Seit 11:05 Uhr Lesart

Samstag, 26.05.2018
 
Seit 11:05 Uhr Lesart

Vollbild | Beitrag vom 21.04.2018

Ende des Bilderverbots? Saudi-Arabien eröffnet erstes Kino seit 35 Jahren

Von Carsten Kühntopp

Beitrag hören Podcast abonnieren
Besucher sitzen anlässlich der ersten öffentlichen Vorführung eines kommerziellen Kinofilms seit Mitte der 80er-Jahre in Saudi-Arabien im King Abdullah Financial District Theater.  (Ahmed Yosri/dpa)
Besucher sitzen anlässlich der ersten öffentlichen Vorführung eines kommerziellen Kinofilms seit Mitte der 80er-Jahre in Saudi-Arabien im King Abdullah Financial District Theater. (Ahmed Yosri/dpa)

Soll der junge Herrscher sein reiches Land weiter isolieren – oder soll er es öffnen? Die Rede ist nicht etwa von Saudi-Arabiens Kronprinzen, es ist der Plot des Hollywood-Blockbusters "Black Panther". Und der lief passend zum ersten Kinoabend in Riyadh seit Jahren.

Ein junger Herrscher ringt um den richtigen Weg in die Zukunft. Soll er sein wohlhabendes Land weiter vor der Welt verstecken - oder soll er es öffnen, muss sich sein Königreich auf die Welt einlassen?

Die Rede ist nicht von Saudi-Arabien und seinem Kronprinzen, Mohammed bin Salman, sondern von der imaginären Monarchie Wakanda aus dem Hollywood-Blockbuster "Black Panther". Für den ersten öffentlichen Kinoabend in Riyadh seit Jahrzehnten hätten sich die Veranstalter keinen passenderen Film aussuchen können. Am Tag danach heißt es in einer saudischen Tageszeitung: "Die Fragen, die der Film aufwirft, machen ihn essenziell. Vor allem in einem Land, das in eine neue Zukunft aufbricht - und das sich genau dieselben Fragen stellt."

Bis 2030 hat Saudi-Arabien viel vor

Der Gala-Abend in Riyadh fand im King Abdullah Financial District statt, einem noch im Bau befindlichen neuen Geschäftsviertel. Einige Hundert geladene Gäste sahen sich "Black Panther" in einem Konzertsaal an, in den man schnell eine 14-Meter-Leinwand gesetzt hatte. Der Betreiber, der US-Konzern AMC, will die Sitze nun rausreissen, durch Lederfauteuils ersetzen und weitere Kinosäle in dem Gebäude errichten, ein Multiplex. Bis zum Jahr 2030 hat Saudi-Arabien viel vor.

"Wir werden mindestens 350 Kinos im Königreich bauen, mit 2.500 Leinwänden. Unser Markt ist bei weitem der größte der Region und sehr lukrativ. Viele Investoren sind begeistert davon, mit dabei zu sein", sagt Kulturminister Awwad Alawwad.

Mehr als 30.000 Arbeitsplätze soll das schaffen. Für die kommenden zwölf Jahre hofft die Regierung auf ein Plus für das Bruttoinlandsprodukt von fast 24 Milliarden Dollar. Die gesellschaftliche Öffnung des Landes wird nicht zuletzt davon angetrieben, dass sich das Land aus seiner Abhängigkeit von Öl und Gas befreien und seine Wirtschaft diversifizieren muss.

Der neue Kurs, den der junge Kronprinz eingeschlagen hat - beim Kino-Abend am Mittwoch wurde er überdeutlich, sagt Rahaf Alhendi, eine der Gala-Gäste: "Es ist eine neue Ära, ein neues Zeitalter, ganz einfach. Die Dinge ändern sich, wir erleben den Fortschritt, wir öffnen uns, und wir holen auf bei dem, was es anderswo auf der Welt gibt."

Zuhause wurden Filmvorführungen toleriert

Im kleinen Kreis, unter Privatleuten zuhause, wurden Filmvorführungen schon immer toleriert. Bisher gab es nur ein Kino im Land, ein IMAX in der Stadt Khobar. In neuen Shopping Malls baute man bereits während der vergangenen Jahre häufig auch einen Kinosaal, in Erwartung des Wandels.

Und längst gibt es in Saudi-Arabien so etwas wie eine Filmindustrie. 2012 drehte die saudische Regisseurin Haifaa al-Mansour "Das Mädchen Wadjda", der erste abendfüllende saudische Film überhaupt. Al-Mansour berichtete damals in einem Interview, mit welch großen Vorbehalten viele Saudis ihrer Arbeit begegneten: "Das war der erste Film, den wir in Riyadh gedreht haben. Dafür hatten wir alle nötigen Genehmigungen. Allerdings hatten wir Probleme mit den Menschen selbst, denn sie sind konservativ. Sie kamen zu uns und sagten uns: 'Wir wollen keine Kameras hier, nehmt sie weg!' Sie wollten unser ausländisches Kamerateam nicht. Es war schwierig."

Seitdem hat sich viel getan: Immer mehr Saudis, vor allem junge Leute, machen Filme. Und im vergangenen Jahr gab es bereits zum vierten Mal in der Stadt Dhahran das "Saudische Film-Festival".

Zensur: Gewalt bleibt, Sex fliegt raus

Schon vor dem endgültigen Verbot Anfang der achtziger Jahre glich ein Kinobesuch häufig einem Katz-und-Maus-Spiel. Der saudische Autor Jamal Khashoggi schilderte in einem Artikel kürzlich, wie sich ein Freund bei einer Aufführung in Medina in den siebziger Jahren ein Bein brach; bei dem Versuch, vor der Religionspolizei zu fliehen, war er unglücklich von einer Mauer gesprungen. Aus Sicht der Sittenwächter und der islamischen Rechtsgelehrten lenkt das Kino von der Hinwendung zu Gott ab und führt zum Kollaps aller moralischen Werte.

Darüber hat sich das saudische Königshaus jetzt einfach hinweggesetzt. Fortan hat die Regierung das letzte Wort in diesen Fragen. "Diejenigen, die gerne in einem Kino einen Film sehen wollen, sind herzlich dazu eingeladen. Wer lieber Filme zuhause anschaut - bitte. Und diejenigen, die überhaupt keine Filme sehen wollen - das ist ihre Entscheidung", sagt Kulturminister Alawwad.

Doch die neue Toleranz hat ihre Grenzen: Wie in jedem arabischen Land entscheidet nun auch in Saudi-Arabien der Zensor, was gezeigt wird und was nicht. In der Regel heißt das: Gewalt bleibt drin, Zärtlichkeiten und Sex müssen raus. Wer "Black Panther" schon kannte, dürfte bei der Vorführung am Mittwochabend gemerkt haben: Zwei Kuss-Szenen fehlten.

Der Trailer zu "Black Panther"

Mehr zum Thema

Saudi-Arabien - Das erste Kino im "Königreich der Langeweile"
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 18.04.2018)

Saudi Arabien - Vergnügung als Wirtschaftsfaktor
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 18.04.2018)

Vollbild auf Twitter

DlfKulturFilm bei Twitter

Wir twittern über alles, was flimmert.

Rang I

weitere Beiträge

Fazit

weitere Beiträge

Kompressor

Theaterperformance in Köln Krieg zum Hinsehen
2447638648_R16A1558.jpg (Matthias Drobeck)

Die Performance "Krieg auf Leinwand" der Künstler Hasan Hüseyin Deveci und John Herman soll aufrütteln: Zwar spritzte Farbe statt Blut, aber die brutale Wirklichkeit rückte dem Kölner Publikum sehr nah. Die Journalistin Cornelia Wegerhoff war dabei.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur