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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 26.06.2015

EHECLebensmittelskandal ohne Konsequenzen

Von Udo Pollmer

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In einem Gewächshaus in Spanien werden Gurken 2011 vernichtet, weil sie im Verdacht stehen, mit dem EHEC-Erreger verunreinigt zu sein. (picture alliance / dpa / Carlos Barba)
In einem Gewächshaus in Spanien werden Gurken 2011 vernichtet, weil sie im Verdacht stehen, mit dem EHEC-Erreger verunreinigt zu sein. (picture alliance / dpa / Carlos Barba)

Vor wenigen Tagen wurde wieder ein Kind an einer schweren EHEC-Infektion ins Krankenhaus eingeliefert. Dabei hatte doch vor vier Jahren das Robert-Koch-Institut den Ausbruch für beendet erklärt.

Vier Jahre ist der größte Lebensmittelskandal nun her, der Nachkriegsdeutschland erschüttert hat: Knackige Sprossen, die mit EHEC-Keimen kontaminiert waren, forderten 53 Todesopfer. Knapp 4000 Personen erkrankten, 855 entwickelten eine lebensbedrohliche Schädigung der Niere, das hämolytisch-urämische Syndrom, kurz HUS. Nach diesem Maßstab war es sogar weltweit die schwerste EHEC-Krise.

Drei Monate dauerte der Ausbruch, Ende Juli 2011 erklärte ihn das Robert-Koch-Institut für beendet. Ist jetzt endlich alles wieder gut? Nicht ganz. Viele Patienten der gesundheitsbewussten Küche klagen bis heute über Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen und Kopfschmerzen, manche sind weiterhin auf die Dialyse angewiesen. Nach Angaben der behandelnden Ärzte soll sich der Zustand bei jedem vierten Patienten inzwischen wieder verschlechtern.

Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen? Erstens durch die Vorstellung, Sprossen seien gesund und zweitens durch das Schweigen der Medien. Denn die oberste Bundesbehörde, das Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin, hatte rechtzeitig die Bevölkerung wegen der Keimgefahr vor Biosprossen gewarnt. Doch unsere Gesundheitsredaktionen zogen es vor, auf eine pflichtgemäße Weitergabe der behördlichen Warnung zu verzichten.

Erhöhtes Risiko durch Sprossen

Bis heute blieb die Szene der Gesundesser von dem Vorfall unbeeindruckt. Obwohl bei Sprossen stets ein erhöhtes Risiko besteht, empfehlen selbst Krankenkassen selbstgezogene Keimlinge als Gesundheit pur - um am Rande zu erwähnen, dass Kantinen lieber darauf verzichtet sollten. Doch die scheinen das zu überlesen, Ärzte beklagen, dass selbst auf EHEC-Kongressen schon wieder Sprossen serviert würden.

Wir sind noch einmal davongekommen. Die Ironie der Geschichte will es, dass die Hilfe für viele Patienten, - betroffen waren vor allem junge, ernährungsbewusste Frauen -, genau von jener Seite kam, die diese vorher wohl noch entschieden abgelehnt hätten: Ein bis heute nicht zugelassenes Medikament namens Soliris aus gentechnischer Herstellung half ihnen, dem Tod von der Schippe zu springen. Wäre das Mittel in Indien ausprobiert worden, hätte sich die Öffentlichkeit über skrupellose "Gen-Konzerne" echauffiert, die schlimme Menschenversuche in der Dritten Welt durchführen würden.

Nicht nur die Patienten litten unter den Folgen der Seuche, sondern auch die Krankenhäuser, die die Intensiv-Patienten versorgt hatten. Sie rutschten in die roten Zahlen. Drei norddeutsche Unikliniken durften jeweils Beträge von drei bis fünf Millionen Euro aus eigener Tasche bezahlen. Denn das System der Fallpauschalen deckt nicht die Extrakosten im Falle eines Seuchenausbruchs ab. Das Geld der Versicherten reichte der AOK aber noch, um Anleitungen für die Sprossenzucht im Haushalt ins Netz zu stellen.

Krankenhäuser bleiben auf den Kosten sitzen

Appelle der Kliniken an Bund und Länder, die Kosten zu übernehmen, blieben erfolglos. Dafür wurden die Klagen der Gemüsebauern erhört. Insgesamt erhielten sie von der EU 226 Millionen Euro Schadenersatz für ausbleibenden Verzehr. Während des EHEC-Skandals waren auf den Gurken eines spanischen Bioerzeugers ebenfalls EHEC-Keime entdeckt worden - allerdings andere als im Münsterland. Statt jedoch den Erzeuger zur Rechenschaft zu ziehen - EHEC ist stets ein gefährlicher Keim - bekamen die spanischen Gemüseproduzenten 71 Millionen Euro aus dem großen Topf, die deutschen erhielten übrigens 16 Millionen.

Was wurde aus dem Unternehmen, das die Sprossen erzeugt hatte? Eine Mitarbeiterin der verantwortlichen Bio-Gärtnerei in Bienenbüttel war ja selbst an dem Keim erkrankt. Die Firma zog vor Gericht und forderte Schadenersatz vom Bundesamt für Risikobewertung. Das Landgericht Braunschweig wies dies jedoch zurück. Damit gab sich das Unternehmen nicht zufrieden: Der Produzent, so lese ich in einem bisher unwidersprochenen Beitrag eines Experten des niedersächsischen Agrarministeriums, habe "vom Land Niedersachsen eine hohe Summe in einem fast verschwiegenen Vergleich erstritten". So hat jeder Lebensmittelskandal Verlierer und Gewinner. Mahlzeit!

Literatur:
Appel B et al (Hrsg): EHEC-Ausbruch 2011. Aufklärung des Ausbruchs entlang der Lebensmittelkette. BfR Wissenschaft 2011 (H.4)
BfR: Hohe Keimbelastung in Sprossen und küchenfertigen Salatmischungen. Aktualisierte Stellungnahme 017/2011 9.Mai 2011
Ehrenstein C: Lückenlose Indizienkette weist zu Bio-Sprossen. Berliner Morgenpost 10. Juni 2011
Anon: EHEC – der Kampf ums Geld. Frankfurter Rundschau Online 15. Juli 2011
Weber N: Was wurde eigentlich aus Ehec? Spiegel Online 18. Juni 2015
Niedersächsisches Landesgesundheitsamt: Infektionen mit EHEC-Bakterien. Merkblatt vom Juni 2005
AOK – Die Gesundheitskasse: Ernährung von A-Z: Sprossen. Letzte Aktualisierung August 2014
Keckl G: Statement vom 29. Mai 2015
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: EHEC-Hilfsprogramm der EU wird aufgestockt. Pressemitteilung Nr. 152 vom 28.07.11
Mühldorfer H: Sprossen – die kleinen Kraftpakete gehen in die Schule. 30.4.2014
Levecke B: Das grüne Tüpfelchen für den Speiseplan. Spiegel-Online 14. 1. 2015
Beikler S et al: Ehec-Erbgut kommt vom Menschen. Tagesspiegel Online 6. Juni 2011

 

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