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Lange Nacht | Beitrag vom 06.01.2018

Eine Lange Nacht über das Reisen im WinterDer Weg gehüllt in Schnee

Von Stefan Zednik

Winterlandschaft in Deutschland (dpa / picture alliance / Daniel Friedrichs)
"Nun ist die Welt so trübe, der Weg gehüllt in Schnee", heißt es im ersten Lied des berühmten Zyklus von Schubert (dpa / picture alliance / Daniel Friedrichs)

Die "Winterreise" von Wilhelm Müller und Franz Schubert beschreibt die Isolation des Individuums. Beide starben früh in einer Gesellschaft, in der sie sich nicht zurecht fanden. Bis heute fasziniert die Winterreise als Metapher auch Autoren wie Elfriede Jelinek.

"Nun ist die Welt so trübe, der Weg gehüllt in Schnee", heißt es im ersten Lied des berühmten Zyklus von Franz Schubert und Wilhelm Müller. Das Thema Winterreise fasziniert Dichtung und Literatur, Musik, Theater und Film bis heute. Von Schuberts Sammlung "schauerlicher Lieder" bis hin zur "Winterreise" von Elfriede Jelinek hat die Metapher für die Isolation des Individuums in einer gefühlskalten Gesellschaft nichts von ihrer Kraft eingebüßt.

Lesen Sie das komplette Manuskript zur Sendung in seiner ungekürzten Vorsendefassung hier: Manuskript als PDF / Manuskript als TXT. Die Webbegleitung zu dieser Sendung ergänzt und fokussiert das Thema der Sendung, bietet einen eigenen Zugangsweg zu dem Thema.


1769: Winterreise von Jacobi

"Was soll ich länger weilen, dass man mich trieb hinaus?
Lass‘ irre Hunde heulen vor ihres Herren Haus;
die Liebe liebt das Wandern - Gott hat sie so gemacht -
von einem zu dem andern. Fein Liebchen, gute Nacht!"

Es sind weit weniger dramatische Umstände, die den Schriftsteller und Gelehrten Johann Georg Jacobi 1769 zu einer Reise veranlassen. Er will vom Harz aus seinen in Düsseldorf lebenden Bruder besuchen. Mit etwa 450 Kilometern ist dies für heutige Verhältnisse eine eher kurze Strecke. Das Verkehrsmittel, die Postkutsche, scheint bequem. Die Jahreszeit ist es nicht: Jacobi reist im Winter.

"Gebirge, die der Winter drücket,
verlassne Wälder um sie her,
von freudiger Begeistrung leer;
und Dörfer, halb im Rauch ersticket;
in engen Häuserchen von Leim
der groben Einfalt arme Söhne,
und ihrer Sprache rauhe Töne,
vor denen jeder sanfte Reim,
wie Echo, die mit Hirten klaget,
vor schnell erwachtem Donner zaget;
ein Thurm, der über Hügel raget."

In Jacobis kleiner Winterreise geht es um die Gefahr winterlicher Kälte im Herzen eines passionierten, bald 30-jährigen Aufklärers. 1769 erscheint das Büchlein. Es ist die Zeit der französischen Enzyklopädisten von Voltaire und Diderot, deren Werke und Ideen überall in Europa diskutiert werden.

Der Schriftsteller Laurence Sterne (1713-1768) auf einer Zeichnung von Louis Carmontelle. (imago / United Archives)Der Schriftsteller Laurence Sterne (1713-1768) auf einer Zeichnung von Louis Carmontelle. (imago / United Archives)

Reisen und dabei Forschen und davon berichten, davon schreiben – das wird zu eine Art Grundhaltung der Aufklärung. Es entsteht eine unübersehbare Menge an Reiseliteratur und mit der "Sentimental Journey" des Engländers Laurence Sterne auch ein neuer Prototyp: die "empfindsame" Reise. Nicht nur von äußeren Sehenswürdigkeiten wird berichtet, sondern auch von der inneren Befindlichkeit des Reisenden. Seine Seele geht in die Betrachtung mit ein.

Auch der Roman "Anton Reiser" von Karl Philipp Moritz – erschienen zwischen 1785 und 1790 - gehört zu dieser Gattung. In ihm reist der Held als Getriebener. Es ist die bedrückende soziale Lage, die den Heranwachsenden nirgendwo ankommen lässt. Und: seine Psyche. Träume von einer Laufbahn als Schauspieler, als schreibender Poet, lassen Anton immer wieder in Widerspruch zu einer als unerträglich empfundenen Realität geraten. So gerät er in schlimmste Bedrängnis, materiell und psychisch.

"Es war eine nasskalte Luft und regnete und schneiete durcheinander – seine ganze Kleidung war durchnetzt – plötzlich entstand in ihm das Gefühl, dass er sich selbst nicht entfliehen konnte. Und mit diesem Gedanken war es, als ob ein Berg auf ihm lag – er strebte, sich mit Gewalt darunter emporzuarbeiten, aber es war, als ob die Last seines Daseins ihn darnieder drückte."

So wird die Unwirtlichkeit der Natur, die Nässe und Kälte des Winters zur Folie für eine lebensverneinende Grundhaltung des jungen Mannes. Seit dem wenige Jahre zuvor erschienenen Bestseller "Leiden des jungen Werther" des ebenso jungen Goethe und der auch in Deutschland erfolgreichen "Empfindsamen Reise" Sternes scheint niemand mehr, wenn es um radikale psychische Irritationen geht, ein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen.

Zeitgenössische Darstellung des Schriftstellers und Dichters Johann Christian Friedrich Hölderlin. (picture alliance / dpa)Zeitgenössische Darstellung des Schriftstellers und Dichters Johann Christian Friedrich Hölderlin. (picture alliance / dpa)

Am 10. Dezember 1801, mitten im Winter, beginnt auch Friedrich Hölderlin eine Fußwanderung nach Bordeaux, wo ihn eine Stelle als Hauslehrer erwartet. Hölderlin schreibt an seine Mutter.

"Auf den gefürchteten überschneiten Höhen der Avergne, in Sturm und Wildnis, in eiskalter Nacht und die geladene Pistole neben mir im rauhen Bette – da hab ich auch ein Gebet gebetet, das bis jetzt das beste war in meinem Leben und das ich nie vergessen werde." (Hölderlin, Brief vom 28.1.1802)

Dennoch endet die Reise, von der es leider keine weiteren Zeugnisse gibt, zunächst glücklich.

"Ich bin erhalten – danken Sie mit mir! Ich bin nun durch und durch gehärtet und geweiht, wie Ihr es wollt. Ich denke, ich will so bleiben, in der Hauptsache. Nichts fürchten und sich viel gefallen lassen. Lebet wohl! Von Herzen und mit Treue, der eure Hölderlin" (Hölderlin, Brief vom 28.1.1802)

Wenige Monate später kehrt er nach Deutschland zurück. "Er war leichenbleich, abgemagert, von hohlem wildem Auge, langem Haar und Bart. Und gekleidet wie ein Bettler, der mit hohlem Tone einsilbig sich als Hölderlin ankündigte", berichtet der Zeitzeuge Friedrich Matthison über den wieder aufgetauchten Dichter. In dieser Zeit entsteht sein wohl berühmtestes Gedicht, "Hälfte des Lebens".

"Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
es Winter ist, die Blumen, und wo
den Sonnenschein,
und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
sprachlos und kalt, im Winde
klirren die Fahnen."

Müllers und Schuberts "Winterreise"

Der österreichische Musiker und Komponist Franz Schubert. (picture-alliance / dpa / Votava)Der österreichische Musiker und Komponist Franz Schubert. (picture-alliance / dpa / Votava)

Napoleon führt Krieg in Europa. Preußen steht zunächst in einer Koalition mit Frankreich, ist auch mit eigenen Truppen an dem napoleonischen Feldzug beteiligt. Doch die Stimmung kippt immer mehr, es kommt gerade unter der Jugend zu einer immer stärkeren Opposition dem französischen Kaiser gegenüber. Der preußische König tut sich lange Zeit schwer, die Seiten zu wechseln. Im Dezember 1812 beendet er das Bündnis mit Frankreich.

Wilhelm Müller wird 1794 in Dessau geboren. Mit 19 Jahren beginnt er ein Studium an der neugegründeten Berliner Universität. Wie viele seiner Kommilitonen meldet auch er sich freiwillig zum Militär, doch wurde er wegen eines Verhältnisses mit einer Wallonin unehrenhaft entlassen. Seine zweite große Verliebtheit in die Schwester eines Berliner Freundes verwandelt er in Lyrik. Er flüchtet in das romantische Gefühl leidenschaftlicher, jedoch letztlich unerwiderter Liebe. Versehen mit der merkwürdigen Empfehlung, sie im Winter zu lesen, veröffentlicht Müller die "Siebenundsiebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten".

"Ich meint, es müsst in meinen Augen stehn,
auf meinen Wangen müsst man's brennen sehn,
zu lesen wär's auf meinem stummen Mund,
ein jeder Atemzug gäb's laut ihr kund,
und sie merkt nichts von all dem bangen Treiben:
Dein ist mein Herz und soll es ewig bleiben."

Als der Wiener Franz Schubert 1823 die Gedichte kennenlernt, inspirieren sie ihn sofort. Müller, der pietistische Preuße und Schubert, der katholische Wiener, der mit seinen Leidenschaften ringende, hochgebildete Literat und der sinnenfrohe Musiker – ein kongeniales Paar.

"Ich werde euch einen Zyklus schauerlicher Lieder vorsingen" – mit diesen Worten lädt Franz Schubert seine Freunde 1827 in Wien zu einem privaten Musikabend in seine Wohnung. Schubert ist knapp 30 Jahre alt, und es geht ihm nicht gut. Er leidet vermutlich an Syphilis. Die Sammlung von Gedichten Wilhelm Müllers, von denen er zunächst zwölf kennen lernt und vertont, scheint zu seiner Stimmung zu passen.

"Ich such' im Schnee vergebens
nach ihrer Tritte Spur,
wo sie an meinem Arme
durchstrich die grüne Flur.

Ich will den Boden küssen,
durchdringen Eis und Schnee
mit meinen heißen Tränen,
bis ich die Erde seh'.

Wo find' ich eine Blüte,
wo find' ich grünes Gras?
Die Blumen sind erstorben,
der Rasen sieht so blass.

Soll denn kein Angedenken
ich nehmen mit von hier?
Wenn meine Schmerzen schweigen,
wer sagt mir dann von ihr?

Mein Herz ist wie erstorben,
kalt starrt ihr Bild darin;
schmilzt je das Herz mir wieder,
fließt auch ihr Bild dahin!"

1827 stirbt Wilhelm Müller überraschend im Alter von 32, Franz Schubert 1828 im Alter von 31 Jahren. Die kongeniale Zusammenarbeit der Männer, die niemals persönlichen Kontakt miteinander hatten, hat ein Ende.

""Winterreise" wurde 1827/28 in einer Zeit geschrieben, als Deutschsprachige in vielen Ländern verstreut lebten, in einer Zeit eines wachsenden Nationalismus. Sie fühlten sich als liberale Nationalisten in ihrem eigenen Land nicht zuhause. Metternich saß in Wien und unterdrückte jede national-liberale Meinung. Sie fühlten sich in diesem Sinne fremd in einer Gesellschaft, die sich sehr schnell veränderte." (Ian Bostridge)

Die weitere Entwicklung rund um Schuberts "Winterreise"

Filmvorschau zu "Das Dreimäderlhaus" (1954) auf Youtube:

Erst nach seinem Tod wird Schubert richtig berühmt, insbesondere auch seine "Winterreise" wiederentdeckt:

>> 1862: In Wien versucht eine Bewegung rund um Singegemeinschaften, Chöre und Gesangsvereine Schubert als musikalischen Nationalhelden zu etablieren. Ein Denkmal und ein Ehrengrab sollen entstehen. Franz Schubert wird 1862, 35 Jahre nach seinem Tod, ausgegraben, gereinigt und abermals beigesetzt. Der "Deutsche Sängerbund" gründet sich und ist mit zeitweise fast zwei Millionen Mitgliedern der größte Chorverband der Welt.

>> 1912: Die Schubert-Operette "Das Dreimäderlhaus" wird zur Vorlage eines der populärsten Musiktheaterstücke des 20. Jahrhunderts. Das "Dreimäderlhaus" wird in 22 Sprachen übersetzt, weltweit gespielt, verfilmt. Und als unglücklich liebendes, dennoch lebensfrohes musikalisches Genie aus Wien wird Schubert im 20. Jahrhundert zur Ikone einer frühen Populärkultur.

>> 1933: Nach der Machtübernahme durch Adolf Hitler feiert am 9. Mai der Film "Ein Lied geht um die Welt" Premiere. Ein Kunde betritt einen Plattenladen und verlangt eine neue Schallplatte zu hören. Der Kunde ist der berühmte Tenor Ricardo, der Interpret der gewünschten, der eigenen Aufnahme. Ricardo wird dargestellt von dem in der Wirklichkeit ebenso berühmten Rundfunktenor Joseph Schmidt. Das Lied aus Schuberts Winterreise, ein Lied der Sehnsucht nach einer verloren gegangenen Idylle, es markiert den Anfang einer langen Reise des jüdischen Tenors Joseph Schmidt. Er flieht in verschiedene Länder vor den Nazis. Seine letzte Station ist die Schweiz: Wenige Tage nach seiner Ankunft 1942 bricht er in Zürich, wo er als Star-Tenor große Erfolge gefeiert hatte, erschöpft auf der Straße zusammen. Er stirbt, medizinisch unzureichend behandelt, kurze Zeit später an Herzversagen.

Winterreise des Studenten Patrick Leigh Femor durch Nazi-Deutschland
Es sind sehr persönliche Motive, die den sich in einer Krise befindenden Studenten Patrick Leigh Fermor im Herbst des Jahres 1933 bewegen: Sein Plan ist eine Wanderung von London nach Konstantinopel, wenn und wo es möglich wäre, zu Fuß. Über Holland, am Rhein entlang nach Süden, über Ulm, Augsburg und München zunächst nach Wien. Im Dezember 1934 beginnt die Winterwanderung. Und sie erbringt eine Sicht auf Deutschland, die nur partiell dem heute geläufigen Geschichtsbild jener Zeit entspricht. Fermor hält seine Erlebnisse fest, zunächst als Reisetagebuch. 1977 wird er seine Erinnerungen veröffentlichen. Sie sind ein wertvolles Dokument einer heute durch die markanten, durchweg negativen Ereignisse dieser Zeit verdeckten Alltagskultur. " Es war ein schwerer Diesellastwagen mit Schneeketten an den Rädern und einer Ladung Eisenträger. Der Fahrer öffnete die Tür und reichte mir mit den Worten "Spring hinein" die Hand. Als ich neben ihm in dem beschlagenen Fahrerhaus saß, rief er: "Du bist ein Schneemann!" Das stimmte. Klappernd ging es weiter. Er wies auf die Flocken, die sich genauso schnell auf der Scheibe festsetzten, wie der Scheibenwischer sie beiseite schob, und sagte: "Schlimm, niet?" Er holte eine Flasche Schnaps hervor, und ich nahm einen großen Schluck. Genau das richtige!"

>> 1945: "War nicht der ganze Stalingrad-Feldzug eine gewaltige Winterreise, bei der jeder deutsche Soldat die ersten Zeilen des Zyklus auf sich beziehen konnte: "Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus", sagt der slowenische Kulturphilosoph Slavoj Žižek über den Winter 1942/43 und den Untergang von Hitlers 6. Armee im Kessel von Stalingrad. Und wer denkt da nicht an die einige Zeit später beginnenden sogenannten Todesmärsche, bei denen die überlebenden Insassen der deutschen Konzentrationslager hunderte Kilometer nach Westen zu wandern hatten, entkräftet und ohne Verpflegung, völlig unzureichend bekleidet. Mitten im Winter. In diese Zeit fällt die Aufnahme von Schuberts "Winterreise". Geistiger Vater ist Michael Raucheisen. In insgesamt drei Sitzungen spielt er mit dem Tenor Peter Anders und deutlich verstimmtem Klavier Schuberts "Winterreise" ein. Die Kulturjournalistin Christine Lemke-Matwey über die wiederveröffentlichte Aufnahme: "Der harsche, bittere Gestus der meisten Lieder, ihre fiebrigen Tempi, die wachsende Sprach- und Tonlosigkeit der Interpreten vor Schuberts Notentext, diesem grandiosen Manifest der Einsamkeit des Menschen vor dem Menschen - es schwingt viel Wut, viel Verzweiflung mit."

Die Winterreise als literarisches Thema nach dem Zweiten Weltkrieg

Im Roman "Vom Gehen im Eis" greift der Autor Werner Herzog 1978 das Winterreise-Thema neu auf. "Ende November 1974 rief mich ein Freund aus Paris an und sagte mir, Lotte Eisner sei schwer krank und werde wahrscheinlich sterben. Ich sagte, das darf nicht sein, nicht zu diesem Zeitpunkt. Der deutsche Film könne sie gerade jetzt noch nicht entbehren, wir dürften ihren Tod nicht zulassen. Ich nahm eine Jacke, einen Kompass und einen Matchsack mit dem Nötigsten. Meine Stiefel waren so fest und neu, dass ich Vertrauen in sie hatte. Ich ging auf dem geradesten Weg nach Paris, in dem sicheren Glauben, sie werde am Leben bleiben, wenn ich zu Fuß käme. Außerdem wollte ich allein mit mir sein." Herzog befindet sich nach vielen experimentellen Filmarbeiten mit seinem Urwalepos "Aguirre, der Zorn Gottes" auf einem ersten Zenit seiner Karriere. Ein Höhepunkt, der zugleich eine Krise verursacht. Seine Reise wird auch eine Suche nach sich selbst, nach dem eigenen Mittelpunkt. Es ist keine Wanderung in den Tod, wie bei Müller und Schubert, es ist eine Wanderung gegen den Tod. Nach 22 Tagen erreicht Werner Herzog sein Ziel. Lotte Eisner sollte auch noch einige Jahre leben.

Trailer zu "Die Klavierspielerin" von Michael Haneke (2001) auf Youtube:

"Die Klavierspielerin" von Michael Haneke - nah einem Roman von Elfriede Jelinek - interpretiert Schubert neu. Schubert, der Wanderer, die Winterreise werden bei Jelinek und Haneke zur Kunst-Kulisse einer erkalteten, rationalistischen Welt, in der Warmherzigkeit ein Fremdwort geworden ist.

Trailer zur "Winterreise" von Hans Steinbichler (2006) auf Youtube:

Franz Brenninger, der Protagonist in Hans Steinbichlers Film "Winterreise", ist auf der ganzen Linie seines Lebens gescheitert. Der bayerische Kleinunternehmer ist bankrott, mit seiner Familie völlig zerstritten. Er leidet unter manisch depressiven Stimmungswechseln. Um sein letztes Vermögen betrogen, reist er nach Kenia. Doch was er dort sucht, ist nur äußerlich das geraubte Geld. Da, wo alles angefangen hat, an der Wiege der Menschheit, sucht er das Ende, sein Ende. Wie die Pianistin im Roman von Elfriede Jelinek und in der Verfilmung von Michael Haneke scheitert auch Brenninger am eigenen Kunstanspruch, an der Unfähigkeit ein privates Glück zu leben, an der ökonomischen Härte der Gesellschaft und an den inneren Frostschäden der eigenen Seele.

In seinem Buch "Deutschland, eine Winterreise" (2014) schreibt der Autor Willi Winkler: "So reisemäßig das Wetter: Das Winterwetter kann oder müsste sogar eine existenzielle Bedrohung sein, es hat bloß keine Lust dazu. Es ist nicht warm, wozu ist es schließlich Winter, aber auch nicht kalt, jedenfalls nicht kälter, als der Körper verkraftet, solange er in Bewegung ist. Der Rucksack wiegt keine zehn Kilo. Er wärmt den Rücken. Und die Stöcke geben den Takt vor. Der Wind weht manchmal heftiger, gut, aber das ist der Norden: flach, menschenfeindlich, dann wieder flach." Doch es wird, wie nicht anders zu erwarten keine Reise in das Reich spiritueller Versenkung und göttlicher Gnade. Es wird eine Reise nach Deutschland, in den deutschen Winter. "Mein Körper hat zwei Dinge gelernt: Ich habe festgestellt, dass ich das kann und ich möchte noch mehr. Ich würde gerne wieder losgehen. Ich brauche einen vergleichbaren Anlass, das ist vielleicht eine Alterserscheinung, aber ich glaube, Gehen ist menschengemäß."

Das Gefühl, ausgegrenzt zu sein, thematisiert Elfriede Jelinek in ihrem Theatermonolog "Winterreise". Dort hat der bislang stille Durchschnittsbürger eine Sprache gefunden. Er wird wortgewaltig, laut, ungerecht. Sein Gegenüber, Gegenstand des wütenden Protestes, ist eine literarische Verschmelzung des Schubert’schen Wandersmann mit der entführten, jahrelang in einem Keller festgehaltenen Natascha Kampusch.

"So, da steh ich also mit meiner alten Leier, immer der gleichen. Wer will dergleichen hören? Niemand. Immer dieselbe Leier, aber das Lied ist doch nicht immer dasselbe! Ich schwöre, es ist immer ein anderes, auch wenn es sich nicht so anhört, wenn es sich manchmal mit anderen Liedern überschneidet. Man kann meins immer noch heraushören, auch wenn die Pisten laut toben, kann man mein Lied noch hören, oder? Voraussetzung allerdings: Die Abfahrer sind weg, die Anleger sind gegangen, der letzte Lift ist gekommen und stehengeblieben. Und nur noch wir Tote sind übrig. Nur noch wir Tote sind da und drehen jetzt mächtig auf. Wir können nicht mehr richtig aufdrehen, denn es ist nicht viel, was wir können, aber irgendwas drehen können wir noch."

Am Ende der Winterreise steht, in bitterster Armut und in größtmöglicher Freiheit, die Kunst.

"Wunderlicher Alter,
soll ich mit dir gehen?
Willst zu meinen Liedern
Deine Leier drehn?"

Produktion dieser Langen Nacht:
Autor: Stefan Zednik, Regie: Beate Ziegs, Redaktion: Dr. Monika Künzel, Webproduktion: Jörg Stroisch

Über den Autor:
Stefan Zednik arbeitet als freier Opernregisseur, Filmemacher und freier Kulturjournalist, unter anderem für den Deutschlandfunk, WDR, SWR und NDR. Er studierte Philosophie, Literatur- und Musikwissenschaften in Bonn und Berlin, durchlief im Anschluss verschiedene Assistenzen und war auch in der Werbung tätig.

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