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Interview | Beitrag vom 07.07.2017

Dolmetschen beim G20-Gipfel Ohren spitzen und Zwischentöne herausfiltern

Karin Walker im Gespräch mit Dieter Kassel

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird am Flughafen von Abu Dhabi von Kronprinz Mohammed bin Zayed Al Nahyan empfangen. (dpa-Bildfunk / Kay Nietfeld)
Bei den Begegnungen zwischen Staatsoberhäupten spielen die Dolmetscher eine zentrale Rolle für die Verständigung, wie hier bei einem Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem Kronprinzen Mohammed bin Zayed Al Nahyan in Abu Dhabi. (dpa-Bildfunk / Kay Nietfeld)

Der G20-Gipfel in Hamburg bedeutet auch eine besondere Herausforderung für ein Heer von Dolmetschern aus den vielen, verschiedenen Sprachen. Karin Walker, stellvertretende Vorsitzende des Verbandes der Konferenzdolmetscher, gibt Einblick in ihre Trickkiste.

"Je kryptischer sich ein Redner ausdrückt, umso schwieriger ist es auch, für den Dolmetscher nachzuspüren, was war eigentlich gemeint", sagte Karin Walker, stellvertretende Vorsitzende des Vereins der Konferenzdolmetscher, im Deutschlandfunk Kultur. Ihr Berufsstand stehe jedes Mal vor der Herausforderung, die Bedeutung dieser Worte zu erfassen und nicht nur die Worte in einer anderen Sprache wiederzugeben. "Wir hören ganz viel zwischen den Zeilen, man muss die Ohren spitzen, Zwischentöne herausfiltern." Dafür müsse der Dolmetscher die Emotionen, die Stimmlage und die Sprachmelodie erfassen. Wenn es einen guten Sichtkontakt gebe, spielten auch Mimik und Gestik durchaus eine Rolle. Die Übersetzung von Witzen oder Zitaten deutscher Dichter gehören laut Walker zu den Alpträumen mancher Dolmetscher. 

Trump übersetzen

Wenn jemand bekannt sei  als jemand, der sich nicht gerne klar ausdrücke, dann sei die Übersetzung deutlich schwerer. Als Beispiel nannte Walker den US-Präsidenten Donald Trump, der über die Deutschen sagte, sie seien "bad". Das sei in den Medien überall als "böse" übersetzt worden und anschließend habe es eine Debatte über die korrekte Übersetzung gegeben. "Aber in dem Moment muss man sich ja für irgendein Adjektiv entscheiden", sagte Walker. Sie hätte sich vermutlich genauso entschieden. Der Dolmetscher habe mit seiner ersten Assoziation alles richtig gemacht.

Standardsprüche als Notlösung

Wenn etwas überhaupt nicht verstanden wird, weicht der erfahrene Dolmetscher in Verallgemeinerungen aus, verrät Walker. "Es wird einem auch in der Ausbildung beigebracht dieser Instinkt, zu sagen, ich gehe jetzt nicht aufs Glatteis, das ist mir zu heikel." Manchmal helfe auch der Blick zum Kollegen. "Wenn der Kollege genauso ratlos guckt, dann weiß man, es liegt nicht an mir. Da ist jetzt wirklich eine Verarbeitungslücke."  Da entscheide man sich lieber für etwas unverbindliches, aus dem einem niemand einen Strick drehen könne. "Das ist eine absolute Notlösung, sollte nicht zu oft passieren, aber manchmal muss man sich dieser Notstrategien bedienen." Nichts zu sagen, sei auch keine Lösung. "Diese berühmte heiße Luft, die man von Politikern oft hört, viel gesprochen und nichts gesagt, da haben wir so ein paar Standardsprüche, die kann man dann  schon bringen", sagte Walker. So lasse sich eine Lücke auch mal elegant überbrücken.


Das Interview im Wortlaut:

Dieter Kassel: Es ist gar nicht so einfach nachzuzählen, wie viele Sprachen beim G20-Gipfel in Hamburg nun eigentlich gesprochen werden. Es nehmen 19 Staats- und Regierungschefs mit 13 verschiedenen Muttersprachen teil, dazu kommen dann aber – deshalb G20, das ist Zwanzigste – die Vertreter der Europäischen Union, und dann gibt es noch Vertreter von Staaten ohne Stimmrecht sowie Vertreter von Nichtregierungsorganisationen aus aller Welt. Hamburg ist also definitiv auch ein Übersetzergipfel, und deshalb begrüße ich jetzt Karin Walker. Sie ist die stellvertretende Vorsitzende des Verbands der Konferenzdolmetscher und selbst als Dolmetscherin immer wieder aktiv, unter anderem für diverse europäische Organisationen und zuletzt auch beim G20-Außenministertreffen. Schönen guten Morgen, Frau Walker!

Karin Walker: Guten Morgen!

Kassel: Ich persönlich mache mir, ehrlich gesagt, manchmal Sorgen darüber, dass der dritte Weltkrieg irgendwann ausbricht, weil ein Dolmetscher in der Hast irgendeinen Politiker falsch übersetzt hat. Ist man eigentlich, wenn man auf solchen Konferenzen übersetzt, auch nervös, weil man genau davor Angst hat, vor möglichen Missverständnissen?

Walker: Nein. Nein, also nervös vielleicht nicht. Gleich eigentlich, wenn es los geht, springen die alten, eingefahrenen Instinkte an, würde ich sagen, und dann ist das eine Tätigkeit wie an jedem anderen Tag, erhöht vielleicht noch dadurch, dass die Umgebung sehr formalisiert ist, dass man einfach im Hinterkopf behält, hier ist die ganz große Politik direkt im Raum nebenan. Man wählt vielleicht seine Worte noch mal ein ganz klein bisschen vorsichtiger aus, aber im Großen und Ganzen ist das die Tätigkeit, die wir an jedem anderen Tag, zu jeder anderen Gelegenheit auch ausführen.

Kassel: Aber bei einer solchen Veranstaltung oder bei jeder anderen Gelegenheit, wie schwierig ist es denn eigentlich, nicht nur die Worte zu übersetzen – das sollte für einen Profi ja kein Problem sein –, sondern auch das mit zu übersetzen, was quasi zwischen den Zeilen transportiert wird vom Redner?

Walker: Also je kryptischer sich ein Redner ausdrückt desto schwieriger ist es auch für den Dolmetscher nachzuspüren, was war eigentlich gemeint, was habe ich gehört versus was war eigentlich gemeint. Das ist eigentlich die Zusammenfassung der ganz täglichen Herausforderungen, die wir haben: Was ist die Bedeutung dieser Worte und nicht unbedingt was sind die Worte an sich, also insofern: wir hören ganz viel zwischen den Zeilen, man muss die Ohren spitzen, Zwischentöne herausfiltern.

Das macht man, indem man auf die Emotionen hört, die Stimmlage, die Sprachmelodie des Redners. Sofern man einen guten Sichtkontakt hat, nimmt man die Mimik mit, die Gestik mit. Das sind alles Faktoren, die außer dem gesprochenen Wort noch eine ganz große Rolle spielen, und aus dieser Mischung bauen wir dann etwas Schlüssiges.

Alpträume schlechthin

Kassel: Wie schwierig wird es denn mit Humor, wenn einer glaubt, er müsste in die Rede noch so ein Witzchen einbauen?

Walker: Das ist tatsächlich, zusammen mit den berühmten Zitaten der deutschen Dichter, der Alptraum schlechthin. Manchmal sind es kleine Witzchen, die sind relativ gut und schnell und leicht zu dolmetschen. Das Ziel bleibt eigentlich immer, das Publikum soll lachen, und dann kann man auch mal ein bisschen kreativer werden, wenn das dazu führt, dass im Publikum ein Lächeln auf dem Gesicht erscheint. Dann haben wir unsere Sache richtig gemacht.

Kassel: Würden Sie aus Ihrer Erfahrung sagen, wenn eine Konferenz nur aus Teilnehmern aus Europa besteht, ist das Ganze noch ein bisschen einfacher, als wenn es wirklich eine weltweite Konferenz ist, weil doch die Mischung der Kulturen auch das Übersetzen erschwert?

Walker: Das Zielpublikum, die Zusammensetzung des Zielpublikums, also unserer Zuhörer, ist dabei nicht wirklich von Belang. Wenn der Redner mit Sprachbildern arbeitet, die in seinem eigenen Kulturkreis verhaftet sind, dann müssen wir die teilweise auch mitnehmen. Wir können eigentlich nicht so sehr neutralisieren, dass alle immer alles verstehen. Das ist auch ein bisschen die Vorarbeit des Redners. Manchmal wollen die das nicht, manchmal haben die auch nicht daran gedacht, dass sie einem internationalen, interkulturellen Publikum gegenüberstehen.

Also wir tun da unser Bestes. Wir vermeiden zum Beispiel, wenn wir wissen, den englischen Kanal hören alle möglichen Nationen zu – das passiert häufig, dass Englisch quasi als Alibisprache für alle benutzt wird –, dass wir kulturelle Referenzen, die vielleicht ganz klar den USA zuzuordnen sind oder Großbritannien oder Australien, die vermeiden wir dann vielleicht. Also irgendwelche Idiome, die man vielleicht in dem einen Sprachraum versteht, aber nicht in dem anderen. Das ist dann die Neutralisierungsarbeit, die wir leisten. Wir versuchen das ein bisschen zu glätten, aber das ist nicht immer möglich.

Kassel: Laien stellen sich ja immer vor, dass Fachausdrücke, komplizierte wissenschaftliche Vorträge besonders schwer zu übersetzen sind. Kollegen von Ihnen haben mir immer wieder erzählt, na, das stimmt nicht unbedingt. Gerade mit guter Vorbereitung ist das nicht so der Hammer, sondern oft sind es ganz einfache Kleinigkeiten, die eben in einem Land eindeutig sind und in einer anderen Sprache vielleicht so nicht existieren.

Ich nehme mal ein Beispiel: Sie haben auch mit vielen Kollegen zu tun, die in außereuropäische Sprachen übersetzen. Wenn Donald Trump – und der drückt sich ja sehr einfach und konkret und twittermäßig aus –, wenn der einfach nur so einen Satz sagt wie, "He’s a great guy", ist das – soweit Sie das von Kollegen wissen – ohne Weiteres ins Chinesische, Koreanische und Arabische so zu übersetzen?

Die erste Assoziation

Walker: Ich glaube, man muss bei solchen Aussagen immer auch den Kontext beachten, und dann schwingt natürlich bei dem Dolmetscher im Hinterkopf immer mit, was weiß ich über diesen Menschen. Drückt der sich grundsätzlich klar aus oder eben nicht, und wenn er bekannt ist als jemand, der sich nicht gerne klar ausdrückt – und das ist bei Trump natürlich der Fall –, dann ist es noch mal deutlich schwieriger. Er hat ja auch mal über die Deutschen gesagt, "they’re bad". Ich weiß nicht mehr ganz genau, um was es ging. Ich glaube, es war der Import von Autos.

Kassel: Ja, das waren diese Importüberschüsse.

Walker: Also das wurde überall in den Medien wiedergegeben als "böse", die "bösen Deutschen", und daraufhin debattierten tagelang die Medien, ist das denn wirklich das, was er gesagt hat, aber in dem Moment muss man sich ja für irgendein Adjektiv entscheiden. Ich glaube, ich hätte in dem Moment genauso entschieden und dann einfach mal gesehen, was meint er denn, was kommt danach, nachdem er das gesagt hat. Also ich glaube, der Dolmetscher in dem Fall hatte überhaupt keine andere Wahl. Das war in dem Moment die richtige Entscheidung, das so auszudrücken. Ja, bad, böse – natürlich, das ist die erste Assoziation.

Kassel: Wir werden, glaube ich, nie erfahren, was er wirklich gemeint hat.

Walker: Wir werden es nie erfahren!

Kassel: Das ist auch keine Übersetzungsfrage, aber was tut man eigentlich … Ich meine, zum Beispiel bei Englisch haben Sie ja öfter auch die Situation, dass derjenige, der spricht, kein Muttersprachler ist. Das kommt ja sicherlich auch vor.

Walker: Das kommt sehr oft vor.

Nicht auf Glatteis gehen

Kassel: In so einem Fall oder bei jemandem, der einen sehr extremen Akzent aus irgendeiner englischsprachigen Region hat, und vielleicht ist auch der Kopf … Ich erfinde gerade Ausreden. Ich sage es mal ein bisschen direkter: Sie haben wirklich etwas nicht verstanden. Was tun Sie denn dann eigentlich?

Walker: Man verallgemeinert. Das wird einem auch in der Ausbildung beigebracht, dieser Instinkt, zu sagen, ich gehe jetzt nicht aufs Glatteis, das ist mir zu heikel. Ein Blick zum Kollegen hilft: Wenn der Kollege genauso ratlos guckt, dann weiß man, okay, es liegt nicht an mir. Da ist jetzt wirklich eine Verarbeitungslücke da, die können wir nicht schließen. Man verallgemeinert. Man sagt etwas Unverbindliches, sage ich mal, etwas, woraus einem hinterher nicht mehr ein Strick gedreht werden kann. Das kann man schon machen. Das ist eine absolute Notlösung, sollte nicht zu oft passieren, aber manchmal muss man sich diesen Notstrategien bedienen, denn gar nichts zu sagen ist auch keine Lösung.

Kassel: Das, was Sie gerade gesagt haben, gilt, glaube ich, beides auch für Politiker. Wenn man nichts versteht, verallgemeinert man, und gar nichts zu sagen ist auch keine Lösung.

Walker: Genau. Also diese berühmte heiße Luft, die man von Politikern oft hört – viel gesprochen, nichts gesagt –, da haben wir so ein paar Standardsprüche, die kann man dann schon bringen, die passen in dem Moment genauso. Man könnte sie auf alles Mögliche ummünzen, aber man hat zumindest diese Lücke intelligent und elegant überbrückt.

Kassel: Ich bin mir ganz sicher, jeder Dolmetscher der Welt kennt in jeder Sprache, die er kann, den Satz, das ist eine sehr interessante Frage, –

Walker: Ganz genau so ist es.

Kassel: aber lassen Sie mich zunächst auf etwas anderes eingehen.

Walker: Ja, da gibt es Dolmetscher-Äquivalenzen. Ganz genau!

Kassel: Das ist jetzt die Stelle, wo ich gerne noch ein Stündchen mit Ihnen, aber das geht leider nicht! Karin Walker war das. Sie ist die stellvertretende Vorsitzende des Verbands der Konferenzdolmetscher und selber auch Dolmetscherin, und mit ihr haben wir über das gesprochen, was man so macht auf riesigen internationalen Treffen wie dem G20-Treffen in Hamburg. Frau Walker, ich danke Ihnen sehr und wünsche Ihnen einen schönen vielsprachigen Tag!

Walker: Sehr gerne, gleichfalls!

Kassel: Tschüss!

Walker: Tschüss!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

    

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