein, hat die Endlager-Kommission in ihrem Bericht bekräftigt.

Granit zu stark zerklüftet

Zwar gibt es Länder, die sich schon für Atommüll-Endlager in Granit entschieden haben, nämlich Finnland und Schweden. Aber, so Geowissenschaftler Bräuer:

"Die Länder Schweden und Finnland waren ja gezwungen, wenn sie den Abfall im eigenen Land einlagern wollten, das zu nehmen, was im eigenen Land vorhanden ist. Und in Skandinavien gibt es eben nur diese weit verbreiteten granitischen und kristallinen Gesteine. In Deutschland haben wir eine Vielfalt von geologischen Möglichkeiten, und aus dieser Vielfalt müssen wir dann auswählen."

Bei Atomkraftgegnern steht die Bundesanstalt für Geowissenschaften unter dem Verdacht zu großer Nähe zur Industrie - zumal von ihr in der Vergangenheit bereits positive Gutachten zum Standort Gorleben kamen. Der Rat der Behörde, die dem Bundeswirtschaftsministerium unterstellt ist, wird also nicht von allen Seiten als unparteiisch anerkannt.

Im Bayerischen Wald allerdings schenkt man den Worten aus Hannover gerne Glauben. "Dass unser Granit zu stark zerklüftet ist, sieht man ja schon mit bloßem Auge", sagen die Bürgermeister Behringer und König unisono und zeigen auf die tiefen Spalten in der Steinbruchwand.

"Der Granit ist nicht geeignet. In keinster Weise!"

Behringer, der Bürgermeister und Aktivist, glaubt nicht dran, dass ein noch so aufwändiges Verfahren die Endlagersuche wirklich auf rein wissenschaftliche Kriterien reduzieren kann.

"Ich glaube nicht – auch wenn diese Kommission jetzt natürlich viele Richtlinien erarbeitet und wenn man dann so Bezirkskonferenzen macht, wo man die Bevölkerung darauf vorbereiten soll, dass da ein Endlager entsteht – und da dementsprechend dann die Bereitschaft da sein sollte, dass die Bevölkerung zustimmt – ich glaube nicht, dass man irgendjemanden überzeugen kann, dieses Endlager freiwillig zu nehmen. Und darum muss irgendwann eine politische Entscheidung getroffen werden, wohin dieser ganze Atommüll transportiert wird."

Weit weg vom heimischen Granitstock

Auf eine Weise hätte er sogar durchaus Verständnis dafür, wenn es am Ende den Bayerischen Wald trifft:

"Wir wissen ja alle, dass Bayern immer auf Atomenergie gesetzt hat. Und dementsprechend muss Bayern auch mit bei der Entsorgung dabei sein."

Trotzdem: Für den Fall, dass der Bayerische Wald tatsächlich in die engere Wahl als Endlagerstandort kommt, kündigt Martin Behringer schon jetzt Widerstand an – wie in den 1980er Jahren gegen die geplante Wiederaufarbeitungsanlage in der Oberpfalz:

"Wenn Deutschland ein zweites Wackersdorf will, dann kann es das haben. Weil was Wackersdorf damals geschafft hat, das bringen wir locker auf die Füße. Wir werden unsere Heimat verteidigen, so lange und so stark wie es geht!"

Der Bürgermeister von Saldenburg, Max König, bringt eine Lösung ins Spiel, die ganz weit weg wäre vom heimischen Granitstock:

"Ich denke jetzt einfach auch an Tschernobyl. Das ist eine relativ großräumig verseuchte Landschaft schon. Warum soll man da nicht darüber nachdenken – gegen Bezahlung natürlich, in Deutschland würde es ja auch viel Geld kosten – hier einfach eine oberirdische Lagerung zu favorisieren."

Endlager erst im nächsten Jahrhundert?

So wird es jedoch mit einiger Sicherheit nicht ausgehen. Die Mitglieder der Endlagerkommission in Berlin sind sich zumindest über einige Punkte einig gewesen: Deutschland muss sich selbst um seinen Atommüll kümmern. Und: Er soll unterirdisch und auf Dauer gelagert werden.

Martin Behringer befürchtet: Die Entscheidung wird einfach immer weiter in die Zukunft verschoben…

"Man hat ja damals die Atomenergie in Bewegung gesetzt, ohne die Bremse zu erfinden. Das muss man immer wieder dazu sagen. Und die damalige Generation hat sich gedacht: das wird sich irgendwann lösen. Nur ist das mittlerweile die dritte und vierte Generation. Und es wird immer weiter verschoben, weil einfach keine Regierung sich dran traut. Vier Jahre sind kurz, und jeder der so ein Thema angreift – ja… Das ist natürlich für jeden schwierig. Jeder will wieder gewählt werden. Und ich glaube nicht, wenn eine Region durch so ein Endlager schachmatt gesetzt wird, dass die diejenige Bundesregierung weiter unterstützen würden."

Nicht nur die Bürgermeister im Bayerischen Wald glauben, dass es noch sehr lange dauern wird, bis Deutschland ein Endlager findet. Aus dem ursprünglichen Plan, bis 2031 einen Standort festzulegen, wird mit einiger Sicherheit nichts mehr werden. Mittlerweile ist davon die Rede, dass das Endlager erst im nächsten Jahrhundert in Betrieb gehen könnte.

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