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Profil / Archiv | Beitrag vom 13.11.2006

"Durch uns ist Blasmusik cool geworden"

Das Hypnotic Brass Ensemble mischt Hip-Hop, Pop und Blasmusik

Von Susanne Burg

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Blasmusik kann sich auch ganz anders anhören (AP Archiv)
Blasmusik kann sich auch ganz anders anhören (AP Archiv)

Hierzulande verbindet man Blasmusik vor allem mit bayerischen Blaskapellen. Dass Blasmusik aber auch ganz anders klingen kann, dass stellt das Hypnotic Brass Ensemble unter Beweis. Die Geschwister aus Chicago mischen unterschiedliche Musikstile zu einem tanzbaren modernen Sound.

Sie heißen Tarik, Gabriel, Seba, Saiph, June Body, Yoshi und Tycho – sie sind zwischen 22 und 30 Jahre alt, Afroamerikaner – und sehr eng verwandt. Sie sind sieben Brüder aus Chicago. Eine Art Kelly Family der Blasmusik.

In den USA kann man sie in Chicago, New York oder Philadelphia hören. In großen T-Shirts und tief hängenden Hosen stehen sie auf Plätzen und in Parks, in den Händen Trompete, Posaune und Tuba und spielen höllisch tanzbare Musik.

"Wie spielen hauptsächlich auf der Straße – und das mag überraschen –, weil wir dort mehr Geld verdienen als im Club."

Schon seit Jahren peppen einzelne Gruppen den traditionellen New-Orleans-Brass-Sound mit Funk und Soul auf. Die Brüder des Hypnotic Brass Ensembles kommen aus einer anderen Richtung: Sie übertragen aktuellen Pop und Hip-Hop in die Welt der Blasmusik.

"Wir haben unseren ganz eigenen Stil. Der hat irgendwas mit Jazz und Hip-Hop, aber auch mit anderem zu tun. Mit unserer Musik können die verschiedensten Menschen etwas anfangen, egal wie alt sie sind und woher sie kommen. - Ewig wurde an richtigen Musikern gespart, wurde nur mit Computersounds gearbeitet. Jetzt gibt es wieder überall Bläser im Pop – ob bei Beyoncé oder Jay Z. Wir wissen, woher es kommt. Wir machen diese Musik schon seit sieben Jahren. Wir haben in den U-Bahnen von Chicago angefangen. Jetzt sind wir in Berlin."

In einem angesagten Club im Prenzlauer Berg.

Zuschauer:
Mann: "Bläserkapellen aus Deutschland ist was anderes. Etwas mehr Soul als deutsche Blaskapellen."
Frau: "Auf jeden Fall hasse ich Blasmusik und diese Blasmusik war fantastisch, hörte sich irgendwie gar nicht nach Trompeten an. Es war eigentlich sehr rhythmisch. Sehr gut."

Die Hypnotic-Brüder teilen sich zwei Zimmer in einem Berliner Hotel. Aber zusammen zu rücken ist für sie kein ungewohntes Konzept: Denn insgesamt gibt es 22 Geschwister.

"”1992 war der Höhepunkt – meine Schwester war noch mit ihren Kindern eingezogen – da wohnten so zwischen 17 und 24 von uns zusammen, in einem dreistöckigen Haus auf der South Side in Chicago.""

Die Nachbarn machten sich damals gerne lustig. Waisenhaus nannten sie das Domizil der Riesenfamilie.

"Wenn du uns anguckst, wir sehen alle unterschiedlich aus. Ich bin der dunkelste. Tycho hier ist der hellste. Wir sind alle ungefähr gleich alt und kamen morgens immer aus dem selben Haus. Was hätte man es sonst nennen soll als ein Waisenhaus? Das hat uns eine Menge Schlägereien eingebracht. Wir haben früh gelernt, zu kämpfen."

Die Kinder haben drei verschiedene Mütter, aber einen Vater: Kelan Phil Cohran. Jazzmusiker und 79 Jahre alt.

Auch der Vater war schon Blasmusiker. In den späten 50er Jahren spielte er Trompete beim Sun Ra Akestra und wurde zu einer zentralen Figur in der Chicagoer Jazzszene. Auch er hat schon Musikstile gemischt, in seinem Fall afrikanische Roots-Musik mit Funk und Soul. Cohran ist ein kluger, rebellischer Geist, der zu Hause ein straffes Musikprogramm für seine Kinder organisierte.

"Jeden Morgen haben wir um sechs Uhr geübt, bevor wir zur Schule gegangen sind. Und dann um drei Uhr nachmittags nach der Schule. Während andere Kinder draußen Basketball oder Football gespielt haben, haben wir drinnen geübt. Jahr ein Jahr aus. Irgendwann haben wir rebelliert. Einige haben aufgehört zu spielen."

Drei sind aufs College gegangen, andere gründeten eine Rapgruppe. Die drei jüngsten Söhne allerdings machten weiter. Nachmittags, nach der Schule, spielten sie in der Innenstadt Chicagos. Und als jeder von ihnen regelmäßig mit 50 bis 100 Dollar nach Hause kam, wurden die älteren Brüder aufmerksam. Die Band wuchs. Und begann, eigene Songs zu schreiben.

Die Straße hat sie in den vergangenen sieben Jahren so bekannt gemacht, dass auch die Großen im Musikgeschäft sie jetzt schon in die Studios holen. Rapper 50 Cent engagierte die Brüder als Backgroundkapelle, und der Chefingenieur von R&B-Star R Kelly produzierte das neue Album des Brass Ensembles. Eine Band mit hypnotischen Wirkung. Auf die Jugend und die Popmusik.

""Wenn du uns anschaust: Wir sind jung und sehen gut aus, wie die durchschnittlichen schwarzen Männer aus dem Ghetto. Früher war es unter Jugendlichen nicht sonderlich angesagt, ein Blasinstrument zu spielen. Aber durch uns ist Blasmusik cool geworden.”"

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