Seit 01:05 Uhr Tonart
 

Montag, 20.11.2017

Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.05.2005

Eine Oper über zwei Menschen

Weltpremiere von "1984" in London Covent Garden

Von Susanne Lettenbauer

Podcast abonnieren
Lorin Maazel wird seine Oper selbst dirigieren (AP)
Lorin Maazel wird seine Oper selbst dirigieren (AP)

Der Komponist Lorin Maazel, der Verdi und Puccini zu seinen Vorbildern zählt, hat sich für sein Operndebüt den Romanstoff "1984" von Georges Orwell ausgewählt. Orwells Visionen sind nach Meinung des 75-Jährigen aktueller denn je. Das Überleben der Zweisamkeit, der Intimität zweier Menschen sei aussichtslos.

Würde August Everding, das Münchner Theatergenie, der Vater des restaurierten Prinzregentheaters und Generalintendant der staatlichen Theater in Bayern heute noch leben, München wäre in diesem Jahr eine Sensation reicher. Nicht das Londoner Covent Garden Haus hätte das Privileg, die erste Oper von Lorin Maazel aufzuführen, sondern die Münchner Oper:

Lorin Maazel: " Ich hätte mir nie vorstellen können, eine Oper zu schreiben, oder jemals einen Stoff zu finden, den ich vertonen könnte. Professor Everding aus München kam Mitte der 90er Jahre jedoch auf mich zu, sagte, ich habe Kompositionen von Ihnen gehört, könnten Sie mir nicht eine Oper schreiben? Ich sagte natürlich Nein ... Nachdem August Everding nun 1999 gestorben war, suchten wir nach einem passenden anderen Haus für die Oper, die ich mehr oder weniger dann doch begonnen hatte. Da kam eigentlich nur noch Covent Garden in Frage."

Aufsehen erregte Lorin Maazel erstmals 1998 in München mit der Uraufführung gleich drei großformatiger Werke nacheinander. Es handelt sich dabei um die Opusnummern zehn bis 12. Orchesterwerke für Flöte, Cello und Violine. Über Opus 1 bis 9 schweigt sich der 75-Jährige bis heute lieber aus. Eine langjährige Schreibhemmung gegenüber den großen Meistern, so seine Erklärung, verhinderte einen frühen Erfolg als Komponist. Erst der Cellist Mstislaw Rostropowitsch ermutigte ihn Ende der 80er Jahre zu eigenen Werken. Es entstand ein Kinderstück, "The Giving Tree" für Sprecher und Orchester mit obligatem Solocello, dann die Symphonie op. 14. Zur Unterstützung des Studentenorchesters der japanischen Keio-Universität schreckte er auch nicht vor dem Vertonen eines Gedichtes zur Einweihung eines Perlengeschäftes zurück.

Und jetzt ist sie da, Lorin Maazels erste Oper "1984". Eine Komposition in zwei Akten nach Georges Orwells letztem Meisterwerk, 1948 von dem totkranken Stalinsatiriker, der eigentlich Eric Blair hieß, auf einer schottischen Insel verfasst: Eine Horrorvision des totalen Überwachungsstaats: Ein Roman, der seit seinem Erscheinen sowohl von amerikanischen Kommunisten-Jägern und britischen Thatcheristen vereinnahmt wurde wie von deutschen Datenschützern und Gegnern von Überwachungskameras:

" Das war nicht der Grund für uns, meine Librettisten J. D. McClatchy und Thomas Meehan diese Oper zu machen. Uns ging es um zwei Liebende. Winston und Julia, die gefangen sind in dem Netz ihres politischen Schicksals: Sie werden entdeckt, gefoltert, der Gehirnwäsche unterzogen, gebrochen. Die Schönheit der Geschichte besteht darin, dass sie dies vorher wissen und trotzdem aneinander festhalten. Sie leben für den Augenblick. Es ist einfach eine Oper über zwei Menschen."

"Big Brother is watching you", schrieb Orwell vor fast 60 Jahren zu Beginn des Kalten Krieges, heute steht der Große Bruder für John de Mols Containerfernsehen. Lorin Maazel hält sich in seinem dreieinhalb Stunden Werk lieber an die von ihm bewunderte Sprache Orwells, obwohl einige Seiten straff zusammengekürzt wurden. Im Libretto ist der Große Bruder ein Hassprediger, ein Parteiführer, der von Großleinwänden herab das Leben der Menschen bestimmt. Im Kampf zwischen Airstrip One und einem Land namens Oceania mutieren die Staatsbürger zu willenlosen Befehlsempfängern zwischen Militärparaden, Lynchmorden und Anti-Sex-Kampagnen.
Soziale Kommunikation findet fast ausschließlich über kontrollierte Chaträume statt: Nur zwei proben den Aufstand: Winston, gesungen von Simon Keenlyside, ist der kleine Angestellte im Wahrheitsministerium, Julia, dargestellt von Nancy Gustafson, seine Bürokollegin.

" Die Handlung spielt - wie auch in Orwells Roman - in London, das jetzt Airstrip One genant wird. Nur wenige Menschen, die im Airstrip One leben, wissen, dass der Ort früher einmal London hieß. Die Hinweise auf das alte London sind schwermütig.(…) Es gibt eigentlich nur wenige Bezüge zum Buch. Es ist eine Geschichte über die Zukunft, wie Orwell sie sah, eine Zukunft, wie sie heute um uns herum Schritt für Schritt wahr zu werden scheint. Eine grausige Vorstellung. Und die meisten Leute wundern sich, was mit ihnen passiert. Dabei sind sie vorgewarnt von diesem Genie Orwell. Trotzdem geschieht das. Die Leute sollten dagegen angehen, Schritte dagegen unternehmen, dass diese Szenarien nie, niemandem nirgendwo widerfahren werden. Aber keiner tut etwas."

Obwohl das Jahr 1984 längst vorbei ist, hätte sich Lorin Maazel keinen anderen Stoff für sein Operndebüt vorstellen können. Orwells Visionen sind aktueller denn je. Das Überleben der Zweisamkeit, der Intimität zweier Menschen scheint aussichtslos. Für Maazel zeigen sich hier die Parallelen zu seinen großen Vorbildern: Verdi, Puccini. Gerade deshalb konnte nur die Form der Oper Maazels Anliegen gerecht werden:

" Wir idealisieren Menschen gern. Ein jeder ist größer als das Leben. Davon handeln Opern. Die Menschen, die wir auf der Bühne sehen, Liebende die zueinander finden, so wollen wir doch auch sein, mit dem ganzen Mut, der Courage. Das ist es, was Verdi uns mitteilen will. Seine Figuren sind alle faszinierend. Selbst die Bösen sind bei Verdi und Puccini Charakterköpfe. "

Man kann gespannt sein, ob Lorin Maazel in seiner Komposition ebenfalls auf die Stilistik des 19. Jahrhunderts bauen wird. Ob eine Revolutionierung der Oper zu erwarten ist? Sicher nicht. Zu vieles stört ihn an zeitgenössischen Komponistenkollegen. Der Formalismus, die optischen Reize, dem will er sich nicht anschließen:

" Die meisten zeitgenössischen Komponisten arbeiten heute methodisch daran, die Kunstform mit Namen Oper zu zerstören. Sie schreiben Opern, um sie zu zerstören. Das ist ein ziemlich populäres Konzept. Ich finde das sehr ungeschickt. Man muss doch Musik schreiben, die gesungen werden kann, an die man sich erinnert, zu der man sich hingezogen fühlt. Ich glaube nicht an Oper aus Tradition, ich bin kein Traditionalist, aber auch kein Reformer, ich zähle mich nicht zu den Fundamentalisten der Musik, die nach den Ursprüngen der Musik suchen. Aber ich denke, die Oper ist aus gewissen Gründen entstanden, und diese Gründe gibt es heute immer noch. "

Service:

Am 3. Mai findet die Weltpremiere von "1984" in London Coven Garden statt. Lorin Maazel dirigiert selbst seine erste Oper.

Link:

Die Oper "1984"

Mehr bei deutschlandradio.de

Externe Links:

Die Oper "1984"

Kulturpresseschau

weitere Beiträge

Fazit

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur