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Lange Nacht | Beitrag vom 08.07.2017

Eine Lange Nacht über Käthe KollwitzWenn sie lachte, bebte der ganze Körper

Von Berit Hempel

Käthe Kollwitz, 1932, Nachlass Kollwitz (© Käthe Kollwitz Museum Köln)
Käthe Kollwitz, 1932, Nachlass Kollwitz (© Käthe Kollwitz Museum Köln)

Ihr Name steht für Leid, Krieg und Verzweiflung: Die Künstlerin Käthe Kollwitz beschrieb die Nöte der Menschen in dunklen Strichen auf Papier. Aber die vor 150 Jahren geborene Künstlerin hatte auch eine sehr heitere Seite.

Die Künstlerin Käthe Kollwitz zeichnete das, was die Menschen zur Zeit des Ersten und Zweiten Weltkrieges bewegte. Sie schuf großformatige Skulpturen von Eltern, die um ihren gefallenen Sohn trauern, gestaltete politische Plakate. Auch von der Grafikerin selbst sind eher traurig wirkende Selbstporträts bekannt.

Die Autorin der Langen Nacht, Berit Hempel, über Käthe Kollwitz:

Noch heute dient die Figur der Käthe Kollwitz als Projektionsfläche für Ismen aller Art, Pazifismus, Kommunismus, Feminismus.

Doch die ikonengleiche Käthe Kollwitz war auch eine Frau, die gerne lachte, forsch in der privaten Malklasse posierte, die kletterte, tanzte und küsste. In Paris wandelte sie auf den Spuren der Impressionisten, malte zarte, farbige Rückenakte, kaufte ein frühes Bild von Picasso. In Italien pilgerte sie zu Kirchen und Klöstern, bewunderte Fresken und Plastiken, genoss den Vollmond und unzählige Leuchtkäfer.

Vor 150 Jahren, am 8. Juli 1867, wurde Käthe Kollwitz geboren. Eine Lange Nacht über Leben und Wirken der großen Künstlerin.

Lesen Sie das komplette Manuskript zur Sendung in seiner ungekürzten Vorsendefassung hier: Manuskript als PDF / Manuskript als TXT. Die Webbegleitung zu dieser Sendung ergänzt und fokussiert das Thema der Sendung, bietet einen eigenen Zugangsweg zu dem Thema.


Biografie von Käthe Kollwitz

+ Geburt: 08. Juli 1867

+ Ab 1867: Kindheit in Königsberg

+ 1886: Damenakademie in Berlin

+ 21. Juni 1891: Hochzeit mit Karl

+ 1901/1904 Reisen nach Paris

+ 22. Oktober 1914: Sohn Peter stirbt an der Front

+ 22. April 1945: Tod

Die Kindheit der Käthe

Käthe Kollwitz, Selbstbildnis, um 1888, Feder und Pinsel in Sepia aus dem Nachlass Marianne Fiedler  (© Käthe Kollwitz Museum Köln)Käthe Kollwitz, Selbstbildnis, um 1888, Feder und Pinsel in Sepia aus dem Nachlass Marianne Fiedler (© Käthe Kollwitz Museum Köln)

Käthe Schmidt wächst in einer starken Familie heran. Der Großvater Julius Rupp gründet die erste "Freie evangelische Gemeinde" in Deutschland und ist ein Mann mit Grundsätzen. Der Vater Carl Schmidt muss seine Tätigkeit als Jurist aufgeben, weil auch er Mitglied jener "Freien Evangelischen Gemeinde" ist. Aus dem Jurist wird zuerst ein Maurer, dann ein Bauunternehmer und nach dem Tod von Julius Rupp ein Prediger. Trotz freigeistiger Atmosphäre gibt es bereits schwarze Tage in dem Leben des Kindes Käthe.

"Mein neunter Geburtstag zum Beispiel, weiß ich, war ein schwarzer Tag. Von vornherein liebte ich die Zahl 9 nicht. Dann bekam ich ein Kegelspiel geschenkt. Am Nachmittag, als alle Kinder damit spielten, ließen sie mich – ich weiß nicht warum – nicht mitspielen. Da hatte ich wieder Bauchschmerzen. Die Mutter wusste, dass ich unter Bauchschmerzen auch Kummer versteckte. Sie ließ mich dann neben sich sitzen, ganz dicht."

Die junge Käthe erlebt neben Ängsten und Sorgen auch viel Schönes - Sommerferien in Rauschen an der Ostseeküste, Familienfeiern und Schmetterlinge im Bauch.

"In unserem Haus oben wohnte ein Junge, Otto Kunzemüller, der war meine erste Liebe. Wir spielten unten im Hof und Garten mit anderen Hauskindern in ziemlicher Freiheit. Weil ich aber in Liebessachen ganz unwissend war und er, will mir jetzt scheinen, auch, so blieb es bei diesem Erfrischungskuss. Diese Liebe hatte ein Ende, weil Kunzenmüllers wegzogen."

Buchtipp:
"Die Tagebücher 1908-1943, Käthe Kollwitz", btb-Verlag 2012,  960 Seiten, ISBN-13: 978-3442744084, Preis: 14,99 Euro

Bereits in Königsberg lernt die junge Käthe Schmidt ihren späteren Gatten Karl Kollwitz kennen, einen jungen Mann, den seine verwitwete Mutter mit neun Jahren ins Waisenhaus gebracht hatte.

"In der Klasse lernte er meinen älteren Bruder Konrad kennen. Die Jungen rangten sich, wobei Konrad so zu Fall kam, dass er sich einen Arm ausrenkte und nach Hause musste, auch mehrere Tage der Schule fernblieb. Der alte Böhm, bei dem Karl damals in Pension war und der meine Eltern kannte, sagte Karl, er müsse jetzt mal zu Schmidts gehen und fragen. Karl tat es ungern. Als er an der Haustür die Klingel zog, machte meine Mutter ihm die Türe auf und sagte, er solle nur hinten in den Garten gehen, da wäre Konrad. So fand er Konrad Lanzen werfend, ziemlich wiederhergestellt, im Garten und beide spielten zusammen weiter. Als er endlich wieder nach Hause ging, schenkte ihm Mutter noch eine wunderschöne Birne anstatt ihn zu schelten."

Ausbildungsjahre und Lebenslust

Malklasse von Ludwig Herterich an der Münchener Künstlerinnenschule, 1889, Käthe Kollwitz sitzend, 2. v. r., Nachlass Kollwitz (© Käthe Kollwitz Museum Köln)Malklasse von Ludwig Herterich an der Münchener Künstlerinnenschule, 1889, Käthe Kollwitz sitzend, 2. v. r., Nachlass Kollwitz (© Käthe Kollwitz Museum Köln)

Ab 1887, in München, fernab des Elternhauses, blüht das Mädchen aus Ostpreußen auf, unternimmt mit ihren Kommilitoninnen Reisen nach Italien.

"Die Reise nach Venedig, die sie mit wenig Geld, immer mit Regionalzügen Tag und Nacht unterwegs immer gemeinsam machten und wie die große Marianne Fiedler, schön und groß und blond in Venedig also so Aufsehen erregte und wie sie sich alle einen Spaß machten, hier jung und frei sich die Stadt erobern. Das ist so eine andere Kollwitz." (Iris Berndt, Direktorin des Käthe Kollwitz Museum Berlin)

Käthe Schmidt geht gerne auf Maskenbälle. Die Freundin Helene Bloch erinnert sich an eine lebensfrohe, junge Frau:

"Wie sie als bayrisches Mädel mit dem Bierseidel in der Hand ihre Rolle, die ganze Nacht hindurch spielte, ohne auch nur einen Moment aus ihrer Rolle zu fallen. Auf einem solchen Ball trat sie zum Erstaunen und zur Begeisterung aller Anwesenden als Bacchantin auf, wo sie mit einem Kranz im Haar mit unglaublicher Leidenschaft sang und tanzte."

Buchtipp:
Beate Bonus-Jeep: "Sechzig Jahre Freundschaft mit Käthe Kollwitz", Henschelverlag 1967, 266 Seiten

Zweifel: Die Künstlerin als Verlobte

Trailer zu "Käthe Kollwitz - Bilder eines Lebens" (1986) auf Youtube:

"Das war ja eine doppelschneidige Sache und sie ist ja auch ein bisschen gehänselt worden von ihren Kommilitonen als sie in München plötzlich mit einem Verlobungsring ankam. Denn Künstlertum und Ehe, das schloss sich in der Vorstellung der angehenden Künstlerinnen aus. Karl hat sehr um sie geworben. Und so hat Karl Käthe schon zeitig kennengelernt und die lange Verlobungszeit hat sie auch manchmal durchaus als Last empfunden, doch je älter sie wurde wirklich auch als Rückenstärkung. Weil, Karl hat ihr eben nicht reingeredet, Karl hat sie nicht bedrängt, Karl hat die finanzielle Sicherheit erwirtschaftet und durch Karl hat sie Einblicke in soziale Verhältnisse gewonnen." (Iris Berndt)

"Mein Vater beobachtete meine Arbeit nicht mehr mit so fraglosem Glauben an mein Vorwärtskommen. Er hatte viel rascher einen Abschluss meiner Studienzeit erwartet, Ausstellungen und Erfolge. Außerdem war er, wie gesagt, sehr skeptisch gegen die Tatsache eingestellt, dass ich zwei Berufe vereinigen wollte, den künstlerischen und das bürgerliche Leben in der Ehe. Mein Vater sagte mir kurz vor der Eheschließung: "Du hast nun gewählt. Beides wirst du schwerlich vereinigen können. So sei das, was du gewählt hast, ganz!"

Am 13. Juni 1891 heiratet Käthe Schmidt Karl Kollwitz und heißt fortan Käthe Kollwitz. Sie geht nach Berlin. Ein Jahr später kommt Sohn Hans auf die Welt, 1896 folgt Peter.

Künstlerische Selbstfindung

Käthe Kollwitz, Selbstbildnis en face, um 1910, Kohle auf graugrünem Büttenpapier (© Käthe Kollwitz Museum Köln)Käthe Kollwitz, Selbstbildnis en face, um 1910, Kohle auf graugrünem Büttenpapier (© Käthe Kollwitz Museum Köln)Noch vor Berlin und der Heirat liest Käthe Schmidt den Roman "Germinal" von Emile Zola über die Bergarbeiter Frankreichs und ihre unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Die Künstlerin will die Motive von "Germinal" auf die Leinwand bringen:

"Zu diesem Zweck brauchte ich Studien. Königsberg hatte damals in den alten Pregelgegenden eine Reihe von Matrosenkneipen, welche am Abend zu besuchen mit Lebensgefahr verbunden war. Es war mir nicht möglich, anders als am Vormittag dort Studien zu machen. Ein großes Erlebnis fiel in diese Zeit: Die Uraufführung der Hauptmannschen Weber in der Freien Bühne. Der Eindruck war gewaltig. Die besten Schauspieler wirkten mit. Am Abend war ein festliches Zusammensein in großem Kreise, wo Hauptmann als Führer der Jugend auf den Schild gehoben wurde. Diese Aufführung bedeutete einen Markstein in meiner Arbeit. Die begonnene Folge um "Germinal" ließ ich liegen und machte mich an die Weber."

Das glückliche Jahrzehnt

Paris wird Anfang des 20. Jahrhunderts zum Sehnsuchtsort der Künstlerin. Ein Ort, der viele Künstler aus Deutschland anzieht - ein Ort, an dem neue Kunst entsteht, die mit alten Sehgewohnheiten bricht. Käthe Kollwitz, Mitte 30, Mutter eines zwölfjährigen und eines achtjährigen Sohnes, verfolgt eine Idee:

"Denn das ist in meinem Kopf einmal ausgemachte Sache: nach Paris gehen heißt plastisch arbeiten."

Käthe-Kollwitz-Museen in Deutschland
> Käthe Kollwitz-Museum Berlin, Fasanenstraße 24, 10719 Berlin: Der Fortbestand des Museums ist derzeit nicht gesichert. Zum 150. Geburtstag der Künstlerin gibt es dort die Sonderausstellung "Käthe Kollwitz und ihre Freunde".
> Käthe Kollwitz Museum Köln, Neumarkt 18-24, 50667 Köln: Zum 150. Geburtstag der Künstlerin präsentiert das Museum die Ausstellung "Gustav Seitz – Ein Denkmal für Käthe Kollwitz". 
> Käthe-Kollwitz-Haus Moritzburg, Meißner Str. 7, 01468 Moritzburg

Käthe Kollwitz wagt den Schritt, der sie nicht nur künstlerisch auf neue Wege führen wird:

"Da ist eine Kollwitz, die die Kneipen besucht, die die Kunstszene besucht, die Freunde hat und sie war unendlich glücklich und zugleich war sie, muss man sich vorstellen, Mutter zweier Kinder, lässt die Kinder zurück, bei Mann und Betreuung, ein Kindermädchen, um sich diesen Aufbruch zu gönnen. Da steckt viel Kraft, viel Lebensfreude, aber auch viel künstlerisches Wollen dahinter." (Iris Berndt)

Die Liebe, was damit zusammenhängt und die Folgen

Museumsimpression zur Liebe Kollwitz' mit Berit Hempel:

Mit Anfang 40 schafft Käthe Kollwitz eine neue, andere Kunst mit ungewöhnlichen, gewagten Motiven, die die Künstlerin im Verborgenen behält, viele Liebesszenen.

Die Zeichnungen entstehen um 1909 – das Jahr, in dem Käthe Kollwitz sich verliebt. Hugo Heller, ein Journalist, Schriftsteller, Buchhändler und Verleger mit engem Kontakt zu Sigmund Freund – und wie Käthe  verheiratet.

Käthe Kollwitz, Liebespaar, sich aneinander schmiegend, 1909/10, Kohle (© Käthe Kollwitz Museum Köln)Käthe Kollwitz, Liebespaar, sich aneinander schmiegend, 1909/10, Kohle (© Käthe Kollwitz Museum Köln)"Ich bin schon der Meinung, dass sie sehr verliebt war in Hugo Heller, dass er sie begeistert hat mit seiner eleganten und beredten Art, wie er sich ausdrücken konnte, dass man gut mit ihm reden konnte und dieser Wiener Charme. Das fand sie alles spannend. Aber ich glaube nie, dass sie ihren Mann betrogen hat, wie man das heute formulieren würde, dass sie aus dieser Ehe ausgebrochen ist." (Hannelore Fischer, Direktorin des Käthe Kollwitz Museum Köln)

Wenige Jahre später wendet sich das Blatt. Karl verliebt sich in seine Sprechstundenhilfe Else.

"In den 20er-Jahren hat Käthe gelitten, weil Karl sich in seine Sprechstundenhilfe Else verliebte und das wird einem sehr deutlich, wenn man die Originaltagebücher sieht, da steht das Wort Else ganz allein auf einer Seite. Da steht nur Else, was sie so im gedruckten Tagebuch einfach übersehen." (Hannelore Fischer)

Käthe, der Erste Weltkrieg und ihr Sohn Peter

"Montag, 10. August 1914 - An diesem Tag war es wohl auch, an dem Peter abends Karl bittet, ihn vor Aufgebot des Landsturms mitgehen zu lassen. Karl spricht mit allem dagegen was er kann. Ich habe das Gefühl des Dankes, dass er so um ihn kämpft, aber ich weiß es ändert nichts mehr. Karl: Das Vaterland braucht dich noch nicht, sonst hätte es dich schon gerufen. Peter leiser aber fest: Das Vaterland braucht meinen Jahrgang noch nicht, aber mich braucht es."

Filmtipp:
"Kollwitz - ein Leben in Leidenschaft" auf Arte: Der Film erzählt Leben und Werk dieser außergewöhnlichen Frau und zeigt viele bislang unbekannte Details ihrer Biografie.

Peter geht als Freiwilliger an die Front. Wenige Wochen später kommt die Nachricht, dass er gefallen ist. Peter Kollwitz stirbt am 22. Oktober 1914 bei Dixmuiden in Belgien.

Der Tod des Sohnes macht Käthe Kollwitz zur Pazifistin und bringt ihre künstlerische Arbeit nahezu zum Erliegen. Ein Denkmal will sie schaffen zu Ehren der vielen toten Freiwilligen. Rund zwei Jahrzehnte später wird daraus das Denkmal "Trauernden Eltern".

Großmutter und Reisende Käthe

Käthe und Karl Kollwitz werden Großeltern. Hans heiratet die Grafikern Ottilie, die zuerst einen Sohn bekommt – die Eltern nennen ihn Peter – und zwei Jahre später die Zwillinge Jördis und Jutta.

"Am 29. Mai 1924, am Himmelfahrtstag, werden Jördis und Jutta ein Jahr alt. Ich fahre schon vormittags raus, treffe Hans im Haus, der für die Kinder Essen holt. Ottilie wartet mit den Kindern im Walde. Peterchen kommt uns unterwegs entgegen. Die Kinder sind dick – zu dick – und riesig nett. Als Ottilie das Essen hat, füttert sie die drei aus einem Napf.

Nachher werden alle drei nackt ausgezogen, das ist furchtbar nett."

Mitte der 20er-Jahre begibt sie sich mit Karl auf eine Schiffsreise zu den Kanarischen Inseln und schreibt der Familie:

"Madeira mit Funchal – Teneriffa – die Häfen, das Ganze Fremdorientalische in der Farbe – die Schönheit der Menschen – die Vegetation – alles regt sehr auf. Zu Zeiten fühl ich mich wie betrunken. Durchaus. Kommt dann noch dazu der herrliche Wein. Zuhause ist vergessen, man lebt im Neuen. Großer Wunsch, dass aus der Indienfahrt etwas werden möge. Auch Karl ist oft wie betrunken."

Und bald soll er kommen, der vierte Enkel, Arne Kollwitz, am 3. September 1930.

Käthe Kollwitz nach dem Ersten Weltkrieg

Käthe Kollwitz engagiert sich mit ihrer Kunst in der Gesellschaft und in der Politik. Sie entwirft für den Mitteldeutschen Jugendtag der sozialistischen Arbeiterbewegung in Leipzig das Plakat "Nie wieder Krieg". Sie gestaltet Plakate für die Internationalen Arbeiterhilfe. Und sie schreibt "Nieder mit den Abtreibungsparagraphen" auf das Bild einer hochschwangeren, ausgemergelten Mutter mit kleinen Kindern für die KPD, zeichnet ein Blatt für die hungernde Bevölkerung Russlands.

"Sie wurde ja nach Kriegsende ziemlich rasch Mitglied der Akademie der Künste, und nicht nur das. Sie hat ja auch gleichzeitig den Professorentitel erhalten. Sie ist ja aber die Jahrzehnte von Liebermann gefördert worden, der sie ja auch direkt in die Akademie aufnahm. Sie war später im Senat der Akademie, hatte ein Meisteratelier übernommen." (Hannelore Fischer)

1927 reist sie zum Zeitpunkt der großen gesellschaftlichen Umbrüche zusammen mit Karl nach Russland. Die Künstlerin sieht aber auch die Kehrseite der russischen Revolution und unterschreibt eine Petition für Inhaftierte und Proteste gegen die Verbannung russischer Wissenschaftler.

Nach 1933 – die Zeit der Stille für Käthe Kollwitz

Käthe und Karl Kollwitz mit Enkelkindern, 1935, Nachlass Kollwitz (© Käthe Kollwitz Museum Köln)Käthe und Karl Kollwitz mit Enkelkindern, 1935, Nachlass Kollwitz (© Käthe Kollwitz Museum Köln)

Die Lage spitzt sich für Käthe Kollwitz gefährlich zu, als die sowjetische Zeitung "Iswestija" einen Artikel über sie veröffentlicht und von einer katastrophalen finanziellen und künstlerischen Situation berichtet.

"Juli 1936 - Am 13. Juli erschienen zwei Beamte der Gestapo und verhören mich über den Artikel in der "Iswestija". Erklären mir, dass auf mein Verhalten Konzentrationslager stünde, in einem Wiederholungsfalle ich unweigerlich ins Konzentrationslager käme, dann schützte mich kein Alter und nichts davor. Am Tage drauf kommt der eine der Beamten ins Atelier in der Klosterstraße, sieht meine Arbeiten an, redet lang und breit (nicht übelwollend), sagt dann, man verlange von mir eine Erklärung für die Zeitungen, in der ich die Behauptung der "Iswestija" für unwahr erkläre. Ich schreibe diese Erklärung."

Ans Auswandern dachten Käthe und Karl Kollwitz aber nicht.

"In der Nazizeit konnte meine Großmutter nicht mehr irgendetwas verkaufen, es gab keine Ausstellungen mehr. Und das, wovon ein Künstler leben kann, diese Grundlage war ihr entzogen." (Arne Kollwitz)

Jenseits der politischen Entwicklungen geht das Familienleben der Käthe Kollwitz weiter.

"Die hat sich völlig aus der Erziehung rausgehalten. Sie hat an uns Kindern, an der Entwicklung regen Anteil genommen, das sieht man ja, wenn man in die Tagebücher guckt, wie sie die Geburt meiner beiden Zwillingsschwestern begleitet hat und dann auch die Entwicklung. Und dann auch bei mir, ich komme ja mehrfach in den Tagebüchern vor. Nein, nein, das Interesse war groß. Und ich meine, wenn wir mit ihnen zusammen waren, haben sie sich erkundigt, wie es uns in der Schule geht, was wir so machen und so. Es war ein lebhaftes Interesse da, aber sicherlich keine Einmischung." (Arne Kollwitz)

1943 Flucht nach Moritzburg

"In Moritzburg bei Dresden, im Rüdenhof, mit weitem Blick auf das Schloss und über den See traf ich sie in einem Lehnstuhl auf dem vorgebauten Balkon in der Abendsonne sitzend, mit einem grünen Schirm über den Augen, gebeugt und sichtlich krank, als ich im August 1944 nach Moritzburg kam. Am meisten genoss sie wohl die Abende, wenn wir in dem kleinen Kamin ein Feuer angezündet hatten und ich ihr aus "Dichtung und Wahrheit" vorlas. Denn Goethe war ihr unendlich lieb. Seine Maske hing über ihrem Bett; manchmal musste ich sie ihr herunterreichen, dann tastete sie mit geschlossenen Augen ab "Zur Orientierung", wie sie sagte. Und sie erinnerte mich an die Aufforderung Goethes an Ottilie: "Komm, lass uns vom Sterben sprechen!" (Jutta Bohnke-Kollwitz)

Am 22. April 1945 stirbt Käthe Kollwitz in Moritzburg.

Käthe Kollwitz zum 150. Geburtstag

Was bleibt? Ein großes Museum in Köln, ein Museum in Berlin, ein kleines Kollwitz-Museum mit einer Grafiksammlung in Koekelare in Belgien, ein Museum in Moritzburg, Käthe-Kollwitz-Straßen, Käthe-Kollwitz-Schulen, die Trauernden Eltern in Köln, die Pieta für die Neue Wache in Berlin als zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.

Das Denkmal der trauernden Eltern aus den 30er-Jahren existiert heute noch. Es steht als Kopie in Köln als Gedenkstätte in einer kriegszerstörten Kirche, auf einer Kriegsgräberstätte für die deutschen Gefallenen des Zweiten Weltkrieges 200 Kilometer westlich von Moskau und als Original auf dem Soldatenfriedhof in Belgien, auf dem der Sohn Peter begraben liegt.

"Am Ende bleibt es die Intensität ihrer Kunst. Und wenn sie sagt, sie hat nie etwas kalt gemacht in ihrer Kunst, dann kann man das, wenn man sich nur ein bisschen Ruhe nimmt, sie zu betrachten, wenn man sich anschaut, wie sie Striche führt, wie sie Kompositionen baut doch ja, nachempfinden." (Iris Berndt)

Produktion dieser Langen Nacht:
Autor: Berit Hempel, Regie: Burkhard Reinarzt, Redaktion: Monika Künzel, Sprecher: Rebecca Madita Hundt, Andrea Wolf, Edda Fischer, Jean Paul Baeck, Jochen Langner, Webvideo- und Webproduktion: Jörg Stroisch

Über die Autorin:
Die Journalistin und Autorin Berit Hempel studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Völkerkunde und arbeitete seitdem als Autorin für Hörfunk und Fernsehen sowie als Redakteurin für den Westdeutschen Rundfunk und den Deutschlandfunk. Als Stipendiatin war sie in Frankreich tätig und berichtete aus Südafrika, ihre Wissensfeatures im Headroom-Verlag wurden mehrfach ausgezeichnet.

 

Lange Nacht

Eine Lange Nacht über Walter Benjamin"Glückloser Engel"
Walter Benjamin (dpa / picture alliance / Heinzelmann)

Um Aufschluss über die Gegenwart zu erhalten, soll Vergessenes erinnert und Vergangenes rekonstruiert werden. Entscheidend dabei werden Sprache und Bilder. Walter Benjamin ist ein Sprachmagier, der die Kunst beherrscht, seine Leser zu verführen - eine ganze Nacht lang.Mehr

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