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Freitag, 24.11.2017

Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 11.01.2013

Eine virtuelle Grenze für die Wiener Juden

Ein "Eruv" soll das Leben am Schabbat erleichtern

Von Alexander Musik

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Blick vom Schloss Belvedere auf Wien: Auf einer Länge von 25 Kilometern wurde in der Stadt ein sogennater "Eruv" eingerichtet. (dradio.de/Janine Wergin)
Blick vom Schloss Belvedere auf Wien: Auf einer Länge von 25 Kilometern wurde in der Stadt ein sogennater "Eruv" eingerichtet. (dradio.de/Janine Wergin)

Laut Tora dürfen gläubige Juden am Schabbat außerhalb der Wohnung keine Gegenstände tragen oder bewegen. In Wien wurde nun eine Art virtuelle Grenze gezogen, um dieses Verbot zu umgehen - und das Leben der Gemeindemitglieder zu vereinfachen.

Der Eruv ist koscher, also intakt, sagt die Automatenstimme der Eruv-Hotline. So können sich religiöse Juden darauf verlassen, trotz Schabbat zu tragen.

Norbert Nechemia Gang: "Besonders positiv betroffen sind natürlich junge Familien, die mit kleinen Kindern nun aus dem Haus können. Man kann Kinderwagen schieben, man kann Kinder auch, wenn sie müde werden, tragen. Und natürlich auch alte Personen, die mit Rollator gehen müssen, oder die mit Rollstuhl geführt werden müssen, auch für diese Gruppe ist das existenziell, kann man sagen. Für die Generation dazwischen ist es angenehm, wir haben unsere Kinder großgezogen, ohne dass es einen Eruv gegeben hat - wir haben's auch zustande gebracht. Aber es ist wie gesagt ein großes Plus an Komfort für die Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Und wir merken es auch in den Synagogen, dass Familien mit kleinen Kindern jetzt kommen, Mütter sind nicht mehr an das Haus gefesselt. Es ist uneingeschränkt zu begrüßen."

Das sagt Norbert Nechemia Gang, Obmann der Misrachi-Gemeinde. In Wien gab es bereits im Mittelalter einen Eruv, und auch vor der Shoah zog sich um zwei Stadtbezirke ein Ring.

"Er dürfte entweder dann in Vergessenheit geraten sein oder auch, dass Teile zerstört wurden und damals nicht die Kraft bestand, das wieder aufzubauen. Der Eruv, den wir in Wien heute haben, ist ein sehr umfassender Eruv, der einen sehr weiten Bereich der Stadt umfasst."

Die bauliche Struktur Wiens kam den Rabbinern bei der Grenzziehung entgegen, sagt Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister: Natürliche Begrenzungen wie Donauböschung und Stadtbahnbögen bilden über weite Strecken auch die Grenzen des Eruv.

"Einige Baumaßnahmen waren dennoch notwendig, hier in diesem Bereich entlang der Donau musste man nichts machen, entlang der gesamten Donau haben wir diese Abböschung. Wenn Sie hier drei Kilometer weiter gehen, kommen Sie zu einer Brücke, diese Brücke ist eine Bahnlinie, die auf einen Bahndamm führt, dieser Bahndamm, der um die halbe Stadt herumführt, ist ebenfalls eine natürliche Begrenzung. Da eine Mauer eine natürliche Begrenzung eines Bereichs darstellt, sind alle Voraussetzungen erfüllt. Es gibt ganz wenige Bereiche, wo wir hier in Wien durch das symbolische Aufbauen eines symbolischen Türpfostens, wie es die Halacha vorschreibt, quasi den Eruv vervollständigen mussten, weil die natürlichen Gegebenheiten nicht ausreichen, um den Eruv ganz vollständig zu machen."

Wo genau doch Drähte gespannt wurden und Pfosten eingesetzt, will Hofmeister nicht sagen. Und auch auf der Website eruv.at, die jederzeit über den Zustand des Eruv informiert, ist die Karte, die seine Grenzen zeigt, betont ungenau gehalten. Aus Angst vor Sabotage. Rechtsextreme Gruppen hatten bereits dazu aufgerufen. Zur Eskalation, wie in London, ist es aber nicht gekommen.

Hofmeister: "In Wien für uns als jüdische Gemeinde ist es durchaus ein abschreckendes Beispiel, wie der Eruv in London die Gemeinde gespalten hat, wie er polarisiert unter den Gemeindemitgliedern. Die Ressentiments der nicht-jüdischen Gesellschaft in London gegen den Eruv sind auch darauf zurückzuführen, dass London eine der ersten Städte war, die einen Eruv gebaut haben, es gab eine Menge Publicity um den Bau des Eruv. Da es sich doch um ein kompliziertes System handelt, das nicht sehr leicht zu erklären ist, kam es zu großem Unverständnis unter der Bevölkerung, und es kamen falsche Gerüchte in den Raum: Die Juden kaufen die Stadt, sie bauen eine Stadtmauer um den Eruv herum, man hat sich leider mehr in Wikipedia informiert über das, was Eruv bedeutet, als tatsächlich mit Rabbinern zu sprechen und Experten zu fragen."

Jeden Freitag fahren Experten die Strecke ab, sagt Hofmeister. Am Donauufer ist das nicht nötig, weil kaum jemand die Böschung abtragen wird, doch die sensiblen Stellen werden persönlich und elektronisch auf Unversehrtheit kontrolliert. Falls es doch eine Unterbrechung gibt, leitet ein eigens geschultes Team die Störung unmittelbar an die Website und per SMS an die Gläubigen weiter. All der Aufwand, nur damit religiösen Juden das Tragen am Schabbat doch erlaubt ist? Schlomo Hofmeister sieht das anders:

"Der Eruv ist ja nicht ein Schlupfloch, um ein Verbot der Tora zu umgehen. Sondern der Eruv ist eine von den Rabbinern eingerichtete Möglichkeit, jenes von den Rabbinern selbst erlassene Verbot zu suspendieren. Der Grund dieses Verbots lag ja darin, zu verhindern, dass Menschen ein Tora-Verbot übertreten."

Dennoch: Liberale Juden wie Jérôme Segal, ebenfalls Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, sehen mit Skepsis auf den Eruv.

"Für mich ist es eines der vielen Zeichen, wo man, wenn man gut überlegt, keinen großen Unterschied zwischen Esoterik und Religion sieht. Ich bin selber Jude, aber ich würde mich nie dafür interessieren zu wissen, wo ich was tragen darf, ich halte sowieso nicht den Schabbat. Wenn die Leute sich dafür interessieren und Geld dafür finden, habe ich kein Problem damit, denn es stört keinen, aber andererseits denke ich, diese Gelder, die jetzt ausgegeben wurden und auch jede Woche, wenn ein Rabbi wirklich diese ganze Distanz zu Fuß erledigen muss, um zu überprüfen, dass es keine Unterbrechung gibt - und mit diesem Geld könnte man was anderes machen."

Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister betont indes, dass Bau und Instandhaltung des Eruv allein durch Spenden der Gemeindemitglieder finanziert würden. Übrigens, sagt der Rabbiner noch, vermieden viele religiöse Juden Wiens am Schabbat auch weiterhin das Tragen - trotz Eruv.

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