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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.02.2008

Dokumente eines optimistischen Zukunftsglaubens

Brüsseler Architekturmuseum zeigt Ausstellung über Expo 1958

Von Sven-Claude Bettinger

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Das Atomium in Brüssel. (AP)
Das Atomium in Brüssel. (AP)

1958 erschien die Zukunft in Brüssel noch strahlend: Auf der ersten Weltausstellung nach dem II. Weltkrieg versammelten sich die Besucher unter dem Atomium und bestaunten die Produkte, die einen leuchtenden Fortschritt versprachen. Das Brüsseler Architekturmuseum zeigt nun Pläne, Modelle und Fotos der architektonisch wichtigsten Pavillons der Brüsseler Weltausstellung von 1958 sowie typische Möbel und Designgegenstände.

Eine lange Folge von Dias vermittelt im großen Saal des Brüsseler Architekturmuseums die Stimmung auf der Weltausstellung 1958: Besuchermassen aus vielen Ländern drängeln sich unter dem Atomium, dem glänzenden, stählernen Symbol der Ausstellung, und zwischen den Pavillons. Sie staunen und freuen sich ganz offensichtlich über den grenzenlosen Fortschritt, den sie entdecken. Diese Stimmung, sagt Museumsdirektor Professor Maurice Culot, ist verständlich:

"Die Menschen haben die schwierigen dreißiger Jahre hinter sich, die Schrecken des Zweiten Weltkriegs, den harten Wiederaufbau. Da entdecken sie 1958 glänzende Zukunftsperspektiven. Die Weltausstellung zeigt sie in leuchtenden Farben, mit aufregenden Formen, die mit den Grautönen und der Strenge der dreißiger Jahre brechen."

Die teilnehmenden Länder zeigen sich von ihrer Schokoladenseite. Die Sowjetunion ist stolz auf den Sputnik, den sie ein Jahr zuvor ins All geschickt hat; Venezuela freut sich über die gerade entdeckten Erdölfelder; die Vereinigten Staaten führen ihren lockeren "way of life" vor. Daneben stellen ganze Industriezweige die neuesten Errungenschafen von Bauwirtschaft, Kernkraft oder Luftfahrt vor, einzelne Firmen machen Reisen, Hobbys, Genuss schmackhaft. Konsum soll allen Glück bringen.

Die Architektur der Pavillons spiegelt die Atmosphäre perfekt wider: Schirm- oder Zeltkonstruktionen vermitteln Leichtigkeit; Spiralen und nach oben geschwungene Dächer weisen übermütig in den Himmel. Verschwenderische Glaspartien lassen Licht ins Innere und funkeln nachts im Schein von Millionen Glühlampen. Im Rückblick sagt Maurice Culot allerdings:

"Der wahrscheinlich wichtigste Pavillon war unscheinbar. Das war der Pavillon der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, die am Beginn der europäischen Einigung stand. Die Themen in diesem Pavillon sind bezeichnenderweise die Wirtschaft, der Freihandel, die Freizügigkeit, also die Überwindung der Grenzen. Das brachte die Sehnsüchte der Besucher zum Ausdruck."

Das Heile-Welt-Gefühl von 1958 währte nicht lange. Nur zwei Jahre später erkämpften sich die meisten afrikanischen Kolonien ihre Unabhängigkeit; 1961 schottete sich der "Ostblock" mit der Berliner Mauer und dem Eisernen Vorhang ab. Doch die Architektur belegt bis heute die ursprüngliche Aufbruchsstimmung: Die Flughäfen und Stadtautobahnen von damals gibt es noch immer, lichtdurchflutete Bürohochhäuser und Appartementgebäude haben sich durchgesetzt, das moderne Eigenheim im Grünen ist Traum vieler Familien. Fernseher und Computer, die 1958 noch in den Kinderschuhen steckten, haben inzwischen die Welt vernetzt. Für Nierentische oder Drahtgestellsessel zahlen Liebhaber heute stolze Preise. Dennoch bleibt am Ende der Brüsseler Ausstellung ein unbehagliches Gefühl:

"Erst heute, 50 Jahre später, sind wir uns bewusst, dass wir den Traum mit der Wirklichkeit verwechselt haben. Eine Gesellschaft kann nicht straflos Ressourcen verschwenden und so tun, als sei sie keine Rechenschaft schuldig. Das macht den Rückblick so spannend. Denn diese Epoche strahlt auch einen Optimismus aus, der uns heute eher fehlt."

Einen Optimismus ganz anderer Art vermittelt Brüssels Haus der Kunst. Eine große Schau wirft ein neues Licht auf Belgiens wallonischen Landesteil. Das Land von Kohle und Stahl, das nur mühsam die Strukturkrise überwindet, war einst eine offene und kreative Kulturlandschaft. Nur sind die Meisterwerke aus Walloniens Abteien, Burgen, Kathedralen und Museen heute recht unbekannt. Das ändert sich dank dieser Ausstellung, die sich auf die Glanzzeit zwischen dem 12. und dem 16. Jahrhundert konzentriert.

Zunächst verblüffen die Holzschnitzereien und die Silberschmiedearbeiten der maasländischen Schule des Hochmittelalters. Kurator Laurent Busine hebt ihre starke Identität hervor:

"Ihre Menschlichkeit rührt mich zutiefst. Da stellt ein Bildhauer Gott wie seinen Nachbarn dar, mit dem Kopf und den Händen eines gewöhnlichen Menschen, mit dem zusammen man ein Bier trinkt. Gott ist hier nicht abstrakt und zeitlos, sondern wie ein Mitmensch. Das ist rührend und sogar irgendwie beunruhigend."

Einen Höhepunkt bildet der große Schrein des Hl. Eleutherius aus der Kathedrale von Tournai, den ein anonymer Silberschmied geschaffen hat. Gott Vater und Jesus Christus, die Apostel und andere Heilige, zahllose Engel stehen völlig frei vor dem reichverzierten, gotischen Gehäuse. Dadurch fallen ihre individuellen Antlitze, Gesten, Gewänder umso stärker auf.

Ebenso realistisch gestaltete Hugo von Oignies 1250 ein Reliquiar in Form einer lebensgroßen Taube, die kess guckt und beinahe hörbar gurrt. Diese Werke greifen auf die Antike zurück und nehmen die Renaissance vorweg und sind dadurch in der Kunstgeschichte einzigartig.

Nicht zufällig hängt in der Ausstellung neben dem Heiligenschrein die "Madonna mit dem Schleier" von Jan Gossart aus dem Jahr 1520, eine nette Dame mit einem arg aufmüpfigen Kind an der Balustrade eines Palastes. Den Hintergrund bildet eine weite, pastorale Landschaft. Auf der gegenüberliegenden Wand: Joachim Patinirs "Flucht nach Ägypten". Die wilden Felsen und ein Weiler an der heimatlichen Maas beherrschen das Bild, ein Mann und eine Frau, die neben einem Pferd bergaufwärts gehen, sind winzig. 1516, betont Laurent Busine, ist das revolutionär:

"Zum ersten Mal in der Kunstgeschichte malt Patinir eigentlich eine reine Landschaft. Das ist zu dem Zeitpunkt allerdings so noch nicht denkbar, das Genre Landschaftsmalerei ist noch nicht akzeptiert. Deshalb fügt er diese völlig nebensächlichen, gewöhnlichen Figuren hinzu und nennt das Ganze 'Die Flucht nach Ägypten'. Man spürt, dass Patinier nur einen Millimeter davon entfernt ist, sich über die Konventionen seiner Zeit hinwegzusetzen."

Manch aufregendes Werk hat der Kurator an einem geradezu geheimen Aufbewahrungsort entdeckt, etwa die realistische Marmorplastik eines weitgehend verwesten Männerkörpers des Renaissancemeisters Jacques du Broeucq in einer Grabkapelle in Boussu bei Mons. Andere Meisterwerke stammen aus renommierten Museen. Aus Berlin und Florenz, New York oder Paris ist das Feinste vom Feinen nach Brüssel geschickt worden. Dadurch vermittelt diese Ausstellung nicht nur neue Erkenntnisse. Sie ist vor allem auch ein Fest fürs Auge.

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