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Sein und Streit | Beitrag vom 27.08.2017

Eine philosophische Analyse der WahlslogansWählen Sie Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft?

Von Dieter Thomä

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Wahlplakate für die Bundestagswahl 2017 (picture alliance/dpa/Wolfgang Kumm)
Die bunte Vielfalt der Wahlplakate offenbart diverse Zeitkonzepte der Parteien. (picture alliance/dpa/Wolfgang Kumm)

An ihren Wahlplakaten lässt sich die jeweilige Zeit-Philosophie der Parteien gut ablesen. Im CDU-Slogan "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben" entdeckt unser Kommentator Dieter Thomä sogar einen "stillgelegten" Hegel.

Mit ihren Wahlplakaten leisten die Parteien nichts Geringeres als wertvolle Beiträge zu einer Theorie der Zeit. Sie drängen die Bürger zur Entscheidung – und zwar auch zur Entscheidung darüber, welchen Ort auf der Zeitachse des Lebens sie wählen: Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft.

Wunderbar einfach und übersichtlich ist die Wahl bei der AfD. "Bunte Vielfalt? Haben wir schon." – "Burkas? Wir stehen auf Bikinis." – "Traditionell? Uns gefällt's." Gut ist, was war. Was war, soll weiter sein. Wehe, es kommt anders.

Weniger übersichtlich ist die Lage bei der Linken. "Keine Lust auf Weiterso" – das klingt wie ein Startschuss zum Sprung ins Unbekannte. Überraschenderweise ist die Zeitphilosophie der Linken aber fast genauso vergangenheitslastig wie die der AfD. Bei ihnen hört es sich so an: "Sicherer Job. Planbares Leben." – "Renten mit Niveau." Diverse, ein bisschen rätselhafte Großworte tauchen auf den Plakaten der Linken auf: "Nähe" zum Beispiel oder "Zuhause". Es geht der Linken also um die Gesellschaft als Immobilie, nicht um Mobilisierung.

Die Zukunft ist die Lieblingszeit der Wahlkämpfer

Wahlkampf hat mit Vorhaben zu tun, und Vorhaben mit der Zukunft. Deshalb gilt die Zukunft eigentlich als Lieblingszeit der Wahlkämpfer. So sehen das auch die Grünen, die SPD und die FDP.

"Zukunft kann man wollen. Oder machen." Bei diesem Spruch der Grünen muss man besorgt zurückfragen: Ihr macht die Zukunft, wollt sie aber gar nicht? Das ist ebenso besorgniserregend wie das SPD-Plakat: "Die Zukunft braucht neue Ideen. Und einen, der sie durchsetzt." Die SPD will also mit jemandem punkten, der zwar Ideen durchsetzen kann, aber selber keine hat. Dafür scheint die FDP umso mehr zu haben: "Denken wir neu." Die Zukunftsversessenheit der FDP geht so weit, dass sie ihre gegenwärtige Kernidentität verleugnet – mit der Parole: "Schulranzen verändern die Welt. Nicht Aktenkoffer." Als nächstes muss die FDP ihre zahllosen Anhänger entsorgen, die Aktenkoffer tragen.

Zwischenbilanz: Die einen päppeln die Vergangenheit, die anderen drucksen mit der Zukunft herum. Die Parteien haben ein echtes Zeitproblem. Aber da war doch noch was? Ach ja, die CDU.

Gegenwart, auf Dauer gestellt

Hier ihr Hauptspruch: "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben." Philosophischer geht es kaum. Objektive Bedingungen – "gut leben" – kommen zur Deckung mit subjektiven Gefühlen – "gerne leben". Wirklichkeit und Gedanke passen zusammen wie Topf und Deckel. Totalität ohne Dialektik. Stillgelegter Hegel. Nicht Vergangenheit. Nicht Zukunft. Nur Gegenwart, auf Dauer gestellt. Mit der erfolgreichsten Partei in Deutschland kann es ewig so weitergehen. Oder umgekehrt: Diese Partei ist erfolgreich, weil sie ansagt, dass alles weiter geht und läuft und läuft und läuft…

Zeitphilosophisch heißt dies: Es wird in der Zukunft herumgestochert wie in einem ungenießbaren Gericht. Wie wäre es stattdessen mal mit einer einfachen Wahrheit? So, wie es ist, geht's nicht weiter. Dieses Jahrhundert wird ungeheure Wandlungen bringen. Die erste Voraussetzung dafür, sie zu bestehen und zu gestalten, besteht darin, dass man sich nicht von vornherein vor der Zukunft drückt. Mehr denn je gilt heute der alte Spruch des Mathematikers und Naturforschers Georg Christoph Lichtenberg. "Ich kann nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muss anders werden, wenn es gut werden soll."

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